Aus: Buddhismus Heute Nr. 17, ( 1995)

Das Leben Gampopas, Teil 2: Das Leben Gampopas

Von Paul Waibl

Gampopa praktizierte einen weiteren Monat voller Fleiß und Hingabe. Dann sah er zuerst die sieben Medizinbuddhas und benötigte nicht mehr als einen Atemzug pro Tag. Nachdem er eines Nachmittags den Atem anhielt, hatte er eine Vision der Reinen Länder der Sambhogakayabuddhas mit ihren unzähligen Wundern. In der Meditationssitzung während der Dämmerung hielt er wieder den Atem an und sah Buddha Shakyamuni, umgeben von den 1000 Buddhas dieses Zeitalters.

Als er zu Milarepa ging, um von seinen Visionen zu berichten, wußte dieser schon alles und erklärte ihm, daß er jetzt zwar den Sambhogakaya und den Nirmanakaya gesehen habe, den Dharmakaya jedoch noch nicht. Jetzt wäre es an der Zeit, Milarepa zu verlassen und nach Zentraltibet zu gehen, um dort alleine weiter zu praktizieren. Um zu sehen, ob Gampopa alle Hindernisse bezüglich der Energiewinde überwunden hatte, unterzog ihn Milarepa einem Test. Gampopa sollte versuchen, die Winde durch die Fingerspitzen zu schicken und so einen Haufen Asche vor sich zu zerstreuen. Nachdem er dies getan hatte, erklärte ihm Milarepa, daß er die Energiewinde zwar noch nicht vollkommen gemeistert hätte, daß er aber bald sowohl die gewöhnlichen als auch besonderen Wunderfähigkeiten erlangen würde. Dann schilderte er ihm die Stelle, an der er weiter praktizieren sollte:

"Gehe zum Berg Gampo Dar im Osten. Dort wirst Du einen Hügel finden, der aussieht wie ein König auf einem Thron. Vor diesem Hügel liegen viele weitere, wie Haufen von Juwelen. Sie erscheinen wie sieben Minister, die sich vor dem König verbeugen. Auf der Kuppe dieses Hügels wirst Du die Schüler finden." Daraufhin sang ihm Milarepa ein Lied, gab ihm den Namen "Weltberühmter Vajra-Halter-Mönch", besondere Einweihungen und Unterweisungen und einige Abschiedsgeschenke. Als sich Gampopa auf den Weg nach Zentraltibet machte, begleitete ihn Milarepa noch ein Stück, bis sie an eine Steinbrücke kamen. Dort erhielt Gampopa von seinem Lehrer die letzten Unterweisungen. Schließlich setzte Milarepa seine Füße auf Gampopas Kopf und sagte: "Hiermit habe ich Dir alle Einweihungen gegeben. Jetzt sei glücklich und froh! Ich habe noch eine ganz ungewöhnlich tiefgründige Kernunterweisung, aber sie ist zu kostbar, als daß ich sie geben könnte. Geh jetzt!"

Damit schickte ihn Milarepa fort. Nachdem er den Fluß überquert hatte und so weit gegangen war, daß er kaum noch die Stimme seines Lehrers hören konnte, rief dieser ihn zurück. "Wem sonst außer Dir sollte ich diese kostbare Kernunterweisung geben? Komm jetzt her, und ich werde sie Dir mitteilen." Voller Freude fragte Gampopa: "Soll ich ein Mandala opfern?" Aber Milarepa verneinte und bat ihn nur, diese Belehrung wirklich zu schätzen und gut aufzupassen. Dann hob Milarepa seine Robe hoch, zeigte Gampopa sein nacktes Hinterteil mit all den Schwielen und sagte: "Es gibt keine tiefgründigere Belehrung als diese. Schau, welche Härten ich ertragen habe. Die tiefste buddhistische Belehrung lautet: Praktizieren! Nur durch meine ausdauernden Bemühungen habe ich Verdienst und Verwirklichung erlangt. Auch Du solltest voller Fleiß meditieren!"

