Aus: Buddhismus Heute Nr. 12, ( 1993)

Fragen und Antworten zum Thema "Linienhalter"

Von Khenpo Tschödrag Thenphel Rinpoche

Man hört oft, daß Linienhalter immer auf sehr hohen Bodhisattvastufen sind?...

Ein "Linienhalter" ist jemand, der die Fähigkeit besitzt, beim Geben einer Einweihung im Geiste einer Person, die die Einweihung empfängt, eine Erfahrung von Mahamudra und dem Geheimen Mantrayana entstehen zu lassen. In der Kagyü-Linie hängt dies vor allem mit den Muttertantras zusammen. So jemand hat auch die Fähigkeit, dem Schüler die mit Mahamudra und dem Geheimen Mantrayana in Zusammenhang stehenden Unterweisungen fehlerlos zu geben.

Zuerst entsteht also durch die Einweihung Einsicht im Geist des Schülers und dann werden fehlerlos die Unterweisungen gegeben. Ein Linienhalter ist eine Person, die dazu in der Lage ist und muß nicht unbedingt die 10. Bodhisattvastufe erreicht haben. Auch ist ein Linienhalter nicht notwendigerweise ein Tulku, also eine anerkannte Wiedergeburt, und muß auch nicht unbedingt eine hohe Position innehaben.

Die verschiedenen Karmapas in der Karma-Kagyü-Linie sind bewußte Wiedergeburten. Die anderen Linienhalter waren jedoch zum großen Teil keine anerkannten Tulkus. Der erste Sangye Nyenpa Rinpoche beispielsweise begann als ein Diener des 4. Shamar Rinpoche. Er war der Diener, der sich um Shamarpas Pferd kümmerte. Er praktizierte, entwickelte große Qualitäten und wurde der Guru des 8. Karmapa. Die Linienhalter zwischen den Karmapas wurden immer von den jungen Karmapas selbst ausgesucht. Der Linienhalter des 16. Karmapa wird also vom 17. Karmapa selbst bestimmt werden. Niemals würde ein Linienhalter vorher bestimmt, um dann die Wiedergeburt zu finden.

In einem Vajra-Lied sagt aber Jamgön Rinpoche, daß "alle Linienhalter das Königreich des Dharmakaya" erlangt haben und auf der höchsten Ebene der "Nicht-Meditation" sind. Auch Gyaltsab Rinpoche sagte, daß alle Linienhalter Ausstrahlungen hoher Bodhisattvas seien?
Ein Linienhalter muß keine Ausstrahlung sein. Wenn eine Person zu einem Linienhalter wird, so wird sie zu diesem Zeitpunkt den Dharmakaya verwirklichen. In dieser Hinsicht stimmt die Aussage in dem Lied. Die Person sieht dann die Essenz der Gedanken, daß sie nämlich tatsächlich der Dharmakaya sind. Diese Person muß aber nicht notwendigerweise eine Ausstrahlung sein.

Milarepa, der größte aller Linienhalter in unserer Linie, war auch keine Ausstrahlung. Er sagte selbst, daß, wenn jemand ihn als Ausstrahlung von diesem oder jenem Bodhisattva oder Buddha bezeichnen würde, dies die effektivste Weise wäre, die Lehren Buddhas herabzusetzen.

Man muß hier auch den Gebrauch der tibetischen Sprache im Rahmen der tibetischen Geschichte und Kultur berücksichtigen. Wenn man etwas aus dem Tibetischen übersetzt, so kann man nicht Wort für Wort übersetzen und das einfach in einen anderen Kontext, eine andere Kultur und Gesellschaft, übertragen. In Tibet war es üblich, eine außergewöhnliche Person als Ausstrahlung von diesem oder jenem Buddha oder Bodhisattva zu bezeichnen. Dies muß nicht heißen, daß die Person wirklich eine Ausstrahlung ist.

