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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 14, ( 1994)

Tulkus und Samaya

Ein Interview mit Khenpo Tschödrag Thenpel Rinpoche

Karmapa International Buddhist Institute, 20. März 1994


Kagyü Life: Wie kann man die offensichtliche Kluft zwischen der Beschreibung der Eigenschaften einer bewußten Wiedergeburt (Tulku) in den Texten und dem Verhalten einiger Tulkus im Rahmen der Auseinandersetzung um die Anerkennung Karmapas verstehen?

Khenpo: Die Art und Weise, wie der Dharma sich im Westen verbreitet hat - vor allem der Stil der Praxis und die Meinung der Leute über den Dharma - basiert darauf, wie er zu Anfang präsentiert wurde. Es entstand oft der Anschein, daß Tulkus keine störenden Gefühle hätten und sich immer auf den Bodhisattva-Stufen oder einem der "Fünf Wege" befänden. Die Leute denken auch, daß Bodhisattvas und Tulkus keine Fehler machen könnten. Tatsächlich jedoch ist es sehr schwer, ein echter Bodhisattva zu sein und ich glaube, daß nicht alle Tulkus auch wirklich Bodhisattvas sind.

In verschiedenen Sutras und auch im Vajrayana-Zusammenhang betonte der Buddha zu Beginn immer wieder sehr nachdrücklich, wie wichtig es ist, den Charakter und die Eigenschaften des Lama zu überprüfen. Es mag sein, daß es unter den Lamas, die im Westen lehren und lehrten, viele gibt, die wirkliche Bodhisattvas sind und auch viele, die es nicht sind.

Diejenigen, die herumreisen und lehren, jedoch keine wirklichen Bodhisattvas sind, müssen sich "verkaufen". Wenn man ein Produkt hat, muß man ja Werbung machen, um es an den Mann zu bringen. Wenn man also als Bodhisattva auftritt ohne wirklich einer zu sein, muß man alles mögliche tun, um bei den Leuten gut anzukommen. In diesem Zusammenhang wurde dann viel davon geredet, daß jemand eine Ausstrahlung von Chenresig, Manjushri oder anderen Buddhas sei, um eine Rückenstärkung zu haben.

Die echten Bodhisattvas haben es vielleicht nicht so nötig, sich darauf zu berufen, was für eine Ausstrahlung sie sind. Ein Beispiel dafür ist der erste Jamgön Kongtrul, Lodrö Thaye. In seiner Autobiographie spricht er davon, daß er eine Ausstrahlung von Vairocana1 sei. Zugleich sagte er jedoch, daß man dies unterschiedlich verstehen kann:

Man kann es erstens so verstehen, daß er wirklich Vairocana ist. Diese Auslegung verneint Lodrö Thaye jedoch und sagt, daß er deswegen nicht Vairocana sei, da er die Qualitäten Vairocanas nicht in seinem Geist habe. Die zweite Art es zu verstehen hat mit Zitaten von Guru Rinpoche und Jamjang Khjentse Wangpo zu tun, die besagen, daß Lodrö Thaye eine Ausstrahlung von Vairocana sei. Wenn er dies nun bestreite, so sagt Lodrö Thaye, dann würde er damit ja sagen, daß diese Meister lügen. So sollte man es aber auch nicht verstehen, sondern eher in der folgenden Weise: Wenn er in diesem Leben so praktiziert, daß eine echte Entwicklung stattfindet und er Erkenntnis erlangt, dann wird er durch die Praxis die Ebene von Vairocana erreichen. Deswegen ist es auch in Ordnung, ihn mit Vairocana in Verbindung zu sehen. Lodrö Thaye hat tatsächlich mit großer Ausdauer praktiziert und tiefe Verwirklichung erlangt, weswegen es auch keinen Widerspruch gibt zu den Aussagen von Guru Rinpoche und Jamjang Khjentse Wangpo.

Vor allem ist sehr wichtig, daß die Leute, die mit Dharma-Praxis anfangen, sich ihren Lehrer genau anschauen und seine Eigenschaften überprüfen, was eigentlich recht einfach ist: Wenn deutlich sichtbar ist, daß die Hauptbeweggründe der Aktivität eines Lehrer darauf abzielen, Geld zu verdienen und einen guten Ruf zu bekommen, dann hält man sich ab dann besser von ihm fern, auch wenn man schon Belehrungen von ihm bekommen hat. Man soll dann aber auch nicht schlecht über ihn reden.

Zu extrem werden darf man in dieser Hinsicht aber auch nicht, denn ein Lehrer ist ein Mensch wie alle anderen und muß seinen Lebensunterhalt bestreiten. Fernhalten sollte man sich, wenn offensichtlich ist, daß sein Verlangen nach Status und Geld überdurchschnittlich hoch ist.

Viele Lamas haben ja auch verschiedene Dharma-Projekte, Klöster und Leute in den Klöstern, die sie unterstützen und bekommen deswegen Spenden. Wenn man sieht, daß die Spenden jedoch nur für eigennützige Zwecke verwendet werden, ist auch dies ein Grund dafür, sich lieber fernzuhalten.

