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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 15, ( 1994)

Ein Gesprächsresumee des Treffens zwischen Künzig Shamar Rinpoche und Abgesandten des Dalai Lama

Am 23. April 1994 traf im "Karmapa International Buddhist Institute" in New Delhi/Indien - wo zu der Zeit Seine Heiligkeit der 17. Karmapa wohnte - eine Delegation der Administration des Dalai Lama ein, um die anhaltenden Probleme im Zusammenhang mit der Kagyü-Krise zu besprechen.

Die Delegation - geleitet von Herrn Jathur Zangpo, dem Sprecher des Rates der Exilregierung des Dalai Lamas - führte einige Punkte hinsichtlich der Angelegenheit des 17. Karmapa an. Es wurde bezüglich der Wiedergeburt des 17. Karmapa um einen Kompromiß zwischen der Administration S.H. des Dalai Lama und der den internationalen Sitz S.H. des 17. Karmapa vertretenden Rumtek-Administration der Karma-Kagyü-Schule gebeten.

Die Delegation präsentierte einen Brief der Abteilung für Religion und Kultur der Central Tibetan Administration S.H. des Dalai Lama. Dieser Brief forderte die den internationalen Sitz S.H. des 17. Karmapa vertretende Rumtek-Administration auf, den derzeit in Tsurphu/Tibet lebenden chinesisch/tibetischen Karmapa anzuerkennen. Darüber hinaus wurde gesagt, daß diese Aufforderung gestellt wird, da S.H. der Dalai Lama [dem in Tsurphu lebenden Karmapa-Kandidaten] Urgyen Thrinle sein Anerkennungssiegel gegeben hatte.

Im zweiten Teil des Briefes ging es um die Sorge der Administration S.H. des Dalai Lama, daß - wenn es zwei Karmapas gäbe - diese als Instrument der kommunistisch-chinesischen Regierung benutzt werden würden, um die tibetische Einheit zu zerstören.

Wir, die Verwaltung Rumteks und der Sitz S.H. des 17. Karmapa, vertreten durch die Mönchsgemeinschaft Rumteks und elf Leiter der Karma-Kagyü-Schule mit Shamar Rinpoche als Vorsitzendem, sagten, daß wir - da der Karmapa in Tsurphu/Tibet von S.H. dem Dalai Lama schon anerkannt worden sei und aus unserem Respekt heraus - unsere Zustimmung zu dieser Entscheidung bereits im Juni 1992 gegeben haben. Wir haben unsere Entscheidung seitdem nie geändert oder widerrufen und sind derzeit noch immer in Übereinstimmung mit S.H. dem Dalai Lama. Darüber hinaus verstehen und würdigen wir die heikle politische Situation S.H. des Dalai Lama und seine Sorgen hinsichtlich dieser Angelegenheit, da die chinesische Regierung den Jungen in Tibet mit Unterstützung von Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche, die den Jungen bestätigten, als Karmapa anerkannte.

Situ Rinpoche übernahm die Hauptverantwortung zusammen mit Gyaltsab Rinpoche und vier Karma-Kagyü-Rinpoches und reiste nach Indien, um von S.H. dem Dalai Lama die Bestätigung zu bekommen. Die chinesische Regierung wartete jedoch nicht auf irgendeine Bestätigung sondern hatte bereits beschlossen, den Jungen Urgyen Thrinle als 17. Karmapa einzusetzen. So geriet S.H. der Dalai Lama in eine mißliche Position und hatte tatsächlich keine andere Wahl, als seine Bestätigung zu geben. Wir sehen, daß S.H. der Dalai Lama das spirituelle und politische Oberhaupt Tibets sein soll, verstehen angesichts dessen, daß Tibet derzeit unter chinesischer Herrschaft steht, seine Position genau und geben unsere Zustimmung zu seiner Entscheidung, den Jungen in Tsurphu als Karmapa zu akzeptieren.

Obwohl wir unsere Zustimmung geben, glauben wir nicht, daß der Tsurphu-Karmapa echt ist. Zuerst einmal wissen wir, wie die chinesische Regierung den Jungen ausgesucht hat. Das "Büro für Religion" der chinesischen Regierung befahl seiner tibetischen Filiale, nach einem passenden Kind zu suchen und stellte dann dieses Kind aus Lhatok/Tibet vor. Schon einige Jahre zuvor hatte Situ Rinpoche der chinesischen Regierung seine Hilfe und Unterstützung zugesagt. Infolgedessen übernahm Situ Rinpoche die Position mit der meisten Verantwortung und folgte den Wünschen der chinesisch-kommunistischen Regierung.

