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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 15, ( 1994)

Sichtweise, Meditation und Verhalten

Von Künzig Shamar Rinpoche

Der Begriff „Sichtweise" steht für das richtige Verständnis der buddhistischen Anschauung; „Meditation" ist die eigentliche buddhistische Praxis, und „Verhalten" umfasst die notwendige Disziplin, an die man sich auf dem Weg hält.

Sichtweise ist das korrekte Verständnis des Buddhismus. Es ist etwas sehr Tiefgründiges, das die Meditation in der richtigen Weise leitet. Ohne Kenntnis der Lehren können durch Fehler in der Praxis viele Hindernisse in der Meditation auftreten. Solche Fehler können natürlicherweise erscheinen und wenn man nichts über Meditation weiß, erkennt man sie noch nicht einmal als Fehler. Deswegen sollte man - bevor man zu meditieren beginnt - ein korrektes Verständnis entwickeln. Dann kann man Hindernisse erkennen und die Meditation wird erfolgreich sein. In dieser Weise hängen Sichtweise und Meditation zusammen.

Verhalten beruht auf Verständnis von Karma. Richtiges Verhalten bedeutet, aufzupassen, dass keine unserer Handlungen - ob körperlich oder durch die Sprache - von störenden Gefühlen beeinflusst wird. Wenn nämlich irgendeine unserer Handlungen von störenden Gefühlen geprägt ist, erzeugt dies negatives Karma. Zum Beispiel sagen und tun wir schlechte Sachen, fügen Leuten Leid zu und bringen vielleicht sogar jemanden um, wenn wir uns von unserem Zorn beeinflussen lassen. Durch falsche Motivation, wie eben unter dem Einfluss von Zorn, entsteht viel Negatives und Gemeines. Richtiges Verhalten bedeutet, von diesen Einflüssen frei zu sein und die eigenen Handlungen stattdessen von positiven Eigenschaften wie Mitgefühl leiten zu lassen. Wie die Meditation, so wird auch das Verhalten durch die Sichtweise beeinflusst, denn richtiges Verständnis führt natürlicherweise zu richtigem Verhalten.

Die Leute können mit diesen Dingen sehr unterschiedliche Probleme haben: Wenn man zum Beispiel mit der richtigen Sichtweise die Lehren zwar versteht, ihnen jedoch selbst nicht folgt, führt das zu Schwierigkeiten mit den eigenen Emotionen: Auch gelehrte Leute handeln negativ. Das ist durchaus möglich, denn eine Person kann zwar richtiges Verständnis haben, aber dennoch keine richtige Meditation. Meditation ist das Mittel, um die negativen Emotionen zu besiegen und richtige Sichtweise gibt euch das Verständnis, wie ihr sie besiegen könnt. Wenni befreit und erleuchtet werden wollt, sind die negativen Emotionen euer Feind. Ihr könnt lernen, wie man störende Emotionen besiegt, indem ihr zum Beispiel das Abhidharmakosha studiert. In diesem Text wird im Detail erklärt, wie man meditiert und wie man mit den negativen Emotionen fertig wird. Es wird sogar die Zeit berechnet, die man dafür braucht. Solche Belehrungen finden sich auch in der Prajna-Paramita und auf Vajrayana-Ebene im Sabmo Nang gi Dön. Im Sabmo Nang gi Dön wird zum Beispiel berechnet, dass es drei Jahre, drei Monate und drei Tage dauert, bis man durch die Praxis all seine samsarischen Probleme beseitigt hat.

Wenn jemand diese Texte studiert und eine gelehrte Person wird, weiß er alles über den Weg. Ihr könntet so jemanden auf eine Bühne setzen, und er wird euch alles auswendig erzählen. Vielleicht wäre er aber noch gar nicht erleuchtet, und wenn ihr in seinen Geist schauen könntet, würdet ihr feststellen, dass seine Emotionen noch immer stärker als sein Wissen sind, weil er den Weg nicht selbst gegangen ist. Er könnte ihn sehr erfolgreich gehen, weil er sich so gut auskennt, denn wie gesagt: Die Sichtweise leitet die Meditation. Wenn aber seine Emotionen stärker sind als seine Sichtweise, wird diese durch die Emotionen beeinflusst. Das kann geschehen, wenn die Emotionen nicht durch Meditation überwunden werden.

Es gibt also verschiedene Arten von Problemen auf dem Weg, und man sollte herausfinden, was für eine Art von Dharma-Praktizierender man selbst ist. Wenn man meditiert, braucht man ein richtiges Verständnis, sonst macht man Fehler. Meditation ohne Verständnis ist sehr riskant. Man weiß vielleicht ein bisschen über Meditation, aber „ein bisschen" reicht nicht, um Meditation über lange Zeit auszuüben und zu entwickeln. Es reicht nicht, einfach nur zu visualisieren, denn es geht hier um Ursache und Wirkung; die Dinge hängen zusammen.

