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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 12, ( 1993)

Aktuelle Ereignisse in der Karma-Kagyü-Linie

Ein Interview mit Lama Ole Nydahl

In den letzten Wochen ist im Osten und Westen viel in der Kagyü-Linie geschehen. Wir würden Dir gerne ein paar Fragen zu den Ereignissen stellen.

Ich hatte schon daran gedacht, einen Rundbrief an all meine Freunde zu schicken, aber hier in "Kagyü Life" über die Geschehnisse zu berichten, ist viel nützlicher und erreicht bestimmt auch mehr Leute.

Es ist ja so, daß wir zur Zeit eine besonders spannende Linie sind; es ist auf allen Ebenen sehr viel los. Deswegen braucht man in gewissen Abständen Auskünfte über die neuesten Ereignisse. Vor allem in diesem Sommer, wo es während der großen Kurse viel Zeit fürs Reden geben wird, sollte der Meinungsbildung das meistmögliche Wissen bereitstehen. Was wir alle denken und sagen, ist ja der Buddhismus, und der sollte von ausreichendem Verständnis untermauert sein. Deswegen bin ich über Eure Fragen sehr froh.

Was gibt es denn allgemein an Neuigkeiten über die chinesische Politik um den Karmapa-Kandidaten in Tsurphu / Tibet?
Die neuesten Aussagen der Chinesen bei den Auseinandersetzungen um den Dalai Lama diesen Juni in Wien zeigen ja leider, daß meine schlimmsten Voraussagen von vor über einem Jahr genau zutreffen. Wieviel lieber hätte ich hier Unrecht gehabt.

Es muß jetzt leider jedem klar sein, daß die Chinesen das Kind in Tsurphu verwenden, um die Tibeter zu spalten. Schon als der offensichtlich falsche Brief von Tai Situ vorgestellt wurde, sagte ich, daß die chinesischen Kommunisten nach dem Tod des Panchen Lama und der darauffolgenden Aufstände schnell einen anderen großen Lama finden müßten, um die Tibeter nochmals zu spalten und dadurch zu beruhigen. Es ging dabei ganz kühl um die 18 Milliarden Dollar, die sie wegen der "Most Favoured Nation"-Klausel im Handel mit den USA im Jahre 1992 an Reingewinn hatten, bei Verfolgung ihrer Minderheiten aber sofort wieder verlieren könnten. Clinton hat den Status diesmal ja auch nur für ein Jahr verlängert.

Es war mir klar, und ich schrieb das auch an unsere damals 135 Zentren um die Welt, daß sie offenbar den Kandidaten auf Tsurphu zu diesem Zweck benutzen wollten. Meine Behauptung - sehr zum Unbehagen einiger geistig Feigen, denn China ist ja groß - bestätigt sich jetzt durch zwei offizielle Pressemitteilungen Rotchinas: Einerseits erklären sie, daß von jetzt an alle bewußten Wiedergeburten nur noch in China gefunden werden, wobei sie Tibet, das sie besetzt halten und bewußt überfremden, wohl mit einschließen. Auf der anderen Seite haben wir eine offizielle Aussage der Chinesen an die Weltpresse. Sie wurde gemacht während sie neulich in Wien mit allen Mitteln versuchten, die Teilnahme des Dalai Lama an der UNO-Menschenrechtskonferenz zu verhindern. Hier bestätigen sie, daß sie den Nachfolger des Dalai Lama haben. Dieser sei der neun Jahre alte Karmapa-Lama, den man gerade auf seine Aufgaben vorbereite und der deswegen auch bei einem Amerikaner Englisch lerne. Das wird jedem Tibeter und Freund der Tibeter das Herz zerreißen und ich hoffe zutiefst, daß die Linienhalter und anderen Lamas unserer Schule, die dies ermöglicht haben, damals einfach nicht so weit politisch denken konnten. Wenn in der Zukunft das ganze Trauerspiel dieser ersten geschichtlichen Politisierung eines Karmapas hervortritt, und die Tibeter ihn als Widersacher des Dalai Lama und dadurch als Verräter empfinden, werden Unwissenheit und Hörigkeit wohl die einzigen Entschuldigungen sein.

