Aus: Buddhismus Heute Nr. 14, ( 1994)

Karmapa, die Linie, die Lehren - Wie kann man das alles so persönlich nehmen?

Ein Interview mit Topga Rinpoche

KIBI, New Delhi, 20.3.1993

 

Topga Rinpoche wurde schon als Jugendlicher vom 16. Karmapa in Tsurphu als "Vajra-Meister" eingesetzt und später im Exil als Generalsekretär des Klosters Rumtek. Er gilt als sehr gelehrt, wobei sein historisches Wissen besonders hervorsticht. Am KIBI in New Delhi unterrichtet Topga Rinpoche buddhistische Philosophie, buddhistische Erkenntnistheorie und tibetische Linguistik.

Wir möchten Ihnen gerne einige Fragen zur derzeitigen Situation Rumteks und der Kagyü-Linie stellen.

Existiert der "Karmapa Charitable Trust" eigentlich noch? Was hat es mit Situ Rinpoches Versuch, diesen Verein zu übernehmen, auf sich?

Topga Rinpoche: Der "Karmapa Charitable Trust" wurde 1961 vom 16. Karmapa gegründet und geformt. Er hat danach gut funktioniert, aber die Leute haben nicht viel darüber gewußt, denn in jenen Tagen gab es keinen Bedarf für Publicity, oder besser gesagt: sie wurde nicht sonderlich betont. Es gab keinerlei Probleme, alles lief bestens - bis April oder Juni 1992. Wir taten unser Bestes, um alles gut zu machen, die Studien zu ermöglichen und die Tradition zu erhalten. Das "Dharma Chakra Centre" lief sehr gut, vielleicht sogar etwas besser als zuvor, abgesehen von kleinen Schwierigkeiten, wie sie es in jeder Gemeinschaft gibt.

1992 geschahen dann unglücklicherweise all diese Dinge im Zusammenhang mit der Auffindung und Anerkennung des 17. Karmapa. Den 17. Karmapa zu finden, einzusetzen und die Verantwortung zu handhaben, war die Hauptaufgabe des "Karmapa Charitable Trust". Wir haben zehn oder zwölf Jahre darauf gewartet. Zunächst, im Jahre 1985 oder 1986 haben die Rinpoches gesagt, daß sie einen Brief vom 16. Karmapa hätten. Es sei aber noch nicht die richtige Zeit gekommen, seinen Inhalt preiszugeben. Sie würden uns zur richtigen Zeit mitteilen, wo der 17. Karmapa sei und wie er gefunden werden könne. Wir haben mit vollem Vertrauen - zumindest was die Anerkennung des 17. Karmapa angeht - gewartet. 1992 zeigte sich jedoch, daß wir uns getäuscht hatten.

Warum werden insbesondere Sie in diesem Zusammenhang immer wieder persönlich angegriffen und verleumdet?

Ich habe keine Ahnung, ich weiß es nicht. Was ich versucht habe, war nicht einfach, aber meine Verbindung mit dem "Dharma Chakra Centre" ist nicht nur die, daß ich der vom 16. Karmapa eingesetzte Generalsekretär bin. Es ist eher eine Verpflichtung, denn Seine Heiligkeit war nicht nur mein "Onkel" - so habe ich ihn nie gesehen. Er war mein Lehrer und er lebte tatsächlich nur für andere Wesen. Ich habe großen Respekt vor ihm, den höchsten Respekt, den man vor einem Menschen haben kann. So hatte ich das Gefühl, daß ich ihm etwas schuldig wäre. Der richtige Zeitpunkt, einen Teil davon zu "zahlen", war während seiner Abwesenheit, wo es gebraucht wurde.

Ich habe stets versucht, Karmapas Interessen zu schützen und hätte es nie für möglich gehalten, daß manche unter Karmapas Schülern andere Denkweisen, Ansätze und Motivationen haben könnten. Ich war zu blind, um das zu sehen. Doch mein Gewissen ist sehr rein, und darauf kommt es an. Ich bin heute sehr glücklich, denn ich habe keine Probleme und keine Gewissensbisse. Was ich zu tun versuchte, war für Karmapa, so gut es mir irgendwie möglich war. Ich kann daher keine klare Antwort darauf geben, warum diese Leute mich nicht mögen. Warum sollten sie mich denn mögen? (Rinpoche lacht).

