Aus: Buddhismus Heute Nr. 20, ( 1996)

Das "Bewußte Sterben"

Eine Erklärung zur Praxis des Phowa von Lama Ole Nydahl

In einer Zeit, in der die ganze Welt äußerlich die Lebensweise der Nordeuropäer nachzuahmen versucht, nähert sich der Westen gleichzeitig auf innerer Ebene den östlichen Weisheiten. Viele, die im reinen Denken oder in den althergekommenen Glaubensangeboten wenig Befriedigung finden, suchen verstärkt Wege, die ihre Ganzheit ansprechen und denen man auch vertrauen kann. Ein Beispiel ist das inzwischen bekannte Phowa (die Übung des "Bewußten Sterbens"). Hier lernt man, zum Zeitpunkt des Todes in einen überpersönlichen Zustand höchster Freude überzugehen, aus dem es kein Herausfallen mehr gibt und somit jede ungewollte Wiedergeburt wegfällt.

Auf dem ganzen Gebiet der direkten Erfahrung genießt der Buddhismus übrigens einen immer besseren Ruf. Da er nicht auf charakterlich schwierige Götter baut, Buddhas Lehre dogmenfrei und nur auf menschliche Entwicklung eingestellt ist, wagen sich immer mehr gebildete Menschen in sein Kraftfeld.

Die erste Brücke zum Westen schlug das Theravada, die südliche buddhistische Schule. Schon zwischen den Weltkriegen entstand ein erstes Zentrum dieser Richtung in Berlin. Als Bagger die "Trümmerfrauen" ablösten und das Angebot an Zahnpastamarken bereits unübersichtlich wurde, kam das Zen und seit Mitte der Siebziger Jahre sprießen Gruppen des tibetischen Buddhismus aus der Erde. Zwischen Rhein und Wladiwostok habe ich bis heute mehr als 120 Zentren gegründet, 180 rund um die Welt, und die Offenheit dafür scheint ohne Grenzen zu sein.

Allgemein gibt es im tibetischen Buddhismus zwei Richtungen. Die drei "alten" Linien der Nyingma, Sakya und Kagyü zielen auf Lebensnähe und Erfahrung, während die "neuere" Schule der Gelugpas auf Gelehrtheit und Mönchtum setzt.

Die formlose Ebene

Die drei ersten Übertragungen besitzen die formlosen Mittel des Tschag Tschen und Dzog Tschen, die unmittelbar auf das Wesen des Geistes zeigen. Sie ermöglichen den Übenden eine ganzheitliche Entwicklung. Die vierte Schule, die sich selbst als die "Tugendhaften" bezeichnet, bietet verwirrten Menschen den viel längeren Weg des Uma Tschenpo durch Studium und Debatte.

Da Tschag Tschen (das große Zeichen) und Dzog Tschen (die große Vervollkommnung) alle Ebenen des Menschen erfassen und weitgehend jenseits von Begriffen arbeiten, hier noch ein paar Worte zu ihrer Wirkungsweise. Wertungsfrei setzen sie alle vorhandenen Eigenschaften von Körper, Rede und Geist auf dem Weg zum Ziel ein und formen sie um. In der Sicht des Tschag Tschen befreit vor allem die Freude an dem spielerischen Reichtum der Erscheinungen den Geist, während der Dzog Tschen ihre Rückkehr in den Raum als Selbstbefreiung erfährt. Begierde- bzw. Zornmenschen ansprechend, erfahren beide die äußeren wie inneren Welten als "an sich" rein. Sie sehen Erleber, Erlebnis und Erleben als sich gegenseitig bedingende Teile derselben Ganzheit und das dadurch entstandene vertrauensvolle "Ruhen im Hier und Jetzt" befreit alle innewohnenden Fähigkeiten im Geist. "Einsgerichtet", "Ungekünstelt", "Ein Geschmack" und "Ohne Anstrengung" genannt, führen sie die Übenden zur vollen Erleuchtung.

Die Ebene der Form

Auf der "Ebene der Form" strahlte Buddha die Lichtgestalten aus, die das Bild des tibetischen Buddhismus in der Welt geprägt haben. Häufig - auch von ungebildeten Buddhisten - als "Götter" mißverstanden, stellen diese friedlichen, schützenden, weiblichen oder männlichen Buddhas in ihren einzelnen oder vereinigten Formen überpersönliche Bewußtseinszustände dar. Die Rückkopplungserfahrungen durch das Verwenden ihrer Schwingungen (Mantra) und die Einstellung auf ihre Lichtgestalten ändern sowohl die Erfahrungswelt als auch die Energieströme bei den Meditierenden. Ihre Welt wird überpersönlich und sehr weit.

Sechs Belehrungen Naropas

Die Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus besitzt als Teil des Weges der Form auch Schlüssel für die bewußte Arbeit mit den inneren Kräften im Körper, die das Hauptthema dieses Artikels sind. Es sind Energien, welche Nicht-Yogis nur selten erleben. Die Übungen, die sie erschließen, heißen Tummo (Innere Hitze), Traum-Meditation, Klares Licht, Zwischenzustand (zwischen Tod und Wiedergeburt), Illusionskörper und Phowa (Bewußtes Sterben). Bekannt als die "Sechs Belehrungen Naropas", brachte sie vor 1000 Jahren der Held Marpa nach Tibet. Die Übungen sind auf der Welt einmalig und verursachen sehr kraftvolle Bewußtseinsveränderungen bei ihren Anwendern.