Auch empfinde ich es als zutiefst peinlich, daß der Akong Tulku sich von den Chinesen mit dem Titel "Lebender Buddha" belohnen läßt; so wird sein Bild bereits in den Zeitschriften der chinesischen Botschaften betitelt. Die Chinesen haben 1 bis 1½ Millionen Tibeter getötet und trotz einiger Neubauten sieht das Land aus wie Hamburg nach dem Krieg. Sie haben 7½ Millionen ihrer Leute in das 6-Millionen-Volk geschleust. Vielleicht bin ich an diesem Punkt etwas überempfindlich, aber als meine Altersklasse in Dänemark unter einer unendlich glimpflicheren Besatzung während des Zweiten Weltkrieges aufwuchs, hatten wir schon Bezeichnungen für solche Leute.

Lopön Tsechu war ja gerade längere Zeit in Europa. Gab es von seiner Seite aus Neuigkeiten?
Ja, Neues und auch Altes. Er hat im Juni in Basel ein paar Dinge im Zusammenhang mit den Ereignissen um Karmapas Herz im Jahre 1981 geradezu "eidesstattlich" erklärt. In letzter Zeit wurde öfter breit bekannt gegeben, daß bei Karmapas Verbrennung sein Herz aus dem Feuer vor Situ Rinpoches Füße gesprungen sei. Dies wurde dann als Zeichen ausgelegt, daß Situpa Karmapas Herzenssohn und Hauptlinienhalter sei.

Lopön Tsechu, der auch bei der Verbrennung zugegen war, hat die Geschichte jetzt ganz anders, fast peinlich anders, erklärt. Er bezeugte mehrmals, daß er alleine mit den beiden Khampa-Lamas Namkhai Dorje und Dronyien Ngödrub links und rechts vor der Stupa stand, während die Linienhalter und fast alle Lamas bei den Pujas im Gebäude beschäftigt waren. Plötzlich rollte eine flammende Kugel aus der Verbrennungsstupa, landete vor ihm und hörte sofort zu brennen auf. Die anderen wollten sie wieder in die Flammen werfen. Er sagte jedoch, daß, da die Kugel von selbst rausgekommen sei, sie auch draußen bleiben sollte. Auch daß sie gleich zu brennen aufhörte, sei ein Zeichen, daß die Kugel aufzubewahren sei. Lopön Tsechu legte dann die als Karmapas Herz verstandene Kugel auf eine Metallplatte und stellte sie auf die Stupa.

Eine Weile später kamen die anderen Rinpoches raus und gingen im Kreis um die Stupa. Als Situ Rinpoche das Herz sah, sagte er: "Das muß ich haben" und nahm es in sein Zimmer mit. Einige Tage später hörte der damalige Generalsekretär Rumteks von den Geschehnissen und ging zusammen mit einer Reihe Lamas in Situ Rinpoches Zimmer. Er nahm Karmapas Herz vom Regal und verfügte, daß es in Rumtek bleiben solle.

Als Situ Rinpoche bei dem großen Kagyü-Treffen nach der Verbrennung seine Seite der Sache vorstellte, hörten es Hannah, Kurt und ich mit Verwunderung. Seine Worte paßten nicht zu dem, was uns Karmapa über die Jahre gesagt hatte.

Es soll in der letzten Zeit größere Schwierigkeiten in Polen und Dänemark gegeben haben?
Ja, und auch Neuigkeiten darüber, wie wohl die exiltibetische Regierung versuchen wird, sich aus der Sache mit dem Karmapa-Kandidaten herauszuziehen. S.H. der Dalai Lama sagte neulich bei seinem Besuch in Polen, wo ihm auch Lopön Tsechu Rinpoche begegnete, daß es wohl mehrere Karmapa-Inkarnationen geben würde.

Und dann zu den Schwierigkeiten, die ihr erwähnt: Sie wurden wohl in den deutschsprachigen Ländern kaum bekannt, bevor sie wieder aufhörten, sind aber interessant für die Geschichte.

Ich konnte nie voll im Auge behalten, was in Polen vorging. Einerseits verstehe ich ja die Sprache nicht und andererseits war ich trotz der vielen Zentren, seit neuestem 26, nur etwa zehn Tage im Jahr im Lande. Trotz einer unmittelbaren Offenheit für die Möglichkeiten des Geistes war das Christentum lange so stark, daß wir uns nur dann groß ausdehnen konnten, wenn die katholische Kirche einen besonders dicken Fehler gemacht hatte, wenn sie ihren schon dickhäutigen Gläubigen durch ein zu unterdrückendes Verhalten zu peinlich wurde. So schossen sie uns immer wieder den geistigen Raum frei, so daß sogar der Faulste, wenn er nur einigermaßen begabt war, zu denken anfangen mußte. Eine so starke Dressur schon aus der Kindheit taucht aber leicht unerkannt wieder auf und infolgedessen bildeten sich um die Machthebel unserer Zentren kleine fundamentalistische Gruppen, die eher glauben als wissen wollten. Obwohl die Polen nach 40 Jahren Kommunismus eigentlich fähig sein sollten, Unterwanderungen, Wahrheitsverdrehungen und politischen Druck zu durchschauen, sind genau diese Gläubigen auf die Propaganda für den chinesischen Kandidaten reingefallen. Sie haben vielleicht auch nicht gewußt, wie sehr die Chinesen Tibet zerstört haben, oder sie haben es nicht wissen, sondern lieber "heile Welt" spielen wollen.

