Aus: Buddhismus Heute Nr. 12, ( 1993)

Tibetische Medizin - ein Überblick

Von Trogawa Rinpoche

Trogawa Rinpoche ist einer der angesehensten Vertreter der tibetischen Medizin. Er wurde 1931 in Tibet geboren und als Wiedergeburt eines berühmten Lamas und Arztes anerkannt. Sein Medizinstudium vollendete er beim Leibarzt des 13. Dalai Lama im berühmten Medizinkloster Chakpori ("Eisenberg") bei Lhasa. Zugleich ist er ein Meister buddhistischer Philosophie. 1956 verließ er Tibet und praktizierte im ganzen Himalaya-Gebiet unter anderem an der "Tibetan School of Medicine and Astrology" in Dharamsala. Er bekam einen Ruf als hervorragender Arzt. Seit einigen Jahren gibt er auch Kurse im Westen.
Es gibt in der tibetischen Medizin die beiden Aspekte "Verständnis" und "Anwendung", wobei "Verständnis" an Hand von vier Punkten beschrieben wird:

  1. Es wird das Verhältnis von Körper und Geist in bezug auf drei Phasen untersucht, nämlich wie die Verbindung von Körper und Geist erstens im Zeitraum von der Empfängnis bis zur Geburt, zweitens während des Lebens und drittens im Tod beschaffen ist.
  2. Es werden Krankheitsursachen und die Krankheit zutage bringende Bedingungen aufgezeigt.
  3. Es werden vier grundlegende Heilmethoden, nämlich Diät, Verhalten, Arznei und zusätzliche Heilmethoden wörtlich im Tibetischen: "Schneiden" beschrieben.
  4. Das Verständnis des behandelnden Arztes, welches seine Sichtweise, Meditation und Verhalten umfaßt, wird beschrieben.

Auf diese grundlegende Struktur gehen wir jetzt näher ein: Was die Verbindung von Körper und Geist im Zeitraum von der Empfängnis bis zur Geburt angeht, so gehen wir Buddhisten ja davon aus, daß es frühere Lebenszeiten gab. Ein Leben folgt also immer auf ein vorhergehendes Leben und die Art und Weise wie das neue Leben aussieht, hängt vom individuellen Karma ab. Hat man vorwiegend positiv gehandelt, wird die Wirkung sein, daß man angenehme Daseinszustände erlebt. Hat man destruktiv gehandelt, wird die Auswirkung eine Geburt unter ungünstigen Bedingungen sein.
Die Entstehung des Lebens wird im Rahmen des sogenannten "Zwölffachen Entstehens in Abhängigkeit" beschrieben. Der Ausgangspunkt dieser zwölf Glieder ist "Unwissenheit", aus der heraus "karmische Formationen" erfolgen, welche die Basis für "Form und Name" sind. Die weiteren Glieder sind "Sinnesfähigkeiten", "Kontakt", "Empfindung", "Ergreifen", "Festhalten", "Werden", "Geburt", "Altern" und "Tod". Nach diesem Schema erfolgt die Wiedergeburt.

Durch diesen Prozeß formiert sich das Leben als Grundursache, die von Bedingungen, nämlich den fünf Elementen - Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum - begleitet wird. Der physische Körper entsteht durch das Zusammenkommen der sogenannten "roten Essenz" und "weißen Essenz" von Mutter und Vater. Diese Essenzen (tibetisch.: Thigle) sind ihrer eigentlichen Natur nach die fünf Elemente.

Weiterhin gibt es zu jedem der fünf Elemente eine ihm entsprechende Windenergie, in Tibetisch "Lung" genannt (sanskrit.: Prana). "Lung" wird oft als "Energiewind" übersetzt und heißt wörtlich einfach "Wind". Es gibt also eine Windenergie der Erde, eine Windenergie des Wassers, eine Windenergie der Feuers, eine Windenergie des Windes und eine Windenergie des Raumes.

Bei der Empfängnis kommen auf subtiler, energetischer Ebene drei Aspekte zusammen: Zum einen die weiße und rote Essenz von Vater und Mutter, welche zugleich die Natur der fünf Elemente ist. Zweitens das Bewußtsein, welches aus dem Bardo, dem Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt, kommt. Drittens schließlich der sogenannte "karmische Energiewind". (Man unterscheidet zwischen Weisheitswind und karmischen Wind.) Dies ist die subtilere Beschreibung des Prozesses, der sonst oft grob beschrieben wird als das Zusammenkommen von roter und weißer Essenz.

