Aus: Buddhismus Heute Nr. 17, ( 1995)

"Ein paar neue Einsichten..."

Interview mit Lama Ole Nydahl zur Begegnung mit dem 17. Karmapa

Nun ist ein Jahr vergangen, seit Du den 17. Karmapa das erste Mal gesehen hast. Wie war denn die zweite Begegnung mit Karmapa?


Ole: Diese zweite Begegnung zeigte uns voll seine jetzige Bewußtseinsebene. Und ich muß sagen, daß ich sehr beeindruckt war. Man sieht selten Leute, die einfach so wie er in den Raum verschwinden, dann daraus wieder auftauchen und sich gleichzeitig der ganzen Lage bewußt sind.

Ich kam zu ihm hereingesprungen. Ich dachte gar nicht an all das Formelle, ich wollte einfach zu ihm hin, weil wir uns so nah sind. Er begann mich sofort zu segnen und ich saß einfach da. Nachdem er sich mal wieder im Gespräch in den Raum zurückgezogen hatte, sagte er plötzlich ganz unvermittelt: "Du bist hier reingesprungen!" Ich sagte: "Das ist meine Arbeit. Schützer hüpfen." Daß ich in den Raum gesprungen kam, erschien ihm wahnsinnig schnell, und er hat immer wieder darüber gesprochen.

Hannah, Caty und Tomek kamen mit, und dann waren noch einige Fotografen da. Karmapa saß da, wollte lächeln, aber gleichzeitig die Lage etwas formal halten und genau untersuchen, was da war. Man sah deutlich, daß er etwas zuviel gehetzt worden war, zum Beispiel hat ihm das dauernde Fotografiert werden wenig Spaß gemacht. Er wurde erst richtig locker, als die Kameraleute weg waren.

Wir haben auch über seine Ausbildung gesprochen, was er alles lernt und wie es mit dem Englischunterricht läuft. Ich habe in Australien Englischlehrer gefunden, aber Shamarpa möchte nicht, daß Karmapa von seinen Schülern belehrt wird, da dann keine Disziplin herrsche. Shamarpa wünscht sich eher einen harten Sprachlehrer der alten englischen Schule, und diesen sucht man jetzt. Die beiden tüchtigen Leute, die ich gefunden hatte, überlegt Shamarpa für sich zu nutzen. Er möchte gerne selbst etwas hinzulernen, auch aus Wissenschaft und Kultur. Nach einer Viertelstunde, als einmal nicht so viel los war, haben dann Topga Rinpoche und ich uns die Hände geschüttelt, Karmapa sagte "Das hättet ihr sofort tun sollen, jetzt ist es zu spät." Ich antwortete "Wir sind doch alte Freunde."

Was gibt es Neues bezüglich der Sache mit dem echten und falschen Karmapa?

Es hat sich nichts anderes ergeben, als daß wir fast überall gewonnen und die anderen fast durchweg verloren haben. Da ist keine Kraft mehr, vor kurzem sind in Sikkim sechs von Bhandaris Leuten zu uns herübergewechselt. Sie hatten für die Chinesen gearbeitet und das wurde eines Tages entdeckt. Wir haben auch gehört, daß Gyaltsab Rinpoche versucht hat, aus Sikkim herauszukommen, dann am Flughafen von Bhagdogra aufgehalten und in die Berge von Sikkim zurückgeschickt wurde.

Stimmt es, daß einige bekannte Kagyü-Lamas und Rinpoches heimlich hier nach Delhi kamen, um Karmapa zu treffen?

Einige aus Ladakh kamen ganz offen, andere heimlich von überall her. Die Tibeter wissen eben, auf welcher Seite vom Brot die Butter ist. Die Lamas entdecken, daß wir so gut wie gewonnen haben und sie versuchen nun, in der besten Weise ihr Gesicht zu wahren. Über die Tibeter kann ich nicht so viel sagen, aber wer im Westen gegen uns ging und nun wieder in die Kagyü-Zentren gehen möchte, der muß 1000 Mal schreiben "Als Buddhist soll man klar und kritisch denken können". Wir können mit Leuten, die an chinesische Propaganda und unbewiesene Briefe glauben, überhaupt nicht rechnen.