Sie sind zwar nach wie vor der Generalsekretär Rumteks, können diese Funktion unter den derzeitigen Umständen in Rumtek doch aber gar nicht mehr auszuüben, oder?

So würde ich es nicht ausdrücken. Situ Rinpoche versuchte, neben dem "Karmapa Charitable Trust" einen zweiten Verein oder ein Komitee zu bilden, um uns zu umgehen. Das hat jedoch nicht funktioniert, denn die Regierung Sikkims akzeptierte es nicht. Situ Rinpoche bekam Insider-Informationen aus der Regierung, daß seine Anfrage zurückgewiesen werden würde und zog daraufhin seinen Antrag wieder zurück. Sein Verein wurde also nie gebildet und was auch immer dort gegründet wurde, ist illegal. Es ist sehr traurig und nicht schön, es sagen zu müssen, aber Tatsache ist, daß nun eine illegale Körperschaft die legalen Körperschaften Karmapas betreibt. Situ Rinpoche sagt jetzt Sachen wie, daß dieser Mann rausfliegen soll, daß jener Mann abgesägt werden soll, daß dies und das wertlos wäre... Er hat natürlich das Recht zu sagen, was er will, Redefreiheit... Wir können seine Worte nicht kontrollieren. (Rinpoche lacht) Aber es hat keinen Wert, sich darum zu kümmern und so nehmen wir es nicht ganz ernst. Ich habe ihm nicht einmal geantwortet. Was immer er sagte, vergaß ich lieber gleich wieder, denn es trifft mich nicht, weder persönlich noch offiziell. Situ Rinpoche hat keinerlei Berechtigung, irgendein Vereinsmitglied hinauszuwerfen. Die Vereinsstatuten erlauben nicht einmal mir, jemanden nach Belieben zu entlassen. Es ist also zwar nur ein Kinderspiel, scheint aber einigen Egos gut zu tun.

Sie können doch aber nicht nach Rumtek zurück. Können Sie Ihre Arbeit denn dann noch ausführen?

Sicherlich, kein Problem. Die Arbeit ist nicht an Rumtek gebunden, sondern findet dort statt, wo Karmapa ist. Ich werde also von gar nichts abgehalten und ich bin nicht beunruhigt. Doch es ist schade, daß all dies in der Kagyü-Linie geschehen ist, es ist wirklich schlecht. Was geschah, war nicht schön und gut. Ich denke, es gibt weder Gewinner noch Verlierer. Was verloren gegangen ist, ist das Heilige, die Ruhe, der Frieden, die Ernsthaftigkeit, die schönen Gedanken und Gefühle, die wir teilten. Das alles ist verloren.

Welche Rolle spielt der "Karmapa Charitable Trust" beim Ablauf der Auffindung des 17. Karmapa? Bestätigt er ihn?

Die Vereinsdokumente sagen nichts über die Anerkennung von Karmapas Inkarnation. Der Verein spielt keine Rolle dabei und es wird auch nicht gesagt, wer Karmapa anerkennen soll. Der Verein verleiht die Autorität, in Karmapas Abwesenheit als sein Regent oder Repräsentant - wie man es auch nennen mag - zu handeln, bis der nächste Karmapa 18 oder 20 Jahre alt ist. Das ist für vielleicht fünf bis sieben Jahre noch die legale Rolle des Vereins. Wenn der Verein der Meinung ist, daß Karmapa in der Lage ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, so ist es besser, ihm die Verantwortung auch gleich zu übergeben - und wenn das schon morgen sein sollte. Ich denke, Karmapa sollte wissen, was zu tun ist und es auch tun. Er sollte sich selbst darum kümmern.

Sie kennen Situ Rinpoche persönlich sehr gut. Was könnte seine Motivation sein, all diese Dinge zu tun?

Ich glaube, daß er zu dynamisch ist. (Rinpoche lacht) Manche Leute denken ja, daß er nur unter Druck der Chinesen steht und gezwungen wird, in dieser Weise zu handeln. Vielleicht. Aber wenn ich jemandem nicht zuvor ermögliche, mich unter Druck zu setzen, so kann es auch nicht geschehen. Wenn ich jemandem den kleinen Finger gebe, nimmt er vielleicht die ganze Hand...

