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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 14, ( 1994)

Wichtig ist Karmapas Fähigkeit, die Kagyü-Linie zu erhalten

Ein Interview mit Lama Jigme Rinpoche

Jigme Rinpoche - ein Neffe des 16. Karmapa - ist ein Lama der Karma-Kagyü-Linie. Karmapa setzte ihn als seinen europäischen Stellvertreter ein. Seit 1975 ist Jigme Rinpoche spiritueller Leiter von Dhagpo Kagyü Ling in Südfrankreich, dem Hauptsitz Karmapas in Europa. Als der 16. Karmapa ihm diese Aufgabe übertrug, sagte er: »Ich lasse Euch mit Jigme Rinpoche mein Herz da.«

Kagyü Life: In unserer letzten Ausgabe hatten wir ein Interview mit Ihnen veröffentlicht. Darin sagten Sie, daß ein persönliches Kriterium zur Beurteilung der Authentizität des Karmapa sein könnte, daß er sich an bestimmte Dinge erinnert, die nur Sie und der 16. Karmapa wußten? Haben Sie etwas derartiges mit dem 17. Karmapa erlebt?

Jigme Rinpoche: Ich hatte eigentlich noch gar keine Zeit, um darüber nachzudenken. Wir hatten hier in der letzten Zeit soviel zu tun, daß sich die Gelegenheit für solche Gespräche mit Karmapa noch gar nicht ergeben hat. Wir werden das später dann sehen...

Was gibt Ihnen dann jetzt Vertrauen, daß der Junge tatsächlich die Wiedergeburt des 16. Karmapa ist?

Der Junge ist schon seit einigen Jahren bekannt. Er selbst hat zuvor nach Mönchen vom Kloster Rumtek oder Tsurphu Ausschau gehalten, aber sie kamen zu der Zeit noch nicht. Viele Leute wußten davon, daß er auf die Mönche wartete. Aber natürlich entschieden wir nicht nur deswegen, daß er der Karmapa ist.
Einer der ersten von uns, die ihn sahen, sagte, daß vieles an dem Kind ihn an den 16. Karmapa erinnerte; so etwa die Sitzhaltung etc. Er wollte sich zuerst neben das Kind setzen, konnte dann aber nicht anders, als sich niedriger zu setzen und Opferungen darzubringen.
Schon zuvor hatte der Junge von sich gesagt, daß er der Karmapa ist und einen Cousin des 16. Karmapa sehen wolle. Er sagte, daß er in dessen Haus bleiben und auf jemanden warten wolle. Auch seine Eltern warteten darauf, daß jemand kommen würde. Als dann aber später der Junge in Tsurphu anerkannt wurde, gingen sie zurück nach Kham. Sein Vater achtete darauf, daß Karmapa viel zu Hause blieb, denn er hatte Angst, daß der Junge zuviel mit den Leuten reden würde.
Dies ist ein bißchen vom Hintergrund der Geschichte.

Wurde Karmapa nicht sehr bekannt in der Gegend, wo er wohnte?

Ja, jedermann wußte von ihm. Als dann aber der andere »Karmapa« erschien, hatten viele Leute wieder Zweifel.
Alle, die ihn treffen, haben das Gefühl, daß er der Karmapa ist. Aber wirklich wissen kann das niemand. Und da Situ Rinpoche auch ein wichtiger Lama ist und etwas anderes sagt, haben viele Leute Zweifel oder können sich nicht entscheiden.
Ich selbst hatte noch nicht so viel persönlichen Kontakt zu Karmapa, da ich hier so viel zu tun hatte. Karmapas Begleiter Yeshe hat jedoch vielleicht einige schöne Sachen über ihm zu erzählen.

Ist Karmapa über die schwierige politische Situation um seine Person informiert? Ist er an der Entwicklung der Situation interessiert? Stellt er Fragen dazu?

Ja, er weiß genau Bescheid, sagt aber nichts Genaues dazu. Einmal sagte er zu Yeshe und den Mönchen, daß man wohl bezüglich der Situation in Rumtek nichts machen könnte, da diese Leute dort sowieso nicht zuhören und einfach tun, wozu sie Lust haben.
Aber er ist nicht besonders an der Situation interessiert. Er sagt: »Laßt sie einfach machen. Sie werden sich niemals etwas sagen lassen.«

In einer indischen Zeitung wird Beru Khjentse Rinpoche zitiert. Er soll gesagt haben, daß der Junge in Tsurphu aus folgendem Grunde der echte Karmapa sein müsse: Die Inthronisation, die in Tsurphu stattfand, sei etwas so Kraftvolles, daß der Junge gestorben wäre, wenn er nicht der Karmapa sei. Was halten Sie davon?