Verhalten hat allgemein mit Karma zu tun, und welches besondere Verhalten man üben sollte, hängt davon ab, welche Ebene von Praxis man ausübt. Im Vajrayana redet man viel von Samaya, ein Sanskrit-Wort, das auch im Westen recht bekannt ist. Ein Teil der Bedeutung ist, dass man die Praxis eines bestimmten Buddha-Aspektes üben sollte, wenn man die Ermächtigung dazu erhalten hat. Aber grundsätzlich bedeutet Samaya „Verhalten im Vajrayana". Es geht darum, jede Verhaltensweise, die der eigenen Praxis schaden könnte, zu vermeiden. Wenn man zum Beispiel intensiv die Meditation der Geistesruhe (tib. Shine) übt und währenddessen denkt, dass man besser eine höhere Praxis wie Mahamudra ausüben sollte, so ist das ein Fehler. Es ist nicht das richtige Verhalten, wenn man schon etwas anderes praktizieren will, bevor man überhaupt erfolgreich die Grundlage dafür aufgebaut hat.
Natürlich ist es grundsätzlich eine positive Absicht, eine höhere Meditation wie Mahamudra üben zu wollen. Aber es behindert einen hier, so dass man nicht erfolgreich Shine - und damit dann erst recht nicht Mahamudra - praktizieren kann.
Ein anderes Beispiel: Es wird gesagt, dass man nicht viel essen sollte, wenn man intensiv Shine meditiert. Wenn man viel isst, wird man schläfrig und kann nicht gut die Meditation der Geistesruhe üben. Deswegen hat Buddha Wert darauf gelegt, dass die Mönche kein Abendessen zu sich nehmen.

Sichtweise, Meditation und Verhalten hängen also praktisch miteinander zusammen. Buddhismus ist keine Religion, die Leuten einfach etwas vorschreibt, sondern lehrt Dinge, die praktisch notwendig sind, um etwas zu erreichen. Es gibt keine Regeln, wie etwa, dass man einen bestimmten Hut tragen müsste, um der Religion anzugehören - auch wenn ich selbst eine Rote Krone habe [Rinpoche lacht]. [Anm. der Redaktion; „Shamarpa" bedeutet frei übersetzt: „Mann mit dem roten Hut" - und bezieht sich auf seine Rote Krone.]

Richtige Sichtweise im weitesten Sinne bedeutet, dass man die Anschauung des Madhyamaka verstehen lernt. Madhyamaka ist das Herz und die Essenz aller höheren Praktiken wie Mahamudra und Maha Ati. Keine dieser hohen Meditationen kann ohne ein Verständnis der Madhyamaka-Sicht geübt werden. Es gibt vielleicht andere hohe Meditationen, die ich nicht kenne, aber ich rede von den Meditationen, die zur Buddhaschaft führen.

Madhyamaka erklärt zuerst die richtige Sicht. Darauf aufbauend werden dann spezielle Methoden zu einer Meditationsbelehrung zusammengefasst, der man Namen wie „Mahamudra" und „Maha Ati" gegeben hat. Diese Meditationen werden sozusagen von der Sichtweise des Madhyamaka losgelöst dargestellt. Zum Beispiel wird die rituelle Ausführung der Chöd-Praxis - wie man also die große Damaru (Doppeltrommel) spielt und solche Dinge - nicht im Madhyamaka beschrieben. Ohne die Sicht des Madhyamaka kann man diese Praxis aber nicht ausführen, denn es geht dabei um mehr als nur Musik.

Bei Mahamudra und Maha Ati wird viel von der Natur des Geistes gesprochen. Es heißt, dass der Meditierende, wenn er die eigentliche Bedeutung von Mahamudra oder Maha Ati erkennt, in ein paar Augenblicken erleuchtet sein wird. Aber versucht das mal! Deswegen machen wir oft Witze darüber: Viele Leute, die Mahamudra oder Maha Ati studieren, sagen: „Mahamudra oder Maha Ati ist die höchste Meditation. Ich habe es viele Jahre studiert und kenne es jetzt."

Das würde aber bedeuten, dass sie seit vielen Jahren erleuchtet sind, sonst könnten sie es nicht wirklich kennen. Wenn man es erkennt, ist man in wenigen Momenten erleuchtet. In den Maha-Ati-Lehren heißt es, dass, wenn man mit der Praxis heute Abend beginnt, man morgen früh erleuchtet sein wird. Wenn man am Morgen damit beginnt, ist man am Abend erleuchtet. Das sind nur zwölf Stunden, nicht wahr? Wenn jemand sagt, dass er es kennt, weil er es seit vielen Jahren studiert, er aber immer noch nicht erleuchtet ist, was kennt er dann wirklich? So einfach ist es nicht.

Ihr habt bereits gehört, dass man den Guru als die Essenz aller Buddhas sehen soll. Angenommen, ich wäre euer Guru und würde euch jetzt die Natur Eures Geistes zeigen. Ihr wäret dann vielleicht sehr aufgeregt, denn es wäre sehr direkt und besonders. Ihr würdet anschließend nach Hause gehen und erzählen: „Heute habe ich von meinem Guru eine so tiefgründige Meditation bekommen..." Aber schaut euch einmal an: Was hat sich tatsächlich in euch verändert? Man sollte dann wieder zurückkommen auf „Sicht, Meditation und richtiges Verhalten" [Rinpoche lacht].

