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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 18, ( 1995)

"Danach jedoch ging etwas schief..."

Ein kurzer historischer Einblick in die Vermischung von Religion und Macht im alten Tibet

"Politik war in Tibet immer ein Problem. Es begann damit, daß Lamas anfingen, das Land zu regieren. Diese Entwicklung begann ungefähr im 13. Jahrhundert. Vorher war es noch möglich, rein spirituelle Lehrer zu finden. Lehrer wie Marpa, Milarepa, Gampopa, Düsum Khyenpa - was die Kagyüs angeht. [...] Danach jedoch ging etwas schief und das muß wieder in Ordnung gebracht werden. Niemand ist dazu in der Lage, wenn nicht eine Person wie Karmapa es versucht."

Topga Rinpoche, Interview in Kagyü Life Nr. 14
Die frühen Dharmakönige

Im 7. Jahrhundert errichtete der tibetische König Songtsen Gampo aus dem südöstlich von Lhasa gelegenen Yarlung-Tal ein großes Reich und machte Lhasa zu dessen Hauptstadt. Sein Palast stand auf dem Hügel, wo heute der Potala steht. Unter Songtsen Gampo, der als Ausstrahlung von Tschenresig gilt, begann die Verbreitung des Buddhismus in Tibet, was auch in hohem Maße der Tatsache zu verdanken ist, daß zwei seiner Königinnen aus den zu der Zeit schon buddhistischen Ländern Nepal und China kamen.

755 - mehr als 100 Jahre nach Songtsen Gampos Tod - bestieg der König Trisong Detsen, eine Ausstrahlung des Bodhisattva Manjushri, den Thron. Trisong Detsen erweiterte das von seinen Vorgängern eroberte Reich und führte gegen den erbitterten Widerstand seiner Minister, die zum großen Teil der schamanistischen Bön-Religion angehörten, die breite Etablierung des Buddhismus herbei, indem er mehrere große buddhistische Meister aus Indien einlud - vor allem Padmasambhava, Shantarakshita und Vimalamitra. Auf diese Zeit geht die älteste der vier tibetischen Hauptschulen, die "Nyingma", zurück.

Ralpachän - der letzte der drei großen Dharmakönige, eine Ausstrahlung Vajrapanis - kam 815 an die Macht, wurde jedoch später von zwei seiner Ministern ermordet. Als sein Bruder Langdharma - ein Anhänger der schamanistischen Bön-Religion - die Macht übernahm, zerstörte er vor allem den monastischen Buddhismus in Zentraltibet nahezu vollständig, bis er schließlich von dem Mönch Lhalung Palgye Dorje getötet wurde. Nach Langdharmas Tod zerfiel das tibetische Reich für mehr als 400 Jahre in viele kleine Königreiche und in Zentraltibet war zumindest der monastische Buddhismus fast 200 Jahre lang praktisch verschwunden.

Die zweite Welle

Zu Beginn des 11. Jahrhundert lud ein ehemaliger König aus Westtibet, der die Macht an seinen Bruder übergeben hatte und Mönch geworden war, den indischen Meister Atisha ein, der im Jahre 1042 nach Tibet kam und insbesondere die monastischen Aspekte des Mahayana-Buddhismus wiederbelebte. Sein Wissen und seine Erfahrung über den Diamantweg konnte er kaum weitergeben, da zu dieser Zeit - so ein Zitat von Milarepa - "das Herz des tibetischen Volkes von einem Dämon besessen war". Ebenfalls Mitte des 11. Jahrhundert reiste der Tibeter Marpa nach Indien, um Belehrungen vieler indischer Meister, vor allem von Maitripa und Naropa, zu übersetzen und nach Tibet zu bringen. Ihm war es in großem Umfang möglich, tantrische Übertragungen nach Tibet zu bringen.

Vor allem diesen beiden, Atisha und Marpa, ist das Wiederaufleben des Dharma zu verdanken. Man sagt: Atisha brachte das "Gefäß", also die Wiederbelebung äußerer, monastischer Formen, sowie die Mahayana-Grundlage. Marpa, so sagt man, brachte den "Inhalt", also die Diamantwegsmethoden und das Mahamudra.

Drom Tönpa, der Hauptschüler Atishas, begründete die Kadampa-Tradition und Marpa brachte die Kagyü-Tradition nach Tibet. Beide Ströme kamen später durch Gampopa, den Lehrer des ersten Karmapa, in der Kagyü-Linie zusammen. In dieser Zeit wurde auch von Könchok Gyalpo aus der mächtigen Khön-Familie Südtibets die "Sakya"-Schule gegründet.

In der Kagyü-Linie war das 11. und 12. Jahrhundert geprägt vom Wirken der großen Meister Marpa, Milarepa, Gampopa und Karmapa Düsum Khyenpa. Diese Periode des Wiederauflebens des Buddhismus war eine Zeit, in der man noch kaum Verbindungen von Dharma und Machtpolitik sah, obwohl sie ansonsten durch starke politische Unruhe gekennzeichnet war; die zuvor herrschenden Königsdynastien waren niedergegangen und es fand sich - obwohl viele nach der Macht wetteiferten - kein Führer, der es schaffte, seine Herrschaft über das ganze Land auszudehnen.

