Aus: Buddhismus Heute Nr. 17, ( 1995)

Yidams - Wurzel der Siddhis

Von Jamgön Kongtrul Rinpoche

Die gezielten Methoden des Vajrayana bewirken, daß die normalerweise als unrein erlebten Erscheinungen auf eine reine Ebene geführt werden. Der Kernpunkt dieser Umwandlung ist das Verständnis, daß alle Phänomene nur in relativer Hinsicht so erscheinen, wie wir sie erleben; in letztendlicher Hinsicht wohnt ihnen keinerlei wahrhafte Existenz inne: Sie sind nichts als ein Traum, eine Illusion. Wenn man diese eigentliche Seinsweise aller Dinge verstanden hat, so ist dies bereits das Erlebnis ihrer Reinheit.

Unreines in reines Erleben zu verwandeln funktioniert nicht so, daß man zum Beispiel ein Mantra sagt und infolgedessen dann die Phänomene umgewandelt werden. Es ist auch nicht so, daß bestimmte Substanzen diese Kraft hätten, oder daß man irgendwelchen Göttern Opferungen darbringt und sie einem dann helfen oder ähnliches. Das alles hat nichts mit dem zu tun, was beim Vajrayana geschieht. Worum es tatsächlich geht ist, das Verständnis zu entwickeln, daß die Welt der Erscheinungen nicht in sich Verwirrung darstellt, sondern daß erst unser Haften an den Dingen die Verwirrung ins Spiel bringt.

Um die Reinheit aller Dinge zu erleben, ist nichts anderes erforderlich, als zu verstehen: Auf relativer Ebene erscheinen die Dinge aufgrund von verschiedenen Bedingungen und in gegenseitiger Abhängigkeit - in letztendlicher Hinsicht sind sie jedoch nicht wahrhaft existent. Diese beiden Aspekte sind nicht voneinander getrennt.

Was ist nun eigentlich mit "unreine Erscheinungen" oder "unreines Erleben" gemeint? "Unrein" bezieht sich darauf, daß wir glauben, die Dinge seien wirklich und unabhängig voneinander existent. Der Glaube, daß die Dinge wahrhaft bestehen, ist eine extreme Anschauung, die unzutreffend ist, da die eigentliche Natur der Dinge Leerheit ist. Wenn man die Leerheit aller Phänomene erkennen will, kann man jedoch nicht in der Weise daran gehen, daß man einfach nur akzeptiert, was darüber gesagt wird und es dabei beläßt. Es würde tatsächlich sehr schwer sein, die wahre Natur der Dinge zu verstehen, wenn man nur darüber spricht oder es nur hört.

Nicht das bloße Erscheinen der Dinge macht also die Verwirrung aus, sondern die Art und Weise wie wir uns auf sie beziehen und an ihnen als wirklich existent anhaften. Weil die Dinge an sich Leerheit sind, sind sie jenseits von Kategorien wie "Entstehen" und "Vergehen", und daß sie in Erscheinung treten, ist der Aspekt der Ungehindertheit des Eigenausdrucks. Um das zu verstehen, werden die verschiedenen Methoden des Vajrayana verwendet.

Für die Praxis des Vajrayana braucht man die Anschauung, daß die Dinge nur in relativer Hinsicht erscheinen und ihrer eigentlichen Natur nach nicht wahrhaft existent sind. Dennoch ist es ja so, daß man jetzt die Dinge noch für wirklich hält. Dies sind also zwei verschiedene Perspektiven und worum es geht ist, sie miteinander zu verbinden, so daß sie nicht im ständigen Widerstreit miteinander stehen. Die verschiedenen Vajrayana-Methoden, wie zum Beispiel Meditation auf Buddha-Aspekte (Tib.: Yidam, wörtlich "Geistband") und Mantras, werden verwendet, um diesem scheinbaren Widerspruch ein Ende zu machen.

Von den "Drei Wurzeln" des Vajrayana - Lama, Yidam und Schützer - ist der Lama die wichtigste; Yidam und Schützer sind Manifestationen des Lama. Der Geist des Lama ist Dharmakaya, die Leerheit des Raumes. Die Yidams erscheinen daraus als ein Ausdruck des dem Geiste innewohnenden Mitgefühls und seiner Klarheit. Ihnen kommt also nicht eine wahrhafte Existenz zu, wie sie weltlichen Göttern zugeschrieben wird.

Der Grund dafür, daß die Yidams in vielfältigen Formen erscheinen - zum Beispiel friedliche und zornvolle - ist, daß die Schüler unterschiedliche Einstellungen, Anschauungen und Bestrebungen haben. Um diesen verschiedenen Wünschen gerecht zu werden, gibt es die unterschiedlichen Erscheinungsformen der Yidams, als Mitgefühlsausdruck des Lama. Die Yidams erscheinen auch in so vielfältiger Weise, um zu symbolisieren, daß die ganze Vielfalt unseres Haftens an unreine Erscheinungen gereinigt wird.