Ich selbst, zum Beispiel, bin eine gewöhnliche Person. Zwischen mir und Euch ist kein Unterschied hinsichtlich der Verwirklichung der Bodhisattvastufen. Ich kenne meinen Geist und weiß, daß da kein Unterschied ist. Es könnte aber passieren, daß ein Schüler von mir mich sehr mag, und, wenn er zum Beispiel verschiedene Ereignisse meines Lebens niederschreibt, denkt: "Oh, Khenpo Tschödrag muß eine Ausstrahlung von diesem oder jenem Bodhisattva sein." Dann sagt er das vielleicht zu jemanden und es wird weitererzählt. So wird es auf einmal als eine Tatsache gehandelt, ohne wirklich eine zu sein. So etwas geschah sehr oft in Tibet. Man sollte diese Aussagen nicht zu ernst nehmen.

Die tibetischen Flüchtlinge leben jetzt nicht mehr im Kontext ihrer Geschichte und Kultur. Es nahm immer mehr überhand, Leute zu Tulkus zu erklären oder zu sagen: "Ich bin die Ausstrahlung von diesem oder jenem Buddha." Seit das tibetische Gesellschaftssystem zusammenbrach, gibt es keine klaren Regeln mehr, die die Authentizität solcher Ernennungen sichern würden.

Aus diesem Grunde ist es sehr wichtig, eine Person, mit der man eine Lehrer-Schüler-Beziehung eingehen möchte, sorgsam zu untersuchen, um zu sehen, ob diese Person einem fehlerfrei die buddhistischen Lehren erklären kann, oder ob die Person vielleicht nur eine Position, nicht aber die benötigten Qualifikationen, hat.

Es gab einen großen Drukpa-Kagyü-Siddha, der einmal sagte: "Wenn eine Person fähig ist, Erklärungen zu geben, die eine positive Veränderung im Geist hervorrufen, sollte man die Person als authentischen Lehrer betrachten, auch wenn diese Person ein Schlächter ist. Wenn eine Person nicht fähig ist, solche Erklärungen zu geben, dann, auch wenn die Person einen religiösen Titel wie ›Geshe‹ oder ›Gelehrter‹ trägt, sollte man keine Belehrungen von ihr nehmen."

In der Mahamudra-Übertragungslinie sind aber doch die meisten Linienhalter hohe Bodhisattvas. Auch heißt es, daß Milarepa eine Ausstrahlung von Manjushrimitra und Sangye Nyenpa Rinpoche eine Ausstrahlung von Maitreya sei?
(Khenpo lacht) Vielleicht sollten wir Situ Rinpoche und Sangye Nyenpa Rinpoche fragen, wer von ihnen nun Maitreya ist.

Dies bringt uns wieder auf die tibetische Angewohnheit, in dieser Weise über außergewöhnliche Lehrer zu reden. Es könnte einfach nur eine Redensart sein, ohne irgendeine reale Basis. In manchen tibetischen Texten wird zwar erwähnt, daß Milarepa eine Inkarnation von Manjushrimitra sei, wenn man aber Milarepas von Rechungpa, einem seiner engsten Schüler, geschriebene Biographie liest, so steht dort, daß Rechungpa einmal voller Hingabe zu Milarepa sagte: "Du bist sicher eine Ausstrahlung eines Bodhisattvas oder Buddhas. Kannst Du uns sagen, von welchem?" Milarepa antwortete ihm: "Deine Frage zeigt, daß Du gar nichts von den Lehren Buddhas verstanden hast, sondern sie vollkommen mißinterpretierst."

Man hält sich also besser an Milarepas eigene Aussagen, statt an das, was andere Leute über ihn sagen; Milarepa selbst kannte seinen Hintergrund am Besten. Wenn also er sagt, daß er keine Ausstrahlung sei, dann kann man davon ausgehen, daß es so ist, und daß, wenn jemand anders das Gegenteil behauptet, Milarepa recht hat und die andere Person nicht so sehr.

