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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 16, ( 1994)

Störgefühle - Quellen der Weisheit

Von Lama Ole Nydahl

Schwer beherrschbare Geisteszustände, in anderen Religionen oder Weltanschauungen als "Sünden" oder als "unsozial" angesehen, verwendet Buddha auf der höchsten Ebene seiner Lehre, im Diamantweg, als Rohstoff für die Erleuchtung. Durch eine Reihe geschickter Mittel, die in wachsendem Maße zur Fundgrube für Psychologie und Philosophie geworden sind, werden die Störgefühle zu den ihnen innewohnenden Weisheiten.
Buddha rät zu einer dreistufigen Beseitigung dieses eingebildeten, aber zähen Feindes. Zunächst vermeidet man die Umstände, die die Störgefühle erfahrungsgemäß hervorrufen. Zweitens versteht man ihr vergängliches, bedingtes und zusammengesetztes Wesen, daß sie früher nicht dort waren und auch jedesmal wieder verschwunden sind: Es wäre also Unsinn, ihnen zufolge zu handeln. Die Krönung ist, den Dieb durch ein leeres Haus laufen zu lassen, ohne daß er etwas finden könnte. Man bleibt dabei stur bei dem, was vor der Nase liegt, und gibt dem Gefühl weder Anerkennung noch Kraft.

Wenn das immer bewußter gelingt, wird einem mit staunender Freude klar, daß Störgefühle nicht im Meer des Geistes einfach verschwinden, sondern in ihrer reinen Form wieder auftauchen, diesmal als die "Fünf befreienden Weisheiten". Die schwierigen Zustände sind die Grundlage dazu, ähnlich dem Abfall, der auch zu Dünger werden kann.

So entsteht Einsicht, wenn sich Zorn wieder im Geist auflöst: Man sieht alles "klar wie ein Spiegel", fügt weder hinzu noch nimmt irgendetwas weg. Der ausschließende Stolz wandelt sich in die Erfahrung von der "Vielseitigkeit und vom Reichtum aller Dinge" um. Anhaftung wird zur "unterscheidenden Weisheit", zur Fähigkeit, Vorgänge sowohl einzeln als auch als Teile einer Ganzheit zu verstehen. Eifersucht - immer heimlich damit beschäftigt, gedanklich vorauszueilen oder an Vergangenem zu kleben - wird zur durchschneidenden "Erfahrungsweisheit", und sogar Verwirrung (Dummheit), wird zu einer "alles durchdringenden Weisheit". Sie weiß, weil sie von nichts getrennt ist.

Da auch viele, die Buddhas Weg gehen noch lange mit unerwünschten inneren Zuständen ihre Schwierigkeiten haben, hier ein paar Anleitungen für Heim, Straße, Bett und Arbeitsplatz.

Bei Zorn: Einfach einfrieren. Seid wie der große Hund, der nicht bellen muß, weil er stark genug ist. Die Gegner sind eher verwirrt als bösartig und müssen sich Tag und Nacht selbst aushalten. Ihnen zu diesem Leiden noch einen Tritt zu versetzen, wäre unsportlich. Man sollte mit Weitsicht zum Besten aller der Lage begegnen und danach die Angelegenheit Herz reden. Übertreibt es aber nicht, dabei wird man leicht einsam.

Bei Stolz ist die Erinnerung an die Buddhanatur aller Wesen ein geeignetes Gegenmittel, samt der Einsicht, daß Himmel und Hölle zwischen unseren Ohren oder Rippen geschieht, oder wo wir sonst unseren Geist vermuten. Sehen wir die Wesen als spannend und bedeutend, bringt das nur Freude. Suchen wir hingegen die Fehler anderer, werden wir geistig arm und sind immer in schlechter Gesellschaft.

Was das große Feld der Anhaftung - Gier - Geiz betrifft, erlauben hoffentlich gute karmische Bände aus früheren Leben, daß man die drüsenbedingten Begierden zur gegenseitigen Freude mit anderen ausleben kann. Was für einen selbst nicht erreichbar ist, sollte man wenigstens anderen wünschen und sich zugleich der Vergänglichkeit aller bedingten Reize bewußt sein. Nur Erleuchtung ist letztendliches Glück. Letztendlich bedeutet es wenig, ob man in einem VW-Käfer oder Mercedes zum Grab gefahren wird.

Eifersucht ist vor allem zäh, kann sich aus allem und nichts ernähren und hält lange dieselbe unterschwellige Spannung im Geist aufrecht. Sie ist deswegen ein ausgezeichnetes Labortier für unseren Geist, zeigt ihm deutlich, wie stark er sich von seinen Bildern bereits losgelöst hat. Ich kenne hier nur eine einzige Kur, die aber im Nu viel Luft bringt: Man wünsche dem, der die Ursache dieses Gefühls ist, soviel von dem, was man selbst begehrt, daß es ganz in die Märchenwelt abhebt. Zum Beispiel hundert Chormädchen oder sportliche Offiziere mit Schnurrbart jede Nacht und dazu die Gesundheit, um sie alle genießen zu können. Waren es dann tatsächlich nur zwei, kann man die guten Wünsche noch verstärken.