Das Phowa

Zwischen 1987 und 1996 hatte ich die riesige Freude, 19.000 Menschen rund um die Welt eine dieser sechs Übungen, das Phowa, zu lehren. In Neuseeland erschienen einmal bei einem Phowakurs nur ein Dutzend Teilnehmer. In Deutschland, Rußland, Ungarn, Rumänien und Kalmükien (Rußland) nehmen inzwischen 500 bis 1100 Menschen teil, und in Nordamerika, Serbien, Australien, Spanien und Kolumbien kamen in letzter Zeit einige Hundert. Am besten bereiten sich die Teilnehmer durch die Wiederholung des Mantra OM AMI DEWA HRIH vor, wenn möglich 100.000mal. Man stellt sich dabei den roten Buddha des Grenzenlosen Lichtes oberhalb seines Kopfes in seinem Bereich höchster Freude vor. Man hat den Wunsch, sich diesem Buddha zu nähern und schon bei der Vorbereitung spüren viele Menschen, daß sich sein Kraftfeld oberhalb ihrer Köpfe bildet.

Zeichen der Praxis

Während eines verlängerten Wochenendes, am besten für fünf Tage, gebe ich die Grundlagen des Buddhismus sowie die Übertragung (Lung genannt) für das Phowa und erkläre die Meditation. Beim Lung erlebt etwa die Hälfte das erste Ziehen an der Schädeldecke. Man meditiert drei mal drei Stunden am Tag und übt dabei das Herausschleudern des Geistes, bis ein jeder eine deutliche Öffnung durch Schädel, Muskel und Kopfhaut hat. Es entstehen dabei entweder kleine Blutflecke, Risse oder Eiterpickel, die ungefähr acht Fingerbreit hinter der ursprünglichen Haarlinie zu sehen sind. Bei der Berührung dieser Stelle entsteht ein stechender Schmerz, und auch nach dem Kurs erinnert einen mitunter ein Ziehen einiger Haare an den jetzt offenen Weg in die Reinen Buddhabereiche. Hier wird übrigens der Nutzen unseres Ausbildungssystems deutlich: Obwohl vor allem die alten Tibeter wegen ihrer Hingabe sehr kraftvolle Zeichen erhalten, brauchen Westler im Schnitt nur die Hälfte der Zeit für dieses Ergebnis. Die Übertragung scheint also an der richtigen Stelle angekommen zu sein.

Diese Öffnung in der Kopfhaut ist das sogenannte "äußere" Zeichen. Von allen bisherigen Teilnehmern habe ich bei ungefähr einem Dutzend Menschen kein klares Zeichen finden können, das dann aber beim nächsten Kurs entstand. Obwohl solche körperlichen Erscheinungen die Leute sehr beeindrucken, sind die "inneren" und "geheimen" Zeichen bei der Meditation mindestens genauso wichtig.

Die "inneren" Zeichen sind starke, plötzlich auftauchende Gefühle wie riesiges Glück, Erleichterung, das Loslösen starker Erinnerungen oder eine jähe Todesangst, die nach der Verwirklichung des Phowa sehr häufig für immer verschwindet. Das geschieht, weil die gespeicherten Eindrücke in der mittleren Energiebahn durch das wiederholte Hochschicken des Geistes freigesetzt werden. Da das Heraustreten aus dem Körper ein riesiger Sprung ins Unbekannte ist, ist das Vertrauen in den Lehrer und die Mittel des Diamantweges danach um so stärker.

Das "geheime" Merkmal, das durch die Meditation entsteht, sieht oft nur der Lehrer. Es bleibt vorerst den Übenden verborgen, da er genügend äußere wie innere "Filme" verarbeiten muß. Auch ist nicht jeder gewohnt, die Tiefen des eigenen Geistes zu erkunden. Dieser innere Sprung in die Furchtlosigkeit wird nicht, wie vielleicht zu erwarten wäre, in den Augen der Leute sichtbar, sondern zeigt sich um den Mund, wo sich einige Muskeln deutlich entspannen. Oft entdecken die Teilnehmer erst später, daß sie auf wichtigen Gebieten ihre Mitte gefunden haben, daß eine unerschütterliche Sicherheit entstanden ist und sie jetzt einen Reichtum besitzen, den sie nicht wieder verlieren können.

Am letzten Tag geht es um die Mittel zur Lebensverlängerung, die Meditation auf den Buddha des Grenzenlosen Lebens. Und am Ende eines Kurses lehre ich, wie die Teilnehmer jetzt andere sterbende Menschen in das Reine Land bringen können, was vielen eine besondere Freude bereitet.

Phowa-Kurse

Ich habe hier wenig zu der Phowa Übung selbst gesagt, die in ihrer Ganzheit erfahren werden soll. Da die einzelnen Vorgänge von jedem unterschiedlich erlebt werden, schüren Worte nur falsche Erwartungen und engen damit die Erfahrungen ein. Wer ohne vorherige Erklärung bei einem Kurs vorbeischaute, würde viele Menschen in äußerster Konzentration oder entspannter Wonne sitzen sehen, tibetische Gesänge und die scharfen Geräusche des Hochschickens vom Geist hören. Es wirkt alles sehr spannend, aber wer mehr wissen möchte, sollte einfach teilnehmen.

Da dieses Mittel so kostbar ist, gibt es jährlich mehrere Phowa-Kurse rund um die Welt. Es ist wichtig, das erworbene Band zu dem Buddha des Grenzenlosen Lichtes lebendig zu halten, in dessen Kraftfeld man nach dem Tod gehen wird. Ich rate deshalb auch denjenigen, die schon das äußere Zeichen haben, jährlich ihre Erfahrungen wieder aufzufrischen. Das verstärkt auch die Kraft, andere Menschen bei ihrem Tod in die Reinen Länder zu bringen.

 


Über das Phowa geben die Buddhistischen Zentren der Karma-Kagyü-Linie gerne Auskunft.