Aufstieg der Sakyapas

Im Jahre 1207 erfuhren die Tibeter davon, daß die Mongolen unter der Führung von Dschingis Khan große Teile von China erobert hatten und ihren Machtbereich weiter ausdehnten. In Zentraltibet wurde ein Treffen der vielen Kleinkönige abgehalten, um die Lage zu beraten. Mongolische Abgesandte wurden auch nach Tibet geschickt, und die tibetischen Fürsten ergaben sich kampflos der mongolischen Übermacht. Jährliche Tributzahlungen schützen Tibet fortan vor mongolischen Angriffen. Als man jedoch nach dem Tod von Dschingis Khan im Jahre 1227 die Zahlungen einstellte, schickte Godan Khan, ein Enkel von Dschingis Khan, Truppen, die zwei Klöster niederbrannten und Hunderte von Mönchen und Laien töteten.

Zugleich ließ Godan Khan seine Kommandeure nach einem großen Lama Ausschau halten, der die Lehren Buddhas in die Mongolei bringen könne. Es wurden ihm die Äbte der Klöster Drikung, Taklung und Sakya vorgeschlagen und Godan Khan entschied sich für den Ober-Abt der Sakya-Schule, Kunga Gyaltsen - später "Sakya Pandita" genannt. Godan Khans Einladung war eher ein Befehl - Zitat: "Ich werde keine Ausrede in Hinsicht auf Ihr hohes Alter oder die Reisestrapazen dulden." - und so kam Sakya Pandita 1247 an den Hof des Mongolen-Kaisers. Der Khan war von dem buddhistischen Meister tief beeindruckt und da Sakya Pandita ihm gegen das Versprechen, Tibet fortan nicht mehr zu überfallen, das Land "übergab", ernannte er ihn zum Vizeregenten Tibets. Sakya Pandita schrieb damals nach Tibet: "Der Prinz sagte mir, daß, wenn wir Tibeter den Mongolen in religiöser Hinsicht helfen, sie uns ihrerseits in weltlichen Angelegenheiten zur Seite stehen werden. [...] Er erklärte, daß es in seinen Händen liege, für Tibet Gutes zu tun, und in meinen, Gutes für ihn." Schon 1251 starb Sakya Pandita, und Godan Khan folgte ihm bald darauf.

Sakya Pandita hatte seinen Neffen, Drogön Chogyal Phagpa, auf die Reise mitgenommen und dieser war der geistige Lehrer von Kublai, dem Herrscher der chinesisch-tibetischen Grenzgebiete, geworden. 1254, noch bevor Kublai 1260 den verstorbenen Mongka Khan ablöste und der neue Herrscher der Mongolen und Chinas wurde, ernannte er Phagpa zum König Tibets. Als dieser einige Jahre später Tibet besuchte, waren er und seine Beamten mittlerweile so mongolisch geworden, daß ein Lama aus dem Kloster Narthang in einem Brief schrieb: "Die heutigen Lamas kleiden sich wie mongolische Führer. Wer diese Zeilen nicht versteht, ist keineswegs 'hervorragend' auch wenn er sich 'hervorragend' nennt." (Das tibetische Wort "Phagpa" bedeutet "hervorragend".)

Als Phagpa 1279 starb, wurde seine Macht ohne Einschränkung auf seinen Nachfolger im Kloster Sakya übertragen. Sein Vertreter, der während Phagpas Abwesenheit die eigentlichen Regierungsgeschäfte geführt hatte, wurde jedoch von übereifrigen mongolischen Kommandeuren hingerichtet. Sie hatten einer Intrige Glauben geschenkt und ihn des Giftmordes an Phagpa verdächtigt.
Kublai Khan hatte - als er noch Herrscher von Kokonor, einem tibetisch-mongolischen Grenzgebiet war - auch den zweiten Karmapa, Karma Pakshi, in seinen Palast eingeladen. Als Karmapa nach drei Jahren Reisezeit dort ankam, war Sakya Pandita bereits gestorben. Die Sakya-Tradition war in der Mongolei und China fest etabliert, und einige politische Kreise waren aus sektiererischen Gründen gegen Karmapa und drohten, Schwierigkeiten zu machen. Karmapa erkannte, daß er unter den gegebenen Umständen dort nicht viel bewirken könne und reiste gegen den Wunsch von Kublai wieder ab. Als dieser 1260 zum Herrscher von ganz China und der Mongolei geworden war, wollte er Karmapa für dieses "ungehörige" Verhalten bestrafen, zumal Karmapa später noch der Einladung von Kublais rivalisierenden Bruder Mongka Khan gefolgt war. Kublai Khan schickte 30.000 Soldaten, die dem Buddha Karmapa jedoch nichts anhaben konnten. Später bereute Kublai Khan sein Verhalten und wurde ein Schüler Karmapas.

Die Herrschaft der Phagmodrupas

Die Sakyas herrschten ungefähr 100 Jahre über Tibet. Schon als Kublai Khan 1295 starb, nahm die Macht der Mongolen in China langsam ab, und auch die Stärke der Sakyas ließ nach. Die sieben Frauen und vielen Kinder von Dänyi Sangpo Pal, der von 1305 bis 1322 Thronhalter der Sakyas war, führten zu einer ersten Spaltung der Sakya-Macht. 1354 wurde die Macht der Sakyas von Dschangchub Gyaltsen aus der Phagmodrupa-Famile im Yarlung-Tal gebrochen. Aus der Phagmodrupa-Familie stammte auch Phagmodrupa Dorje Gyalpo, einer der vier Hauptschüler Gampopas und der Begründer der Phagdru-Kagyü-Linie. Die Phagmodrupa-Dynastie regierte Tibet von Nedong aus und wurde vorwiegend von Lamas, meist aus der Phagdru-Schule, angeführt. Nedong lag in der Nähe des heutigen Tsetang. Dort befand sich auch Densatil (auch bekannt unter dem Namen Phagmo), eines der ersten bedeutenden Kagyü-Klöster.