Nach der Empfängnis wächst das Embryo Woche für Woche heran. Das Wachstum wird dabei von karmischen Energiewinden geregelt. Buddha selbst hat ausführliche Erklärungen dazu in dem Sutra "Gawo Namschug" gegeben. Auch in Texten, die die "Vorbereitenden Übungen" (tib.: Ngöndro) beschreiben, finden sich Erklärungen hierzu, ebenso im "Juwelenschmuck der Befreiung" von Gampopa. Diese Art der Darlegung des Entstehens von Leben wird in allen Schulen des tibetischen Buddhismus in der gleichen Weise gelehrt.

Was die Verbindung von Körper und Geist während des Lebens betrifft, so wird beschrieben, daß der Körper auf den fünf Elementen beruht, und daß der Zustand des Körpers von drei Faktoren bestimmt wird, die im Tibetischen "Lung", "Tripa" und "Bekän" genannt werden. Oft werden sie als "Wind", "Galle" und "Schleim" übersetzt. Wenn Lung, Tripa und Bekän -von denen jedes noch eine fünffache Unterteilung hat- in ausgewogener Harmonie miteinander sind, erleben wir körperliches Wohlbefinden, andernfalls Krankheit. Auf geistiger Ebene können die drei verstärkt werden durch Begierde bei Lung, Zorn bei Tripa und Unwissenheit bei Bekän.

Der Verlauf des Sterbeprozesses wird so beschrieben, daß die Elemente, die Grundbestandteile des Körpers, sich auflösen und ihre Kraft verlieren. Auch werden Vorzeichen des Todes beschrieben, die sich konkret oder in Träumen zeigen können. Die Erklärungen über diese Zeichen gibt es einerseits im Rahmen der tibetischen Medizin, vor allem aber in anderen, nicht-medizinischen Büchern, wie in einem Werk von Raga Asi, das in Tibetisch den Kurztitel "Ritrö" trägt. Auch im Bardo Thödol, hier im Westen als "Tibetisches Totenbuch" bekannt, eigentlich aber "Befreiung durch Hören im Zwischenzustand", werden sie beschrieben. Es gibt eine ganze Reihe von Werken dazu.

Man unterscheidet in der tibetischen Medizin drei Arten von Krankheitsursachen: Karma von früheren Leben, schlechte Lebensbedingungen und eine Kombination von karmischen Ursachen und ungünstigen Lebensbedingungen.

Wenn jemand aus früheren Leben ein gutes Karma mitbringt, so wird er in einer Familie mit guten Genen geboren, so daß er eine erblich bedingt gute Grundkonstitution hat und wenig krank wird. Der Faktor Lebensbedingungen bezieht sich auf Dinge wie Ernährung, Lebensweise, Hygiene usw.

Wie kann man nun feststellen, ob eine Krankheit karmisch ist? Wenn jemand aus nur geringfügigem Anlaß schwer erkrankt, wenn also die Ursache eine so starke Erkrankung nicht erwarten läßt, so kann man davon ausgehen, daß die Hauptursache dieser Krankheit karmisch ist. Buddha hat gesagt, daß auf jede unserer Handlungen eine Wirkung folgt, die der Natur der Handlung entspricht. Eine positive Handlung wird demnach immer in angenehmen Erlebnissen und Umständen resultieren, während negatives Verhalten unangenehme Erlebnisse nach sich zieht. Diese Wirkungsweise kann eigentlich jeder selbst nachvollziehen, zwar nicht in bezug auf frühere Lebenszeiten, aber insofern, daß negative Verhaltensweisen, die man in früheren Jahren des eigenen Lebens gesetzt hat, später Schwierigkeiten gebracht haben.

Es haben jedoch nicht alle Krankheiten karmische Ursachen. Bestimmte Lebensbedingungen können ebenfalls zu Krankheit führen. Ein Beispiel dafür ist eine Lebensmittelvergiftung, an der man erkrankt, weil man verdorbene Nahrung zu sich genommen hat.

Die Kombination von karmischen Ursachen und Ursachen durch Lebensumstände tritt zum Beispiel auf, wenn die Lebensbedingungen nicht perfekt sind, und dieser kleine Anlaß für Krankheit mit dem Karma für die Krankheit zusammentrifft.