Was ist der politische Hintergrund der Geschichte? Warum unterstützen die Sikkimesen Situ Rinpoche?

Ich möchte dazu jetzt nichts sagen. Was ich denke ist, daß etwas mit dem System nicht in Ordnung ist. Ich mache niemandem einen Vorwurf, aber irgendetwas stimmt nicht. Ich weiß auch nicht genau, was es ist. Wir sollten das vielleicht mal herausfinden. Wenn mit dem System wirklich etwas nicht stimmt, wird dieser Karmapa - wenn möglich - alles ändern. Ich bin mir eigentlich sicher, daß etwas an dem System falsch ist. Wie sonst hätte das alles geschehen können? Wenn ich zu jemandem Vertrauen habe und Ihr zu jemand anderem Vertrauen habt: Das tut uns doch eigentlich nicht weh, oder? Es ist doch Eure Sache, an wen Ihr glaubt. Wenn Ihr denkt, daß der Junge in Tsurphu der richtige Karmapa sei, so würde ich nichts dagegen sagen, obwohl ich selbst denke, daß dieser Karmapa hier der richtige Karmapa ist. Aber es gibt doch keinen Grund, deswegen zu kämpfen, wofür denn? Hier kommt das System ins Spiel und man spricht über Karmapa nicht als ein Individuum, sondern als etwas Dahinterstehendes, etwas Größeres - dafür kämpft man dann, nicht wahr? Und das hat mit dem tibetischen Dharma-System zu tun.

Was meinen Sie genau mit "System"? Das Tulku-System der Anerkennung bewußter Wiedergeburten und die gesellschaftliche Macht, die für die betroffenen Familien und Lamas damit verbunden ist?

Ja, das meine ich.

Auch die Verquickung von Religion und Politik?

Politik war in Tibet immer ein Problem. Es begann damit, daß Lamas anfingen, das Land zu regieren. Diese Entwicklung begann ungefähr im 13. Jahrhundert. Vorher war es noch möglich, rein spirituelle Lehrer zu finden. Lehrer wie Marpa, Milarepa, Gampopa, Düsum Khyenpa - was die Kagyüs angeht. Milarepa hatte nicht einmal ein Haus, um darin zu leben. Und doch hatte er Tausende von Schülern und seine Lehren sind noch heute für alle Wesen und alle Schulen relevant. Danach aber ging etwas schief und das muß wieder in Ordnung gebracht werden. Niemand ist dazu in der Lage, wenn nicht eine Person wie Karmapa es versucht. Vielleicht ist es auch gar nicht nötig; ich bin ja keine Autorität dafür. Aber als Buddhist und als Schüler Karmapas empfinde ich so.

Sie hatten eine sehr nahe Verbindung zum 16. Karmapa. Daher denken viele Leute, daß es ein Wiedererkennen mit dem neuen Karmapa gegeben hat. Was gibt Ihnen ganz persönlich die Sicherheit, daß dies der richtige Karmapa ist?

Ich finde ihn ganz außergewöhnlich und besonders und wir fühlen eine sehr nahe Verbindung zueinander. Ich habe keinen Zweifel, daß er der 17. Karmapa ist. Doch Wunder habe ich nicht gesehen (Rinpoche lacht).

Hatten Sie das Gefühl, daß er Sie erkannt hat?

Es war für ihn so einfach sich mit uns zu unterhalten, so als würde er uns seit sehr langer Zeit bereits kennen würde. In der Minute, in der wir uns begegneten, begannen wir ohne Zögern zu reden, als ob wir uns seit langer Zeit kennen. Vielleicht kann man sich auf solche Gefühle - wegen der Aufregung und allen möglichen anderen Sachen, die damit zusammenhängen - nicht verlassen. Auch sind ja in der Zwischenzeit so schreckliche Dinge geschehen. Wir befinden uns ja absolut in Samsara, so daß unsere Gefühle nicht verläßlich sind.