Dschangchub Gyaltsen regierte ab 1322 - im Alter von 20 Jahren, nach einer zuvor durchlaufenen Klostererziehung - als eine Art Sakya-Statthalter das Gebiet um Nedong. Ein Streit mit einer Nachbarprovinz eskalierte zunehmend, da Dschangchub Gyaltsen von den Sakyapas ungerecht behandelt wurde und sich widersetzte, bis es zum offenen Kampf kam. Obwohl er von seinen Feinden mehrfach gefangengenommen und auch gefoltert wurde, gelang es ihm wieder, freigelassen zu werden und seinen Kampf fortzusetzen. 1354 hatte er die Macht über ganz Tibet außer über Sakya selbst, das er vier Jahre später einnahm. Dschangchub Gyaltsen wurde auch von den Mongolen als Herrscher Tibets anerkannt und trug den von ihnen verliehenen Titel "Tai Situ". Er war jedoch nicht einer der Tai Situ Rinpoches, sondern hatte eben nur von den Mongolen denselben Titel verliehen bekommen.

Trotz seines offenbar aufbrausenden und sturen Charakters führte er während seiner Regierungszeit viele Reformen zum Wohle der Menschen ein und tat viel zur Verbesserung der Lebensumstände - sowohl in sozialer Hinsicht, als auch auf praktischer Ebene. Dschangchub Gyaltsen schaffte beispielsweise die von den Mongolen übernommene "Sitte" der Sakyas ab, verdächtige Gesetzbrecher ohne Untersuchung hinzurichten. Er war Zeit seines Lebens Mönch und seine Regierungszeit wurde "Alte Frau, die Gold trägt" genannt: Es hieß, daß Tibets innere Sicherheit so groß war, daß eine alte Frau einen Sack Gold von einem Ende Tibets zum anderen hätte tragen können.

Ein Zitat von Topga Rinpoche zu den damaligen politischen Verhältnissen:

"Zu dieser Zeit erkannten mächtige Herrscher in Tibet und der Mongolei, welchen Einfluß hohe Lamas auf die Tibeter hatten. Sie übten sich in der Strategie, Abhängigkeiten zu erzeugen durch das Überschütten der Lamas mit Geschenken, ausgedehnten Einladungen in ihre Königstümer und die Vergabe langer Titel. Die Motivation hinter diesen Gesten war oft eher politisch als religiös. [...] Die Karmapas waren nie interessiert oder verwickelt in die Kämpfe der verschiedenen politischen Gruppen und waren tatsächlich sogar gezwungen, aktiv einer Verwicklung zu widerstehen, da sie in einer besonders verwundbaren Position waren; sie waren Zielscheibe für Leute mit politischen Ambitionen, denn sie hatten eine große spirituelle Autorität. Auch ermunterten ihre religiösen Anhänger sie, Machtpositionen anzunehmen, da sie fühlten, daß die Karmapas die erforderlichen Qualitäten hatten, um Leute zu führen."

Beispiele dafür, wie in dieser Zeit versucht wurde, die Aktivität der Karmapas für machtpolitische Zwecke zu mißbrauchen oder zu behindern, finden sich in den Biographien der Karmapas:

Als der dritte Karmapa Rangjung Dorje sich im Palast des chinesischen Kaisers aufhielt, fühlten einige einflußreiche Minister, daß Karmapas buddhistische Lehren ihren eigenen politischen Ambitionen schaden könnten und intrigierten so intensiv gegen Karmapa Rangjung Dorje, daß dieser abreisen wollte.

Auch der vierte und fünfte Karmapa wurden an den Hof des chinesischen Kaisers eingeladen, um Dharma zu lehren. 1407 kam der fünfte Karmapa Deshin Shegpa an den Hof des Kaisers Yunglo, der fähig war, Karmapas Weisheitskrone direkt zu sehen. Er ließ später eine materielle Nachbildung anfertigen. Während Karmapa auf einer längeren Pilgerreise war, bereitet Yunglo einen Angriff auf Tibet vor und als Karmapa zurückkam, standen die Truppen des Kaisers schon an der Grenze Tibets, bereit zum Angriff. Der Kaiser sagte zu Karmapa, daß er Tibet unterwerfen und Karmapa zum Herrscher machen wolle. Es wäre doch besser, wenn es nicht viele buddhistischen Schulen gebe, sondern nur noch die Karma-Kagyü. Trotz Widerstandes durch die Minister des Kaisers konnte Karmapa ihn von diesem unbuddhistischen Vorhaben abbringen. Anläßlich dieses Besuches in China erhielt - wie schon zuvor der Phagmodrupa-Herrscher Dschangchub Gyaltsen - der damalige Situ Rinpoche, der in der Gefolgschaft Karmapas an den Kaiserhof kam, den Titel "Tai Situ".

