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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 14, ( 1994)

Karmapa Thaye Dorje: "Ich hoffe sehr, bald alle meine Schüler zu treffen!"

Ulla Unger-Göbel über die Willkommensfeier im März 1994

"Karmapa zu treffen, war für mich die Stunde Null", hatte eine liebe Freundin erzählt, die dem neu aufgefundenen 17. Karmapa bereits vorher begegnet war. Am Morgen des 17. März sollte diese Stunde Null für 370 westliche Karmapa-Schüler stattfinden. Ab 6 Uhr 30 ließen die ersten der insgesamt etwa 500 Gäste die strengen Sicherheitskontrollen über sich ergehen und begannen auf den eigens aufgestellten Stühlen im Lhakang des KIBI in Delhi Platz zu nehmen. Karmapas Mönche sangen eine "Garsang-Puja" für ein gutes Gelingen der kommenden Zeremonie. Sie waren sichtlich aufgeregt und voller freudiger Erwartung. Wir Westler erkannten einander kaum wieder; so fein gewandet waren alle. Je mehr sich der Raum füllte, um so internationaler wurde es: Jetzt saßen Tibeter neben Grazern und Taiwanesen zusammen mit Sikkimesen und Bhutanesen, letztere waren leicht an ihren Trachten zu erkennen.
Die Sicherheitsleute bemühten sich eifrig, allen Plätze zuzuweisen und die vielen Fotografen davon abzuhalten, gleichzeitig überall hinzulaufen.

Allein aus dem deutschsprachigen Raum waren wir 228 Karmapa-Schüler, eine große Zahl, wenn man bedenkt, daß der Reisetermin aus Sicherheitsgründen erst 10 Tage vorher bekanntgegeben werden konnte. Obwohl viele seit Jahren auf dieses Ereignis - den Karmapa zu sehen - gewartet hatten und sich die Informationen seit Dezember auch zunehmend verdichtet hatten, kam die endgültige Nachricht dann doch extrem kurzfristig. Margret, Gurlie und Günther hatten die schier unglaubliche Aufgabe bewältigt, in so kurzer Zeit für 186 Leute günstige Flüge zu organisieren. Die KIBI-Studenten hatten Hotels organisiert und nun sollte es endlich geschehen.

Gegen 9.30 Uhr wurde der 17. Karmapa Tenzin Chentse Jeshe Dorje unter dem traditionellen Schirm, mit der üblichen - für uns doch eher exotischen - Begleitmusik von Künzig Shamar Rinpoche vor die große Buddhastatue im Tempel des KIBI geführt.

Natürlich waren nun alle Sicherheits-Anweisungen vergessen. Alle standen auf, und die Fotografen liefen überall rum. Jeder versuchte einen Blick auf den Jungen oder besser: auf Karmapa zu erhaschen. Karmapa ging zwischen dem plötzlich recht groß wirkenden Künzig Shamar Rinpoche und Nendo Rinpoche und trug Mönchsgewänder. Er sah sehr konzentriert und überaus edel aus. Er verbeugte sich mit routinierter Eleganz vor der Buddhastatue und bestieg zum ersten Mal, aber vollkommen selbstverständlich, öffentlich seinen Thron. Nendo Rinpoche reichte ihm den schwarzen Hut und legte eine Brokatdecke um seine Schultern.

Anschließend bestieg Künzig Shamar Rinpoche seinen Thron und es begann die eigentliche Willkommenszeremonie für den in sein Kloster zurückgekehrten Karmapa. Dabei verbeugte sich Künzig Shamar Rinpoche vor Karmapa, brachte ihm ein sehr großes und schönes Mandala dar und reichte ihm die traditionellen symbolischen Opferungen für Körper, Rede und Geist: eine Manjushri-Statue, ein Buch und eine Stupa. Während der anschließenden Wunsch- und den langen Widmungsgebete verweilte der zehnjährige Karmapa sehr ruhig und würdevoll auf seinem Thron. Obwohl dies für ihn die erste öffentliche Zeremonie war, wirkte der junge Karmapa souverän und selbstsicher.