Solche Leute ergötzen sich natürlich nicht an meinem Beispiel. Es fand dieselbe langweilig-heilig-gläubige Entwicklung statt, die wir in den 80er-Jahren in Deutschland mit dem Kamalashila-Institut und ein paar weiteren Zentren loswurden. Im polnischen Verein haben wir vor ein paar Wochen, ebenfalls etwas verspätet, aufgeräumt und es ist ja ein Teil unseres Wachstums in allen Ländern, gelegentlich abzuspecken. Jede Mark, die durch Manfred in Villingen, die Kagyü-Stiftung oder anderswie an das Retreatzentrum Kuchary oder andere Stellen im Land fließt, wird jetzt von einer zusammengeschweißten Mannschaft um den großen Zbigniew noch viel besser genützt.

Die Schweiz hatte diese Entwicklung schon vor längerer Zeit. Österreich hatte sie kaum und sehr früh, nur ein bißchen in Wien. In Dänemark rumorte es von Zeit zu Zeit bei einigen Aufsteigern, zu denen ich sonst sehr freundlich gewesen war. Ich gab ihnen so viel Macht, daß sie frei arbeiten, aber schon Künzig Shamarpa, Hannah und mir folgen mußten, was größere Zusammenhänge betraf. Als sie neulich die Arbeit der Zentren störten, wurden sie abgewählt und suchen jetzt einen Raum für einen eigenen Verein.

Ob im Norden oder im Süden: Was jetzt geschieht, tut uns gut: Der Druck, ohne eine Untersuchung des Briefes den chinesischen Kandidaten anzuerkennen und die weiteren Angriffe auf die gesunde Vernunft machen unsere Freunde ja nur stärker. Wir machen dem Westen, der Aufklärung und der Demokratie, große Ehre. Es wird unseren Gruppen immer klarer, welche Werte wir vertreten, wie erwachsen und selbständig wir schon sind. Daß heutzutage Leute, die Zeitung lesen und lange zur Schule gegangen sind, auf ein solches Gemisch von Sentimentalität, fehlendem Bewußtsein und Politik reinfallen können... Ich muß darüber immer wieder den Kopf schütteln. Solange der angezweifelte Brief nicht untersucht wird, können wir ihm doch nicht vertrauen. Hannah und ich hielten diese Linie als erste und sind froh, daß die ganzen 140 Zentren, die wir bis jetzt um die Welt gestartet haben, ähnlich denken. Wer den Brief hervorgebracht hat, um die eigene Stellung zu stärken, muß ihn nur untersuchen lassen. Dann ist unsere Linie wieder heil.

Du sagst oft, daß Leute, die mit der Meinung in Deinen Gruppen nicht übereinstimmen, besser gehen sollten. Viele Leute, gerade Neue, haben Schwierigkeiten, das nachzuvollziehen. Für sie klingt es "undemokratisch", als ob man unbequeme Kritiker loswerden wolle. Was ist tatsächlich der Grund?
Der Grund ist, daß die meisten von vornherein eher auf diskutieren als meditieren eingestellt sind. Dies gilt vor allem, bis sie einen freudvollen Vertiefungsweg gefunden haben. Jeder kann für sich denken, was er will, das rate ich ja an, aber die kostbaren Stunden der Versenkung dürfen nicht dafür verschwätzt werden. Wer sich menschlich nicht riechen kann oder ganz verschiedene Vorstellungen hat, muß nicht gezwungen werden, in einem Raum zu hocken. Es ist dann besser, daß jeder für sich etwas Sinnvolles tut. Vor allem im Diamantweg sind Streitigkeiten sehr zu vermeiden, wie es unzählige Texte sagen, denn sie machen jede Entwicklung kaputt.