Tsongkhapa

1372 kam Tsongkhapa, der auch vom vierten Karmapa Übertragungen erhalten hatte, von Amdo nach Lhasa und gründete eine neue buddhistische Schule, die "Gelugpas". Sie beruhte auf der von Atisha gegründeten Kadampa-Tradition und betonte insbesondere Gelehrsamkeit und tugendhaftes Verhalten. Tsongkhapa fand äußerst günstige Bedingungen vor, da der damalige Phagmodrupa-Herrscher Drakpa Gyaltsen und seine Minister im Gegensatz zu den meisten Herrschern dieser Zeit weniger an sektiererischen Kämpfen und Kriegen, als vielmehr an der Förderung des Dharma interessiert waren. Zugleich erschien die neue Schule damals als willkommene Alternative zu den vielen in Politik verwickelten Klöstern der älteren Schulen. Tsongkhapa und seine Schüler erhielten starke Unterstützung durch den Herrscher, und die neue Gelugpa-Schule gewann stetig mehr Anhänger, bis Tsongkhapa im Jahre 1409 das Kloster Ganden gründete. Zwei Schüler von Tsongkhapa gründeten einige Jahre später die Klöster Sera und Drepung. Diese drei Klöster wurden später die drei größten Klöster Tibets. Ihre strategisch günstige Lage erlaubte ihnen in den kommenden Jahrhunderten, nicht nur in religiöser, auch in politischer und militärischer Hinsicht Einfluß zu nehmen. Ein Schüler von Tsongkhapa namens Gendün Drupa gründete 1447 das Kloster Tashi Lhünpo bei Shigatse und wurde dessen erster Abt. Später wurde er rückwirkend zum ersten Dalai Lama ernannt.

Die Ringpung-Herrscher

Als Tsongkhapa 1419 starb, war die Gegend Ü mit der Hauptstadt Lhasa zu einer deutlichen Gelugpa-Hochburg geworden. Im Gegensatz dazu wurde die westlich davon gelegene Region Tsang mit der Hauptstadt Shigatse von Karma-Kagyü-Anhängern regiert, die den schnellen Machtzuwachs der neuen Gelugpa-Schule mit Mißtrauen beobachteten. Beide Seiten hatten mächtige Clans und Herrscher hinter sich.

1432 starb der Herrscher Drakpa Gyaltsen, und da sich unter seinen zerstrittenen Nachkommen kein fähiger Nachfolger fand, kam es zu einem circa 100 Jahre andauernden Machtkampf zwischen den Herrschern der Provinzen Ü und Tsang.

Drei Jahre nach dem Tod des Königs eroberte ein Herrscher aus Ringpung namens Döndup Dorje die Stadt Shigatse und verlagerte seinen Hauptsitz dorthin. Viele kleinere Könige der Gegend Tsang schlossen sich ihm an, da er gegen die Phagmodrupa-Herrscher in Nedong opponierte.

Dönjö Dorje, einer der mächtigsten Führer aus dem Ringpung-Klan, war ein ausgesprochener Anhänger Karmapas und wollte für diesen ein Kloster in Lhasa bauen, was ihm aber von der dortigen Gelugpa-Verwaltung nicht erlaubt wurde. Er baute das Kloster daraufhin außerhalb der Stadt. Kaum war der Bau 1479 beendet, wurde das Kloster nachts von 500 Gelugpa-Mönchen zerstört, und der siebte Karmapa Tschödrag Gyamtso konnte nur knapp der Ermordung entkommen. Als der vierte Shamarpa, der im Alter von 64 Jahren von den Ministern zum höchsten Herrscher Tibets gewählt wurde, von den Ereignissen hörte, wollte er Truppen schicken, um die Verantwortlichen zu bestrafen. Karmarpa war jedoch dagegen und hielt ihn zurück.

Dönjö Dorje selbst ließ sich die Rache für diese Kränkung jedoch nicht nehmen und griff 1480 Nedong, den Phagmodrupa-Sitz, ein. Er vertrieb die dortigen Gelugpa-Unterstützer und setzte seine Verwandten als Minister ein, so daß - obwohl der Nedong-Thron formell noch immer von einem Phagmodrupa-König gehalten wurde - eigentlich der Ringpung-Klan die Kontrolle über die Verwaltung des Landes in den Händen hielt. Ein erster Angriff 1481 auf Lhasa war erfolglos. 1488 nahm Dönjo Dorje die Stadt Gyantse ein und und schließlich 1498 auch Lhasa.

Seit 1409 bis heute wird in Lhasa jährlich das große Mönlam Chenmo-Fest gefeiert. Da zu dieser Gelegenheit Tausende von Tibetern aus allen Landesteilen zusammenkamen, hatte das Fest - abgesehen von den religiösen Aspekten - auch eine erhebliche politische Bedeutung und gab dem Kloster, welches das Fest ausrichtete, großen Einfluß. Nach der Einnahme Lhasas verbat Dönjö Dorje den Gelugpa-Mönchen von Drepung, Sera und Ganden die Teilnahme an dem Fest und ordnete an, daß das Mönlam Chenmo für die nächsten 20 Jahre von Kagyüs und Sakyas ausgerichtet werden sollte.

Karma Tseten Dorje, ein ehrgeiziger Diener des Ringpung-Klans, schaffte es einige Jahre später mit einem Trick, in Shigatse die Macht zu übernehmen: Er holte sich von der Ringpung-Verwaltung die Erlaubnis, 300 Näh-Nadeln, in Tibetisch "khab", von den Leuten in der umliegenden Gegend einzusammeln und änderte die Genehmigung dann in 300 "khrab", nämlich Rüstungen. Mit diesen und anderen von ihm besorgten Waffen rüstete er seine Anhänger aus und übernahm die Macht in Shigatse. Er wurde der erste Halter der Tsang-Dynastie und wurde "Depa Tsangpa" genannt.