Ja, auch wir glauben, daß er sich auf dem Thron nicht wird halten können. So wird es traditionell gesagt, aber heutzutage ist in Tibet vielleicht auch alles anders: Der Originalthron existiert nicht mehr, der Originaltempel existiert nicht mehr - nur noch Ruinen.
Ich glaube, daß die ganze Kraft und der Segen weg sind. Alles wurde zerstört und dann zum Teil neu gebaut. So ist jetzt wohl alles möglich; man kann sich auf den Thron setzen und abwarten was passiert - es wird nichts geschehen. Ich hörte, daß einige tibetische Mönche solche Sachen gemacht haben, nachdem Karmapa von Tsurphu geflohen war und die Kulturrevolution begann. Sie zogen Karmapas Roben an und setzten sich auf seinen Thron, nur um zu sehen, was geschehen würde. Sie schüttelten Mahakala-Statuen, sagten: »Komm doch und töte mich.«, und da nichts geschah, hielten sie alles, woran sie zuvor geglaubt hatten, für Aberglauben. Ohne Samayas und Vertrauen geschieht vielleicht einfach nichts.
Viele Lamas sagten zu Shamar Rinpoche, daß Karmapa nicht nach Rumtek gehen solle, da dort alle Samayas1 gebrochen sind. Wir werden alles wieder neu aufbauen müssen, da seine Aktivität sonst weniger stark und weniger erfolgreich sein wird. Viele Lamas - keine Kagyüs, sondern von anderen Linien - sagen zur Zeit, daß wir nicht nach Rumtek zuückgehen sollten, selbst wenn wir könnten. Und falls wir doch gehen, sollten wir nichts unternehmen, bis Vorbereitungen gemacht wurden. Ohne Vorbereitungen wäre Karmapa wie hinter einer Mauer von Verdunkelungen aus gebrochenen Samayas.
Wir müssen uns in der richtigen Weise vorbereiten. Alle Lehren betonen die Wichtigkeit von Vorbereitungen; dafür machen wir Ngöndro, Guru-Yoga etc. Dies alles befähigt uns dazu, danach etwas zu tun. Wenn man es ohne richtige Vorbereitungen versucht - einfach technisch, wie eine Maschine geschieht nichts.
Mein Empfinden ist, daß Leute ohne Vertrauen überhaupt nichts haben. Die Chinesen sagen zwar, daß Buddhismus »blinder Glaube« sei. Aber blinder Glaube allein führt zu nichts, man muß auch intellektuell das Warum und Wie erforschen, sonst kommen keine Resultate. Auch zu Buddhas Zeiten gab es Leute, die kein Vertrauen zu ihm hatten und andere Leute, die sofort seine Qualitäten erkannten und ihm folgten.
Manche Leute sagen, daß sie eine starke Anziehung zu dem Kind in Tsurphu spüren, andere spüren das eher zu »unserem« Karmapa, wieder andere spüren gar nichts. Ich denke, daß man bei sich selbst nachprüfen muß, was solche Gefühle bedeuten. Wenn jemand beispielsweise eine Buddhastatue sieht und nichts über die Qualitäten eines Buddha weiß, empfindet er eigentlich nichts besonderes; er sieht dann nur ein rundes Gesicht und so weiter... Warum sollte er die Statue mögen? Wenn wir jedoch wissen, wer der Buddha war und was er lehrte, haben wir ein gutes Gefühl beim Anblick der Statue. Unsere Sichtweise hat normalerweise viel mit unserer Beurteilung und Anhaftung zu tun.

Demnach bedeutet es nicht besonders viel, was wir in bezug auf Karmapa spüren?

