Aus: Buddhismus Heute Nr. 18, ( 1995)

Der neue Panchen Lama

Von Detlev Göbel

Am 14. Mai 1995 erklärte der Dalai Lama, daß die Wiedergeburt des Panchen Lama gefunden worden sei, und daß er sie als authentisch anerkenne. Der Dalai Lama betonte, daß die Prüfung streng nach den religiösen Vorschriften erfolgt sei. Über das Kind selbst ist noch nicht viel bekannt: Es heißt Gendün Tschökji Njima und wurde am 25. April 1989 im Distrikt Lhari bei Lhasa in einer Nomadenfamilie geboren.

Der Dalai Lama bot nach dem Tod des letzten Panchen Lama im Jahre 1989 der chinesischen Regierung bei mehreren Gelegenheiten seine Hilfe bei der Wiederfindung an. Die chinesischen Machthaber bildeten jedoch ein Such-Komitee aus Mönchen des Klosters Tashi Lhünpo unter Leitung von Chatral Rinpoche, dem Klostervorsteher. Dieses Komitee hatte den Auftrag, einen neuen Panchen Lama zu finden, den der Dalai Lama dann - ähnlich wie im Fall des angeblichen 17. Karmapa in Tsurphu - nachträglich bestätigen sollte. Ohne eine solche Bestätigung würde kein Tibeter Vertrauen in das Kind setzen, und die Mönche von Tashi Lhünpo hatten dieser Tatsache schon öffentlich Ausdruck verliehen. Der Plan der chinesischen Machthaber war, anläßlich des 30. Jahrestages der Errichtung der "Autonomen Region Tibet" im September diesen Jahres, einen neuen Panchen Lama als Beweis der religiösen Freiheit Tibets vorzustellen.

Ein hervorragender Propaganda-Coup - wenn er gelungen wäre. Nach dem Tod des letzten Panchen Lama erhielt der Dalai Lama Informationen über ungefähr 30 Kinder von innerhalb und außerhalb Tibets, die als Wiedergeburt des Panchen Lama in Frage kommen könnten. Über circa 20 Jungen lagen zum Teil sehr detaillierte Angaben und sogar Fotos vor. Nachdem der Dalai Lama verschiedene Orakel hinzugezogen hatte, stellte sich der jetzt vorgestellte Junge als die sicherste Wahl heraus, und der Dalai Lama kam den Chinesen mit einer öffentlichen Bekanntmachung und Anerkennung zuvor - ein schwerer Gesichtsverlust für die chinesische Besatzungsmacht.Die chinesischen Pressemeldungen sagen, daß die Anerkennung des Dalai Lama "illegal und ungültig" sei, da er sich nicht an die überlieferte Tradition gehalten habe, und mit seinem Schritt bezwecke, "das Mutterland zu spalten". Die erwähnte Tradition geht auf das 18. Jahrhundert zurück und beinhaltet, daß vor einer Statue von Buddha Shakyamuni ein Namenslos aus einer goldenen Vase gezogen wird. Das entsprechende Kind soll dann vom chinesischen Herrscher bestätigt werden. In der Tat war eine solche Prozedur zeitweise üblich, jedoch keine feste Regel.

Von entscheidender Bedeutung für die zukünftige Rolle des Panchen Lama ist die Frage, ob er von den Mönchen in seinem alten Kloster oder von den chinesischen Kommunisten erzogen werden wird. Seit 1987 gibt es in Peking eine spezielle Schule, in der "Lebende Buddhas" aus Tibet zu "patriotischen Lamas" erzogen werden. Wird der Panchen Lama an einer solchen Schule im Sinne Pekings erzogen, steht den Chinesen ein großes Manipulationpotential zu Verfügung: Der Panchen Lama ist traditionell derjenige, der die Wiedergeburt des Dalai Lama sucht und bestätigt. Darüber hinaus könnte der Panchen Lama die politisch und/oder religiöse Führung der Tibeter übernehmen, da er zu einer Zeit erwachsen werden wird, wenn sich das Leben des Dalai Lama dem Ende zuneigt. Das Kloster Tashi Lünpo wurde nach diesen Ereignissen für Besucher geschlossen, Chatral Rinpoche verhaftet und nach Chengdu gebracht. Die Mönche des Klosters müssen derzeit Umerziehungsmaßnahmen über sich ergehen lassen und öffentliche Diskussionen über den Fall wurden in Tibet verboten. Daß das vom Dalai Lama anerkannte Kind schon vier Monate nach dem Tod des letzten Panchen Lama geboren wurde, betrachten die Tibeter - wie schon im Fall der von Tai Situ Rinpoche ausgesuchten Wiedergeburt Kalu Rinpoches - einfach als ein Wunder.


Im nächsten Heft: weitere Informationen zum neuen Panchen Lama und die Geschichte früherer Panchen Lamas.