Dalai Lama

Die Macht des Ringpung-Klans nahm in den kommenden Jahren so sehr ab, daß er sich 1517 schließlich aus Lhasa zurückziehen mußte. Unter der spirituellen Leitung von Gendün Gyamtso, der später rückwirkend zum zweiten Dalai Lama erklärt wurde, richteten die Gelugpas wieder das Mönlam Chenmo aus. Gendün Gyamtsos Wiedergeburt, Sönam Gyamtso, wurde der Abt des Klosters Drepung und berühmt für seine Gelehrtheit. Als wieder einmal in Lhasa Kämpfe zwischen sektiererischen Gelugpas und Kagyüs ausbrachen, schaffte er es durch sein Charisma, den Frieden wiederherzustellen. Einige Jahre später leitete er die Verbrennungszeremonie für den verstorbenen Nedong-Herrscher und wurde schließlich so berühmt, daß er von dem mächtigen Mongolenherrscher Altan Khan eingeladen wurde. Infolge seines Besuches etablierte Altan Khan buddhistische Gesetze in der Mongolei und verlieh Sönam Gyamtso den Titel "Dalai Lama", der dann rückwirkend auch seinen beiden vorherigen Inkarnationen verliehen wurde; in dieser Weise wurde Sönam Gyamtso zum dritten Dalai Lama. Nach längeren Reisen in der Mongolei und Osttibet starb er 1588 auf dem Rückweg nach Tibet. Die durch den Besuch des dritten Dalai Lama geschaffene Verbindung der Gelugpa-Schule zu den Mongolen sollte zu einem wichtigen Faktor in der weiteren Geschichte Tibets werden. Für die Wiedergeburt des dritten Dalai Lama gab es zwei Kandidaten, einen in Tibet und einen in der Mongolei. Man entschied sich für das Kind in der Mongolei, jedoch ließen die Eltern zuerst nicht zu, daß es nach Tibet gebracht wurde.

Auch bei späteren Dalai Lamas und anderen hohen Lamas gab es immer wieder mehrere Anwärter für die Wiedergeburt. Das von Karmapa eingeführte Tulku-System, also die Suche und Wiedereinsetzung der Wiedergeburten hoher Lamas, wurde schon zu dieser Zeit oft so mißbraucht, daß ein König einen Zettel mit einem Namen aus einer goldenen Vase zog und das entsprechende Kind dann als der jeweilige Tulku eingesetzt wurde. Diese Praxis war - neben der authentischen Auffindung von Tulkus durch Lehrer wie Karmapa - so gebräuchlich, daß der 13. Dalai Lama sein "Politisches Testament" an die Mitglieder der Lhasa-Regierung mit den Worten begann: "Wie Ihr wißt, wurde ich nicht durch die übliche Praxis gefunden, daß man ein Los mit einem Namen aus einer goldenen Vase zog..."

Karma Tensung Wangpo

Zu dieser Zeit gewannen die Kagyüs in Tibet wieder an Einfluß. Der Sohn von Karma Tseten Dorje, ein mutiger und gelehrter Herrscher namens Karma Tensung Wangpo, zugleich ein starker Anhänger Karmapas, übernahm die Macht in Shigatse. Zuvor schon hatte er große Gebiete in Süd-, West- und Nordtibet erobert. Die Beamten und Mönche in Lhasa fühlten sich bedroht und drängten darauf, daß der vierte Dalai Lama nach Lhasa gebracht werde, um ein Gegengewicht herstellen zu können. Im Alter von zwölf Jahren wurde der Dalai Lama gegen den Willen der Eltern nach Lhasa gebracht.

Kurz nach der Ankunft des vierten Dalai Lama in Lhasa verfasste einer von Shamarpas Mönchen ein anspruchsvolles Gedicht und opferte es dem vierten Dalai Lama. Die Diener des Dalai Lama verstanden das Gedicht nicht und schickten eine Antwort, in der sie es mißbilligten. Die Kagyü-Mönche verbreiteten daraufhin, daß die Diener des Dalai Lama nichts von Poesie verstünden - was als eine schwere Beleidigung einer gebildeten Person galt, so daß es zu erheblichen Spannungen kam. 1605 besuchte der sechste Shamarpa Tschökyi Wangchuk Lhasa und opferte der großen Statue im Jokhang einen weißen Schal, auf den er ein Gebet geschrieben hatte. Die Diener des Dalai Lama mißinterpretierten auch dieses Gebet als Beleidigung des Dalai Lama und die mongolischen Reiter, die den Dalai Lama nach Lhasa gebracht hatten, ritten sofort aus, um die Pferdeställe Shamar Rinpoches zu zerstören. Shamar Rinpoche war jedoch der Guru des Herrschers von Shigatse, Karma Tensung Wangpo. Dieser griff, empört über die Beleidigung seines Lehrers, Lhasa an und vertrieb die Mongolen. Als Zeichen seiner Abneigung gegenüber den Gelugpas weigerte er sich später einmal, den Dalai Lama bei einem offiziellen Ereignis willkommen zu heißen.

Es gab einen Briefwechsel zwischen Shamar Rinpoche und dem Dalai Lama, mit dem Ziel, einen Weg zu finden, die Streitigkeiten beizulegen. Ein Treffen der beiden, das zu diesem Ergebnis hätte führen können, wurde jedoch durch Intrigen der Diener beider Lamas verhindert. Die Diener des Dalai Lama durchsuchten sogar Besucher des Dalai Lama nach Briefen von Shamar Rinpoche an den Dalai Lama.