Natürlich sind jedem Menschen seine persönlichen Gefühle wichtig, aber sie besagen nichts hinsichtlich Karmapas Qualitäten. Auch heißt es ja nicht viel, ob man sich gut oder schlecht fühlt. Wenn jemand uns viel Aufmerksamkeit schenkt, mögen wir ihn, andernfalls mögen wir ihn nicht. Dies sind aber nur vorübergehende, zeitweilige, Sichtweisen, oft auch unter äußerem Einfluß entstanden. Die Qualität einer Person kann aber ganz anders sein, als es unser Urteil besagt.

In Deutschland erzählen Leute, daß Karmapa zuvor schon als Gelugpa-Tulku anerkannt wurde. Wissen Sie etwas darüber?

Nein, aber Karmapas Bruder ist ein recht wichtiger anerkannter Gelugpa-Tulku.

Was empfehlen Sie den Leuten, die jetzt über die Frage, ob Shamar Rinpoche oder Situ Rinpoche Recht hat, verunsichert sind?

Einfach abwarten. Mit der Anerkennung Karmapas kann man nicht umgehen wie mit einer Buddhastatue, die man gegen eine andere umtauscht, weil einem die andere doch besser gefällt. Hinsichtlich des Karmapa muß man ganz klar sein, und ich denke, daß das Verhalten, das zur Anerkennung des Jungen in Tsurphu führte, ganz und gar nicht klar war. Alles lief sehr heimlich und zu schnell, so daß wir das Vertrauen dazu verloren haben.
Ich denke nicht nur, sondern hoffe wirklich, daß Karmapa sich deutlich zeigt. Auch Buddha und der erste Karmapa gaben sich selbst zu erkennen. Niemand ernannte den ersten Karmapa zum Karmapa.

Die Spruchbänder der Tibeter, die nach der Zeremonie das KIBI angriffen, beriefen sich auch auf den Dalai Lama. Denken Sie, daß der Dalai Lama jetzt nach der Vorstellung des authentischen Karmapa in irgendeiner Weise reagieren wird? Vor einigen Tagen teilte sein Büro mit, daß er ab jetzt keine Zeit mehr habe, um sich um die Anerkennung von Tulkus (bewußten Wiedergeburten) zu kümmern.

Diese Leute haben dem Dalai Lama damit sehr geschadet. Er sagte vor einiger Zeit selbst, daß es vielleicht mehrere Karmapas gäbe, denn der Dalai Lama ist immer bemüht, jeden froh zu machen. Wenn diese Angreifer sich auf sein Wort berufen, dann setzen sie sein Wort herab.
Da der Dalai Lama von so vielen Leuten benutzt wird, will er nichts entscheiden. Aber er fing mit einem Fehler an. Vielleicht vertraut er jedem und prüft nicht sorgfältig, vielleicht gibt es auch einen politischen Hintergrund... Ich weiß es nicht genau. Aber meiner Ansicht nach wurde ganz zu Anfang ein Fehler gemacht, man hatte sich verrechnet, bekam es nicht mehr in den Griff und mußte diesen Weg gehen.
Wenn man die Angelegenheit genau untersucht, stellt man fest, daß auch die Sache der Tibeter darunter leidet. Diese Fehler wurden nicht erst jetzt, sondern schon vor Jahrhunderten gemacht und führten zum Verlust des Landes. Im Westen denken viele Leute, daß in Tibet jedermann weise gewesen wäre und wundern sich, daß die Tibeter Tibet verloren haben. Aber wenn man ganz objektiv nachforscht, stellt man fest, daß es solche Fehler waren, die zum Verlust Tibets führten und sie werden auch die Ursache für den Verlust der Freiheit Tibets in der Zukunft sein.
Wenn wir Tibeter so weitermachen, werden wir die Unabhängigkeit Tibets nie erreichen. Nicht nur das, sondern wir verlieren auch unsere Kultur und unsere religiösen Qualitäten, alles geht verloren... So gewinnt China endgültig.
Dies ist nicht nur meine Meinung, sondern man erkennt es aus allem was geschah, seit die Leute Religion mit Politik vermischten und sich mit China einließen. Das Problem ist nicht das kommunistische System in China, sondern ein grundsätzliches Problem in den chinesisch-tibetischen Beziehungen. Wenn man das ganz klar untersucht, ist es leicht zu erkennen.
Die Zukunft ist sehr gefährlich, denn wir haben jetzt fast alles verloren. Wir haben kaum noch fähige Lamas und alle versuchen sie, das zu verbergen; wie Katzen, die saubere Erde über ihren Dreck scharren - wenn man hinfaßt, so macht man sich schmutzig. So sind wir Tibeter: Alle versuchen, nett zu wirken, sind aber immer mehr in Politik verwickelt und schaden sich selbst immer mehr. Manche betrügen wie die Politiker in ihren Reden. Die Leute verlieren dann mehr und mehr Vertrauen zu ihnen und sie müssen weitermachen, um ihre Fehler zu verbergen, denn sonst verlieren sie ihre Position. So gehen dann ihre Qualitäten verloren. Vielleicht nicht Qualitäten wie Texte studieren können und ähnliches, wohl aber das Verständnis der Praxis. Lamas und Rinpoches verstricken sich heute aus politischen Gründen in Lügen, so daß die Leute Vertrauen verlieren. Um ihre Lügen zu verbergen, müssen sie noch mehr lügen und so weiter.
Früher sprach man einmal von der »Goldenen Kette der Kagyü-Linie«: Heute ist sie fast verschwunden. Die chinesische Idee hat also letztendlich - ohne Kampf - gewonnen. Leute verlieren mehr und mehr Vertrauen und entfernen sich vom Dharma, so daß China mehr und mehr gewinnt und Tibet verliert. Wenn es so weitergeht, bleiben Tibet nur noch ein paar Jahre.