Die indische Presse sagt, daß die Regierung Indiens sehr besorgt ist über Situ Rinpoches Aktivitäten. Es wird sogar angedeutet, daß er aus Indien ausgewiesen werden könnte, wenn es so weitergeht. Was halten Sie davon?

Mich stört, daß Rumtek jetzt ein gemachtes Bett für China ist. Das bedauere ich sehr, denn dafür hat Karmapa Rumtek nicht gebaut. Es ist sehr schlimm. Die indische Regierung beobachtet, ob die Vorgänge Indien schaden könnten oder nicht. Sie werden sich dann entsprechend darum kümmern. Wir als Karmapas Schüler sollten studieren, praktizieren, zusammenhalten, einander helfen und so positiv wie möglich voneinander denken. Laßt Euch von diesen negativen Dingen nicht stören - außer wenn es unmöglich wird.

Das Problem ist, daß es auch in Europa so viel Propaganda gibt. Es gibt Presseartikel, Filme... Wenn wir nur ruhig bleiben, haben viele Leute keine Möglichkeit, echte Informationen zu bekommen und den richtigen Karmapa zu treffen. Viele von uns empfinden, daß sie nicht anders können, als sich in den Kampf einzulassen.

Es ist nicht Euer Fehler, sondern der Fehler im System.

Denken Sie, daß es ein besonderes Zeichen für die zukünftige Aktivität Karmapas ist, daß bei seiner Vorstellung mindestens genau so viele Westler wie Asiaten da waren, und daß sie im KIBI stattfand, ein Platz, der als Brücke zwischen Ost und West gedacht ist?

Da bin ich mir sicher. Es ist schade, daß Karmapa nun in dieser Atmosphäre aufwachsen muß: Menschen schreien, werfen Steine und sagen, daß sie ihn nicht wollen. Es ist sehr hart für ihn. Wir sollten also sorgsam an ihn denken. In dieser schlimmen Zeit wurden viele Leute verletzt, beschimpft und zurückgewiesen. Auch ich selbst habe solche Dinge erlebt: Situ Rinpoche sagte, ich sei hinausgeworfen. Ich weiß nicht, was das genau bedeutet, aber so zu reden, ist sehr negativ, sagt man. Ich weiß nicht, ob es gut oder böse ist, denn es stört mich nicht. Andere Leute jedoch wurden wirklich gewalttätig verletzt. Ich kann diesen Leuten keinen Vorwurf machen, wenn sie jetzt auch aggressiv sind. Doch wir müssen an Seine Heiligkeit denken, wie er sich fühlt, wenn wir einen Fehler machen. Er wird dafür beschuldigt werden.

Sie wollen sagen: Wir repräsentieren ihn jetzt in der Welt und er wird für unser Verhalten verantwortlich gemacht?

Ja. Ich will niemanden beschuldigen, aber einige Leute kamen jetzt zu mir und sagten: "Jetzt müssen wir wirklich etwas unternehmen und zurückschlagen." Sie wurden zuvor verletzt und beleidigt und halten es nicht mehr aus und dann stehen sie auf einmal Situ Rinpoche und seinen Leuten gegenüber. Ich sagte ihnen: "Wartet nicht auf Karmapa, sondern geht hin und redet mit ihnen. Es ist Euer eigener Kampf. Wartet dafür nicht auf Karmapa." Wenn Ihr sagt: "Sobald Karmapa da ist, werden wir es ihnen zeigen", mißbraucht ihr Karmapa. Es wäre leicht für uns, aber hart für Karmapa und seine Eltern. Er wird schon jetzt bestraft für etwas, womit er nichts zu tun hat - für eine Tat, die er nie begangen hat. Es ist traurig und wir alle müssen sorgsam sein: die Schüler, die Lamas, die Rinpoches, die Mönche... Seine Heiligkeit soll nicht das Gefühl haben, daß es überall nur Haß, Mißtrauen und Ablehnung gibt. So sollte er wirklich nicht aufwachsen. Was geschehen ist, ist geschehen. Da können wir nichts mehr dran ändern. Aber laßt uns verhindern, daß es sich wiederholt.

Wie war die Reaktion Seiner Heiligkeit auf das alles?

Er ist wunderbar und nimmt es alles ruhig und freundlich. Doch manchmal fühle ich, daß er auch etwas traurig ist. Über die Trennung von seiner Familie zum Beispiel...