Karma Püntsok Namgyal

Nach dem Tod von Karma Tensung Wangpo herrschte sein Sohn Karma Püntsok Namgyal über das von seinem Vater eroberte Reich. Im Gegensatz zu seinem Vater hatte er eine versöhnlichere Haltung gegenüber dem Dalai Lama und bat sogar bei einem Besuch Lhasas um eine Audienz, was eine große Chance für eine Verbesserung der Beziehungen zu Shigatse und den Kagyüs gewesen wäre. Der Hauptdiener des Dalai Lama wies die Bitte um Audienz jedoch zurück und erklärte die Herrscher von Shigatse zu Feinden der Gelugpas. Der König, der durch diese Zurückweisung auf äußerste sein Gesicht verloren hatte, kehrte enttäuscht nach Shigatse zurück und vergaß diese Beleidigung nie mehr. 1617 starb der vierte Dalai Lama, der eigentlich nur eine Marionette in den Händen seiner Diener gewesen war, im Alter von 28 Jahren. Vor allem sein einflußreicher Hauptdiener hatte dafür gesorgt, daß der Dalai Lama von der Außenwelt abgeschirmt blieb und wenig Einfluß auf die Geschehnisse in Tibet hatte.

In der Hauptstadt von Tsang, Shigatse, bereitete derweil der gekränkte Karma Püntsok Namgyal den Racheangriff auf Lhasa und die drei Hauptklöster der Gelugpas vor. Zuvor hatte ein die Gelugpas unterstützender Herrscher einem Mongolenstamm eine Chenresig-Staue geschickt und sie gebeten, ihm im Kampf gegen den Herrscher von Tsang beizustehen. Karma Püntsok Namgyals Rachedurst wurde verstärkt durch die Tatsache, daß er sich nun den vereinten Truppen der Mongolen und Zentraltibeter gegenüber sah. 1618 griff er Lhasa und die Gelugpa-Klöster an und richtete ein großes Blutbad an; es heißt, daß der ganze Hügel des Klosters Drepung von toten Gelugpa-Mönchen bedeckt war. Viele Gelugpa-Klöster wurden - nachdem die Mönche geflohen waren - zwangsweise zu Kagyü-Klöstern gemacht und die Gelugpas wurden in vielerlei Hinsicht unterdrückt. Militärlager schnitten Drepung und Sera von Lhasa ab. Der Höhepunkt war das Verbot der Suche nach der Wiedergeburt des Dalai Lama.

Bei Shigatse stand das vom ersten Dalai Lama gegründete Gelugpa-Kloster Tashi Lhünpo. Karma Püntsok Namgyal ließ dort ein strategisch günstig gelegenes Kagyü-Kloster bauen, mit Namen Tashi Zilnön - "Unterdrücker von Tashi Lhünpo". Die Steine für den Bau wurden aus dem Berg oberhalb von Tashi Lünpo geholt und es heißt, man hätte absichtlich schwere Gesteinsbrocken auf das Kloster fallen lassen, wobei Mönche verwundet und getötet wurden.

Trotz des Verbotes ließ Sönam Chöpel - der Hauptdiener des verstorbenen Dalai Lamas - heimlich nach der Wiedergeburt des Dalai Lama suchen. Es wurde auch ein besonderes Kind gefunden und vom Panchen Lama - dem in Tashi Lhünpo residierenden Lehrer des vierten Dalai Lama - und anderen Rinpoches als die Wiedergeburt bestätigt. Noch wurden diese Vorgänge jedoch geheim gehalten. Sönam Chöpel bat die Mongolen um Hilfe gegen Karma Püntsok Namgyal und 1619 kam eine Gruppe Mongolen nach Lhasa. Sie gaben sich als Pilger aus und schlugen vor der Stadt ein Camp auf. Das anfängliche Mißtrauen der Besatzer Lhasas legte sich im Laufe der Zeit und die Wachsamkeit der Truppen ließ nach. Erst 1620 griffen die Mongolen plötzlich an und nahmen Lhasa ein.

Karma Püntsok Namgyal bereitete von Shigatse aus einen Gegenangriff vor, jedoch schafften es der zweite Panchen Lama und andere Rinpoches, daß die beiden Seiten Verhandlungen aufnahmen. Nachdem Karma Püntsok Namgyal bereit war, die Unterdrückung der Gelugpas weitgehend zu beenden, zogen die Mongolen wieder ab. Das Verbot der Suche nach der Wiedergeburt des Dalai Lama wurde aber nicht zurückgenommen. Als Karma Püntsok Namgyal starb, leitete der zehnte Karmapa Chöjing Dorje auf Bitte der Königin hin die Rituale für den verstorbenen König. Einige Zeit später war Karmapa zu Gast im Palast des neuen Königs Karma Tenkyong Wangpo, der im Alter von 12 Jahren den Thron seines Vaters bestieg und der jetzt "Desi Tsangpa" genannte Regent von Tsang wurde. Nun erst wagte Sönam Chöpel zu verkünden, daß er die Wiedergeburt des Dalai Lama gefunden hatte. Lange Zeit jedoch wurde der fünfte Dalai Lama noch versteckt.