Sehen Sie eine echte Gefahr für die Kagyü-Linie? Daß etwas wirklich verloren gegangen ist?

Ja, das denke ich. Zwar noch nicht völlig verloren, da es noch einige fähige Leute gibt. Aber es ist sehr gefährlich insofern, daß - wenn man keine reinen Gedanken und Handlungen hat - Vertrauen und Samaya nicht funktionieren. Wir reden im Vajrayana von »reiner Sicht« und »gewöhnlicher Sicht«. Mit gewöhnlicher Sicht ist das Holz von diesem Stuhl hier nichts besonderes. Aber wenn man mehr und mehr die reine Sicht entwickelt, kann es zu einem Weisheitsaspekt werden. Dafür machen wir die entsprechenden Praktiken. Wenn man sie aber mit gewöhnlicher Sicht macht, gehen all die Qualitäten langsam verloren.

Zur Zeit ist wohl die Frage der Sicherheit von Karmapa und Shamarpa sehr wichtig, da die Linie verlöschen würde, wenn ihnen etwas passiert?

Ja, das denke ich auch. Die Essenz der Linie wäre dann verloren und es gäbe nur noch eine leere Form; eine Art von Glaube wie im Christentum. Jeder fühlt dann zwar, daß es da etwas gibt, aber die Essenz ist eben weg.
Der 16. Karmapa sagte etwas in dieser Richtung auch zu Gendün Rinpoche. Er sagte: »Du mußt nach Europa gehen und da den Dharma etablieren.« Gendün Rinpoche fragte Karmapa, was in Tibet und Asien geschehen würde und Karmapa sagte, daß nur noch die Form des Dharma bestehen bleiben würde und daß es in Zukunft sehr schwierig sei, die Essenz zu erhalten. Er sagte nicht, daß sie ganz verschwinden würde, aber es wäre nicht mehr wie zuvor.

Wäre es für Karmapa sicherer, wenn er in Europa leben würde?

Es gibt zwei gute Gründe für Europa: Karmapas Sicherheit und die Samayas sind in Europa besser. In den meisten europäischen Ländern außer England wurden nicht viele Samayas gebrochen. Zwar von einigen Leuten hier und da, aber eben nicht von der Mehrheit. Hier in Asien gibt es jedoch auf beiden Seiten sehr viel Schaden. Alles ist politisch geworden. Wir sahen ja nach der Zeremonie, wie zwei Kagyü-Gruppen miteinander kämpften, was für Buddhisten sehr unangemessen ist. Dasselbe geschieht auch in Tibet und sonstwo in Asien. In Amerika sind die Hauptstellen ebenfalls schwer beschädigt. In Europa jedoch wurden bisher weniger Samayas gebrochen.

Wurden andere Kagyü-Rinpoches zu der Zeremonie am 17. März eingeladen? Wußten sie davon?