Wir haben jetzt eine dualistische Auffassung und denken immer in dualistischen Kategorien. Deswegen können wir uns jetzt auch nicht auf den letztendlichen Yidam beziehen und benötigen etwas, das ihn repräsentiert. Die vielen Yidamformen, die wir von den Bilder her kennen, sind in dieser Weise Symbole für den letztendlichen Yidam.

Die Meditation auf die Yidam-Gottheiten wird in zwei Phasen unterteilt, die man "Entstehungsphase" (Tib.: Kjerim) und "Vollendungsphase" (Tib.: Dsogrim) nennt. Der Sinn davon ist folgender:

Alle Erscheinungen entstehen in gegenseitiger Abhängigkeit. Etwas entsteht zu einem gewissen Zeitpunkt, besteht für eine Weile und vergeht wieder. Die beiden Phasen der Meditation werden verwendet um zu symbolisieren, daß dieses Prinzip des Entstehens und wieder Vergehens auf eine reine Ebene überführt wird.

Das Entstehen der Gottheit symbolisiert, daß die Anhaftung am Entstehen der allgemeinen Erlebniswelt gereinigt wird. Die Entstehungsphasen haben verschiedene Elemente: Zuerst stellt man sich selbst als die Gottheit vor, dann stellt man sich die Gottheit vor sich im Raum vor, man bringt Opferungen dar, macht Lobpreisungen usw. Der Grund dafür, daß man sich zuerst selbst als der Yidam vorstellt ist folgender: Wir alle halten uns für sehr wichtig. Wenn uns nun jemand sagt: "Du bist gar nicht wirklich vorhanden", so ist das für uns schwer zu verstehen und zu akzeptieren. Bei der Entstehungsphase geht man nun in der Weise damit um, daß man gar nicht darüber nachdenkt, ob man wirklich existiert oder nicht, sondern über diese Frage einfach hinweggeht und sich in der Form des Yidams vorstellt. Wenn man sich - im Gewahrsein, daß der Yidam ein Ausdruck völliger Reinheit ist - als Yidam vorstellt, verschwindet das Haften am Ich dann ganz von selbst.

Die Vorstellung des Yidams vor einem im Raum wirkt in derselben Weise: Wir haften jetzt an all den äußeren Objekten, die wir wahrnehmen. In der Entstehungsphase stellt man sich vor, daß die gesamte äußere Welt der reine Palast des Yidams ist. Der Yidam ist in diesem Palast und alle Wesen erscheinen in der Form des Yidams. Dadurch, daß man sich die unreinen Erscheinungen in ihrer reinen Form vorstellt, überwindet man das Haften an ihnen.

Es ist also wichtig zu verstehen, daß all diese Elemente in der Entstehungsphase einen symbolischen Gehalt haben. Ohne dieses Verständnis, beispielsweise mit dem Glauben, daß die Gottheit wirklich existiert, verwirrt man sich selbst in der Meditation und fördert sogar noch die Illusion.

Wenn man die verschiedenen Entstehungs- und Vollendungsphasen der Yidams verwendet, ist es wichtig zu wissen, was die Bedeutung der verschiedenen Formen ist. Warum zum Beispiel stellt man sich 16 Arme, vier Beine usw. vor, wenn zwei eigentlich genügen? Zu glauben, daß es einfach so ist weil die Yidams eben so aussehen, wäre eine verkehrte Anschauung. An die wahre Existenz des Yidam zu glauben, ist eigentlich etwas lächerlich und sehr verwirrend.

Man soll stattdessen verstehen, daß es etwas gibt, was gereinigt wird und ein Mittel der Reinigung. Die Vorstellung eines Yidams mit vier Armen ist beispielsweise ein Symbol dafür, daß unser normales Erleben aller Vierer-Kategorien - zum Beispiel die vier Elemente und alles andere, wovon wir glauben, daß es vierfach erscheint - gereinigt wird. Die drei Augen eines Yidams symbolisieren die Überwindung unseres Denkens in Dreier-Kategorien, zum Beispiel die drei Zeiten. Das Gleiche gilt für alle anderen Details der Gottheit; sie alle haben den Sinn, unser normales Haften an der Erlebniswelt zu reinigen.