Gyaltsab Rinpoche und vier weitere Karma-Kagyü-Rinpoches, die Situ Rinpoche völlig folgen, kamen ebenfalls zur Bestätigung des Jungen herbeigeeilt. China wartete nicht auf die Bestätigung S.H. des Dalai Lama, sondern hatte schon vor einer Bestätigung von irgendeiner Seite beschlossen, den Jungen als Karmapa einzusetzen. Situ Rinpoche reiste nach New Delhi und dann nach Dharamsala, um S.H. den Dalai Lama zu informieren. Als Situ Rinpoche ihm sagte, daß alle Kagyü-Lamas einig seien, und die Chinesen die Einsetzung des Kindes beschlossen hatten, kam S.H. der Dalai Lama in die Position, keine andere Wahl zu haben, als sein Anerkennungssiegel zu geben.

Darüber hinaus ist die chinesische Regierung eine politische Körperschaft und hat weder die Position noch die Weisheit, um den Übergang des Geistes von Karmapas letzter menschlicher Form in seine derzeitige menschliche Form zu sehen. Nachdem der Junge in Tibet vorgestellt worden war, traten die Chinesen durch ihren Botschafter in New Delhi an Shamar Rinpoche heran. Der Botschafter bestätigte, daß sie den Karmapa anerkannt hätten und behauptete, daß das Reinkarnations-System eine vom Kaiser Chinas eingeführte Tradition sei. (Die Tradition wurde eingeführt aufgrund von Problemen mit dem Erhalt von Klöstern nach dem Tod hoher Lamas.) Der Botschafter sagte weiterhin, daß alle hohen Lamas vom Kaiser Chinas bestätigt wurden und daß die Chinesen deswegen das Recht hätten, religiöse und spirituelle Angelegenheiten in Tibet zu beaufsichtigen.

Die Anerkennung des 17. Karmapa durch China ist durch keinerlei faktische Beweise oder einen authentischen Brief des 16. Karmapa gestützt. Die Chinesen suchten das Kind direkt aus, woraufhin Situ Rinpoche ihnen folgte und - entsprechend seiner vorherigen Versprechen an die Regierung Chinas - ihren Kandidaten unterstützte. Als Beweis für den Jungen in Tibet fertigte Situ Rinpoche dann einen gefälschten Brief an.

Shamar Rinpoche, der mit dem verstorbenen 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje aufwuchs und sein direkter Neffe ist, hält aus den folgenden Gründen Situ Rinpoches Brief für eine völlige Fälschung:

a) Die Handschrift ist nicht typisch für den verstorbenen 16. Karmapa, sondern eher für Situ Rinpoche, eingeschlossen allgemeiner falscher Schreibweisen von Wörtern.

b) Die Unterschrift ist völlig verschieden von der des 16. Karmapa.

c) Das Siegel ist gefälscht.

d) Um den Brief älter wirken zu lassen, wurde eine besondere Flüssigkeit aufgetragen. Der Brief ist jedoch mehr verschlissen als die Hülle, in welcher er gefunden wurde. Als Grund für die Beschädigung wurde angegeben, daß Situ Rinpoche ihn um seinen Hals getragen hatte; so sei der Brief durch Schweiß beschädigt worden.

e) Situ Rinpoche erlaubt nicht, daß der Brief gerichtswissenschaftlich untersucht wird. Buddha selbst sagte, daß all seine Lehren geprüft und nicht nur blind befolgt werden sollten. Den Brief nicht prüfen zu lassen, repräsentiert nicht die Lehren Buddhas, wohingegen ein Test der Authentizität des Briefes durch moderne gerichtswissenschaftliche Experten höchsten Respekt vor Karmapa und den Lehren Buddhas bezeugt.

f) Als die Anhänger des verstorbenen 16. Karmapa den Brief gerichtswissenschaftlich prüfen lassen wollten, wandte Situ Rinpoche politische und physische Gewalt an, indem er die örtliche Polizei bestach und Banden dafür bezahlte, daß sie diejenigen angriffen, die den Brief prüfen lassen wollten.

g) Situ Rinpoche fertigte diesen gefälschten Brief an, um China zu unterstützen und die Wünsche der chinesischen Regierung zu erfüllen, wie er es zuvor versprochen hatte. Situ Rinpoche spielte auch den Politiker unter den tibetischen Lamas und Flüchtlingen in Indien, Nepal, Hong Kong, Malaysia, Taiwan und den USA.

