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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 16, ( 1994)

Das Mandala-Ritual der grünen Tara

Von Sabine Boyens-Hansen

Die Grüne Tara ist eine Meditationsform, die sich in fünf verschiedenen Farben und 21 Emanationen manifestieren kann. Die verschiedenen Meditationsgottheiten im Vajrayana-Buddhismus sind Ausstrahlungen des Buddha, der den absoluten Zustand unseres Geistes repräsentiert und manifestieren sich in unterschiedlichen Farben, um verschiedene Aktivitäten auszuführen, die den individuell dominanten störenden Gefühlen der Wesen entsprechen. Herrscht zum Beispiel Zorn vor, ist "Liebevolle Augen" der Arzt und sorgt für die Entwicklung von Mitgefühl. Alle Buddha-Aspekte haben Weisheit, Mitgefühl, Liebe und Schutzkraft. Tara befreit von Ängsten und Anhaftungen, und sie löst Hindernisse im Alltag.

Das Tara-Ritual der Kagyü-Schule geht auf ein Terma zurück, das Guru Rinpoche verborgen hatte, da zu seiner Zeit ungünstige Bedingungen für die Praxis bestanden und eine Degeneration zu befürchten war. Bis die Zeit für ihre Wiederentdeckung reif ist, können Termas in der Erde, im Ozean, im Raum oder im Geist eines Menschen verborgen sein. Die Auffindung geschieht durch sogenannte Tertöns, die meist Ausstrahlungen des ursprünglichen Halters der Praxis sind. Der Tertön, der die Tarapraxis fand, war Chokgyur Lingpa. Er las den Text Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye vor, der daraus die Praxis, wie sie uns heute vorliegt, verfaßte. Viele tibetische Lamas haben mit Tara als Yidam Mahamudra verwirklicht.

Tara befreit von Ängsten, die durch die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser und Wind als auch durch Tiere und Dämonen ausgelöst werden. Unter Tieren verstehen wir zum Beispiel Löwen, Schlangen, Elefanten und heutzutage auch moderne Verkehrsmittel und Maschinen. Die Dämonen sind die Negativität und die Verschleierungen des eigenen Geistes.

Auf subtilerer Ebene gibt es 16 Arten verschiedener Ängste, wie zum Beispiel Furcht vor Krankheit, vor Alleinsein oder vor Verlusten. Gerade hier liegt für uns eine große Aktualität in der Tarapraxis. Mehr denn je werden wir durch diverse Befürchtungen und Zukunftsgedanken vom Erleben des natürlichen Zustandes unseres Geistes abgelenkt. Wir sind einer ständigen Informationsflut durch die Medien ausgesetzt und erleben nicht nur Not und Krieg in unserer Nachbarschaft, sondern das Elend der gesamten Erde. Unsere Lebenshaltung gestaltet sich kompliziert und psychische Probleme und Verlust der eigenen Identität nehmen darüber zu. Hier ist Tara als "Yidam" - wörtlich: Geistband, also als Verbindung der relativen alltäglichen Erlebnisebene zu der allem zugrundeliegenden Essenz, dem Wahrheitszustand (Dharmakaya) - nützlicher denn je.

Tararituale bauen Verdienst und Weisheit auf und so erlangen wir Vertrauen und Offenheit. Damit machen wir es möglich, daß uns Positives überhaupt begegnen kann und daß sich Wünsche erfüllen. Solange wir eine von Ängsten und Verkrampfungen gestörte Wahrnehmung der Welt erleben, können wir das Gute, das uns ständig umgibt, nicht sehen. Ein Bild dazu: Wenn der Mond voll und strahlend am Himmel ist, wird er sich in allen Wassergefäßen am Boden spiegeln. Gibt es kein Gefäß und kein Wasser, spiegelt er sich nicht. Wenn das Wasser schmutzig ist, wird auch das Spiegelbild unklar sein. Aber unabhängig von den Qualitäten des Wassers ist der Mond immer derselbe. Deshalb brauchen wir das klare Wasser des Vertrauens und das Gefäß der Offenheit. Im Tararitual entspricht das Hervorbringen von Opferungen und ihrerAuflösung in Leerheit der aufbauenden und verschmelzenden Phase, wie wir sie aus anderen Meditationen kennen, also der Entwicklung von Verdienst und Weisheit.