Ohne dieses Verständnis verfällt man in der Meditation in völlig verkehrte Anschauungen; man glaubt dann entweder, daß die Dinge wirklich sind oder daß sie gar nicht bestehen. Man schlägt so einen völlig verkehrten Weg ein, der mit Vajrayana überhaupt nichts mehr zu tun hat, und auch nichts mehr mit Buddhismus als solchem. Die Yidams für wirklich zu halten und nicht zu verstehen, daß sie Symbole für die Reinigung unserer konzepthaften Anschauungen der Erlebniswelt sind, baut nur noch mehr Konzepte auf. Es bewirkt, daß sich die Illusionen, die man sowieso schon hat, noch mehr verstärken, was unter Umständen dazu führt, daß man in Meditation auf einmal große Angst bekommt oder daß verschiedene Gedanken aufkommen, mit denen man nichts anzufangen weiß. Deswegen ist es für die Meditationspraxis - besonders im Vajrayana - so wichtig, daß man sich die richtige Sichtweise aneignet.

Wie sieht nun diese richtige Sichtweise aus? Es ist das Verständnis, daß die relative Erscheinung der Dinge und ihre letztendliche Wirklichkeit eine Einheit bilden, nicht voneinander getrennt sind und sich nicht widersprechen.

Die Entstehungsphasen der Yidam-Gottheiten entsprechen der relativen Wirklichkeit, der Art und Weise wie die Dinge erscheinen. Die Vollendungsphasen entsprechen dem Prinzip, daß in letztendlicher Hinsicht die Dinge nicht wahrhaft existent sind. Zugleich braucht man auch das Verständnis, das beide eine Einheit bilden.

Die Vollendungsphasen verwendet man, um zu vermeiden, daß man in das Extrem fällt, die Dinge für wirklich vorhanden zu halten. Die Entstehungsphasen verhindern das Extrem, die Dinge für gar nicht vorhanden, für nur leer, zu halten. Das Verständnis, daß beide eine Einheit bilden, bewirkt, daß man versteht, daß alles die Einheit von Freude und Leerheit ist.

Wenn man in dieser Weise meditiert, kann man durch die Anwendung der Yidampraxis die allgemeinen und letztendlichen Errungenschaften erlangen. In diesem Sinne wird der Yidam als die "Wurzel der Errungenschaften" bezeichnet.

Die Schützer, die "Wurzel der Aktivität", kann man als den vielfältigen Ausdruck der Yidams sehen, die wiederum Ausdruck des Dharmadhatu-Geistes des Lama sind. Die Bedeutung der Schützer ist, daß - da das Vajrayana ein sehr tiefgründiger Weg ist - viele widrige Umstände und Hindernisse aufkommen können, wenn man den Weg geht. Man stützt sich auf die Schützer um diese Hindernisse zu beruhigen und beseitigen. Yidams und Schützer sind im Vajrayana sehr wichtig, jedoch ist der Lama, die Wurzel des Segens, das wichtigste Element. Der Grund ist, daß nur durch den Lama Segen und Inspiration in den eigenen Geiststrom eintreten können.

Allen Elementen die man auf dem Vajrayana-Weg verwendet, wohnt ein tiefer Gehalt inne: Der Körper des Yidam ist die Einheit von Erscheinung und Leerheit, das Mantra die Einheit von Laut und Leerheit und der Geist die Einheit von Bewußtheit und Leerheit. Wenn man diese Elemente in der eigenen Praxis verwendet, kann man - indem man völlig in diesem Gewahrsein ruht - den Stolz der Gottheit entstehen lassen. Dazu muß man jedoch ein Verständnis der tatsächlichen Bedeutung dieser Dinge haben. Es geht nicht darum, sich nur als Gottheit vorzustellen, denn durch die bloße Vorstellung kommt man nicht zu diesem Verständnis.

Praktizierende müssen drei Dinge verstehen: Die Anschauung ist, daß die beiden Arten der Wirklichkeit eine untrennbare Einheit ausmachen. Für den Weg ist das Verständnis wichtig, daß Methode und Weisheit eine Einheit bilden. Im Hinblick auf die Frucht braucht man das Verständnis, daß die beiden Kayas, die erlangt werden, eine Einheit sind. Insbesondere wenn man Mahamudra oder Maha Ati praktiziert, ist das Verständnis dieser drei Elemente sehr wichtig. Sonst kann man durch die Praxis eigentlich nicht die entsprechende Frucht verwirklichen.

Was hat es mit dem "letztendlichen Yidam" auf sich? "Liebevolle Augen" (Chenresig) zum Beispiel erscheint in einer ganz bestimmten Form, mit vier Armen usw. Dies ist aber nicht der letztendliche Aspekt dieses Yidams, sondern nur seine Erscheinungsweise. Der letztendliche Yidam ist das Gewahrsein, daß Chenresig Ausdruck des Mitgefühls aller Buddhas ist.

Die Form, wie "Diamant-Schweine-Mädchen" (Dorje Phagmo) erscheint, ist ihre symbolische Form. Die letztendliche Dorje Phagmo ist, daß sie der Raum der Phänomene, die höchste transzendierende Weisheit, die Mutter aller Buddhas ist, die alle Buddhas hervorbringt. Sie ist das Paramita der Weisheit.