Aus: Buddhismus Heute Nr. 16, ( 1994)

Rad der Zeit

Maggy Kossowski zum Bau der Kalachakra-Stupa in Spanien

Die Arbeiten an dem Kalachakra("Rad der Zeit")-Stupa begannen unmittelbar nach Lopön Tsechu Rinpoches Ankunft in Karma Gön, am 17. Juli 1994. An diesem Tag wurde die genaue Ausmessung des Platzes, an dem der Stupa errichtet werden sollte, vorgenommen, und die ersten Bhumpas (Ritualvasen) wurden eingegraben. Anschließend folgten zwölf Wochen harter Arbeit, von Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang, meistens bei extrem heißen Temperaturen.
Die aufeinander aufbauenden Ebenen des Stupa wuchsen systematisch empor, schnell und ohne Hindernisse. Aufgrund der Konstruktion dieses "Tschörten" (das tibetische Wort für das Sanskrit-Wort "Stupa"), der in seinem Inneren drei mit Reliquien und heiligen Dingen gefüllte Schatzkammern enthält, gab es während des Baus einige Höhepunkte. Immer wenn die spanischen Arbeiter mit einer der Ebenen des Stupa fertig waren, wurde die entsprechende Schatzkammer gefüllt und für immer zuzementiert. Rinpoche vollführte dann spezielle Rituale und die Kammern wurden mit verschiedenen Reliquien, Mandalas, mit dem Kangjur (Buddhas Belehrungen) und Tengjur (indische Kommentarliteratur), mit Tausenden von Tsa-Tsas (Tonreliefs), mit Juwelen und Safran enthaltenden Bhumpas, besonders gesegnetem Getreide, Körnern und Ölen und vielen anderen Dingen gefüllt. Diese Tage waren unvergeßlich.

Der 12. September war von Rinpoche als der Tag festgesetzt worden, an dem das Herz des Stupa, der Sog Shing oder "Lebensbaum", eingesetzt werden sollte. In diesem Fall war es ein 7,20 Meter langer Stamm, der zuvor in besonderer Weise vorbereitet worden war: Er war in reine Seide eingewickelt und völlig bedeckt mit 500 kg gerolltem Papier, auf dem Mantras geschrieben waren.

Da die Bauarbeiten besonders gut voranschritten, wurde beschlossen, daß an diesem besonderen Tag auch all die restlichen Teile des Stupa fertig sein und zusammen mit dem Sog Shing zusammengesetzt werden sollten.

Und so geschah es auch. Ein großer Kran hob den schweren Lebensbaum hoch und plazierte ihn langsam in den Stupa. Dann folgten die noch ausstehenden Teile des Bauwerkes: der letzte Betonblock, die 13 Ringe und der Schirm.

Der Kalachakra-Stupa war nach zwei Monaten im Rohzustand fertig. Dann folgten vier Wochen anstrengender Endarbeiten und Malereien.

Tsechu Rinpoche, der bis dahin fast jeden Tag auf der Baustelle war, ging in Meditationszurückziehung, und das Zentrum Karma Gön wurde immer geschäftiger in den Vorbereitungen zum Empfang der über tausend Gäste.

Zwei große Ereignisse sollten Mitte Oktober stattfinden: Die Einsegnung des Stupa und die Kalachakra-Ermächtigung mit Teilnahme von Lama Ole und Hannah Nydahl.

Ab Anfang Oktober liefen Tag und Nacht die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten. Karma Gön verwandelte sich von einem ruhigen Dorf in eine lebendige kleine Stadt. Hunderte von Leuten kamen täglich an, darunter Repräsentanten aus über 120 (!) Dharmazentren, selbst aus so entfernten Ländern wie Japan, Rußland, Kolumbien und Peru.

Am 17. Oktober war der Stupa endgültig fertig und zwei Einsegnungen waren für diesen Tag vorgesehen: Zuerst eine "interne" für die Dharmafreunde, in Form einer Ramne-Puja und nachmittags dann eine "offizielle" mit TV, Presse und den örtlichen Behörden.

Die Ramne-Puja ist eine bei Stupa-Einsegnungen vollführte Zeremonie und hat den Zweck, das neu gebaute Objekt zum Leben zu erwecken. Tatsächlich beginnt der Stupa ab diesem Moment, seine Funktion zu erfüllen.

Rinpoche begann früh morgens mit dem Programm und über tausend Leute nahmen teil. Während der Zeremonie konnte jeder ungewöhnliche Ereignisse feststellen. So erschienen plötzlich 17 Adler über dem Stupa, flogen ein paar Kreise und verschwanden in den hohen Wolken. Einige Momente später erhoben sich, wie aus dem Nirgendwo und ohne einen Windhauch, hunderte von Blättern in die Luft, tanzten einige Momente auf beiden Seiten des Stupa und verschwanden wieder. Später stand ein Lichtfleck neben der Sonne am Himmel - wie eine zweite Sonne - von Regenbögen umgeben. Offensichtlich begann der Stupa zu arbeiten...

Nachmittags ging das Programm mit der offiziellen Einsegnung weiter. Es wurden Gedenkmedaillen und Urkunden an die Vertreter von 120 weltweit verteilten Dharmazentren übergeben. Die lokalen Massenmedien beschlossen, die ganze Einsegnung live im TV zu übertragen. Während der nächsten beiden Tage erhielt jeder von Lopön Tsechu Rinpoche den kraftvollen Segen der höchsten tantrischen Lehren - die Kalachakra-Ermächtigung, und jeder Abend wurde mit Lama Oles Belehrungen beschlossen. Es war ein richtiges Dharmafest.

Die Landschaft in Karma Gön hat sich jetzt verändert. Der große weiße Block des Stupa krönt die Hänge der Hügel, strahlt Energien des Schutzes, des Reichtums und des Friedens aus und zieht täglich mehr und mehr Leute an. Dieser Monolith, der Reliquien des Buddhas, des vorhergehenden Buddhas, aller Karmapas und des Milarepa enthält, wurde für viele zu einem Pilgerort und für andere zu einer Touristenattraktion.

Für die nahe Zukunft ist geplant, die Umgebung des Stupa an diese neuen Gegebenheiten anzupassen und ihn für die vielen Besucher leichter zugänglich zu machen. Es gibt bereits Pläne, Treppen zu dem Platz anzulegen. Der eigentliche Stupaplatz soll vergrößert und ordentlich angelegt werden. Die Haupt-Aufgabe ist im Moment, die angrenzenden Grundstücke zu kaufen, um zukünftige Bodenspekulationen zu vermeiden. Der Stupa ist da und die Arbeit geht weiter.


Von Maggy Kossowski