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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 20, ( 1996)

Auszüge der Rede von Topga Yulgyal Rinpoche auf der Internationalen Karma-Kagyü-Konferenz

30. März 1996

Gestern haben der Ritualmeister, der Disziplinarmeister, der Abt und einige jüngere Absolventen des Nalanda-Institutes in Rumtek von den großen Schwierigkeiten berichtet, die sie dort ertragen mußten. Da ich auch selbst betroffen war, möchte ich ein paar Worte über meine eigenen Gefühle dazu sagen. Als die Mönche Rumteks versuchten, in ihr Kloster zurückzukehren - ich war auch dabei - gingen sie hinauf zum Hauptgebäude, dem eigentlichen Klosterkomplex. Dort wurde ihnen der Eintritt in ihr eigenes Heim verweigert. Da ihr friedlicher Rückkehrversuch mit Aggression beantwortet worden war, begannen sie dort einen Hungerstreik. Ich möchte hier nicht weiter auf die Details eingehen, da sie vermutlich bekannt sind.

Keiner nahm gern an diesem Hungerstreik teil, denn so ein Hungerstreik ist eine sehr große Strapaze, sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht; man wird traurig und deprimiert. Aber die Umstände waren zu widrig; es gab keine andere Möglichkeit, in das Kloster zurückkehren zu können. Wir konnten nichts anderes tun, als in einen Hungerstreik zu treten.

Während des Streiks magerten die teilnehmenden Mönche ab, viele von ihnen wurden traurig und niedergeschlagen. Da sie weder aßen noch tranken, trocknete der Mund aus, trotzdem liefen vielen von ihnen immer wieder die Tränen herunter. Dies mitansehen zu müssen, war für mich unerträglich.

Obendrein erklärte Gyaltsab Rinpoche, daß die Leute, die an dem Hungerstreik teilnahmen, „Samaya-Brecher" seien, das heißt ihre Gelübde gegenüber ihrem Lama und dem Dharma gebrochen hätten. Aufgrund dieser unerträglichen Situation wurde ich selbst sehr niedergeschlagen, deshalb schrieb ich Gyaltsab Rinpoche einen Brief, der hier als Kopie erhältlich ist. Dies ist der Hintergrund dieses Briefes. Ich wollte Gyaltsab Rinpoche damit keinesfalls beleidigen, sondern schrieb ihn aufgrund der Belastung dieser gesamten Situation [...]

Situ Rinpoche

Mehrere Teilnehmer haben folgende Fragen an uns gestellt: Wie kann es sein, daß Situ Rinpoche, der als Ausstrahlung von Buddha Maitreya gilt und deswegen ein Bodhisattva sein müßte, der auf der 10. Bodhisattva-Stufe ist, ein derartiges Dokument fälschen kann? [...]

Ich fühle mich nicht wirklich dazu in der Lage, dies zu beantworten. Jemand, der diese Art von Fragen beantwortet, sollte ein Person sein, die durch die Pfade und Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung gegangen ist; es ist ein sehr umfangreiches Thema und ihr solltet daher lieber Künzig Shamar Rinpoche, Khenpo Chödrag Rinpoche und andere dazu befragen. Wirklich gute Antworten können hier - bei der kurzen Zeit, die zur Verfügung steht - leider nicht gegeben werden.

Ich möchte nur ein paar allgemeine Worte dazu sagen, und zwar einfach auf Grundlage von einem gesundem Menschenverstand: Die Reinkarnationen Karmapas waren immer Menschen. Jeder, der als Mensch geboren wird, muß eine gewisse Ausbildung durchlaufen, die mit dem Alphabet usw. beginnt. Obwohl Karmapa ein Bodhisattva auf der zehnten Bodhisattva-Stufe ist, scheint es nicht so zu sein, daß er vom Tag seiner Geburt an fähig ist, zu fliegen. Es scheint also, daß jeder Mensch, auch einer auf dieser hohen Ebene, zuerst studieren, die beiden Ansammlungen vervollkommen und Meditation praktizieren muß, um dann fähig zu sein, die wahre Natur der Wirklichkeit zu erkennen, die letztendliche Essenz des Dharma. Dies scheint ohne Studium und Meditation nicht möglich zu sein.

Man braucht sich nicht mit den Einzelheiten von Situ Rinpoches Leben zu befassen, um sagen zu können, ob er so viel studiert und meditiert hat, wie es erforderlich wäre. Um etwas über seine Geistesverfassung sagen zu können, genügt es, sein Verhalten zu betrachten. Daran kann man vielleicht erkennen, welche Qualitäten er hat.