Wir hörten, daß Lama Tashi, ein Westler, der einige Jahre das Retreatzentrum in Rødby / Dänemark betreut hat, gegangen sein soll?
Ja, uns sogar mit einem sauren Brief. Tashi hatte nie eine leichte Zeit dort in Rødby, aber tapfer schaffte er es bis dahin, den Deckel drauf zu halten. Er ist Holländer und wir kannten ihn aus den Hasch-Tagen in Kopenhagen. Besonders vor ein paar Monaten war er in eine schwierige Lage geraten, auch wegen des chinesischen Kandidaten. Als wir Dänen - wie in allen Ländern - ein paar Änderungen in der Satzung des Vereins machen mußten, um uns gegen chinesische Einflussnahme abzusichern, kam er unter Druck von den Leuten, die ihre Welle reiten wollten.

Zugleich stand er zu der Zeit wohl etwas unter Schock, weil noch eine von Tai Situ Rinpoche gefundene Wiedergeburt wackelte. Es wurde zu der Zeit bekannt, daß die Wiedergeburt von Kalu Rinpoche, unter dessen Leitung Lama Tashi seine Drei-Jahres-Zurückziehung gemacht hatte, schon fünf Monate nach Kalu Rinpoches Tod geboren wurde. Er starb im Mai und das Kind wurde im Oktober geboren. Somit war die Mutter zur Zeit des Todes bereits im vierten Monat schwanger.

Zu dem Verschleiß durch die Politik - daß Tashi sich nicht entscheiden konnte, wo er stand - und diesem Wunder, kamen noch ein paar persönliche Sachen und eine Freundin in Heidelberg, die wohl nicht in den Norden ziehen wollte. Es war ein ihm typisches Trotzverhalten, für das Hannah und ich leider nicht mehr, wie früher in den 60er-Jahren, die Zeit hatten, ihn herauszuholen. Wir werden an seinen nächsten Aussagen sehen können, ob er es jetzt bereut.

Wir haben aber schon neue gute Leute dort, nahe und erfahrene Freunde von Hannah und mir. Sie, Monika, Frank und andere, werden das Zentrum leiten und alles wird noch weiter wachsen.

Warum hat eigentlich jemand ein Interesse an falschen Tulkus?
Der Geschichte nach wurden falsche Wiedergeburten meistens bestimmt, wenn ein Lama mehr Macht haben wollte. Er band dann bestimmte Familien, Leute und Machtgruppen an sich, indem er Tulkus unter ihren Kindern "fand". Das war in Tibet sehr verbreitet, aber recht selten bei uns Kagyüs. Einmal mußte ein hoher Gelugpa-Lama schlagartig die Mongolei verlassen, weil er dem Khan eine hohe Inkarnation versprochen hatte und dieser stattdessen eine Tochter bekam. Der Lama wäre leicht um einen Kopf kürzer gemacht worden, wenn er nicht schnell geflohen wäre.

Man sagt auch, daß die Oberhäupter der Nyingma- und Sakya-Schule vertauscht wären?
Ja, und es ist inzwischen peinlich. Ich habe dazu zwei Erklärungen gehört. Entweder wünschen die Gelugpas, die in der tibetischen Exilregierung die Wiedergeburten anerkennen, die anderen Schulen durch verkehrte Hauptlehrer auf ihren Plätzen zu halten, während sie mit ihren eigenen Schwierigkeiten fertig werden. Sie haben dort genug zu tun mit Bestechungen aus Taiwan, mit der Wahl, welche 1000 Tibeter demnächst in die USA einwandern dürfen und vielem anderen. Die andere Möglichkeit ist, daß sie es einfach nicht schaffen, die richtigen Wiedergeburten zu finden.

Die Nyingma-Linie hat neulich fast geschlossen eine Wiedergeburt ihres früheren Oberhauptes Dudjom Rinpoche vorgestellt und die Exilregierung in Dharamsala hat ein anderes Kind bestimmt. Zugleich ist der in Seattle/USA lebende Dabshang Rinpoche tatsächlich der Sakya Trindzin Rinpoche und umgekehrt. Dies ist schon seit vielen Jahren bekannt. Wenn ihnen so ein Fehler unterläuft, sagen sie hinterher, daß es schade, aber jetzt zu spät sei, daß sie es leider nicht mehr ändern könnten. Auch was den chinesischen Kandidaten in Tsurphu/Tibet angeht, hören wir mittlerweile, daß es vielleicht der Richtige sei, vielleicht auch nicht, daß man aber jetzt nichts mehr ändern könne. Wir Kagyüs aus dem Westen werden das aber doch ändern.

