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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 20, ( 1996)

Rede von Lama Ole Nydahl auf der Internationalen Karma-Kagyü-Konferenz

30. März 1996

Künzig Shamarpa, mein erster Lehrer Lama Lopön Tsechu Rinpoche, alle anderen Rinpoches, Kollegen, Freunde und liebste Hannah, Tomek, Caty und die anderen, die mit mir reisen!

Zuerst einmal: Danke, daß ihr gekommen seid. Es ist eine wichtige Sache, die hier stattfindet. Was die Lage zur Zeit angeht, so gibt es keinen Zweifel, daß wir alle zusammenhalten - und ich bin froh, daß Frankreich jetzt auch hinter unserer vereinten Front steht.

Unsere Unterstützung für Karmapa Thaye Dorje wurde in allen Reden völlig klar, aber ich würde gerne ein paar Dinge zu Vergangenheit und Zukunft erzählen, die euch eine Idee davon geben sollen, warum es sich hier nicht um einen Besitzstreit in einem fernen Land im Himalaya dreht, sondern daß es um bedeutende Werte geht.

Wenn irgend etwas jemals heilig war, so war es Rumtek. Auf dem ganzen Weg zum Kloster hoch begleiteten einen oft zwei schwarze Vögel. Sie warteten gezielt, bis man näher kam und flogen dann weiter der Straße entlang. Viele hatten prophetische Träume und es gab einen Segen und eine Kraft dort, die man nicht in Worte fassen kann.

Man kam herein und sah Seine Heiligkeit den 16. Karmapa, einen Mann, der so laut lachen konnte, daß man ihn noch fünf Häuser weiter hörte. Man sah einen Berg voller Kraft, etwas, das man nie zuvor gesehen hatte. Ich verspreche euch: Wenn er jetzt hier im Saal wäre, würde jeder allmählich gegen die Wände vibriert werden, allein durch seine Kraft. Ich habe niemals jemanden wie ihn erlebt. Ich sah all die großen Rinpoches, all die Heiligkeiten, aber niemals jemanden wie ihn; niemanden mit seinem Segen, niemanden mit seiner Energie.

Wir hätten ihm vom ersten Augenblick an, als wir ihn 1969 trafen, einen Kassettenrecorder umhängen können, denn jedes seiner Worte war wahr; alles traf zu. Er sagte Dinge zu uns, die man damals nicht verstehen konnte. Er sagte zum Beispiel oft: "Werdet niemals wie Akong." Er sagte: "Situpa muß zurückkommen und die Mahamudra-Übertragung erhalten", die er Hannah und mir dreimal gegeben hatte. Er sagte auch Allgemeines, was für die Wesen wichtig ist: "Werdet niemals stolz. Versucht nie, irgend etwas Besonderes zu sein. Arbeitet bescheiden. Arbeitet unter den Leuten." Und mit Nachdruck: "Startet Laienbuddhismus, einen lebenden Buddhismus, den jeder im Westen verstehen kann." Jedes von seinen Worten haben wir versucht auszuführen, und deswegen geht bestimmt auch alles so gut.

Und nun begegnen wir uns hier, und Rumtek ist zerstört. So viele gebrochene Gelübde, daß wir nicht wissen, ob wir die Stelle je wieder gebrauchen können. Falls wir das wollen, müßten erst sehr, sehr viele Reinigungen gemacht werden. Ich meine: Geister bleiben, und Rumtek ist jetzt voller Spuks.

Was aber können wir über die positive Seite sagen - was haben wir alle gelernt? Das Gute war, daß wir alle wachgeschüttelt und zum Denken gezwungen wurden. Nicht nur zum Glauben, sondern zum selbst Stellung Beziehen und selbständig Denken. Dies ist, was geschah, und das war großartig.

Wir alle haben gute Gründe, den Vorsitzenden Mao aus China nicht zu mögen oder gar zu hassen, aber ich weiß eine intelligente Sache, die er gesagt hat: "Wir brauchen alle zehn Jahre eine Revolution, sonst schlafen die Leute ein und werden bürgerlich." Ich denke dasselbe: Auch wir brauchen alle fünf bis zehn Jahre einen Skandal. Wir brauchen es, um wach zu bleiben, um zu vermeiden, daß wir eine Kirche werden und nur rumsitzen und glauben. Wir brauchen es, um im Geist frisch zu bleiben und kraftvoll zu sein in allem, was wir tun.

Jetzt schmerzt es, und die Geschichten der Mönche, die so unmenschlich behandelt wurden, haben uns alle wirklich berührt. Wir wären gerne bei ihnen gewesen und hätten ihnen geholfen. Und ich kann euch sagen: Ich habe ständig zehn Kommandos bereitstehen, um dort einzubrechen und die Schwarze Krone abzuholen. Ich habe das seit langer Zeit. Richtige Männer, keine Muttersöhnchen. Ich wäre natürlich auch selbst dabei gewesen.

Wir wurden also zum Denken gezwungen. Wir wurden aufgerüttelt aus der Haltung des "Nur Glauben", und obwohl es jetzt schmerzt, bin ich mir sicher, daß es in Zukunft gut für uns sein wird. Manchmal muß man ein paar Kilo abspecken. Das kennen wir alle, zumindest im Westen, wo sich das Schönheitsideal weniger der Kugel angleicht als im Osten. In der gleichen Weise müssen auch wir Kagyüs manchmal das überflüssige Gewicht abnehmen. Ich denke, wir haben das jetzt getan. Ich denke auch, daß die Chinesen etwas gelernt haben. Zumindest ist der neue Panchen Lama, den sie einzusetzen versuchen, gut erzogen und intelligent; ganz anders als der Karmapa, den sie uns verkaufen wollten.

Ich meine, daß auch die tibetische Exilregierung etwas gelernt hat. Sie waren sehr schnell dabei, die chinesische Wahl eines Karmapa anzuerkennen - vielleicht, weil sie keinen Karmapa in der freien Welt wünschten, sondern lieber einen in Tibet, der durch die Chinesen an Kraft verliert. Aber als die Chinesen dann auch einen Panchen Lama bestimmten, mochten sie das gar nicht.

Ich denke deswegen, daß einige Leute in Dharamsala jetzt vielleicht ehrlicher sind. Daß sie uns anerkennen und verstehen werden, daß wir gemeinsame Schwierigkeiten haben und daß sie das ganze sektiererische Zeug - andere niederzuhalten - vergessen.

Wir haben ein paar Dinge gelernt, nicht wahr? Wir haben ein paar Kilo Muskeln zugelegt und können jetzt mehr tun. Wir sind klarer und kraftvoller als zuvor. Lang lebe der 17. Karmapa!


Von Lama Ole Nydahl

FUNKTIONEN

 

SCHLAGWORTE

Kagyü-Konferenz, Lama Ole Nydahl

 

PROBEABO MIT 3 AUSGABEN