Man kann sich hier das Lebensbeispiel des 15. Karmapa Khakhyab Dorje anschauen: Es ist weithin bekannt, daß er sein Studium, sein Praxis des Buddha-Dharma vervollkommnet hat, und daß er in einem solchen Ausmaß praktizierte, daß er eine Mala pro Jahr verschliß. Es scheint also so zu sein, daß man auch auf der zehnten Bodhisattva-Stufe noch viel meditieren und studieren sollte. Auch andere Lebensgeschichten großer buddhistischer Meister zeigen dies. Der Sinn des buddhistischen Studiums und der Meditationspraxis ist, einen Zustand des Wohlbefindens und des Friedens zu erreichen. „Zähmt" man den eigenen Geist nicht, wird man keinen derartigen friedvollen Zustand erreichen.

[...] Ich möchte es mir nicht anmaßen, die eingangs gestellte Frage zu beantworten, ob Situ Rinpoche eine Emanation von Maitreya ist oder nicht. Es scheint jedoch, daß Situ Rinpoche selbst sich als solche betrachtet. Nicht nur das, er unterschreibt sogar juristische Dokumente mit dem Namen „Maitreya". [...]

Karmapa Thaye Dorje

Karmapa Thaye Dorje wurde von Künzig Shamar Rinpoche gefunden und anerkannt. Es ist wichtig, daß wir uns alle bemühen, so daß Karmapa nicht in eine politische Situation gerät. Für Tibeter war es selbstverständlich, daß Politik und Buddhismus zusammengehören. Aber ich finde, daß Politik und Religion - ob Buddhismus oder andere Religionen - nicht zusammengehören. Die tibetische Politik ist sehr kompliziert. Es gibt ja alle möglichen verschiedenen politischen Systeme auf der Welt: Kapitalismus, Kommunismus, Feudalsysteme usw. In Tibet konnte man jedoch keine Politikwissenschaft studieren und daher hatten die Leute dort kein Wissen über die verschiedenen politischen Systeme in der Welt. Trotzdem wurde in Tibet ganz selbstverständlich davon gesprochen, daß sie Religion und Politik vereint hätten. Dies diente der Vereinfachung der Arbeit der Politiker in Tibet. Aber ich möchte nicht weiter auf dieses Thema eingehen.

Was jedoch den Buddhismus betrifft, so geht es dabei - wie Künzig Shamar Rinpoche bereits sagte - um geistige Lehren und um Verwirklichung. Der Buddhismus bietet also geistige Lehren, durch deren Studium und Praxis der einzelne einen Prozeß der Erkenntnis durchlaufen kann. Vergleicht man dies einmal mit dem politischen System des alten Tibet, einem Feudalsystem - gibt es dann irgendeine grundsätzliche Beziehung zwischen Dharma und einem Feudalsystem? Dies zu bejahen, würde der Aussage: „Wasser und Feuer sind miteinander verbunden" gleich kommen.

Die tibetische Politik drehte sich eigentlich nur darum, gute Verbindungen zwischen den Förderern der Klöster und den Vertretern der tibetischen Einrichtungen zu pflegen. Das war die Essenz der Politik im alten Tibet. Die Art und Weise, wie der Buddha-Dharma und das politische Leben, die politischen Einrichtungen, zusammenhingen, hatte eigentlich weder etwas mit Politik noch mit dem Buddha-Dharma als solchen zu tun. Dem tibetischen Buddhismus wird zwar oft nachgesagt, er habe die Lehre und das politische Leben des Landes kombiniert. Hier liegt jedoch ein Mißverständnis vor, und zwar deshalb, weil Politik nichts mit Buddhismus zu tun hat. [...]

Für Karmapa Thaye Dorje ist es jedenfalls sehr wichtig, daß er nicht in die Situation einer solchen „Kombination von Politik und Religion" gerät, sondern stattdessen die Möglichkeit bekommt, die Lehre Buddhas zu pflegen und zu verbreiten. Was die Verbreitung des Buddhismus angeht, heißt das, daß Buddhismus gelehrt werden sollte, die Leute so darin eingeführt werden, daß Buddhismus Teil ihres Geistes, ihres Lebens werden kann. Buddhismus einfach nur weltweit über ein großes Gebiet zu verbreiten, ist damit nicht gemeint.

Diese Konferenz scheint sehr gut verlaufen zu sein. Künzig Shamar Rinpoche hat, was das sogenannte Karmapa-Thema angeht, alles genau erklärt, indem er uns dargelegt hat, wie er den gegenwärtigen Karmapa gefunden hat. Ich möchte ihm im Namen der Verwaltung des Kloster Rumtek, des Karmapa Charitable Trust und der anwesenden Gäste auf dieser Konferenz danken.

Was die Zukunft betrifft, möchte ich noch einmal betonen, wie wichtig es ist, daß Karmapa Thaye Dorje die Möglichkeit hat, die buddhistischen Lehren ausgiebig zu studieren, und zwar in einer völlig unsektierischen Art und Weise. Dies würde seine Bildung und seine Weisheit fördern, so daß er eine offene Einstellung entwickeln kann. Wenn ihm diese Gelegenheit nicht gegeben wird, könnte das Gegenteil eintreten, was sehr schade wäre. Es könnte dazu führen, daß sich die Dinge, die sich ereignet haben, wiederholen, was schließlich sehr bedauernswert wäre.