Unter den Beschreibungen der verschiedenen Arten von physischen Krankheiten gibt es leichte Krankheiten in dem Sinne, daß man sich von selbst davon erholt; sie treten zwar auf, verschwinden dann aber von sich aus wieder. Eine andere Art von Krankheiten jedoch führt bei Nichtbehandlung zum Tod. Eine dritte Art von Krankheiten wird ausgelöst durch störende Energien, im Tibetischen "Dämonen" genannt. Diese Art von Krankheit spielt, was das Krankheitsverständnis anbelangt, im Himalayagebiet eine große Rolle, und kann nur durch eine bestimmte Art von Ritualen geheilt werden; es gibt sonst keine Heilmethoden dafür. Schließlich gibt es die Krankheiten, die karmische Ursachen haben, und für die es auch keine Therapien gibt.

Es werden auch verschiedene psychische Krankheiten, also den Geist betreffende Krankheiten, beschrieben: Zustände völliger Bewußtlosigkeit, Koma, bis hin zu Zuständen von Vergeßlichkeit, daß man also Leute nicht mehr erkennt, den Weg vergessen hat etc.; dies alles wird als eine Art von geistiger Krankheit gesehen. Die zweite Sorte sind, in unserem Sinne "richtige" Geisteskrankheiten wie zum Beispiel Psychosen.

Die Art und Weise der Anwendung von Heilmethoden beruht, was Ernährung und Arznei betrifft, auf der tibetischen Unterscheidung in sechs verschiedene Geschmacksrichtungen, nämlich süß, sauer, salzig, scharf, zusammenziehend und bitter. Diese Geschmacksrichtungen haben acht verschiedene Wirkungen und drei weitere, die mit der Verdauung einhergehen. Die Beschreibung der sechs Geschmacksrichtungen hängt mit den fünf Elementen zusammen; je nach den Bestandteilen an dem jeweiligen Element tritt ein bestimmter Geschmack auf.

Körperliche Verhaltensweise als Heilmethode wird in vier Punkten beschrieben: körperliche Bewegung, körperliche Entspannung, den Körper erfrischen, den Körper warm halten. Zwei weitere Punkte beziehen sich auf die Sprache und den Geist: Mit der Rede hängen Verhaltensweisen, Aktivitäten, zusammen, die direkt mit den inneren Energiewinden arbeiten, also Konzentration auf Atmung, Meditation auf das innere Energiesystem und Rezitation von Mantras. Hier werden auch Einflüsse durch Laute, die man hört, erwähnt, wovon es zwei Sorten gibt: Einerseits Laute von der "beseelten" Umwelt, also zum Beispiel Gespräche, und andererseits Laute von Gegenständen, wie Musikinstrumenten. Beim Geist wird unterschieden, daß der Geist nach außen gerichtet sein kann, wenn man zum Beispiel einem Spiel zuschaut, oder daß er nach innen gerichtet sein kann, wie in Meditation, wo man den Geist in seiner Natur ruhen läßt.

Unter zusätzlichen Methoden werden Behandlungen verstanden wie Aderlaß - falls der Patient eine gute Konstitution hat -, Behandlungen mit Feuer, mit warmen Wasser und Öl, Massage (Kum Nye), Akupunktur mit Nadeln aus Gold, Silber oder Kupfer und schließlich Umschläge je nach Krankheitsart, also bei "kalten" Krankheiten warme Umschläge und umgekehrt.

Das Verständnis, die Sichtweise, des behandelnden Arztes sollte möglichst positiv und mitfühlend sein, schon von der Zeit seiner Ausbildung an. Dies wird mit Hilfe der "Vier Unermeßlichen" geschult: Er bemüht sich unermeßliche Liebe, Mitgefühl, Freude und Gleichmut zu entwickeln. Liebe in der Form, daß er wünscht, fähig zu werden, den Wesen direkt zu helfen. Mitgefühl heißt hier, daß beim Anblick von Leid bei anderen, der Wunsch entsteht, sie von dem Leiden befreien zu können. Freude soll der Arzt in der Weise haben, daß, wenn die Patienten von ihrem Leid befreit sind, bei ihm Freude darüber entsteht. Er braucht Gleichmut in dem Sinn, daß er nicht wertet, sondern sich allen Leuten gegenüber gleich verhält. Ein Arzt, dessen Einstellung sehr positiv ist, wird einen sehr großen Vorteil bei seinen Behandlungen haben; es unterstützt die Behandlung.