Weiß er über all die Vorgänge der "Kagyü-Krise" Bescheid?

Mehr oder weniger. Er hat keine andere Wahl, als es zu wissen. Aber er sagt keinen Ton dazu, er ist wundervoll. Ich denke auch, daß er nicht leicht zu beeinflussen sein wird, was sehr wichtig ist, ebenso wie richtig und falsch erkennen zu können. Auf Gerüchte und andere Leute zu hören, und dann entsprechend zu handeln, hat Rumtek verdorben. Wenn Ihr nicht fähig seid, zu verstehen, was richtig und was falsch ist, so müßt Ihr Euch auf jemand anderen verlassen, nicht wahr? Die Erziehung ist sehr wichtig.

Einerseits ist er der Buddha Karmapa, auf der anderen Seite aber noch ein Kind. Viele Leute im Westen haben sicher Probleme, das richtig zu verstehen.

Das macht nichts, kein Problem. (Rinpoche lacht)

Muß er eine vollständige Erziehung durchlaufen? Es heißt ja in den Texten, daß er ein Buddha ist, alles weiß und nur den Weg zeigt und als Beispiel für die Schüler dient.

Das ist nicht unbedingt der Fall. Die Schüler hatten in jenen Tagen sehr viel Vertrauen in ihren Lehrer. Sie glaubten sehr stark, daß ihre Lehrer Buddhas waren, woran auch nichts falsch ist; ihre Inkarnationen waren auch tatsächlich so und brauchten überhaupt nichts zu lernen. Aber es ist nicht immer so. Manchmal natürlich schon: Der 15. Karmapa zum Beispiel mußte kaum studieren, nicht mal lesen und schreiben lernen. Er tat etwas einmal und konnte es von dem Moment an. Er - wie auch andere Karmapas - war sehr außergewöhnlich. Doch manche unter ihnen mußten richtig hart studieren. Es kommt wohl drauf an und ich kann es nicht beantworten. Er wird aber ganz sicher eine Ausbildung durchlaufen. Noch einmal zurück zum tibetischen Dharma-System: Wollte früher jemand Milarepa sehen, so war das ganz einfach. Man mußte nicht einmal an seine Tür klopfen, denn er hatte keine. Man konnte einfach hingehen und ihn treffen. Seht einmal den Unterschied, wenn man heute zum Beispiel Seine Heiligkeit den Dalai Lama treffen will: Man benötigt einen Termin, muß Sicherheitskontrollen durchlaufen und vieles mehr. Was soll man dazu sagen?

Ich will nicht sagen, daß jedermann ab morgen wie Milarepa leben sollte, das geht ja nicht. Was ich Euch zu sagen versuche, ist: Braucht Ihr nicht eine Klärung? Auch ich brauche sie, wirklich, denn auch ich bin sehr verwirrt und geschockt. Nicht weil Situ Rinpoche sagt, daß ich ein schlechter Mensch sei. Ich bin mir sogar sicher, daß ich ein schlechter Mensch bin. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, das alle alles so persönlich nehmen. Wie kann man nur alles so persönlich nehmen? Karmapa, die Linie, die Lehren - wie kann man dies alles so persönlich nehmen? Wir müssen uns wirklich zum Besseren entwickeln. Was die Anderen uns zeigen, ist vielleicht ein Beispiel oder eine Warnung, nicht auch so zu werden. In Deutschland gibt es einen Spruch: "Keiner ist nutzlos. Er kann zumindest als schlechtes Beispiel dienen".

(Rinpoche lacht) Mein Gefühl ist: Warum kümmert sich Situ Rinpoche nicht um die Linie? Wenn er sich um Euch oder um mich nicht kümmert, so ist das ja in Ordnung. Aber die Linie...? Und die Inkarnation seines eigenen Lehrers...? Und der Buddhismus als Ganzes...? Das verstehe ich wirklich nicht. Die Kagyü-Linie ist jetzt gespalten und vielleicht wird es nicht mehr lange dauern bis es unterschiedliche Belehrungen gibt. Man wird vielleicht einen neuen Stil einführen, um es attraktiver zu machen, wer weiß. Man zerstört wirklich die Tradition, die Kultur, schließlich alles. Aber ich bin vielleicht auch nicht fähig, so etwas vorherzusehen.