Es fiel auf, daß viele Leute bezüglich Karmapa sehr viele Erwartungen haben.

Nun, alle wollen etwas von ihm. Er ist zwölf Jahre alt und von einer sehr feinen Konstitution. Obwohl er den riesigen Raum bereits hat und obwohl er jeden Tag ein paar Wunder vollbringt, ist er bis jetzt nicht für den großen allgemeinen "Verschleiß" gemacht. Er hat mir von den großen Energieströmen erzählt, die er in seinem Körper spürt. Ich habe ihm dann selbst erzählt, wie er im letzten Leben war, und daß er damals gesagt habe, daß er in seiner nächsten Inkarnation ganz still und mild sein werde. Das Ergebnis davon ist vielleicht, daß er heute Energien hat, die er zunächst ausgleichen und beruhigen muß. Er ist noch jung, ein Kind mitten im Lernen und Wachsen. Meine eigenen Gefühle für ihn sind unter anderem auch Schutzgefühle.

Gerade jetzt würde ich all meinen Schüler - die wir letztendlich alle Schüler von Kamapa sind - raten, daß wir mehr auf seinen Geist und seinen Raum, als auf seinen Körper meditieren sollten. Also in der Karmapa-Meditation im Vertrauen zum Raum verweilen, dadurch werden wir mit ihm zusammen sein.

Wie steht es damit, daß er in den Westen reisen wird?

Karmapa sagte selbst, daß es zur Zeit besser ist, wenn wir zu ihm reisen, er würde dann später zu uns kommen.

Was ist Dein Eindruck vom KIBI?

Es ist wirklich angenehm hier im KIBI und ich bin froh, daß wir diese Stelle haben. Nach der Zeit vom Kamalashila hatten wir ja alle genug von "Instituten", da es so unmöglich abgelaufen war. Inzwischen ist Kamalashila zur "chinesischen Botschaft" geworden, obwohl gar nicht alle Mitglieder des Vereins dafür gewesen waren, den chinesischen Karmapa anzuerkennen.

Tibeter wollen sich nie festlegen, sie wollen ein Bein auf beiden Seiten und das andere dann zu der Seite rüberziehen, die gewinnt. Daß sie jemals ordentlich zu etwas stehen, ist schwierig zu finden.

Komisch ist auch die Haltung von Dharamsala: Sie haben so viel Angst vor einem starken Karmapa und dem Westen und spielen immer noch das alte Spiel.

Wie war denn Deine diesjährige Weltreise?

Es war eine sehr gute Reise. Kolumbien ist knallhart, das Land verkauft immer noch zuviel weißes Pulver. Australien war toll. Wir haben Perth zum ersten Mal geöffnet und den größten australischen Phowa-Kurs erlebt. Es wird weiter wachsen, wir haben große Pläne für nächstes Jahr. Der Phowa-Kurs wird in einem taiwanesischen Kloster stattfinden. Sie haben für Hunderttausende von Dollar einen großen Tempel nahe Wollongong hingestellt, und wenn wir diesen nutzen können, bedeutet das einen Quantensprung.

Wie geht es weiter?

Ich bin froh, hier bei Karmapa gewesen zu sein. Den vollen Segen erwarte ich erst irgendwo auf dem Weg, vielleicht im Flugzeug, in Japan oder Russland. Die Tiefe zu verdauen und richtig zur eigenen Sache zu machen, vor allem wenn man so aktivitätsbetont ist, wie wir es sind, ist nicht so einfach. Doch diese Tiefe reist mit einem und hat man dann irgendwo einmal Ruhe, dann geschieht es und der Segen haut voll durch. Ich erwarte dann auch ein paar neue Einsichten.


KIBI, New Delhi, 1. März 1995