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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 15, ( 1994)

Ein Interview mit Khandro Rinpoche

Khandro Rinpoche gilt als Ausstrahlung von Yeshe Tsogyal, der Hauptgefährtin von Guru Rinpoche. In ihrem letzten Leben in Tibet war sie als die »Große Dakini von Tsurphu« bekannt. Sie war die Frau des 15. Karmapa Khakhyab Dorje, der in einem prophetischen Traum den Ratschlag erhielt, sie zu heiraten. Die Dakini war meistens in Meditations-Zurückziehung; wegen der chinesischen Invasion mußte sie jedoch Tibet verlassen und floh nach Bhutan, wo sie ihren Körper verließ.
In ihrem jetzigen Leben nahm sie als Tochter von Mindröling Trichen Rinpoche, einem großen Lama der Nyingma-Linie, Geburt an und führt den Namen Khandro Tsering Paldrön Rinpoche. Sie wurde vom 16. Karmapa und von Dilgo Khyentse Rinpoche als Wiedergeburt der »Großen Dakini von Tsurphu« anerkannt. Zuerst wurde sie im Kloster ihres Vaters inthronisiert, dann in Rumtek. Zur Zeit steht sie der Nonnengemeinschaft von Rumtek vor.

Mirror: Könnten Sie bitte etwas über Ihren Hintergrund und Ihre Ausbildung sagen?
Khandro Rinpoche: Diese Frage wird mir oft gestellt. Als ich noch sehr klein war, beschlossen meine Wurzellamas, Seine Heiligkeit Karmapa, Seine Heiligkeit Dilgo Khyentse Rinpoche und Seine Heiligkeit Mindröling Trichen Rinpoche, daß ich für einige Zeit eine Schule besuchen sollte, um Englisch zu lernen, was sich zu der Zeit als sehr nützlich erwies.
In meinen jungen Jahren ging ich also auf diese Schule. Später konzentrierte ich mich mehr auf das Studium von buddhistischen Texten. Dann schickte man mich erneut zur Schule, und schließlich tat ich beides zugleich: Ich ging zur Schule und studierte mit meinen Lehrer die Texte. Später besuchte ich die High Secondary und studierte anschließend etwas Medizin. Danach wurde mehr Shedra-Training und Praxis nötig, und es fehlte mir die Zeit dafür. So brach ich die Schule ab und nahm meine buddhistische Ausbildung wieder auf.
In dieser Weise besuchte ich sowohl  eine westliche Schule als auch ein Kloster für das Studium der Texte. Von morgens 6.30 Uhr bis mittags 12.00 war ich im St. Mary Convent, ein katholischer Konvent, und von 13.00 bis 21.00 im Kloster.

Können Sie sich an Dinge aus Ihrem letzten Leben als die »Dakini von Tsurphu« erinnern?
Es kommt darauf an, was sie unter »Erinnerung« verstehen. Wenn man über die früheren Leben redet, hat man nicht unbedingt »Flashbacks«. Aber es ist ganz sicher etwas, was man fühlen oder spüren kann.

Wer sind Ihre wichtigsten Meister und Linien und wie ist Ihre Beziehung zu Ihrem Vater, Mindröling Trichen Rinpoche?
Meine Wurzellamas sind, wie schon gesagt, S.H. Karmapa, S.H. Dilgo Khyentse Rinpoche, der sehr gütig war, und natürlich S.H. Mindröling Trichen Rinpoche. In letzterem, meinem Vater, sehe ich eher den Wurzellama als den Vater. All die verschiedenen Lehrer haben gesagt, und es ist auch meine ehrliche Überzeugung, daß er die direkte Inkarnation von Guru Rinpoche ist. Diese drei waren meine wichtigsten Lehrer. Von ihnen habe ich die meisten meiner Einweihungen, die Linie selbst und all die Übertragungen. Davon abgesehen hatte ich noch elf verschiedene Khenpos als Lehrer, eine lange Liste.

Was ist Ihre wichtigste persönliche Praxis hinsichtlich Linie und Tradition?
Die persönliche Praxis – im allgemeinen der Yidam und die verschiedenen persönlichen Praktiken – ist etwas, was man tut, ohne darüber zu reden. Die letzte Khandro Rinpoche wurde in die Tsurphu-Tradition geboren, und so habe ich immer die Kamtsang-Kagyü-Linie beibehalten. Zugleich bin ich in die Mindröling-Linie, der wichtigsten der sechs Dzogchen-Linien, geboren, so daß es nicht so ist, daß ich nicht auch sie praktizieren könnte.
Ich versuche, beide Linien zu praktizieren; einerseits Mindröling, insbesondere die »Vier Ters von Minling Terdak Lingpa« und natürlich auch Kamtsang-Kagyü. Ich versuche, die Mahamudra- und die Maha-Ati-Tradition zu praktizieren. Mal schauen, was geschehen wird (Rinpoche lacht).

