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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 17, ( 1995)

Karmapas Kanarienvögel

Von Khenpo Tschödrag und Martin Laschkolnig

Der 16. Karmapa war bekannt für seine Beziehung zu Vögeln, insbesondere zu Kanarienvögeln. Wie man zum Beispiel in den Büchern von Lama Ole Nydahl lesen kann, ließ Karmapa sich oft zu Tierhandlungen bringen, um dort Vögel mit besonderen Qualitäten auszuwählen. Diesen Tieren lehrte er Meditation, und zum Zeitpunkt ihres Todes waren diese Vögel fähig, einen tiefen Meditationszustand zu verwirklichen.

Laut den Erklärungen von Khenpo Tschödrag Tenphel Rinpoche wird dieser Zustand auf Tibetisch Thugdam genannt. In dem Moment des Sterbeprozesses, in dem der "äußere Atem" aufhört, und die Energien sich im zentralen Energiekanal des Körpers zusammenziehen, zeigt sich für einen Moment die wahre Natur unseres Geistes. Gewöhnliche Wesen können diesen Prozeß normalerweise nicht bewußt miterleben, da die Eindrücke, die dabei im Geist entstehen, so stark sind, daß eine Ohnmacht eintritt, aus der man erst drei Tage später im Bardo - dem Geisteszustand zwischen Tod und Wiedergeburt - wieder erwacht.

Thugdam ist ein außergewöhnlicher Zustand, der nur von sehr fortgeschrittenen Praktizierenden erlangt und längere Zeit gehalten werden kann. Die äußeren Zeichen dieses Meditationszustandes sind ein warmer Körper, obwohl der physische Tod bereits eingetreten ist, und das Beibehalten der eingenommenen Meditationsstellung. Im Normalfall erschlaffen kurz nach dem Eintritt des Todes alle Gliedmaßen.

Als der 16. Gyalwa Karmapa 1981 in Chicago starb, blieb er selbst für mehrere Tage in diesem Zustand. Karmapa war auch die einzige Person, die diese Meditationspraxis Vögeln lehren konnte. Ende November 1994 hat seine Reinkarnation, der 17. Karmapa, diese Fähigkeit zum ersten Mal demonstriert: Künzig Shamar Rinpoche hatte von einer Südostasienreise mehrere Königskanarienvögel nach Neu Delhi mitgebracht. Einer dieser Vögel war krank und Shamar Rinpoche gab das Tier dem 17. Karmapa Thaye Dorje.

Der Vogel starb trotzdem am nächsten Tag. Zum Zeitpunkt seines Todes - um cirka 15.00 Uhr - trat er dann in den oben beschriebenen Meditationszustand ein: Seine Körperhaltung war völlig aufrecht, der Kopf leicht erhoben. Der Körper blieb warm, besonders im Kehlbereich. Nachdem er sechs Stunden in diesem Meditationszustand geblieben war, wurde sein Körper schlaff und erkaltete.

Khenpo Tschödrag Thenpel Rinpoche gab die folgenden Erklärungen auf die Frage, was der Zustand des Thugdam bedeutet und wie es dazu kommen könne, daß ein Vogel nach einem Treffen mit Seiner Heiligkeit Karmapa diesen Zustand erlebt: "Das allgemeine Zeichen dafür, daß jemand 'im Zustand der Meditation stirbt', ist, daß die Person in Meditationshaltung sitzen bleibt, selbst wenn sie schon zu atmen aufgehört hat. Wie ist so etwas möglich?

Lamas bleiben beim Sterben in Meditationshaltung, wenn sie während ihres Leben eine stabile Meditationspraxis entwickelt haben; sie ermöglicht ihnen, am Ende des Lebens in einen Meditationszustand einzutreten.

In den buddhistischen Belehrungen ist die Rede von zwei Arten von sogenannten "Winden" oder "Atem", die im Körper zirkulieren; eine Sorte nennt man "Wind des Karma" und die andere "Weisheitswind". Es heißt, daß eine Person mit guter Gesundheit im Laufe von 24 Stunden mehr als 20.000 mal atmet, und daß von diesen Atemzügen höchstens 32 dem sogenannten "Weisheits-Atem" angehört.

Jemand, der viel praktiziert hat, transformiert den "Karma-Atem" in "Weisheitsatem", indem er stufenweise die Anzahl der karmischen Atemzüge senkt und die Anzahl der Weisheits-Atemzüge erhöht. Wenn jemand während seines Lebens viel praktiziert hat, kann er im Moment des Todes den Weisheitswind halten, selbst nachdem der Karma-Wind aufgehört hat - also nach dem Aufhören des Atems. Dadurch ist es ihm oder ihr möglich, aufrecht sitzenzubleiben und zu meditieren. Manche können stundenlang oder sogar mehrere Tage - eine Woche oder mehr - in dieser Position verweilen. Es gibt keine festgelegte Zeitdauer dafür und die Qualität der Meditation ist nicht von dieser Zeitdauer abhängig.

Jemand, der in diesem Zustand verweilen kann, hat den buddhistischen Pfad praktiziert. Wenn er oder sie diesen Thugdam-Meditationszustand verläßt, geht sein oder ihr Geist in ein Reines Land. Manche gehen auch erst in ein Reines Land und nehmen dann aus Mitgefühl zu den fühlenden Wesen wieder Geburt in einem menschlichen Bereich an.

Seine Heiligkeit der 16. Karmapa, mit dem ich 22 Jahre verbrachte, mochte Tiere, insbesondere Vögel und Hunde, und er hatte viele Haustiere. Sie alle verweilten nach ihrem Tod in Meditation. Ich nehme an, daß die Erklärung dafür ist, daß ein Bodhisattva auf der neunten Stufe die Macht über Wünsche vervollkommnet hat und mit all den verschiedenen Wesen jeweils in ihrer eigenen Sprache kommunizieren kann. Da Seine Heiligkeit Karmapa über diese Stufe hinaus ist, kann er mit Vögeln und Hunden in ihrer Sprache reden und ihnen Belehrungen geben. Diese Tiere können dann, wie die menschlichen Praktizierenden, den Weisheitsatem halten, selbst wenn der karmische Atem aufgehört hat, und sie können in einem stabilen Meditationszustand verweilen.

Dieser Vogel nun war der erste von den Vögeln des 17. Karmapa, der in Meditation gestorben ist. Karmapa tut dasselbe, was er schon in seinem letzten Leben getan hat. Er ist zwar erst 12 Jahre alt, noch ein kleiner Junge [Karmapa Thaye Dorje war 11 Jahre zum Zeitpunkt des Interviews; Tibeter rechnen das Lebensalter jedoch vom Zeitpunkt der Empfängnis ab], aber was hier geschah, zeigt sehr gut, daß er all die spirituellen Qualitäten seiner vorhergehenden Inkarnation hat. Das haben wir jetzt alle gesehen."

Zum Schluß meinte Khenpo Tschödrag, daß er die ganze Aufregung um das Wunder mit dem Vogel nicht versteht, denn der 16. Karmapa hätte das doch auch gemacht.