Zur Umformung von Dummheit: Manche werden weder die Quantenphysik verstehen können, noch die 16 Ebenen der Leerheit im Buddhismus. Das muß kein Problem sein, denn der Geist ist geschmeidig. Wenn man nur richtig meditiert und im Fluß lebt, werden andere Fähigkeiten wie Einfühlung fehlende Bereiche abdecken können. Verwendet man Buddhas Ratschläge, so wie er sie gibt und ohne sie verbessern zu wollen, wird der Geist wie die schon sprichwörtliche Tasse Kaffee, die alles widerspiegelt, wenn sie nicht mehr geschüttelt wird und zur Ruhe gekommen ist. So entsteht die allesdurchdringende Weisheit, auch Eingebung genannt. Man weiß die Sachen, weil man mit ihnen eins ist. Der Raum trennt nichts und vermittelt alles.

Zu guter Letzt: Was erwartet nun die Hoffnungsvollen, die von diesem Buch becirct den Weg zum nächsten Kagyü-Zentrum finden?

Viele Aufs und Nieder, viel Mühe, viele Wiederholungen, dann wachsende Freude und schließlich unendlichen Sinn. Damit meine Schüler wissen, was ihnen bevorsteht, erkläre ich den Vorgang oft so:

Zu Beginn des Weges glaubt euer "Ich" (Ego), noch Masse zulegen zu können. Es denkt: "Früher war ich ein guter Kerl und jetzt werde ich auch geistig. Ich bin bei den Karma Kagyüs, den Besten überhaupt und werde bald wissen, was der Lama weiß."

Der Zustand dauert aber nicht lange, denn die zeitlose Weisheit Buddhas ist gerade auf diesen Fall eingestellt. Die feine Gesellschaft verpflichtet, und euer Ich darf zwar noch das Brot und die Kartoffeln seiner Gewohnheiten genießen, aber die Aufbaunahrung bekommt es nicht.

Jede buddhistische Gruppe hat ihre mehr oder weniger wirksame Schmalkost, die den Kraftkreis des jeweiligen Lamas ausdrückt. Bei einigen lernt man Demut, bei anderen sind Weisheit oder Mitgefühl der Weg. Bei mir gibt es die bekannte 'steife Oberlippe', das Furchtlos-und-fröhlich-sein. So um seinen erwarteten Zuwachs durch Gefühlsduselei und Dramen geprellt, wird euer Ich Verdacht schöpfen und Zweifel und Rückenschmerzen säen, um sich zu schützen.

Hier wird der Lehrer das Bodhisattvagelübde als verlockende Scheinnahrung einsetzen und legt so euer robustes, aber dummes Ich erneut rein. Es wird sich schon mit einem Lorbeerkranz geschmückt sehen bei der Vorstellung, daß es alle Wesen erlösen wird und spürt nochmals starken Aufwind. Es glaubt: 'Endlich wird meine wahre Bedeutung geschätzt' und läßt sich weiter ein. Das ist eine gewaltige Fehleinschätzung, denn damit fangen die Leiden des Ichs erst an. Jeder uneigennützige Gedanke zieht den eigenen Trips viel Kraft ab, und jede Beschäftigung mit der Leerheit ist an sich Gift. Wenn das Ich hört, daß das klare Licht in einem jeden ist, und daß weder im Körper noch in den Gedanken etwas Dauerhaftes aufzufinden ist: Wo kann es sich dann noch verstecken?

Inzwischen gut zermürbt findet das Ich nur einen Ausweg. Es stellt sich der wahren Lage nicht, belügt sich und sein Umfeld. Ein solcher Zustand darf nicht zur Gewohnheit werden. Sein auffälligstes Warnzeichen ist heiliges Tun mit Besserwisserei und unterschwelliger Sauerheit. Das ist die Rache des schwer verwundeten Ichs, die jede gute Laune zerstört. Bleibt ihr in überbevormundenden Scheinlösungen wie Tempolimits stecken oder könnt ihr auch sonst anderen keine Freiheiten gönnen, baut ihr euch euer eigenes Gefängnis.

Egal ob christliche Altlast, frühere Niederlagen im Leben oder mißverstandene Hingabe zum Klosterleben die vorherrschende Ursache dafür ist - ihr seid auf einem Irrweg und solltet zu einem mutigen und lebenserfahrenen Lama gehen, der mit eurer Ganzheit arbeiten kann und euch über diese Hürde hilft. Fehlt bei euch Vertrauen oder beim Lehrer die Kraft, könnt ihr euch auch durch die Gelübde der Mönche und Nonnen pflegeleichter machen lassen und in einem Kloster anderen Entwicklungswegen folgen. Entscheidet ihr euch weder für das eine noch das andere, bleibt ihr unbefriedigt in der Mitte hängen, und euer Zentrum hat einen schwer loszuwerdenden 'Drachen'.

Baut also ruhig auf die verstandene Freiheit eures Geistes, einen vom Leben geprüften Lehrer und die Mittel des Diamantweges und des Mahamudra.

Euer Vertrauen, daß Raum gleich Freude ist, wird schnell wie fünfhundert Wikinger alle Schanzen des jetzt nur noch aus dem Hinterhalt schießenden Ichs erobern. Wenn ihr jedes Störgefühl als Grundlage erleuchtender Weisheit erfahren könnt und jeden Zweifel als Erkennungsvorgang, wird das Ich klein und schwarz. Es fällt fünf Meter in die Erde hinein, verraucht - und ihr genießt: Raum und Freiheit grenzenlos!