Milarepa lernte von Marpa und praktizierte dann allein. Sein Verhalten war, 24 Stunden konzentriert in seiner Höhle zu meditieren. Aber er sang auch häufig Lieder, obwohl er ganz allein war. Oft meditierte er und sang dann wieder ein Lied. Warum tat er das?
Sein Wissen über Meditation leitete seine Praxis, und so sang er oft Lieder darüber, um sich daran zu erinnern. Im Laufe seiner Praxis waren hier und da bestimmte Methoden nötig, und so dichtete er dann einen Vers, um sich sein Wissen ins Gedächtnis zurückzurufen. Er war sehr gut darin, Gedichte zu verfassen, obwohl er das nie studiert hatte. Immer wenn es für seine Meditation nötig war, verfasste er also ein präzises Gedicht. Wenn ihr die Lebensgeschichte von Milarepa lest, könnt ihr in dieser Weise sehen, dass immer, wenn er ein Lied sang, es gerade eine wichtige Zeit für ihn war, dass er vielleicht gerade Probleme hatte und sich die entsprechenden Methoden ins Gedächtnis rief. So leitete Milarepas Wissen seine Meditation sehr erfolgreich.

Madhyamaka lehrt sehr genau und logisch, inwiefern die Phänomene und die Wesen nicht wirklich existieren, wie geistige Verwirrung beschaffen ist und wie Illusionen im Geist entstehen. Es lehrt, wie man, wenn man praktiziert, frei wird von Neurosen, Anhaftungen und der Gewohnheit, an wirkliche Existenz zu glauben. Man kann das alles beseitigen, weil man es mit der Madhyamaka-Sicht sehr genau versteht.

Wenn die Madhyamikas Dinge als leer erklären, sagen sie zuerst, dass alle substantiellen Phänomene ein Skandha („Anhäufung") sind, zusammengesetzt aus Partikeln. Das wird dann metaphysisch untersucht, indem man alles so lange teilt, bis man feststellt, dass auch die allerkleinsten Elementarteilchen keine wirkliche Existenz haben.
Dann untersucht man geistige Projektionen. Es wird erklärt, dass auch der Geist Leerheit ist, da er eine Aneinanderreihung von Gedankenmomenten ist, von denen keiner unabhängig existiert, sondern nur in Abhängigkeit von den anderen. Damit hat er dann aber auch keine wirkliche, solide Existenz.
So erklärt Madhyamaka die Leerheit. Wenn wir dann aber gegen die Wand schlagen, tut uns noch immer die Hand weh, denn man kann zwar durch diese Logik begreifen, dass es keine wirkliche Existenz gibt, aber man erlebt noch nicht, was das tatsächlich bedeutet. Es geht hier nicht darum, alles einfach nur als nichtig zu erklären.

Logik allein reicht nicht, um die Illusionen zu beseitigen. Auf der Basis der Madhyamaka-Anschauung müssen die in einer bestimmten Weise aufeinander aufbauenden Meditationen praktiziert werden. Was will man damit erlangen? Madhyamaka erklärt ja immer, dass alle Dinge leer sind. Aber wir wollen ja nicht einfach nur „Leerheit erreichen", denn wo wäre der Nutzen davon? Worum es tatsächlich geht ist, durch Mahamudra, den eigentlichen Kern von Madhyamaka, ein tieferes Verständnis des Geistes zu erlangen. Es ist nicht die äußere Welt, die uns in Samsara festhält, auch nicht unser Körper. Weder das Universum, noch unsere Körper sind in Samsara; unser Geist ist es. So geht es also darum, Madhyamaka in Bezug auf den Geist anzuwenden, indem man ihn mit der sehr präzisen Logik des Madhyamaka untersucht. Wenn man sich dann auf den Geist ausrichtet, hat man die korrekte Sichtweise. Diese Sichtweise des Geistes wendet man als Praxis an und lässt den Geist diese Sicht erfahren. Dann hat man die Mahamudra-Erkenntnis in einem Moment.

Hierfür ist natürlich Konzentration nötig und deswegen ist es so wichtig, vorher die Meditation der Geistesruhe (tib. Shine) zu üben. Ohne die Stabilität des Shine ist die Sichtweise des Geistes wie eine Flamme im Wind; einen Moment da und dann vorbei. Wenn ihr ohne geistige Stabilität versucht, die richtige Sicht zu haben, so entsteht vielleicht ein kurzer Einblick, den aber der ungezügelte Geist nicht festhalten kann. Bevor man die Sicht nicht ununterbrochen halten kann, machen Aussagen wie: „Man kann in einem Augenblick Erleuchtung erlangen" keinen Sinn. Man muss dafür zuerst die Sicht entwickeln, dann auf dieser Basis die entsprechende Erfahrung des Geistes machen und diese dann ununterbrochen üben.

Wenn die richtige Sichtweise über den Geist entstanden ist, so ist es wie ein Erwachen aus der Unwissenheit. Aber sie muss kontinuierlich gehalten werden, und ohne geistige Stabilität wird sie wieder vergehen.


 Neu überarbeitet durch die Redaktion der Buddhismus Heute, 2014