Mit diesem starken Eindruck im Geist ver-ließ Gampopa seinen Lehrer und macht sich auf den Weg nach Osten. Milarepa ging nach Chubar, versammelte dort seine Schüler und sagte: "Dieser Mönchsarzt wird sehr vielen Wesen nützen. Letzte Nacht träumte ich, daß ein Adler von hier nach Zentraltibet flog und auf einem kostbaren Edelstein landete. Dann wurde er von vielen Gänsen umgeben. Kurz darauf verstreuten sich diese in verschiedene Richtungen, wobei jede von 500 weiteren umringt wurde. Alle Ebenen und Täler waren voller Gänse. Dieser Traum zeigt, daß obwohl ich ein Laienyogi bin, viele Nachfolger in meiner Linie Mönche sein werden. Ich bin so überglücklich, da ich jetzt meinen Dienst für das Dharma erfüllt habe."

Gampopa ging zuerst zum Kadam-Kloster Sewalung. Aber da sein Aufenthalt dort für seine Mahamudrapraxis nicht förderlich war, zog er sich für drei Jahre zur Meditation zurück, bis er die Natur des Geistes voll erkannt hatte. Dann verstand er, daß Milarepa ein voll erleuchteter Buddha war und er ihn bis dahin nur für einen Mahasiddha gehalten hatte. Dem Ratschlag seines Lehrers folgend, meditierte er weiter an verschiedenen Stellen. An einer Stelle die Sup hieß, träumte er, daß er einen Sohn hätte, dessen Kopf er abschnitt und sagte: "Ich habe meine Familienlinie abgeschnitten." Danach rollte er die Leiche den Hügel hinunter. Nach diesem Traum hatte er keinerlei Träume mehr und sein Schlaf wurde in klares Licht transformiert.

Sieben Jahre meditierte er in Rölkar, wo sich viele Leute um ihn versammelten und ihm viele Opferungen und Geschenke machten, die er unter den Einheimischen verteilte. Später praktizierte er am Berg Ode Kungyal. Dort erschien ein alter Mann, der einen Turban und schönen Schmuck trug. Er bot Gampopa an, ihn zu unterstützen, falls er sich an diesem Ort aufhalten wolle. Ansonsten solle er nach Daglha Gampo gehen. Dort würde sein Sohn sich um ihn kümmern. Danach löste er sich in einen Regenbogen auf und verschwand.

Mittlerweile waren zwölf Jahre vergangen seit Gampopa Milarepa verlassen hatte. Er erinnerte sich daran, daß sein Lehrer ihm gesagt hatte, er solle nach dieser Zeit zurückkehren. Also machte er sich auf den Weg nach Chubar. In Yarlung erfuhr er von einem Händler, daß Milarepa gestorben war. Der Händler brachte ihm den Stab und das Baumwollgewand Milarepas als Reliquien. Gampopa vergoß viele Tränen und wurde ohnmächtig. Die Leute um ihn herum massierten seine Hände und Füße und spritzten ihm Wasser ins Gesicht. Nachdem er wieder zu sich kam, warf er eine Unze Gold in Richtung Drin und sang voller Hingabe ein Lied an Milarepa, in dem er die Qualitäten Milarepas pries. Es endete mit den Worten:

Ich werde praktizieren
Bis wir im Dharmakaya eins geworden sind.
Beende nie Deinen Segensstrom,
Löse mich nicht vom eisernen Haken Deines Mitgefühls.
Durch den Verdienst dieser Bitte
Möge ich den Jetsün selbst treffen.
Wenn wir uns treffen, gewähre Deinen Segen.