Die echte Wiedergeburt Seiner Heiligkeit des 16. Karmapa wurde von uns in sein Kloster in New Delhi in Indien eingeladen und eingesetzt. Wir taten dies auf Grundlage - und aus Respekt vor - der Religionsfreiheit und Demokratie. Seine Heiligkeit der 17. Karmapa wird in Sikkim und New Delhi bleiben. Er wird eine Ausbildung bekommen, die internationalen Anhänger Karmapas unterrichten und nur an buddhistischen Aktivitäten teilnehmen. Zur angemessenen Zeit werden wir, entsprechend seinen Wünschen, die authentischen Anweisungen des 16. Karmapa enthüllen. Die tibetische Exilregierung sollte sich keine Sorgen über eine Spaltung der Einheit der Tibeter machen, da der 17. Karmapa Thaye Dorje niemals ein Instrument der chinesischen Regierung sein wird. Seine Handlungen werden ausschließlich buddhistisch sein und allen Wesen nutzen.

Daß es nun zwei Inkarnationen Karmapas gibt, ist bedauerlich, jedoch nicht ungewöhnlich, da es auch zwei Inkarnationen von Seiner Heiligkeit Dudjom Rinpoche in der Nyingma-Schule, zwei Inkarnationen des Matrul Rinpoche in der Taglung-Kagyü-Schule, zwei Inkarnationen des Drikung Kjabgön Rinpoche in der Drikung-Kagyü-Schule und zwei Inkarnationen des Khamtrul Rinpoche in der Drukpa-Kagyü-Schule gibt.

Da der Karmapa in Tibet von politischen Kräften ausgebeutet wird, ist es nicht möglich, den echten Karmapa zu ignorieren; die Kagyü-Lehren würden sonst Schaden nehmen.

Wir haben kein Problem damit, das Büro S.H. des Dalai Lama zu verstehen und weiterhin gute Kommunikation zu pflegen. Gespräche mit Situ Rinpoche, Gyaltsab Rinpoche und ihren Parteien erwägen wir jedoch nicht mehr, da sie ihre Positionen als führende buddhistische Mönche direkt mißbraucht haben. Sie haben die Großzügigkeit derer, die Geld gespendet haben, mißbraucht und das Geld für politische Manöver und direkten physischen Druck auf Andersdenkende verwendet. Sie handeln nicht als buddhistische Mönche, können nicht mehr als solche respektiert werden und Verhandlungen oder Gespräche mit ihnen sind darüber hinaus nicht mehr akzeptabel.

Die Schüler Seiner Heiligkeit des Karmapa einschließlich der Mönche Rumteks und der Klöster und Zentren in Bhutan, Europa, Hong Kong, Indien, Japan, Ladakh, Nepal, Taiwan und den USA, werden mit dem 17. Karmapa zusammenarbeiten und niemals den von den Chinesen in Tsurphu/Tibet eingesetzten Karmapa Urgyen Trinle anfechten, sich einmischen oder Probleme erzeugen. Wir werden auch nicht versuchen, das Kloster oder den Sitz Tsurphu zu bekommen. Weiterhin werden wir nicht die Entscheidung S.H. des Dalai Lama bezüglich dem Tsurphu-Karmapa anfechten. Wir haben jedoch erbeten, daß diejenigen, die den Namen des Buddhismus und des Dalai Lama mißbrauchen und beschädigen, gestoppt werden, um nicht weiterhin dem Buddhismus weltweit zu schaden. Auch haben wir unsere tiefe Enttäuschung darüber ausgedrückt, daß S.H. der Dalai Lama weiterhin zu Treffen mit Situ Rinpoche und Gyaltsab Rinpoche bereit ist, da diese eindeutig nicht in Übereinstimmung mit buddhistischen Prinzipien handeln.

Das Treffen endete mit einer sehr herzlichen und freundlichen Note. Die Delegation schlug vor, unsere Nachricht S.H. dem Dalai Lama zu überreichen.


Teilnehmer der Administration des Klosters Rumtek:
Seine Eminenz Künzig Shamar Rinpoche, Dorje Lopön Nendo Rinpoche, Khenpo Tschödrag Rinpoche (Hauptabt), Lungtog Dawa (Disziplin-Meister), Umze Ngedön Tenzin (Gesangs-Meister), und die Junior-Äbte Umze Jigme Wangtschug, Lhakpa Tsering, Ngawang Geleg, Tsering Samdrub und Karma Tschöphel.

Teilnehmer der Dharamsala-Delegation:
Herr Jathur Zangpo (Sprecher d. Rates d. Exilregierung S.H. des Dalai Lamas), Ven. Tsering Phüntsog (Vertreter der Nyingma-Schule), Herr Kunga Tsering (Vertreter der Kagyü-Schule), Herr Pema Jungne (Vertreter der Sakya-Schule), Ven. Jönten Phüntsog (Vertreter der Gelug-Schule), Herr Kalsang Jeshe (Sekretär für religiöse und kulturelle Angelegenheiten der Exilregierung S.H. des Dalai Lama)