Sie wußten davon, aber wir luden sie nicht ein, da diese Einladung sie in schwierige Lagen gebracht hätte. Und wenn die falschen Leute gekommen wären, hätte großer Schaden entstehen können.
Wir ließen es einfach so laufen: die Leute mit guter Verbindung kamen, andere kommen vielleicht später. Einige Rinpoches kamen vorher auch im Geheimen, denn sie haben alle Angst zur Zeit. Sie müssen mit der Sorte Leute, die gestern hier Steine geworfen haben, leben.
Viele von ihnen haben auch Schüler in Tibet. Stellt Euch vor, Deutschland wäre kommunistisch wie China und Ihr wolltet ein Dharma-Zentrum betreiben; Ihr müßtet dann immer aufpassen, daß Ihr und Eure Freunde nicht einen Fehler macht und Ärger bekommt.
Am Anfang hatte wohl jeder der Rinpoches einen reinen Geist und versuchte, in der bestmöglichen Weise Harmonie zu stiften. Jetzt ist das nicht mehr möglich, da sie schon so viel in Gang gesetzt haben und alles immer schlimmer wurde. Manche machten vielleicht auch mit, weil sie den Leuten helfen wollten. Aber wenn man erst einmal in einer bestimmten Position ist, dann bedrängen einen die Leute und man muß genauso so negativ handeln wie die anderen. Man muß dann lügen usw., ob man mag oder nicht.

Der Weg zurück dürfte für diese Rinpoches sehr schwierig sein?

Ja, sie müssen weitermachen. Es gäbe für sie nur eine Möglichkeit: Alles aufgeben und in die Berge gehen. Dann wären sie frei. Aber ansonsten - wenn man im Kloster lebt und mit seinen Schülern zu tun hat oder wenn man Freunde in Tibet hat - muß man diesen Weg weitergehen. Ich glaube, daß sie keine andere Wahl haben.

Diesen Sommer kommen einige dieser Rinpoches nach Europa und viele von uns haben enge Verbindungen zu ihnen. Wie sollte man sich ihnen gegenüber verhalten?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Die eine ist, sich einfach von ihnen fern zu halten; so bricht man keine Samayas. Man hatte zuvor Vertrauen zu ihnen und sie auch zu den Leuten. Damit man keine falsche Sicht von ihnen bekommt, ist es besser, wenn man ihnen etwas fern bleibt. Wie ich schon sagte: Sie sind nicht frei. Um frei zu sein, müßten sie ihre Klöster verlassen.
Die andere Möglichkeit funktioniert nur, wenn man sehr viel Hingabe und einen starken Charakter hat; dann kann man sich darauf einlassen. In der Kagyü-Tradition gibt es den Spruch: »Wenn der Lama sagt, daß Feuer Wasser sei und daß Wasser Feuer sei, nimmt man das von ihm an.« Natürlich kann Feuer nicht Wasser sein, aber man nimmt alles, was der Lama sagt an, ohne es zu beurteilen. Wenn man das nicht kann, hält man vielleicht besser etwas Abstand, bevor falsche Ideen in den Geist kommen. Mit Abstand kann man weniger kaputt machen. Aber wenn man sehr stark ist, kann man alles, was diese Rinpoches tun, mit reiner Sicht sehen.
Das gilt auch für mich: Ich bemühe mich, eine reine Sicht von Situ Rinpoche zu halten und es dabei zu belassen. Einerseits sehe ich, daß er Macht und Einfluß will, vielleicht irgendwie weltlich geworden ist, andererseits denke ich, daß er immer noch den Bodhisattva-Geist hat. Manchmal kann auch bei einem Bodhisattva eine zeitweilige Verdunkelung so anwachsen. Aber in seinem nächsten Leben wird es vielleicht wieder besser sein - hoffe ich.
Es ist nicht nötig, aufeinander zu schießen. Aber im Moment sollte man sich besser aus dem Weg gehen und keine Berührungspunkte haben. Ich denke, Situ Rinpoche war erst auf einem guten Weg und umgab sich dann mit falschen Strukturen, aus denen er jetzt nicht mehr raus kommt. Um frei zu sein, müßte er alles aufgeben und wie Milarepa in die Berge gehen. Aber das ist auch gefährlich, denn heutzutage würden sie ihn finden und erledigen. Als der Panchen Rinpoche begann, Tibet wirklich helfen zu wollen, starb er sofort.
Situ Rinpoche ist in einer Position, wo er nicht einfach in die Berge gehen kann, da er sich mit dieser Art von Strukturen eingelassen hat.
Andere Rinpoches sind nicht so stark verwickelt und hoffen, etwas für Tibet tun zu können. Es gibt ein altes Beispiel, wo gesagt wird, daß Tibet sich immer durch Hoffnung selbst zerstört und China sich immer durch Mißtrauen. In China sind alle mißtrauisch gegeneinander und werden zu Feinden. In Tibet haben alle immer Hoffnung und verlieren letztendlich doch alles.