Könnten Sie etwas über die Rolle weiblicher Meister im allgemeinen und auch speziell im tibetischen Buddhismus sagen?
Ihre Zahl ist eher gering, was viele Ursachen haben könnte: Wir hatten eine patriarchalische Gesellschaft; viele Frauen in Tibet entschieden sich dafür, einfach in Höhlen zu praktizieren, ohne viel Publicity...
Wir haben heute nur wenig weibliche Lehrer und der einzige Weg, daß es mehr werden, ist, daß wir mehr weibliche Praktizierende bekommen. Wenn mehr Frauen praktizieren, werden sie zu weiblichen Lehrern. Ohne Praktizierende werden wir keine Lehrer bekommen. Es liegt also an den heutigen Frauen, der derzeitigen Generation von praktizierenden Frauen.
Ich wünsche mir, daß das Dharma-Ausbildungs-System für Frauen verbessert wird. Wir mögen zwar denken, daß es im Buddhismus als solchem keine Unterschiede gibt, und auf den höheren Ebenen gibt es sie auch nicht. Wenn es aber um Praxis und Studium der Texte geht, stehen Frauen nicht die Einrichtungen zur Verfügung, wie den Männern, speziell den Mönchen. Mein persönliches Ziel ist, Einrichtungen für Frauen zu schaffen, wo sie intensiv studieren können und Zeit für Praxis haben. Das wäre etwas. Diese Einrichtungen sollten für Nonnen und Laien-Praktizierende offenstehen.
Sentimentalität ist eines der größten Hindernisse, die Frauen zu überwinden haben; ebenso wie die Tatsache, daß sie immer versuchen, alle Dinge zugleich zu tun. Wenn man eine große Praktizierende werden will, muß man bestimmte Dinge aufgeben. Man kann einen Kuchen nicht besitzen und zugleich aufessen, sozusagen. Aber ich denke, daß diese Entwicklung langsam kommen wird.

Können Sie etwas über große weibliche Meister der Mahamudra- und Maha-Ati-Tradition sagen, über Trinle Chödrön zum Beispiel?
Ich bin erstaunt, daß Sie Trinle Chödrön kennen. Nur wenige kennen sie. In sowohl der Mahamudra- als auch der Maha-Ati-Tradition hatten wir viele weibliche Meister. Wir wissen mehr von den weiblichen Meistern der Mahamudra-Tradition, Frauen wie Gelongma Palmo, Sukhasiddhi, Niguma, die frühere Khandro Rinpoche... In der Dzogchen-Tradition gab es ebenso viele, angefangen bei der Linie von Aryatara über Yeshe Tsogyal und Mandarava bis hin zu den Meisterinnen Mingjur Paldrön, Trinle Chödrön und Changchub Jetsün. In der Mindröling-Tradition waren alle Frauen Meister und trugen den Titel »Jetsünma«.
Es scheint, daß die Dzogchen-Tradition vor etwa hundert Jahren an einen Punkt kam, wo all die alten Meister gestorben und die Wiedergeborenen noch sehr jung waren. Die Dzogchen-Linie wurde dadurch sehr eng. Man suchte nach jemanden, der in der Lage wäre, die Linie weiterzuführen und fand, daß Trinle Chödrön die einzige war, die die ganze Dzogchen-Übertragung hielt. Sie war die Großtante des gegenwärtigen Mindröling Trichen Rinpoche, und die meisten der alten Rinpoches wie Khensur Rinpoche, Dzongsar Khyentse und Sechen Kongtrul hatten die Dzogchen-Lehren von ihr erhalten. Deswegen wird sie als eine der größten Dzogchen-Linienhalterinnen angesehen. Trinle Chödröns Biographie wurde nie geschrieben, da sie schon mit 29 Jahren starb.
Minjur Paldrön ist eine andere große Meisterin, der zu verdanken ist, daß die Mindröling-Tradition heute noch existiert. Diese beiden Frauen waren für mich eine große Inspiration.