Man erwartet jetzt die Reinkarnation von Jamgön Rinpoche. Wissen Sie etwas darüber?

Vergeßt all das mit den Tulkus. Ich habe kein Vertrauen mehr in Tulkus, es reicht jetzt, es ist genug... Ich habe ausschließlich von Karmapa Einweihungen genommen und so habe ich jetzt kein Problem. Von anderen Lamas habe ich kaum Einweihungen genommen... Einmal eine Langlebenseinweihung von Shamarpa. Man muß damit vorsichtig sein. Wenn man sie einmal genommen hat, können sie zu einer Bürde werden.

In den ersten Jahren des Vajrayana im Westen haben alle Leute ständig um Einweihungen gebeten. Sollten wir damit besser aufhören?

Ja, das wäre besser. Was bekommt Ihr denn? Nichts tatsächlich, oder?

Manche Leute werfen uns vor, daß wir die Linie gespalten hätten. Sie sagen, wir hätten einfach ruhig sein sollen, als der Junge in Tsurphu inthronisiert wurde. Was denken Sie darüber?

Man muß einsehen, daß diese Leute es nicht verstehen, denn sie haben bestimmte Interessen in dieser Angelegenheit. Sie sind wirklich motiviert, einen anderen Karmapa zu haben. Davon abgesehen: in diesem Fall ist es so, daß Situ Rinpoches "Karmapa" zwar anerkannt, nicht jedoch erkannt wurde. Aber die Interessen sind so stark, daß es egal ist, was man diesen Leuten sagt.

Bleibt es nicht zur Zeit noch einfach eine Frage des persönlichen Glaubens, welcher Karmapa echt ist?

Einfach nur zu glauben, wäre nicht richtig. Es geht nicht nur darum, jemanden zu respektieren, sondern es ist etwas, was man sich verdienen muß. Deswegen müssen wir studieren. Ich sagte schon vielen Westlern, daß sie nicht alles einfach als selbstverständlich ansehen sollen. Ein Lama kommt und Ihr denkt, er sei ein Gott. Hinterher seid Ihr dann enttäuscht. Ihr könnt aus einem Menschen keinen Gott machen. Ein Mensch bleibt ein Mensch; er ißt, trinkt, zieht Kleider an, geht ins Badezimmer. Wenn Ihr nur an etwas glauben wollt, so könnt Ihr an irgendwas glauben. Das ist falsch.

Und wie sollen wir diesbezüglich mit Karmapa umgehen?

Laßt ihn sich selbst beweisen und laßt den Leuten die Chance, ihn selbst zu beurteilen. Man kann auch nicht sagen, es sei der richtige Karmapa, weil der andere falsch ist, das wäre schlechte Logik. Zumindest aber hat Shamar Rinpoche keinerlei verdorbene Motivation; das ist völlig klar. Er hat keinerlei politische Gründe. Unser Karmapa ist der ärmste Karmapa, von dem ich je gehört habe. Situ Rinpoche hat sichergestellt, daß er nun nicht einmal eine Glocke zum Läuten hat, denn all seine Sachen sind in Rumtek und man kann sie nicht abholen. (Rinpoche lacht) Ich denke, Karmapa sollte jetzt gut meditieren und studieren, und dann den Leuten und der Gesellschaft helfen. Und anstatt neue Klöster und all das zu bauen, sollte er diejenigen entwickeln und ausbauen, die es schon gibt. Das wäre sinnvoll und brächte Entwicklung. Ein eigenes Kloster zu bauen ist einerseits nicht so leicht und andererseits: was soll man mit einem großen Kloster, einer großen Shedra usw.? Was Karmapa bereits hat, sollte erhalten bleiben und die Studienmöglichkeiten sollen verbessert werden. Ich glaube, daß Weniger hier zu mehr Qualität führt und ich bin sicher, daß Karmapa es so machen wird.

Denken Sie an eine Art Verschnaufpause für die Linie? Zurück zu mehr Qualität statt Quantität?