Es war also ein kluger Schachzug der Chinesen, daß sie den Tibetern erlaubten, wieder nach Tibet zu gehen, da sie die Tibeter dadurch jetzt unter Kontrolle haben?

Ja. Ich hörte, daß man in Dharamsala (dem Sitz der tibetischen Exilregierung) herausgefunden hatte, daß die Chinesen einen sehr geheimen Beschluß2 gefaßt hatten: Sie wollen Tibet nicht durch Kampf, sondern durch Spaltung der Religion und der verschiedenen Rassen zerstören. In Tibet gibt es ja verschiedene Volksstämme mit unterschiedlichen Lebensstilen, Mentalitäten und Kulturen. Man spricht zum Beispiel von »Kham« (Osttibet) und »Bö« (Zentraltibet) wie von verschiedenen Ländern, ähnlich wie Deutschland und Frankreich. In Kham und Zentraltibet gibt dann wiederum unterschiedliche Arten von Leuten. Es ist leicht, sie dazu zu bringen, sich gegenseitig zu vernichten.
Der chinesische Geheimplan sieht vor, Tibet nicht mehr offen zu unterdrücken, sondern Probleme innerhalb der Religionen und zwischen den Volksstämmen zu erzeugen. Es ist eine sehr kluge Taktik zur Zerstörung Tibets. Man hat in Dharamsala von diesem Geheimplan erfahren und man erzählte mir in der Schweiz davon. Sie hatten dort eine Warnung aus Dharamsala bekommen, daß sie aufpassen sollten, aber sie wußten nicht, was sie genau tun sollten. Viele Tibeter sind einerseits recht klug und zugleich sehr dumm: Sie wollen die Unabhängigkeit Tibets und zugleich unterstützen sie die Kräfte, die die Unabhängigkeit verhindern. Deswegen ist die Situation um Karmapa so heikel.
Ich denke, daß Karmapa sich lieber nicht auf die Angelegenheit Tibets einlassen sollte und dadurch mehr Zeit hat, authentische Aktivität zu zeigen. Karmapas Position in Tibet ist nicht wichtig; wichtig ist seine Fähigkeit, die Qualität der Kagyü-Linie zu erhalten. Mit einer hohen Position in Tibet müßte er sich auf viele Sachen einlassen, er könnte es nicht ablehnen. Vielleicht ist das alles eine geschickte Methode von Karmapa, die wir erst in 20 Jahren richtig verstehen werden.

Vor kurzem hieß es, daß Ende des Jahres in Rumtek die Inthronisation stattfinden werde. Ist darauf Verlaß?

Wir wissen es noch nicht. Viele Nicht-Kagyü-Lamas - vor allem Nyingmapas und Sakyapas - sagen, Karmapa solle nicht gleich nach Rumtek gehen, da Rumtek völlig verseucht ist von gebrochenen Samayas. Dahin zu gehen, wäre nicht gesund für Karmapas Aktivität. Es ist schon merkwürdig: Die Samaya-Verschmutzung ist schlimmer als eine atomare Verseuchung, denn der Schaden ist nicht nur physisch, sondern im Geist.
Deswegen sagen die Lamas, daß er zumindest nicht gleich gehen sollte, sondern daß man erst viele Reinigungspujas machen muß. Die normalen Leute denken, daß Karmapa schnell nach Rumtek gehen sollte, aber die sehr weisen Leute sagen, er solle nicht gleich gehen.

Jigme Rinpoche, wir danken für dieses Interview!

1 Siehe Kagyü Life Nr.13, Seiten 28ff zum Begriff »Samayas«
2 siehe Kagyü Life Nr. 13 Seite 35 »Geheimtreffen...«


Karmapa International Buddhist Institute, 20. März 1994
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SCHLAGWORTE

Karmapa, Kontroverse

 

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