Man sollte sich einfach an dem Begriff "Bodhisattva" orientieren. Bodhisattva zu sein, bedeutet eigentlich, daß man ein Diener der Menschheit ist. Wenn jemand das nicht ist, kann man ihn nicht wirklich als echten Bodhisattva bezeichnen.

Wie ist es dann mit von Karmapa anerkannten und bestätigten großen Bodhisattvas wie Situ Rinpoche, die auch schon in früheren Leben große Bodhisattvas waren? Wie soll man deren derzeitige Verhaltensweisen verstehen? Durch Karmapas Bestätigung müßte doch eine "Garantie" gegeben sein?

Es ist klar, daß Karmapa sich nicht täuscht und daß er Situ Rinpoche als solchen anerkannt hat. Wenn man sich Situ Rinpoche und das was er derzeit tut anschaut, so ist auch klar, daß seine Handlungen in diesem Zusammenhang nicht in Übereinstimmung mit dem Dharma sind. Sein Verhalten hat dazu beigetragen, daß Rumtek als Kloster mehr oder weniger beschädigt und zerstört wurde. Er hat somit das Kloster seines eigenen Wurzellamas beschädigt. Man kann es drehen und wenden wie man will - das ist nicht in Übereinstimmung mit dem Dharma.

Die Frage kann man im Diamantwegs-Zusammenhang beantworten: Vajrayana ist eine sehr heikle Angelegenheit, weil ein so riesiges Potential darin steckt. Wenn dieses Potential richtig verwendet wird, ist das sehr positiv. Wird es aber mißbraucht, so ist das sehr gefährlich. Man kann es mit Atomenergie vergleichen: Für friedliche Zwecke benutzt ist sie sinnvoll, als Atombombe jedoch ein Desaster.

Die Gefahren des Diamantweges liegen in den Samayas, den Vajrayana-Gelübden. Hat man sie einmal bekommen - zum Beispiel im Rahmen einer Ermächtigung - so muß man sie auch einhalten. Situ Rinpoche hat natürlich von Karmapa Ermächtigungen erhalten und, da er ein so naher Schüler war, höchstwahrscheinlich auch die damit zusammenhängenden Samayas. Nach Karmapas Tod war Situ Rinpoche viel mit Leuten zusammen, die schon zuvor mit Karmapa gebrochen und immer gegen ihn gearbeitet hatten. Über Lodrö Tarchin - den Situ Rinpoche als Sekretär in Rumtek eingesetzt hat - ist unter Tibetern schon lange bekannt, daß er seine Verbindung mit Karmapa längst gebrochen hatte. Ein anderer Fall: Der Nyerpa (Schatzmeister) von Gyaltsab Rinpoche hatte noch in Tibet ein Gerichtsverfahren gegen Karmapa eingeleitet.

Explodiert eine Atombombe, so ist das ganze Land bzw. der betroffene Teil der Welt, zerstört. Ähnlich läuft es mit dem Diamantweg, wenn man nicht richtig damit umgeht.

In einem Artikel der letzten Kagyü-Life-Ausgabe erklären Sie, daß man ab der ersten Bodhisattva-Stufe die mit Ermächtigungen einhergehenden Samayas nicht brechen könne. Für einen großen Bodhisattva wie Situ Rinpoche sollte das doch der Fall sein, oder?

Wenn der Einfluß von Leuten, die ihre Samayas gebrochen haben, sehr stark ist, kann dies einen Bodhisattva derart beeinflussen, daß es seine eigene Erkenntnis beeinträchtigt. Heute morgen noch habe ich die Lebensgeschichte von Doe Khjentse Jeshe Dorje gelesen. Er hatte einmal Visionen von Dakinis und von Guru Rinpoche, die ihm sagten, daß er in einer bestimmten Höhle in Osttibet praktizieren solle und dadurch ein einem Leben den "Regenbogenkörper" verwirklichen werde. Er begann dann mit den Reisevorbereitungen.

Zwei seiner Dienern hatten ihre Gelübde gehalten, ein dritter jedoch nicht. Doe Khjentse war klar, daß dieser nicht mitreisen dürfe und er versuchte alles mögliche, um ihn zurückzuhalten; er machte ihm Geschenke und sagte ihm, daß es besser für ihn sei, wenn er da bliebe. Doch der Diener war nicht zu überzeugen und wollte unbedingt auch dort praktizieren. Es heißt, daß Doe Khjentse Jeshe Dorje, der als Ausstrahlung des großen Künzig Jigme Lingpa gilt, wegen dieser Person, die seine Entwicklung störte, nicht die entsprechende Verwirklichung erlangte.

Wie ist dann das Beispiel in den Sutras zu verstehen, wo gesagt wird, daß ein Bodhisattva wie eine Lotusblüte ist, die zwar aus dem Dreck hervorwächst, jedoch selbst davon nicht beschmutzt wird?