Karmapa Thaye Dorje studiert derzeit auch westliche Wissenschaften und ich hoffe, daß er das ebenfalls in Zukunft fortsetzen wird, denn ich halte das für sehr wichtig. [...]

Es ist sehr wichtig, daß Karmapa die Möglichkeit für Studium und Praxis hat, so wie er das wünscht. Bis er jedoch seine Ausbildung beendet haben wird, braucht er Anleitung und es ist wichtig, daß er eine richtige und gute Anleitung bekommt. Wenn er dann erwachsen ist, wird er in der Lage sein, eigene Entscheidungen zu fällen, bis dahin braucht er jedoch Anleitung und Hilfe in seiner Ausbildung.

Ein Lama als Oberhaupt eines kleinen Klosters in Tibet brauchte nicht viele Ratgeber. Er brauchte nur einige Helfer und mußte nur Ratschläge geben, wie zum Beispiel welches Essen für seine Schüler gekocht werden sollte. Es war nicht so aufwendig, das Kloster zu betreiben. In einem großen Kloster werden hingegen viel mehr Ratgeber benötigt und es war auch sehr viel mehr Arbeit nötig, um den Klosterbetrieb in Gang zu halten. Diese Situation weitet sich aus, wenn man in die Politik schaut, dort sind wiederum noch mehr Spezialisten und Berater für die Arbeit nötig, und man wird sowohl in gute wie auch in negative Projekte verwickelt werden. Gerät eine Reinkarnation oder ein Lama in eine solche Situation, kann er in der bedauerlichen Lage enden, daß er vom Moment des Aufstehens morgens dazu gezwungen sein wird, in diesen Schemen zu denken, wie zum Beispiel, diese Leute sind gut, jene sind schlecht.

Was Karmapa angeht, könnte die Situation entstehen, daß alle möglichen Leute seinen Namen für ihre eigenen Zwecke benutzen.

Aus diesem Grund wurden Aussagen wie: „Es gibt nur einen Karmapa und das ist Urgyen Trinle" geäußert, obwohl es ist doch in der Tat möglich ist, daß es auch andere Inkarnationen gibt. Für diese Leute würde das aber folgendes bedeuten: Gäbe es andere Karmapa-Inkarnationen neben Urgyen Trinle, hätte dies zur Folge, daß der Einfluß Urgyen Trinles nicht so groß sein würde, denn er müßte diesen Einfluß mit anderen teilen. Der entscheidende Punkt an dieser Aussage ist folgender: Es ging hier nicht darum, den authentischen Karmapa einzusetzen, sondern vielmehr darum, den mit dem Namen Karmapa zusammenhängenden Einfluß, für sich zunutze zu machen und diesen nicht mit anderen zu teilen - und so heißt es dann, daß nur Urgyen Trinle der Karmapa sein könne.

In unserer Situation ist das anders, da wir der authentischen Reinkarnation begegnet sind. Es ist so wichtig ist, daß keine Fehler gemacht werden, in der Art und Weise wie er angeleitet und erzogen wird. Dies sollte unser Anliegen sein.[...]

Mündliche Übersetzung aus dem Tibetischen: Kiki Ekselius


Topga Rinpoche stammte aus einer früheren Königsfamilie in Osttibet und war ein Neffe des 16. Karmapa. Er wurde schon als Jugendlicher vom 16. Karmapa in Tsurphu - dem damaligen Hauptkloster der Karma-Kagyü-Linie in Tibet - als "Vajra-Meister" eingesetzt und später im Exil als Generalsekretär des Klosters Rumtek. Er galt als einer der größten Gelehrten der Karma Kagyü Linie und unterrichtete am KIBI in New Delhi buddhistische Philosophie, Erkenntnistheorie und die tibetische Sprache. Sein besonderes Engagement galt dem Erhalt der Tradition der "Schwarz- und Rot-Hut-Karmapas", der Untrennbarkeit der Karmapas und Shamarpas. Topga Rinpoche setzte sich nach dem Tod des 16. Karmapa sehr bestimmt dafür ein, Karmapas Wünsche zu erfüllen und sein Vermächtnis zu bewahren, womit er sich im Himalaya-Gebiet einige Leute zu Feinden machte, die andere Pläne mit der Karma Kagyü Linie hatten.Er war mit einer bhutanesischen Prinzessin verheiratet und ermöglichte 1987, zusammen mit Lopön Tsechu Rinpoche, zum ersten Mal einer westlichen Pilgergruppe unter der Leitung von Lama Ole Nydahl die heiligen Stellen Bhutans zu besuchen.

Topga Rinpoche starb 1997. Anläßlich seiner Verbrennung in Bhutan wurde der 17. Karmapa Thaye Dorje in Bhutan als Staatsgast mit allen Ehren empfangen.

FUNKTIONEN

 

SCHLAGWORTE

Topga Rinpoche, Rumtek, Hungerstreik

 

PROBEABO MIT 3 AUSGABEN