Milarepa praktizierte zuerst auf Drängen seiner Mutter schwarze Magie, um sich an seinen Verwandten, die sein Erbe an sich gerissen hatten, zu rächen. Er ermordete in dieser Weise 37 Leute und viele Tiere, und es ist unwahrscheinlich, daß ein Bodhisattva so etwas getan hätte. Als Milarepa zum ersten Mal Marpa traf, fragte ihn dieser, wer er sei. Milarepa antwortete: "Ich bin ein Übeltäter aus Tsang." Er sagte nicht, daß er ein Bodhisattva sei (Khenpo lacht), sondern eine negative Person.

Es gab in der Kagyü-Linie sechs Shamarpas, vier Situpas, zwei Jamgön Kongtruls und einen Gyaltsabpa. Diese Individuen sind ganz sicher Bodhisattvas. Es gibt aber viele weitere Linienhalter in unserer Linie, die nicht zu diesen Vier gehören.

Aber ist es nicht üblich, daß Bodhisattvas immer untertreiben, wenn es um sie selbst geht? Wenn es hier verschiedene Aussagen gibt, wem soll man dann glauben?
Es ist eigentlich keine Glaubensfrage, sondern eine Frage des Wissens, die nicht leicht zu klären ist. Um diese Dinge beurteilen zu können, muß man erst ein Verständnis der buddhistischen Lehren haben und sie dann auch praktiziert haben, um das sogenannte "Dharma-Auge", also große Einsicht, zu erlangen. Vorher kann man es nicht wissen.

Aber eigentlich ist es nicht so wichtig, wer diese Personen wirklich waren. Worum es geht, ist, durch Praxis den eigenen Geist zu verändern. Der Versuch, Dinge zu verstehen, die man sowieso nicht verstehen kann, ist unnötig, denn es geht darum, Befreiung zu erlangen. Bestimmte Belehrungen Buddhas sind in der Pratimoksha-Sutra festgehalten und "Pratimoksha" bedeutet "individuelle Befreiung". Man soll also für sich Befreiung, Nirvana, anstreben. Dazu braucht man Erklärungen von jemanden, der fähig ist, die korrekten Erklärungen fehlerlos zu geben. Ob diese Person ein Bodhisattva oder ein fühlendes Wesen ist, ist unerheblich, wenn sie einem ermöglicht, Befreiung zu erlangen. Es ist sinnlos, sich über Aussagen wie: "Er ist Chenresig und der dort ist Manjushri und der andere Maitreya" den Kopf zu zerbrechen. Falls nämlich diese Leute wirklich Ausstrahlungen sind, zugleich aber nicht fähig sind, uns fehlerlose Anweisungen zu geben, so können wir nicht Befreiung erlangen.

Wie können wir beurteilen, ob ein Lehrer uns fehlerlos die Belehrungen geben kann, die uns zur Erleuchtung führen?
Dies zu beurteilen scheint schwierig zu sein, ist aber eigentlich sehr einfach. Wenn Ihr von jemandem, der ein Lehrer sein soll, Erklärungen erhaltet, dann diese Erklärungen in die Praxis umsetzt und feststellt, daß sich Euer Geisteszustand zum Besseren entwickelt, indem störende Gefühle und verschleierte Geisteszustände abnehmen, ist diese Person ein richtiger Lehrer. Wenn die erhaltenen Belehrungen nicht zu diesen Resultaten führen, war die Person, die sie Euch gab, kein guter Lehrer.

Der große Kagyü-Siddha Pagmo Drupa sagte einmal zu einem seiner Schüler, dem er Belehrungen gegeben hatte: "Versuche nicht, mich zu verbessern, sondern Deinen eigenen Geist."


Übersetzung aus dem Tibetischen: K. Ekselius
Übers. aus dem Englischen und Bearbeitung: D. Göbel