Nach der Willkommenszeremonie wurde Tee und Reis ausgeteilt, die dann aber nicht mehr richtig genossen werden konnten, da an den Fenstern zunehmend Unruhe entstand. Eine alte Tibeterin brach sofort in Tränen aus: Nicht schon wieder! Wir Gäste begriffen erst nicht was geschah, aber nun zeigte sich, wie bitter nötig die strengen Sicherheitsvorkehrungen gewesen waren. Der malaysische Sicherheitschef Mr. Gho erklärte später, daß man leider das Schauspiel, das nun folgen sollte, bereits erwartet hatte: Man hörte von draußen Schreie und splitterndes Glas. Immer mehr Menschen liefen an die Fenster und schließlich rannten die ersten von uns raus. Vor dem KIBI waren zwei Busse vorgefahren, dem vorwiegend Mönche entstiegen, die sofort lautstark und mit fein säuberlich in Englisch geschriebenen Plakaten gegen die "Inthronisation eines falschen Karmapa" protestierten und sich dabei auch auf den Dalai Lama beriefen. Wie wir später erfuhren, handelte es sich um Mönche von Situ Rinpoche und um bezahlte "Berufdemonstranten", insgesamt etwas 100 Männer und Frauen. Schon nach kurzer Zeit begannen etwa 20 Männer, mit brutaler Gewalt in das eigentliche KIBI-Gelände einzudringen und warfen mit großen Steinen. Dabei wurde Juliusz aus Polen schwer am Kopf getroffen und viele andere durch herumfliegende Splitter der zahlreichen zerborstenen Fensterscheiben verletzt. Die anfangs kleine Zahl von Polizisten konnte die Angreifer nicht von ihren Feindseligkeiten abhalten. Auf einem Video kann man sogar sehen, daß ein sicherlich bestochener indischer Polizist das große Schloß am Tor aufschloß. Der Tumult entwickelte sich sehr schnell, da auch einige der Rumtek-Mönche voller Wut über den erneuten Terror, der sie seit nunmehr fast zwei Jahren verfolgt, zurückschlugen und die Steinen zurückwarfen.

Die meisten Westler im Tempel versuchten, ziemlich verwirrt zu begreifen, was eigentlich los war. Wer von uns war jemals vorher in derartig handfeste Gewalttätigkeit verwickelt gewesen?

Als die ersten Scheiben im Tempel zerbrachen, ließ Hannah noch mehr westliche Männer rausschicken, um zu verhindern, daß die Angreifer die Halle stürmen würden. Als sich die Situation wieder zu beruhigen begann, hatten viele auch damit zu tun, "unsere" Mönche zu entwaffnen, was nicht immer leicht war. Eine kleine Nonne war kaum zu bändigen. Allerdings konnte auch einer der Westler von Fidi nur durch ein paar kräftige Kopfnüsse beruhigt werden. Der Sicherheitschef Mr. Gho meinte später, er sei von den Westlern sehr beeindruckt und fragte, ob wir derartige Aktionen schon öfter geübt hätten.

Später verstanden wir die unbuddhistischen Reaktionen einiger Rumtekmönche: Sie sind total verzweifelt darüber, daß die Gewalt, vor der sie im August 92 aus ihrem Kloster Rumtek geflohen sind, ihnen folgt, wohin sie auch gehen. Einige von ihnen waren in Rumtek von Situpas Mönchen gefoltert worden: Einem kleinen Mönch von Shamarpa hatten sie kochendes Wasser über die Arme geschüttet und sie anschließend noch mit Chillipulver eingerieben. Die mit Situpas Seite zusammenarbeitetende sikkimesische Polizei hatte zudem einige von ihnen ins Gefängnis geworfen und dort ebenfalls mißhandelt. Die Vorfälle werden jetzt vor indische Gerichte gebracht. Aber keiner von ihnen war je nach Tsurphu gezogen, um gegen den ihrer Meinung nach falschen "Karmapa" Urgyen Trinley zu demonstrieren oder deshalb gar Gewalt anzuwenden.

