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"Wenn man nicht blind sein möchte, sollte man lernen zu sehen"Ein Interview mit Künzig Shamar RinpocheDhagpo Kagyü Ling, Frankreich, 22. Juli 1996 KKÖ-Info: Was ist Ihrer Meinung nach für Dharma-Praktizierende im Westen wichtig? Möchte jemand aber wirklich ins Detail gehen und Buddhismus in einer umfassenderen Weise praktizieren, dann sollte sich diese Person mit dem Buddhismus sehr genau vertraut machen. Nachdem man wirklich gründlich gelernt und sich mit den Lehren Buddhas auseinandergesetzt hat, geht es darum, das angesammelte Wissen in Meditation umsetzen und damit zur eigenen Erfahrung zu machen. Buddhismus ist ein großes Gebiet, buddhistisches Wissen ist wirklich reich - es ist nicht einfach eine Glaubensreligion - und daher wird dieser intensivere Weg auch viel Zeit erfordern. Viele haben ja nicht die Möglichkeiten für ein intensives Studium oder ein längeres Retreat. Wie kann man in Verbindung mit dem normalen Alltagsleben bestmöglich lernen und praktizieren? Zuerst sollte man aber darauf achten, den Dharma so gründlich wie möglich zu lernen, um auf dieser Grundlage meditieren zu können. Geht man so vor, wird man gerade im Westen, wo man im Alter sozial abgesichert ist, später intensiv praktizieren können, denn dann hat man sich die Basis rechtzeitig geschaffen. Um Wissen zu erlangen braucht man Lehrer, in die man Vertrauen setzen kann. Wie entsteht dieses Vertrauen? Ein Blinder zum Beispiel bedarf eines Führers. Er braucht völliges Vertrauen in jemanden, der ihn führt. Wenn man gerne blind sein möchte, dann bedarf man tatsächlich eines Führers. Wenn man aber nicht blind sein möchte, dann sollte man lernen, zu sehen. Öffnet man dann die Augen, kann man sich in der Art und Weise, wie man sieht, wie man geht, usw. selbst vertrauen. Einen Lehrer zu brauchen, bedeutet nicht, sich an ihn zu hängen wie ein Blinder an seinen Begleiter. Was meinen Sie mit diesem Vergleich genau? Im Buddhismus ist ein gesunder Menschenverstand wichtig. In Tibet gab es dafür ein Sprichwort: "Wer ein erstklassiger Geschäftsmann ist, wird, wenn er sich dem Dharma zuwendet, auch ein erstklassiger Praktizierender sein". Weil er als Geschäftsmann genau diese Art von praktischem Verstand und klarem Denken entwickelt hat, die für buddhistische Praxis notwendig sind. Wie sollte man einem Lehrer folgen? Wie kann man beurteilen, in welchem Ausmaß ein Lehrer Qualitäten hat? Dharma-Praktizierende benötigen wirklich qualifizierte Lehrer, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Das müssen nicht notwendigerweise Mönche sein, sondern können durchaus auch Laienpraktizierende sein, die viel gelernt haben. Um Fehler zu vermeiden, sollte man, wenn man Buddhismus lernt, besser der Lehre folgen, als dem Lehrer. Man sollte selbst genügend Wissen haben, um auch dann richtig zu handeln, wenn man auf einen Lehrer trifft, der nicht perfekt ist. Es kann sein, daß man dann als Schüler der Lehre besser folgt, als der Lehrer selbst, der zwar die Inhalte korrekt vermittelt, sich aber nicht nach ihnen richtet. Ein Lehrer, in den man Vertrauen hat, sollte wirklich Qualitäten haben. Vor allem sollte er großes Wissen und viel Mitgefühl haben. Im Vajrayana sollte der Lehrer eigentlich erleuchtet sein. Natürlich kann Vertrauen in einen Lehrer mit solchen Qualitäten entstehen, aber es ist sehr wichtig, auch selbst gründlich zu lernen. Kann man einen Lehrer selbst überprüfen? Welche Verbindung besteht zwischen Mahayana, dem großen Fahrzeug und Vajrayana, dem Diamantweg? Die Mahayana-Grundlage, auf der die Vajrayana-Methodik basiert, läßt sich durch ein paar ganz einfache Beispiele aufzeigen: Meditiert man im Vajrayana zum Beispiel auf Buddha-Aspekte, entstehen diese in der Visualisation aus Mitgefühl und Leerheit, die voneinander untrennbar sind. Leerheit ist kein schwarzes Loch und Mitgefühl bedeutet hier nicht unser normales emotionales Mitfühlen. Was also bedeutet Leerheit, was bedeutet Mitgefühl hier? Beide Begriffe sind im Mahayana genau definiert und erklärt. Man benötigt also die Grundlage des Mahayana, um die Methodik des Vajrayana zu begreifen und richtig anwenden zu können. Angenommen, es erscheint dann der Buchstabe HRI, der die wahre Natur des Geistes symbolisiert, dann müssen die Qualitäten dieses Geistes durch das Mahayana beschrieben werden. So lassen sich noch viele weitere Beispiele aufzeigen, aus denen ersichtlich wird, daß das Mahayana und Vajrayana untrennbar voneinander sind. Heißt das, daß es keinen Vajrayana ohne der Grundlage des Mahayana gibt? |
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