Schließlich machte er sich wieder auf den Rückweg. Dakinis manifestierten ein Haus und besondere Speisen und opferten sie ihm. Als er fertig gegessen hatte, war das Haus wieder verschwunden. Gampopa meditierte weiter an einsamen Plätzen und ging von Ode Kungyal schließlich in Richtung Daglha Gampo. Er hatte Vorahnungen, daß Hindernisse für sein Leben auftauchen würden, und um diese abzuwenden, nahm er von seinem alten Kadampalehrer Geshe Nyukrumpa die Einweihung auf die Weiße Tara und die dazugehörige Langlebenspraxis. In Daglha Gampo wollte Gampopa wieder eine längere Zurückziehung machen, hatte aber eine Vision von einer Frau, die mit Asche beschmiert war und drei Pfauenfedern in den Händen hielt. Sie sagte zu ihm: "Es ist wichtiger, die Lehre zum Blühen zu bringen als Dich zurückzuziehen." Also nahm Gampopa immer mehr Schüler an. Schließlich wurden es so viele, daß er ein Kloster bauen mußte - das erste Kloster der Kagyü-Linie in Tibet.

Dorthin kamen Schüler aus allen Richtungen Tibets und Gampopas Ruf als ganz außergewöhnlicher Meister verbreitete sich immer mehr. Er vereinigte die beiden Ströme der Kadampatradition, die der große indische Meister Atisha in Tibet begründet hatte, und der Mahamudraübertragung Milarepas. Anders als seine Vorgänger in der Kagyü-Linie gab Gampopa Mahamudrabelehrungen auch an Schüler, die keine Einweihungen erhalten hatten. So ermöglichte er auch denen einen Zugang zur höchsten Praxis, die die besonders geschickten Mittel des Anuttarayogatantra nicht bekommen oder verwenden konnten. Diese Methode wurde als Sutra-Mahamudra bekannt und wie Gampopa seinem Schüler Phagmo Drugpa erklärte, basiert sie auf dem Uttaratantrashastra (tib.: Gjü Lama), einem Text der von Maitreya stammt. Es heißt, daß Gampopa fähig war, selbst in Dummköpfen ein Verständnis von Mahamudra zu erwecken, und viele erfuhren tiefe Meditationszustände allein dadurch, daß sie ihn sahen.

Gampopas Fähigkeiten waren ganz außerordentlich. Er konnte sich zur selben Zeit in verschiedenen Formen manifestieren. Während ihn einige Leute einmal in Lhasa Opferungen machen sahen und er schließlich mit Texten beladen zu seinem Kloster zurückkehrte, behauptete ein Schüler von ihm, daß Gampopa zur selben Zeit bei ihm gewesen war. Die Mönche in Zurückziehung hingegen sagten, daß er ihnen zu der Zeit Belehrungen gegeben hatte und schließlich behauptete sein Diener, daß sein Lehrer während des ganzen Zeitraumes in Zurückziehung praktiziert hatte. Auch nahmen ihn seine Schüler in vielen verschiedenen Formen wahr. Einmal als Feuer, Wasser oder gar nicht vorhanden. Einmal als goldenen Stupa, von der Licht ausstrahlte und ein andermal als tausendarmiger Chenresig.

Sein Schüler und Neffe Gomtsul sagte bei einer Gelegenheit: "Bodhisattvas auf der ersten Stufe haben die Fähigkeit, das ganze Universum in ein Staubkorn zu packen, ohne daß das Universum kleiner oder das Staubkorn dabei größer würde." Gampopa erklärte, dies sei die Natur aller Phänomene. Zum Beispiel kann der riesige Mond auch in einer kleinen Wasserlache erscheinen. Dann wurde er zu einem Buddha so groß wie ein Berg und dennoch paßte er in sein kleines Zimmer. Gomtsul erzählte Gampopa einmal von seiner Beherrschung der Energiewinde. Er war fähig, die Farben der verschiedenen Elemente des Atems wahrzunehmen und durch die Finger und jede Pore der Haut zu atmen. Als Antwort darauf hängte Gampopa seine Robe an einem Sonnenstrahl auf.