Welche Rolle spielen die Dakinis, insbesondere hinsichtlich der Übertragungen?
In der Dzogchen-Tradition wird gesagt, daß Garab Dorje 26 Jahre damit verbrachte, die Dakinis zu lehren. Ihre Aufgabe ist unter anderem, die Lehren zu schützen. Ekajati (tib.: Ngag Sungma, »Mantra-Schützerin«) ist die Schützerin all der tantrischen Lehren. In unserer Tradition glauben wir, daß alle Übertragungen, insbesondere die der Termas, geschützt werden müssen. Dieser Schutz der Übertragungslinie ist Aufgabe der Dakinis, ihre Aktivität. Auch heißt es, daß, wenn der Dharma an einen Punkt mit vielen Hindernissen kommt, es die Aktivität der Dakinis sein wird, diese Hindernisse zu überwinden. Aber Bodhisattvas arbeiten in allen möglichen Weisen, so daß diese Aufgabe nicht auf die Dakinis begrenzt ist.

In einem Dzogchen-Wurzeltantra steht, daß doppelt so viel weibliche Praktizierende wie Männer dadurch Befreiung erlangen werden. Was denken Sie darüber?
Ich denke, daß es von der Anstrengung der oder des Einzelnen abhängt. Wenn Frauen sich mehr anstrengen, werden natürlich mehr Frauen Befreiung erlangen. Es heißt, daß Frauen wegen ihres starken Weisheits-Aspektes schneller Erleuchtung erreichen können, wenn sie fleißig sind. Das bedeutet aber nicht, daß Männer keine Weisheit hätten. Sie haben ebenso den Weisheits- und Leerheits-Aspekt. Es hängt vor allem davon ab, wie sehr man sich bemüht.
Frauen haben einen starken Weisheits-Aspekt, aber auch starke Emotionen und Sentimentalität. Wenn sie diese überwinden können, wird Weisheit hervortreten und dann kann niemand einen aufhalten, Befreiung zu erlangen. Wenn der Text an mehreren Stellen sagt, daß es mit Fleiß und Anstrengung für Frauen leichter ist, sollte man sich davon inspirieren lassen und härter arbeiten. Wenn man jedoch stolz wird und denkt: »Ich bin eine Frau und muß deswegen nicht so hart arbeiten«, wird es lange dauern. Vielleicht haben wir deswegen so wenige weibliche Lehrer.

Können Sie einen Rat für die Praxis im allgemeinen geben und speziell, wie man als Frau in einer von Männern dominierten Welt praktizieren sollte?
Ich bin mir nicht so sicher, daß diese Welt wirklich von Männern dominiert wird. Wir reden oft von Sachen wie »patriarchalische Gesellschaft« und sagen, daß die Welt oder Tibet von Männern beherrscht wird. Viele fragen sich auch, warum die meisten Machtpositionen von Männern besetzt sind. Es ist aber eine Frage der Sichtweise.
Ich persönlich denke, daß es darum geht, etwas Gutes in der Welt zu tun, und daß es ganz gleich ist, wer es tut. Hauptsache, es wird getan. Wenn ein Mann etwas Gutes tut, so ist das sehr gut. Wenn eine Frau es tut, so ist es ebenfalls sehr gut. In dieser Weise glaube ich nicht an eine von Männern beherrschte Gesellschaft. Männer und Frauen müssen sich gleichermaßen beteiligen, damit eine Gesellschaft existieren kann, damit das Rad des Dharma gedreht werden kann.
Man braucht für alles immer zwei Arbeitsweisen: Mit zwei Händen kann man besser arbeiten als mit nur einer Hand. Obwohl manche von uns mehr mit der rechten und andere mehr mit der linken Hand arbeiten, braucht man, um etwas ordentlich zu tun, beide Hände. Und man kann nicht sagen, daß eine Hand schwächer ist als die andere. Wenn wir, als buddhistische Praktizierende, in das Konzept fallen: »Ich bin eine Frau und Du bist ein Mann«, so ist das ein großes Hindernis. Je mehr Hindernisse man erzeugt, desto mehr Unterschiede wird man finden. Wenn in meinem Geist keine Unterschiede gemacht werden, werde ich auch keine in der Gesellschaft finden.
Meine Sicht ist, daß wir uns sehr viel beschweren: Heute beschweren wir uns, daß es keine weiblichen Lehrer gibt; morgen beschweren sich vielleicht die Männer, daß es keine männlichen Lehrer gibt... So beschweren wir uns immer weiter. Eine kluge Person mit gesundem Menschenverstand wird jedoch einsehen, daß wir uns genug beschwert haben und jetzt mit der Arbeit anfangen sollten. Wenn Frauen denken, daß es zu wenig weibliche Lehrer gibt, müssen sie einige ihrer Anhaftungen überwinden und praktizieren.
Wenn Ihr ernsthaft glaubt, daß es zu wenig Lehrerinnen gibt, müßt Ihr selbst eine werden. Die Möglichkeit besteht. Warum tut Ihr es nicht?


Übersetzung aus dem Englischen: Detlev Göbel

Mit freundlicher Genehmigung der Dharma-Zeitschrift »Mirror«