Während der Auseinandersetzungen wartete Karmapa mit Shamarpa hinter einem Vorhang bei der großen Buddhastatue und wirkte überraschend gelöst. In einer schnellen Aktion konnte er schließlich in sein Zimmer zurückgebracht werden. Dabei wurde die linke Treppe benutzt. Auf der rechten Seite, wo er eingangs gekommen war, flogen genau zu diesem Zeitpunkt wieder Steine. Später erfuhren wir, daß ein indisches Fernsehteam Karmapa nachmittags fragte, ob er unter diesen Umständen nicht lieber wieder "nach Hause" wolle, wie man das von einem zehnjährigen Kind erwarten würde. Er jedoch lachte und sagte, daß er froh sei, im KIBI zu sein und daß alles so seine Richtigkeit habe.

Nach einigem Getümmel kletterte Ulli über die Mauer und holte aus der glücklicherweise recht nahen Kaserne mehr Polizisten, die die Situation dann endlich in den Griff bekamen. Sie verhafteten neun Männer, darunter sieben Mönche, die zu 16 Tagen Haft verurteilt wurden. Die Liste der Verhafteten beweist, daß es sich leider zum größten Teil tatsächlich um echte Mönche gehandelt hatte und nicht um lediglich als Mönche verkleidete, bezahlte Schläger, wie viele der anwesenden Westler verzweifelt gehofft hatten. Die ebenfalls von vielen erwartete Distanzierung des zur selben Zeit in Delhi anwesenden Situ Rinpoches von dem unbuddhistischen Verhalten seiner Mönche blieb leider bis Redaktionsschluß aus.

Laut Polizeibericht wurden folgende Personen verhaftet und zu 16 Tagen Haft verurteilt: Lama Karma Dorje; Lama Tsegyal; Lama Kaljang Hishey; Lama Paljor Tsering; Lama Lodro Sherab; Lama Tsewang Rinchen; Mr. Palchen Denzongpa; Lama Phuncho Gyaltsen; Mr. Sherab Gyaltsen (Situ Rinpoches Sekretär).

Das ganze Ereignis wurde von mehreren Videokameras und vielen Fotografen aufgenommen. Auf zahlreichen Fotos und auch auf den Videos erkennt man deutlich den Bruder von Situ Rinpoche an vorderster Front.

Unter den Fotografen waren auch viele neutrale Pressefotografen, die am nächsten Tag einhellig erschüttert in der indischen Presse über die Auseinandersetzungen berichteten. Nur ein Artikel von ungefähr zehn beschrieb dabei die Ereignisse mit Sympathie für die Gewalttäter. Natürlich wird dieser jetzt von der Gegenseite kräftig verbreitet.

Das KIBI war ein Schlachtfeld gewesen und sah anschließend auch so aus. Überall lagen Glassplitter, alle Fassaden sind noch immer sichtlich beschädigt und die meisten der liebevoll gepflegten Blumentöpfe, die uns bei unserer Ankunft noch so gefreut hatten, waren zertrümmert. Wirklich alle Anwesenden waren und sind immer noch äußerst betroffen. Was hat so ein Angriff mit buddhistischer Toleranz zu tun? Viele fragten: "Warum lassen sie uns nicht einfach unseren Karmapa, wir lassen ihnen doch auch ihren?" und "Geht es hier nicht viel mehr um eine Frage von Macht als um Spiritualität?"

Am nächsten Tag wich diese Trauer dann eher einer aufgekratzt-kämpferischen Stimmung. Nun wurden Wachen für Tag und Nacht aufgestellt, wobei sich für die Nächte sogar mehr Frauen als Männer meldeten und es wurden Vorkehrungen gegen neue Steinwurfattacken getroffen. Einzelne von uns entwickelten ungeahnte Qualitäten. Helge begann Schilde gegen die Steine zu zimmern. Es wurde Stacheldraht organisiert, die Fenster zur Vorbeugung gegen fliegende Splitter verklebt und Tische zu Barrikaden umfunktioniert.