Der fünfte Dalai Lama und die Mongolen

Der Tradition der Herrscher von Shigatse folgend, hatte auch Karma Tenkyong Wangpo nicht viel für die Gelugpas übrig. Er tat sich mit zwei extrem gegen die Gelugpas eingestellten Bönpo-Königen aus der Gegend Kokonor und Kham zusammen und gelobte, die Gelugpas ein für allemal zu vernichten. Die Äbte von Drepung, Sera und Ganden schickten Sönam Chöpel in die Mongolei, um dort Hilfe zu erbitten. Der 28 Jahre alte Gushri Khan, Herrscher der Khoshot-Mongolen, erklärte sich prinzipiell zur Hilfe bereit, wollte jedoch zuvor heimlich nach Lhasa kommen, um sich selbst ein Bild der Lage machen zu können. Der zehnte Karmapa schickte einen Brief an den Dalai Lama und erklärte, daß er nichts von militärischen Handlungen im Namen der Religion halte und daß weder er noch die Kagyü-Schule froh seien über die Aktivitäten von Karma Tenkyong Wangpo. Der Dalai Lama antwortete, daß ihm dies klar sei und daß alles gut gehen werde. Karmapa ging zu Karma Tenkyong Wangpo und forderte ihn auf, mit den Kriegsvorbereitungen aufzuhören. Er sagte, daß sonst Tausende sterben werden und deutete an, daß auch der König selbst nicht überleben würde. Karma Tenkyong Wangpo hatte jedoch schon zuvor Kontakt zu Arsalang, dem Herrscher der Chogtu-Mongolen aufgenommen und dieser kam mit 10.000 Soldaten nach Tibet, um die Gelugpas zu vernichten. Er wurde jedoch von Gushri Khan abgefangen und überredet, seine Pläne zu ändern. Arsalang kam nach Lhasa, erwies dem Dalai Lama seine Ehrerbietung und versprach, den Gelugpas keinen Schaden zuzufügen. Karma Tenkyong Wangpo berichtete Arsalangs Vater vom Verrat seines Sohnes und dieser ließ seinen Sohn dafür ermorden. Die nun führerlosen Truppen wurden zum Teil geschlagen, zogen sich zum Teil zurück oder ließen sich friedlich in Tibet nieder. Gushri Khan wurde 1638 in Lhasa von den Gelugpas als ihr Retter gefeiert.

Als Spione der Gelugpas Informationen bekamen, daß einer der zuvor erwähnten Bönpo-Könige den Herrscher von Shigatse zu neuen Angriffen auf die Gelugpas überreden wollte, sammelte Gushri Khan seine Truppen, um beide ein für alle mal zu vernichten. Er wartete auf Instruktionen aus Lhasa, wo der fünfte Dalai Lama und Sönam Chöpel die Lage berieten. Der Dalai Lama war gegen weiteres Blutvergießen und verstand auch, daß die Beleidigung des Königs durch die Gelugpas die Ursache der Probleme war. Er legte dar, daß die Gelugpas und ihre Regierung mittlerweile ausreichend etabliert seien und nicht mit den anderen drei Machtzentren - Nedong, der Kagyü-Schule und der Jonangpa-Schule - konkurrieren müßten. Es heißt, daß der Dalai Lama Gushri Khan nur zur Vernichtung des Bönpo-Königs aufforderte, daß jedoch Sönam Chöpels Einfluß so groß war, daß er Gushri Khan zum Angriff auf Shigatse bewegen konnte.

1641 besiegte Gushri Khan den Bönpo-König in Kham und setzte seine Armee nach Shigatse in Marsch. Während Sönam Chöpel den Dalai Lama zu überzeugen versuchte, daß es keinen Zweck mehr hätte, Gushri Khan aufhalten zu wollen, schickte der Mongolenführer einen Brief und forderte den Dalai Lama auf, den Panchen Lama durch eine Einladung aus dem Kloster Tashi Lhünpo bei Shigatse herauszuholen, da er die Stadt bald angreifen werde und der Panchen Lama vom Feind als Geisel genommen werden könnte. Da Karma Tenkyong Wangpo keinen Verdacht schöpfen sollte, wurde der Panchen Lama unter einem Vorwand nach Lhasa eingeladen und reiste sofort ab. Karma Tenkyong Wangpo erfuhr jedoch schnell von dem bevorstehenden Angriff, ließ den Panchen Lama vor Lhasa abfangen und bat ihn, sich als Vermittler einzusetzen. Obwohl der Panchen Lama sein Möglichstes tat, kam er nicht gegen Sönam Chöpel an, der die Chance sah, nun endgültig die Herrscher von Tsang zu vernichten.

Während sich Shigatse und das Kagyü-Kloster Tashi Zilnön auf den Angriff vorbereiteten, nahm die Armee von Gushri Khan einen Distrikt von Tsang nach dem anderen ein. Als die Truppen schließlich das Fort von Karma Tenkyong Wangpo und das Kloster Tashi Zilnön umstellt hatten, trafen sie auf so heftigen Widerstand, daß ihnen klar wurde, daß nur eine lange Belagerung den Sieg bringen könnte. Sönam Chöpel hatte nicht mit so vehementer Gegenwehr gerechnet, wurde nervös und bat den Dalai Lama um Vermittlung. Dieser lehnte in schroffen Worten ab, mit der Begründung, daß sie selbst den Krieg angefangen hätten und daß Karma Tenkyong Wangpo ihnen das nie verzeihen würde; er würde nach Abzug der Mongolen Rache an den Gelugpas nehmen. Der Dalai Lama sagte, daß es nun keinen anderen Weg mehr gebe, als den Krieg zu Ende zu führen. Er sagte, daß sie - falls sie den Krieg verlieren würden - sich ein anderes Land zum leben suchen müßten.

