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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 17, ( 1995)

Dharmalehrer

Von Lama Ole Nydahl

Kriterien, um die Qualitäten eines Dharmalehrers oder einer Dharmalehrerin zu beurteilen
Jeder gute Lehrer muß natürlich sein Handwerkszeug verstehen und den Lehrstoff beherrschen. Den Diamantwegslehrer erkennt man insbesondere an seiner Lebenserfahrung und seinem unveränderlichen "guten" Stil. Auch die ständig von innen hochquellende Freude, anderen mit Buddhas Mitteln helfen zu können, ist eines seiner Merkmale.

Im Theravada kann der Lehrer sein Paket an Wissen weitergeben und sagen: "Folgt meinen Worten, aber nicht meinen Taten." Auf der höchsten Ebene muß man zu jeder Zeit Beispiel sein und im Leben die Belehrungen vertreten. Das ist der große Unterschied.

Wer sich zu unausgeglichen verhält, Dramen veranstaltet oder zu oft in persönlichen Sachen daneben liegt, eignet sich nicht als Geber von Belehrungen, die Vertrauen voraussetzen. Man muß mutig sein, um anderen eine Zuflucht zu bieten und Schwäche, Empfindlichkeit oder das Kneifen vor Auseinandersetzungen würde einen als Diamantwegslehrer durchfallen lassen. Die gegebene Botschaft braucht deswegen nicht schlecht sein, aber die Zuhörer müssen in dem Fall zwischen Lehre und Lehrer unterscheiden und wissen, daß der Letztere die Lehre nicht völlig lebt.

Man soll unter allen Umständen die Lehrer, an deren Erfahrung oder Wissen man teilhaben will, gut anschauen. Nicht nur muß das Auftreten in der Öffentlichkeit und auf der Bühne verständlich und nachempfindbar sein, sondern die Lehrer sollten, wenn möglich, auch im Leben ihrem Stil-Weg als Mönch/Nonne, Laie/Laiin oder Yogi/Yogini entsprechen. Vor allem auf dem Diamantweg ist dies wichtig, denn können die Schüler das Band halten, werden sie innerhalb von wenigen Jahren die Eigenschaften ihres Lehrers weitgehend übernommen haben. Bricht die Verbindung, sitzen sie entwicklungsmäßig im Sand. Die Schüler müssen das gegebene Beispiel sehr lange ernst nehmen. Das bedeutet: Wer auf Diamntwegsebene lehrt, hat eine riesige Verantwortung.

Mönche und Nonne, die aus Enthaltsamkeit heraus lehren, müssen also den von Buddha geratenen Abstand zum Leben bewahren, der Laienlehrer darf im täglichen Leben nicht durchfallen, und der Yogi darf seine hohe Sicht nicht verlieren.

Selbstverständlich ist man sich all dessen nicht bewußt, wenn man zum ersten Mal in einen tibetisch- buddhistischen Vortrag sitzt. Die Zuhörer spüren die entsprechenden Schwingungen der Linien und Lehrer und fühlen sich vielleicht angesprochen. Sie sind offen, dadurch auch verwundbar, und wollen das neugewonnene Gefühl von Sinn und Klarheit mit ins Leben tragen.

Andere wollen gerne so bleiben wie sie sind und ihre selbstgestrickten guten Gefühle nur bestätigt wissen. Nach einer ersten Schonfrist darf der Diamantwegslehrer das aber nicht mehr erlauben, sonst entsteht Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung und alles wird schwammig oder kopflastig.

Das Verhältnis zwischen Zügel locker und straff halten ist dabei spannend, denn die gegebenen Mittel machen die Schüler bewußt und kritisch, zuerst sich selbst gegenüber. Sie sehen plötzlich in der Meditation vieles aus ihrem Leben, was sie lieber nicht erkannt hätten. Der Lehrer muß hier ein erstes Mal sicher und voll vertrauenswürdig dastehen. Der Schüler muß verstehen, daß er sich auf einem guten Weg befindet, und daß es sich um Eindrücke handelt, die immer in ihm lagen und ihn jetzt verlassen.

Je härter der Lehrer selbst gekämpft und sich geprüft hat, desto überzeugender ist er in dieser Phase. Widersprüchliches in der Weltpolitik aufzudecken, gehört genauso dazu, sonst ist man den Schülern kein guter Freund. Sie müßten dann das Schwierige, was sowieso von der Gesellschaft auf sie zukommen würde, ohne Richtung durchstehen. Ein Lehrer, der heutzutage zu Islam und Übervölkerung keine Stellung bezieht, ist für seine Schüler gefährlich schwach.

Auf vielen Stufen der Entwicklung ihrer Schüler wird von Diamantwegslehrern diese Unerschütterlichkeit und der überpersönliche Überblick erfordert. Es dauert einfach lange bis der Schüler, den Texten nach, "nicht mehr Vertrauen spürt, wenn der Lehrer in der Luft fliegt und nicht weniger, wenn er lebende Wesen zerschneidet", sondern einfach versteht, daß er weiß was er tut und einen mit wirksamsten Mitteln weiterbringt.

Auch der Lehrer muß ständig aufpassen, bis er die Ebenen eines Karmapa erreicht, wo Fehler nicht mehr möglich sind. Sogar bei den höchsten Lamas unserer Kagyü-Linie haben sich Skandale im Umfeld des chinesischen Karmapa-Kandidaten gehäuft. Die der Gelugpas waren wegen ihres politischen Einflußes immer besonders schwerwiegend und die Rigpa-Leute, sonst nicht zimperlich in der Beurteilung anderer Lehrer, müssen jetzt auch schwere Anklagen im eigenen Haus verkraften.

Die nahe Verbindung zum Lama über Jahrhunderte der schnellste Weg zur vollen Entfaltung hat sich also keineswegs überlebt. Zusätzlich geben Selbständigkeit, Ausbildung und kritisches Denkvermögen dem Westler heute die Möglichkeit, auf mehr Ebenen als früher das Verhalten eines Lehrers nachzuempfinden und daraus zu lernen.

Am Ende bleiben unter allen Umständen die großen Fragen des Vertrauens: Ist er dicht? Hat er es geschafft? Würde er für mich einstehen? Möchte ich so werden wie er?

Ich hoffe, Ihr findet einen, der auf diesen Gebieten nicht schlappmacht und kann Euch Karmapa, Künzig Shamarpa, Lopön Tsechu Rinpoche, Topga Rinpoche, Khenpo Tschödrag und einige der lebenserfahrenen Kagyü-Laienlehrer empfehlen.