Ja, und das Wichtigste ist, die Linie zu erhalten. Nur er ist dazu fähig. Die Kagyü-Linie ist jetzt mehr oder weniger gebrochen. Daran denkt keiner. Alle denken nur noch an große Klöster, hohe Throne, schöne Teppiche... Ich halte diese Sachen nicht für wichtig. Manches braucht man, okay. Aber es erhält nicht die Linie.

Gab es so eine schlimme Sache schon einmal in der Geschichte der Kagyü-Linie?

Ich glaube nicht. Dies ist das Schlimmste bisher: Die Linie ist gespalten. Situ Rinpoche nennt Shamar Rinpoche einen "Dämon" oder so etwas... Aber eigentlich kann jeder Linienhalter werden, dafür brauchen wir keine Rinpoches. Es kommt nur auf die Qualität der Meditation an. Sie ist das Maß dafür, ob man die Fähigkeit hat, ein Linienhalter zu werden. Man muß ansonsten nichts besonderes dafür sein und braucht keinen Thron mit vielen Kissen. Der Thron an sich hält keine Linie. Die Throne mit den Drachen, Vögeln und Brokat usw. sind aus dem alten China, nicht einmal tibetisch.

Halten Sie es für möglich, daß die Spaltung der Kagyü-Linie offiziell wird - zum Beispiel mit zwei Namen?

Sie werden irgendetwas Verrücktes tun; sie könnten sich "Haupt-Karma-Kagyü" oder "Wurzel-Karma-Kagyü" nennen. Verschwenden wir nicht unsere Zeit damit. Es war gut, Euch alle hier während dieser schweren Zeit zu sehen. Jeder kommt, um zu helfen und zu schützen. Das ist wirklich schön. Ich weiß das mehr zu schätzen als ich ausdrücken kann. Bei manchem Streit der letzten Jahren - zum Beispiel die häßlichen Angriffe auf Ole Nydahl - haben wir oft schon mit ungutem Gefühl daran gedacht, wie es sein wird, wenn wir später mit all diesen Leuten - mit ihren gebrochenen Verbindungen - bei dem 17. Karmapa wären. Wir waren sehr dankbar dafür, daß es jetzt so schön und familiär war.

Haltet Euch fern von den Leuten, die immer nur Ärger machen. Ihr könnt sie nicht ändern, wie sehr Ihr es auch versucht. Die Mühe wäre vergeudet. Laßt sie reden, was sie wollen. Laßt sie tun, wozu sie Lust haben, denn Ihr könnt sie doch nicht aufhalten. Sie haben vielleicht Spaß an diesen Dingen, also freut Euch mit Ihnen. (Rinpoche lacht) Haltet die Leute, die Ärger machen, aus Euren Zentren fern. Ihr könnt nicht immer Bodhisattvas sein, man muß auch praktisch bleiben. Ich bin nicht bereit, meinen Körper und meinen Geist für irgend etwas Verrücktes herzugeben. Man kann nicht immer alles so machen, wie es in den Schriften steht.

Was wird jetzt aus Rumtek werden?

Nach Rumtek zurückzugehen, ist - nach allem was dort geschehen ist - aus religiöser Sicht nicht gut. Wenn es so etwas wie Samaya gibt, dann ist Rumtek kein Platz mehr, wo wir hingehen könnten. Es wird vielleicht nicht mehr Karmapas Hauptstelle sein.

Vielleicht machen wir ein schönes Museum aus Rumtek. Mit den vielen heiligen Reliquien dort, Statuen aus dem achten und neunten Jahrhundert... Ein schönes, bewachtes Museum, das dem 16. Karmapa gewidmet ist. Es wird ein besonderes Museum sein, da Sikkim ja grundsätzlich ein buddhistisches Land ist. Es werden dann Opferungen gemacht und einige Mönche und Nonnen werden dort leben und sich um alles kümmern. Der Tsurphu-Karmapa ist jetzt eingesetzt. Man kann nichts mehr daran ändern. Die Chinesen haben ihn gebraucht und ich kann ihnen nichts vorwerfen - sie haben eben ihren Job gemacht.


Vielen Dank für Ihre Zeit und für dieses Interview!

Es war mir eine Freude, mit Euch von "Kagyü Life" zu reden. Kagyü Life - quite a life!