Dieses Beispiel wird normalerweise im Zusammenhang der Bodhisattva-Stufen und -Wege verstanden. Der Diamantweg ist etwas anders. Im Vajrayana-Zusammenhang muß man all die Sachen in einem anderen Licht sehen.

Kann ein Bodhisattva durch gebrochene Diamantwegs-Samayas die Qualitäten wieder verlieren, die er in früheren Leben entwickelt hat?

Die Verwirklichung kann nicht wieder verloren gehen, aber eine weitere Verwirklichung wird beeinträchtigt. Vor allem aber funktioniert das Wirken zum Wohle der Wesen nicht mehr.

Warum kann so etwas mit Karmapa selbst nicht geschehen?

Weil Karmapa in seiner Verwirklichung alle übertrifft und darüber steht. In einem Text vom ersten Pawo Rinpoche wird von einem Treffen mit einem Mahasiddha berichtet. Der Mahasiddha erzählte, daß Karmapa und er früher einmal zusammen den Erleuchtungsgeist entwickelten, daß jedoch der Unterschied zwischen ihnen beiden der ist, daß Karmapa seitdem ausschließlich zum Wohle der Wesen gewirkt hat. Der Mahasiddha habe auch alles mögliche andere gemacht, auch Sachen die nicht ganz in Ordnung waren, wie zum Beispiel Diamantwegspraktiken zu eigennützigen Zwecken. Karmapa jedoch hat seitdem nie irgendeinen Fehler gemacht.

Wenn allerdings Karmapas Schüler ihre Samayas brechen, dann kann dies Karmapas Aktivität beeinträchtigen. Der 15. Karmapa Khakyab Dorje hatte zum Beispiel prophezeit, daß er 84 Jahre alt werden würde, ist dann aber mit 52 Jahren gestorben, weil es Probleme mit den Samayas der Schüler gab.

Wenn ein Tulku kein Bodhisattva ist, was bedeutet dann der "Tulku"-Titel?

Politische Tulkus sind keine Bodhisattvas. (Rinpoche lacht) Es gab ja viele Fälle in Tibet, wo Tulku-Titel verliehen wurden, die nicht unbedingt etwas zu bedeuten hatten. Der Junge in Tsurphu trägt halt den Titel "Karmapa" weil er als solcher eingesetzt wurde.

Die derzeitige Situation in Tibet und China ist ja nichts Neues. Die Chinesen haben schon früher aus politischen Gründen bestimmte Kinder ausgewählt und ihnen hohe Tulku-Titel verliehen. Dadurch hatten sie Einfluß, die Leute vertrauten den Lamas und so konnten die Chinesen die Tibeter kontrollieren. Schon zu Zeiten des chinesischen Kaisers Ching Long gab es die Tradition, eine goldene Vase zu schütteln, in der Zettel mit den Namen geeigneter Kinder waren. Ein oder zwei wurden herausgezogen und diese Kinder dann als Tulkus installiert. Man kann sich fragen, ob das nun echte Tulkus waren oder nicht.

Ist "Tulku" im ursprünglichen Sinne denn gleichbedeutend mit Bodhisattva?

Es kommt darauf an, wovon man genau spricht. Redet man von echten Bodhisattvas im engeren Sinne, so muß derjenige mindestens die erste Bodhisattvastufe erreicht haben. Ein Tulku aber ist nicht unbedingt jemand, der die erste Bodhisattvastufe erreicht hat. So gesehen sind die Begriffe nicht gleichzusetzen. Bodhisattva im weiteren Sinne ist aber jeder, der den Bodhisattva-Gedanken entwickelt und damit auf dem "Pfad der Ansammlung" ist - solange er sein Bodhisattvagelübde nicht von Grund auf gebrochen hat.

Was soll man als gewöhnlicher Dharma-Prakizierender tun, damit man nie in die Situation kommt, durch andere Leute so beeinflußt zu werden, daß man seine Samayas bricht?

Wenn man den Eindruck hat, daß Leute ihre Gelübde gebrochen haben, braucht man keine enge Dharmaverbindung mit ihnen zu pflegen. Ein gewöhnlicher Kontakt ist nicht schlimm, aber keine besondere Dharmaverbindung.

Sollte man auch Wunschgebete machen, um nicht in solch schlechte Gesellschaft zu geraten?

Unbedingt, beispielsweise das Sang Chö Mönlam ("Das Gebet des guten Verhaltens"). Auch der Buddha hat solche Gebete gemacht und es sind ganz normale Gebete, die man sowieso machen sollte: Wünsche dafür, daß man keine negativen Freunde hat, immer unter guten Bedingungen praktizieren kann.

Atisha sagte, daß man - wenn man keine übersinnlichen Fähigkeiten hat - Wunschgebete machen sollte. Wenn man mit reiner Motivation - und vor allem an einem segensreichen Platz - Wunschgebete macht, werden sie sich sicher verwirklichen. 


Übersetzung aus dem Tibetischen: Tina Drasczcyk