Sönam Chöpel gab nun seine vorgegebene Neutralität auf und zog mit Truppen nach Shigatse, um gemeinsam mit den Mongolen zu kämpfen. Die Widerstandskraft der Belagerten erlahmte nach einer Weile und Karma Tenkyong Wangpo bat den Panchen Lama und Karmapa um Vermittlung, was jedoch nichts mehr bewirkte. Der zehnte Karmapa Chöjing Dorje verteilte seinen ganzen Besitz an die Armen, setzte Gyaltsap Rinpoche als seinen Vertreter in Tsurphu ein und schlug ein Lager bei Yam Dur auf.

Das Ende der Königs - Dynastie von Shigatse

1642 fiel das Fort von Shigatse und das Kloster Tashi Zilnön. Tausende von Menschen starben, und der König und sein Gefolge wurden gefangengenommen. In den Straßen von Lhasa feierten die Mönche der drei großen Gelugpa-Klöster den Sieg. Gushri Khan lud den Dalai Lama nach Shigatse ein und ernannte ihn dort zum Herrscher über ganz Tibet. Sönam Chöpel wurde zu seinem Regenten ernannt. Der Dalai Lama erklärte Lhasa zur Hauptstadt von Tibet und gab der Regierung Tibets den Namen Gaden Phodrang - den Namen seiner Residenz bei Drepung. Er erließ neue Gesetze, ernannte Gouverneure und Minister und begann den Bau des Potala. Der Dalai Lama erklärte seinen Lehrer Losang Chökyi Gyaltsen, den Abt von Tashi Lhünpo, zur Ausstrahlung von Amitabha und sagte, er sei schon der vierte dieser Tulkus. Dieser trug schon den Titel Panchen und wurde nun Panchen Rinpoche genannt.

Während Karma Tenkyong Wangpo in Lhasa im Gefängnis war, griffen seine Anhänger die neue tibetische Regierung an; die Stadt Gyantse wurde erobert und in der Provinz Kongpo wurden Gelugpa-Klöster niedergebrannt. Die vereinten Truppen der Mongolen und der Gaden Phodrang überwältigten jedoch die Rebellen. Karma Tenkyong Wangpo und zwei seiner ebenfalls gefangengenommenen Minister wurden vollständig in Lederhäute eingenäht und in den Fluß von Shigatse geworfen. Der Besitz des Herrschers fiel an den Dalai Lama. Karmapas Kloster Tashi Zilnön wurde vollständig abgerissen. Das Material wurde benutzt, um andere Klöster zu renovieren. Viele kleinere Karmapa-Klöster wurden zwangsweise zu Gelugpa-Klöstern umgewandelt und Lamas gefangengenommen; 1643 wurden beispielsweise die Surmang-Klöster Namgyal-Tse, Düdsi-Til und andere angegriffen und der siebte Trungpa-Tulku ins Gefängnis geworfen.

Der zehnte Karmapa empfing in seinem Lager bei Yam Dur einen Brief des Dalai Lama, in dem der Dalai Lama ihn aufforderte, sein Ehrenwort zu geben, daß die Kagyüs keinen Krieg gegen die Gelugpas führen werden. Karmapa antwortete: "Wie könnten wir es wagen, den Gelugpas in der Zukunft Schaden zuzufügen, wo wir es nie in der Vergangenheit taten?" und erklärte sich bereit, jeder Aufforderung des Dalai Lama nachzukommen, um seine Aufrichtigkeit in diesem Punkt zu beweisen.

Die Minister des Dalai Lama interpretierten Karmapas Antwort jedoch in der Weise, daß er sich nicht eindeutig von Feindseligkeiten gegen die Gelugpas distanziert hätte und schickten Truppen los, um Karmapas Lager anzugreifen. Viele von Karmapas Anhängern wurden getötet, und er selbst entkam nur knapp dem Tod. Karmapa sagte seinen überlebenden Anhängern, sie sollten sich im Land verteilen und floh mit einem Diener. Sie wanderten mehr als drei Jahre durch die Wildnis, wo sie von Guru Rinpoche, sowie von wilden Tieren mit Nahrung versorgt wurden, und erreichten schließlich das Kloster Targye Gang in Jyang. Es heißt, daß Nagas und auch Affen, die für Segen kamen, ihnen den Weg wiesen. Später hielt Karmapa den König von Jyang davon ab, die Mongolen in Zentraltibet anzugreifen, obwohl dieser schon eine große Armee angesammelt und ein Gelübde abgelegt hatte, daß er im Falle des Sieges Karmapa zum Herrscher von Tibet machen werde. Später reiste Karmapa als Bettler verkleidet durch Tibet, um den wiedergeborenen Shamar Rinpoche zu holen; Karmapa hatte diese in einer Vision gesehen. 1673 schließlich kam Karmapa wieder nach Lhasa und traf den Dalai Lama, der die Erlaubnis gab, daß Karmapa wieder nach Tsurphu gehen konnte.

Seit dieser Zeit herrschten die Dalai Lamas bzw. meistens eher ihre Regenten über Tibet. In Zentraltibet waren sie weitgehend Alleinherrscher, in anderen Gegenden wurde ihr Position oft nur unter Druck anerkannt. Die osttibetischen Khampas beispielsweise empfanden sich so wenig als Teil Tibets, daß sie von "Bö" (Tibet) und "Kham" (Osttibet) wie von zwei Ländern sprachen. Kein Herrscher hatte jedoch ausreichend Macht, um sich der Zentralregierung in Lhasa auf Dauer zu widersetzen, obwohl einige es immer wieder einmal versuchten.


Von Ulla und Detlev Göbel