Hier sollten wir verstehen, was opfern bedeutet und wie es auf unseren Geist wirkt. Dazu möchte ich eine kleine Geschichte erzählen: Ein hochrealisierter Dharmalehrer stand kurz davor ins reine Land Dewachen zu gehen. Aber er liebte seinen Buttertee so sehr, daß es ihm nicht gelingen wollte, davon loszulassen. Er betete sehr stark zu seinem Lehrer, der ihm daraufhin erschien und sagte: "Du Dummkopf! Geh ruhig nach Dewachen, dort gibt es viel besseren Buttertee als hier." Anhaftung können wir nicht überwinden, indem wir uns etwas aus dem Herzen reißen, da die Wurzel der Anhaftung weiterhin bestehen bleibt. Verstehen wir, daß wir eine Sache gegen eine bessere eintauschen, kann Dewachen hier und jetzt sein. Eine veränderte Sichtweise läßt uns unsere Welt in ihrer wahren, unvergänglichen Essenz genießen.

Während des Opferungsrituals erschaffen wir unendlich viele herrliche Opferungen, schicken sie aus unserem Herzen zu der erleuchteten Möglichkeit unseres eigenen Geistes - dem Buddha-Aspekt vor uns im Raum - und bekommen dafür den größten Reichtum, das Erkennen des eigenen Geistes. Durch das Auflösen der Opferungen in Leerheit reinigen wir außerdem unsere gewohnte Sichtweise der Dinge. Auf diese Weise bauen wir Verdienst, positive Eindrücke im Geist, und Weisheit, das Verständnis, daß alle Dinge in ihrer Essenz leer sind, auf.

Während der ganzen Puja visualisieren wir uns selbst als die strahlende Energieform der Grünen Tara. Immer wieder verschmelzen wir die Yeshepas, die Weisheitswesen, die wir herbeigerufen haben, mit uns und erlangen so die Offenheit, den Segen der Praxis wirklich empfangen zu können. Tara ist eine Verkörperung der Prajnaparamita, der "Mutter" aller Buddhas, der transzendierenden Weisheit, in der alle Buddhas ihren Ursprung haben. Ihr Funktionsaspekt ist erleuchtete Aktivität. Sie ist die Vereinigung der Aktivität aller Buddhas. Daher ist ihre Körperfarbe grün, die Farbe des Handelns. Aufgrund des Klarheitsaspektes des Geistes können wir die Gestalt der Edlen Tara und ihre zwanzig Aspekte vor uns im Raum erscheinen lassen. Mittels ihres Wurzelmantras sprechen wir in einem intensiven Gebet jeden ihrer zornvollen und friedvollen Aspekte direkt an. Darüber werden alle unsere Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen direkt berührt. Wir können klar erkennen, wo wir den Schutz der Tara wünschen und sie um Erfüllung unserer Wünsche bitten. Indem wir die Lobpreisungen rezitieren, können wir auch anderen Wesen helfen, Leidzustände zu überwinden.

Zusammenfassend sei gesagt: Durch grundlegende Unwissenheit bauen wir schlechtes Karma auf. Das Beten zur Tara ist in sich eine Methode, positive Geisteseindrücke und spirituellen Verdienst anzusammeln. Hierdurch wird dem negativem Karma so entgegengewirkt, daß daraus keine Leidzustände mehr hervorgehen. Wenn wir mit Hingabe und tiefem Vertrauen sowie innigen Wünschen unsere Gebete an sie richten, werden wir mit Gewißheit den Schutz der Grünen Tara finden.


(Quellen: Tenga Rinpoche "Das Mandalaritual der Grünen Tara", Belehrungen von Lama Tönsang und Lama Anila, gesammeltes Material von Edita Berger)