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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 20, ( 1996)

Auszug der Rede von Khenpo Tschödrag Rinpoche auf der Internationalen Karma-Kagyü-Konferenz

28. März 1996

(...) Das Phänomen einer Reinkarnationslinie beruht auf dem buddhistischen Prinzip der Wiedergeburt. Dieses Prinzip wird von allen Buddhisten ausnahmslos anerkannt, da es eines der grundlegenden buddhistischen Prinzipien ist.

Unter allen buddhistischen Ländern gibt es jedoch nur in Tibet das Phänomen der Reinkarnation von Linienhaltern. Ein bestimmter Lama nimmt in einer fortlaufenden Reihe Geburt an und eine Gruppe von Schülern des vorherigen Lamas kümmert sich um die Reinkarnation und erzieht sie. Ist die Wiedergeburt erwachsen, leitet sie diese Schüler an.

Fragt man sich, ob es derartige Reinkarnationslinien seit Beginn des Buddhismus in Tibet gegeben hat, so ist die Antwort: Nein. Der Buddhismus kam im 7. Jahrhundert nach Tibet und es gab zu dieser Zeit noch keine Reinkarnationslinien. Diese Tradition begann erst im 12. Jahrhundert, und zwar mit dem ersten Karmapa, und breitete sich über die Jahrhunderte soweit aus, daß es schließlich etwa 1000 verschiedene Inkarnationslinien gab.

Es gab drei verschiedene Ansätze, die Wiedergeburten zu suchen und aufzufinden: Der erste ist der, daß der Lama selbst Anweisungen hinterläßt, aufgrund derer man seine Wiedergeburt suchen und finden kann. Die zweite Variante ist, daß ein anderer Lama, der eine hohe Erkenntnisstufe erlangt hat, die Wiedergeburt findet, und die dritte ist, zu den Dharma-Schützern zu beten und auf dieser Grundlage die Reinkarnation zu finden.

In der Reinkarnationslinie der Karmapas hinterließen die meisten Karmapas Anweisungen, aufgrund derer ihre Wiedergeburten gesucht und gefunden wurden. In einigen Fällen jedoch wurden keinerlei Anweisungen zurückgelassen.

Ich möchte nun kurz darauf eingehen, inwiefern es bei den verschiedenen Karmapa-Inkarnationen Anweisungen gegeben hat oder nicht. Die Informationen, die ich hier gebe, beruhen auf einem Text namens "Die Kette aus Mondwasserkristall", der vom 8. Situpa Chökyi Jungne und seinem Schüler Belo Tsewang Khünkyab geschrieben wurde. Die Karmapas haben sowohl schriftliche als auch mündliche Anweisungen hinterlassen; manchmal waren es schriftliche Anweisungen und manchmal haben einzelne Schüler oder eine Gruppe von Schülern mündliche Anweisungen erhalten. Von den 16 Karmapas haben sieben Karmapas schriftliche Anweisungen hinterlassen, vier haben mündliche Anweisungen hinterlassen und fünf der Karmapas hinterließen gar keine Anweisungen.

Der erste Karmapa, Düsum Khyenpa, hinterließ mündliche Anweisungen hinsichtlich seiner Wiedergeburt, dem zweiten Karmapa, Karma Pakshi. Er gab diese Anweisungen einer Gruppe von Schülern, deren wichtigster Pomdragpa war. Dieser Gruppe von Schülern sagte der erste Karmapa, daß er nahe des Flusses Drichu in der osttibetischen Provinz Kham Geburt annehmen würde. Falls sich jemand für weitere Details dieser Geschichte interessiert, sie ist in Band 1, Seite 175, des oben erwähnten Textes zu finden.

Der zweite Karmapa, Karma Pakshi, hinterließ sowohl schriftliche als auch mündliche Anweisungen, die für die Suche und Auffindung des dritten Karmapa, Rangjung Dorje, benützt wurden. Die Geschichte ist im selben Text in Band 1, Seite 281, nachzulesen.

Der dritte Karmapa, Rangjung Dorje, hinterließ mündliche Anweisungen, die zur Auffindung des vierten Karmapa, Rölpe Dorje, führten. Karmapa Rangjung Dorje gab diese Anweisungen seinem Generalsekretär bevor er in China starb. Er wies ihn damals an, schnell nach Tibet, und zwar in eine Gegend namens Gongpo, zurückzukehren, wo er seine Reinkarnation finden würde. Es würde dort ein Kind geboren werden, bei dessen Geburt glückverheißende Zeichen auftreten würden und es würde dem Generalsekretär offensichtlich sein, daß dieses Kind die Reinkarnation des dritten Karmapa sei. Auch diese Geschichte ist im oben erwähnten Text, auf Seite 321, nachzulesen.

Der vierte Karmapa, Rölpe Dorje, hinterließ schriftliche Anweisungen, die es möglich machten, den fünften Karmapa, Deshin Shegpa, zu finden. Leider ist heute keine Zeit, um auf die restlichen Karmapa Inkarnationen bzw. die jeweiligen Anweisungen einzugehen.

Auf der anderen Seite hinterließ der neunte Karmapa, Wang­chug Dorje, überhaupt keine Anweisungen, auf­grund derer der zehnte Karma­pa hätte aufgefunden werden können; der zehnte Karma­pa wurde jedoch vom sechsten Sha­marpa anerkannt.

In ähnlicher Weise wurde der elfte Karmapa, Yeshe Dorje, vom siebten Shamarpa, Yeshe Nyingpo, gefunden.

Auch der zwölfte Karmapa hat keine Anweisungen hinterlassen; der dreizehnte Karmapa, Düdül Dorje, wurde von einem großem Nyingma-Meister namens Kato Rigdzin Tsewang Norbu gefunden.

Ebenso hat der vierzehnte Karmapa, Thegchog Dorje, keine Anweisungen hinterlassen; der fünfzehnte Karmapa, Khakhyab Dorje, wurde vom neunten Kyabgön Drugchen anerkannt.

Die Fähigkeit eines buddhistischen Meisters, die Wiedergeburt eines anderen Meisters zu finden, entsteht aus der Praxis des Buddhismus. Sie entsteht daraus, daß man den buddhistischen Prinzipien gefolgt ist. Somit ist der Prozeß der Auffindung einer Wiedergeburt eine spirituelle Praxis. Die für diesen Vorgang verantwortliche Person muß die Lehren Buddhas in authentischer und wahrhafter Weise praktiziert und infolgedessen die notwendigen Fähigkeiten erlangt haben, eine Wiedergeburt zu finden. Dieser Vorgang ist also immer spirituell. Die Vorgangsweise bei der Auffindung und Anerkennung einer Reinkarnation ist niemals, einem bestimmten Plan zu folgen, der vorsieht, in einer allgemeinen, weltlichen Art und Weise eine Reinkarnation aufzufinden und anzuerkennen.

(...)

Mündliche Übersetzung aus dem Tibetischen: Kiki Ekselius. Die deutsche Übersetzung wurde sprachlich leicht überarbeitet.


von Khenpo Tschödrag Rinpoche

FUNKTIONEN

 

SCHLAGWORTE

Kagyü-Konferenz, Khenpo Tschödrag Rinpoche, Auffindung des 17. Karmapa

 

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