Ein anderer Schüler brachte ein Thangka, welches die fünf Dhyanibuddhas abbildete und bat um eine schnelle Segnung. Gampopa sagte: "Zünde ein Räucherstäbchen an und bringe ein Mandala als Opferung dar." Dann zeigte er sich inderForm von Buddha Shakyamuni und aus seiner Ushnisha strahlte Licht in das Thangka. Musik wie von Glocken und Damarus erklang. Blumenregen fiel, und der Himmel füllte sich mit glückverheißenden Zeichen. Dazu sagte Gampopa: "Dies ist eine schnelle Segnung." Einmal, während einer Sonnenfinsternis, sahen die tausend Mönche des Klosters ihren Lama am Himmel fliegen und aus einer Vase Wasser sprenkeln.

Sein Schüler Gargom Karpo bat Gampopa um die Übertragung der 13 Yidams. Dieser willigte ein. Als er das Mantra der 13 rezitierte, strahlte rotes Licht aus seinem Mund und schmolz in Gargom hinein. Dieser fühlte unermeßliche Hingabe und verbeugte sich vor seinem Lehrer. Währenddessen manifestierte sich Gampopa in der Form des viergesichtigen, zwölfarmigen Aspektes des Buddha "Höchste Freude" (Khorlo Demchog).

Einige Gelehrte kritisierten Gampopa dafür, daß er seinen jungen Schülern fast nur Meditation beibrachte und sie nicht viel studieren ließ. Einer der Gelehrten, der Geshe Gyalwa Chungtsan Chen, träumte dann aber, daß der ganze Berg von Daglha Gampo zu Höhlen wurde. In jeder dieser Höhlen stand ein kostbarer Stupa, der schön bemalt war. Einige waren ganz fertiggestellt, andere noch nicht und Licht strahlte von ihnen aus. Viele Leute verbeugten sich vor ihnen und sagten, sie wären die Zuflucht aller Wesen in Samsara. Am nächsten Morgen ging der Geshe zu Gampopa, um ihm von seinem Traum zu erzählen. Doch bevor dieser etwas sagen konnte, sprach Gampopa: "Diejenigen, die auf den Intellekt vertrauen, mögen mich nicht und tadeln mich, aber meine Novizen sind genauso wie die Stupas in deinem Traum. Sie sind die Zuflucht aller Wesen in den sechs Bereichen."

Einmal fragte sein Schüler Rukom Gampopa: "Wenn man die Stufe von "Einem Geschmack" erreicht, werden dann Körper, Geist und Erscheinung eins?" Als Antwort fuhr Gampopa mit der Hand durch eine Säule.

Als er sich am Berg Dregu aufhielt, bat der König Lhagom ihn, dort einen Tempel einzuweihen. Gampopa warf eine Blume in der Himmel und sie verschmolz mit dem Altar. Seine Ritualvase blieb im Raum stehen und er hing seine Robe wieder an einem Sonnenstrahl auf. Dabei sahen ihn alle Anwesenden in der Form des Chenresig Khasarpani.

Gampopa hatte über 50.000 Schüler, von denen sehr viele hohe Verwirklichung erlangten. Die allerwichtigsten unter diesen waren der erste Karmapa Düsum Khyenpa,dem er alle Lehren übertrug, Phagmo Drupa, Baram Dharma Wangchuk und sein Neffe Gomtsul. Diese bzw. ihre Schüler gründeten die vier großen und acht kleinen Kagyü-Linien.

Gampopa starb im Alter von 77 Jahren. Am Himmel erschienen zu der Zeit Siegesbanner und andere glückverheißende Zeichen. Musik ertönte und der Geruch von Räucherwerk durchdrang die ganze Gegend. Als er verbrannt wurde, gab es ein kleines Erdbeben und fünffarbiger Rauch erschien zusammen mit verschiedenfarbigen Lichtern. Musikopferungen und ein Regen von blauen Blumen fiel. Sein Herz, seine Zunge und viele andere Reliquien wurden in der Asche gefunden.