Nachmittags herrschte große Aufregung: Die Polizei sagte, sie hätte einen Bus mit tibetischen Mönchen ein paar Straßen vor dem KIBI gestoppt. Wir alle waren auf einen erneuten Angriff vorbereitet und hatten auch die Information bekommen, daß ein solcher geplant sei. Die angekündigten Interviews mit Karmapa wurden abgesagt und in Windeseile begann die "Mobilmachung": Das Tor wurde verbarrikadiert, die Trillerpfeifen verteilt und alle waren in Alarmbereitschaft. Nach etwa einer Stunde hielt der Bus vor dem KIBI und Mönche sprangen heraus. Zum Glück behielten alle in diesem Moment die Nerven, denn nun stellte sich heraus, daß es sich um einen alten Rinpoche aus Ladakh handelte, der mit seinen Mönchen den langen Weg auf sich genommen hatte, um Karmapa seine Aufwartung zu machen. Erleichtert fielen sich alle in die Arme.

Das unschöne Ereignis hatte im Nachhinein doch auch einige positive Resultate: Es schaffte ein tiefes Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen den asiatischen und den westlichen Schülern Karmapas. Vielleicht zum ersten Mal begriffen auch Tibeter, was unseren Rinpoches schon länger völlig klar ist und was bereits der 16. Karmapa bereits Gendün Rinpoche gegenüber angedeutet hatte: Daß der Buddhismus für Westler nicht nur eine exotische Attraktion ist, sondern im Westen lebt.

In den kommenden Tagen erhielt jeder einen persönlichen Segen von Karmapa. Er gab jeweils größeren Gruppen eine Chenresig-Text-Übertragung (Lung) und anschließend übergaben alle ihre Geschenke - darunter viele Spielsachen. Die Begegnungen mit so vielen Menschen schienen ihn ziemlich anzustrengen, aber man muß bedenken, daß dies für ihn die ersten Veranstaltungen dieses Ausmaßes waren und eines wurde klar: Obwohl er der Karmapa ist, ist er derzeit auch ein zehnjähriges Kind, das wir schützen sollten.

Das Kagyü-Life-Team interviewte in den folgenden Tagen die anwesenden Rinpoches und schließlich erfuhren wir, daß Karmapa einen Begleiter und Freund namens Yeshe hat, ein 25jähriger Tibeter, der in Rumtek aufwuchs und von Shamarpa zu Karmapas persönlichen Begleiter ernannt wurde. Ihn baten wir um ein Interview, um persönlichere Dinge über Karmapa zu erfahren. Ja, meinte er, das sei kein Problem, wir sollten am nächsten Tag um 10 Uhr zu Karmapas Räumen kommen, um ihn, Yeshe, dort zu treffen.

Also standen wir da mit unserem fleißigen Fotografen Gerd, der bis dahin ständig die Sorge hatte, er könnte kein wirklich gutes Material zusammenbekommen.

Zuerst sahen wir die vielen Vögel, die Karmapa nun wieder geschenkt bekommt und als nächstes seine beiden rührenden kleinen weißen Hunde, über die Jigme Rinpoche später meinte: "Es dauerte einen Tag in Delhi und sie waren schwarz!" Dann beäugte uns der indische Leibwächter Karmapas überaus mißtrauisch, was uns aber eher beruhigte als störte, denn das ist ja schließlich sein Job. Yeshe kam vorbei und bat um Entschuldigung, aber Karmapa bade noch.

Wir wurden in einen Raum geschoben, fanden uns ganz unerwartet vor Karmapa beim direkten Interview und wußten erst nicht so recht, was wir sagen sollten, zumal wir ja leider kein Tibetisch sprechen. Karmapa war mit einem komplizierten Spielzeug beschäftigt, bei dem er einen kleinen Hubschrauber an einem Stock per Fernsteuerung fliegen lassen kann. Gerd fotografierte nach Herzenslust und wir legten Karmapa die Kagyü-Life-Hefte vor. Als Yeshe nach einer Weile dazukam, blätterte Karmapa alle Ausgaben Seite für Seite durch, sah sich alle Fotos an und fragte nach den Namen einiger der abgebildeten Lamas. Als er zu der Ausgabe mit Ole auf dem Titel kam, begann er zu strahlen und nickte in freudigem Wiedererkennen: Ja, Ole!