Fragen

Wie betrachtet die tibetische Medizin psychosomatisch Krankheiten?
Aus der Sicht der tibetischen Medizin gehören diese Krankheiten zum großen Teil zu den sogenannten "Lung-Krankheiten", also Krankheiten, die die inneren Energiewinde betreffen. Sie können alle Arten von Ursachen haben zum großen Teil wohl eine Kombination von Karma und Lebensbedingungen. Karma in dem Sinne, daß man von früheren Leben her einen starken Eindruck von dieser Art von Krankheiten hat, daß man also, wie die Tibeter sagen, "an die Krankheit gewöhnt" ist. Es kann auch psychische Ursachen wie Angst und Depressionen haben oder von den sogenannten "Dämonen", äußerlichen schädlichen Energien herrühren. Schon das Wachstum des Embryo wird durch die Energiewinde der fünf Elemente vollzogen und es heißt, daß die Energiewinde und der Geist eine enge Verbindung miteinander haben. Diese Art von Krankheiten hängt primär mit den Energien im Körper zusammen.

Gibt es Mantras oder bestimmte Meditationsarten gegen bestimmte Krankheiten?
Allgemein ist natürlich Sangye Menla, der Medizinbuddha, gut. Bei spezifischen Fällen gibt es aber auch spezielle Mittel. Gegen Vergiftungen gibt zum Beispiel einen weiblichen Buddha-Aspekt, dessen tibetische Name übersetzt "Die große Pfauin" heißt und gegen Epidemien einen ebenfalls weiblichen Aspekt mit Namen "Die Große mit Blättern". Diese Praktiken sind natürlich prophylaktisch gedacht. Wenn man die Praxis macht, wird man zum Beispiel nicht in die Situation kommen, daß man Gift zu sich nimmt.

Was sagt die tibetische Medizin zu Krankheiten durchs Ozonloch?
Im Tibetischen gibt es den Ausdruck "Das von der Sonne herrührende Gift". Das Krankheitsbild ist in der tibetischen Medizin bekannt und man sagt, daß vor allem zwischen Frühjahr und Sommer die Sonnenstrahlung besonders stark und hart ist. Die empfohlenen Methoden sind primär prophylaktisch und ebenso dieselben, die auch gegen Gift wirken.

Was kann man bei karmischen Krankheiten tun?
Für einem selbst hilft Dharmapraxis wie die Diamantgeist-Meditation (Dorje Sempa). Um anderen helfen zu können, muß man ein verwirklichter Praktizierender sein.

Können nur Erleuchtete spirituell heilen? Es gibt ja auch Heilen durch Handauflegen usw.
Diese Dinge gibt es durchaus und die Hauptsache dabei ist die Einstellung desjenigen, der die Methoden verwendet, daß er nämlich wirklich eine sehr positive Einstellung hat und wirklich wünscht, dem Patienten zu helfen. Außerdem, damit wirklich die Fähigkeit zum Helfen gegeben ist, muß man karmisch eine gewisse Heilfähigkeit in dieses Leben mitbringen. Hinzu kommt die eigene Konstitution; das Zusammenwirken der eigenen Körperenergien spielt auch eine Rolle. Dies ist der allgemeine Zusammenhang bei jemandem ohne Realisation. Jemand mit hoher Erkenntnis hat ganz andere Fähigkeiten, auf andere einzuwirken. Das ist dann ein ganz anderes Thema.

Wie wird Lama-Medizin hergestellt und wie wirkt sie?
Was wir als Lama-Medizin bezeichnen, heißt im Tibetischen "Nektar". Es besteht aus Reliquien von früheren Buddhas, wie dem Buddha Ösung aus der Zeit vor Buddha Shakyamuni, Reliquien von Buddha Shakyamuni selbst, Reliquien der acht großen Vidyadharas (Weisheitshalter) aus Indien, auch von Guru Rinpoche und verschiedenen Termas (verborgenen Schätzen), wo manchmal auch bestimmte Substanzen bei sind. Außerdem besteht es aus verschiedenen Heilkräutern, Gurgum, Safran und verschiedenen Baumfrüchten.

Das Ganze wird durch Rituale wie "Pawo Chig Drub" und "Tsungpo Tsog Drub" gesegnet. Die Rituale müssen für bestimmte Zeiträume praktiziert werden; bei letzterem zum Beispiel muß ohne Unterbrechung 2 Stunden lang ein Mantra rezitiert werden. Die Segnung dauert eine Woche mit verschiedenen Mantras und Ritualen.

Durch die Lamamedizin wird der Segen Buddhas übermittelt. Man kann zwar nicht sagen, daß es alle Krankheiten heilt, aber es fördert das Reinigen der Energiewinde. Je stärker das Vertrauen darin ist, desto stärker wird auch die förderliche Wirkung sein.


Übersetzung aus dem Tibetischen: Tina Draszczyck
Bearbeitung: D. Göbel