Man hört immer wieder mal, daß das Kind in Tsurphu die Wiedergeburt von Mipham Rinpoche sei. Was hat es damit auf sich?
Der Onkel des chinesischen Kandidaten, ein Tibeter, lebt in Deutschland. Er hat bei Künzig Shamarpas Besuch in Schwarzenberg ganz deutlich gesagt, daß das Kind Mipham sei.

Hast Du die Video-Aufnahmen von dem Kind gesehen? Was war dein Eindruck?
Ja, ich habe den Videofilm von der Inthronisation in Tsurphu gesehen und war vor allem erschüttert. Es gab gar keine Freude, Karmapas ständiges Merkmal. Es war deutlich, daß das Kind bei der Begegnung weder Situ noch Gyaltsab Rinpoche wiedererkannte. Als sie hinterher nebeneinander saßen, war überhaupt keine Verbindung zwischen ihnen festzustellen, jeder schaute in seine Richtung. Ich habe noch nie so viel chinesischen Brokat und so wenig menschliche Wärme gesehen wie in diesem Film. Diesen Eindruck haben wohl die meisten gehabt.

Das Kind konnte mit seinen acht Jahren noch keine Verbeugung machen und muß noch lesen und schreiben lernen. Alles Sachen, die frühere Karmapas ganz schnell konnten.

Beim Besuch von Khandro Rinpoche in Rødby soll es einen kleinen Skandal gegeben haben, weil jemand sie dazu gebracht hat, öffentlich zu weinen. Weißt Du etwas darüber?
Dieser Jemand war die dänische Nonne Ea, auch eine Bekanntschaft aus den 60er-Drogenjahren in Kopenhagen. Sie war in Nepal von Jamgön Kongtrul Rinpoche kurz vor seinem Tod weggeschickt worden, weil sie seit Jahren im Osten und Westen durch schwere Gerüchte ganz viele Schwierigkeiten verursachte. Sie darf in Kopenhagen als einzige nur zu Lama-Besuchen ins Zentrum, ein Beschluß, der den freiheitlichen Dänen bestimmt nicht leicht fiel.

Als Khandro Rinpoche in Rødby eine Einweihung geben wollte, brachte ihr diese Nonne eine Liste. Sie hatte hier die Namen der Leute aufgeschrieben, die an das Kind in Tsurphu glaubten, und wollte, daß Khandro Rinpoche ihnen die Einweihung gesondert geben sollte. Sie wünschten nicht, sie mit den anderen Kagyüs zusammen zu nehmen. Khandro Rinpoche, die übrigens sehr tüchtig gearbeitet hat mit ihrem Shamarpa-Zen-ähnlichen Lehrstil - eine süß-strenge Mutter hatten wir bisher nicht - ist daraufhin öffentlich auf dem Thron in Tränen ausgebrochen. Das hatte ihr, der Wiedergeburt der Hauptfrau des 15. Karmapas, sehr weh getan, denn ihre Arbeit sollte ja für Karmapa sein.

Auch Khandro Rinpoche erkennt den chinesischen Kandidaten nicht an, haben wir gehört?
Wenige, die denken können und kein Kloster in Tibet haben, tun das. Die "Karmapa Papers" sind inzwischen trotz der Bannbulle Situ Rinpoches auch auf Nepalesisch erschienen und werden gründlich gelesen. Noch dazu gab es zu viele Lügen, verschlepptes Einlösen von Versprechungen und Aufregungen auf der anderen Seite, wodurch Leute ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Die meisten halten aber den Schein aufrecht, denn wenn ein Rinpoche jetzt sagen würde, daß er nicht an das Kind glaubt, könnte er seine Baupläne und Klöster in Tibet vergessen. Die Chinesen haben so viel Geld und Ansehen aufs Spiel gesetzt, daß sie keinen solchen Gesichtsverlust zulassen werden. Ihr dürft nicht vergessen, daß es im Marxismus keinen Geist gibt, so daß sich die Chinesen bloß durch das Anerkennen einer Wiedergeburt ein erstes Mal lächerlich gemacht haben. Ein zweites Mal dumm aussehen wollen sie bestimmt nicht. Fast keiner der Rinpoches ist frei, ihnen allen sind die Hände gebunden.

Lama Jigme Rinpoche kam neulich mit einem Fax in der Hand aus dem Büro in Dhagpo / Frankreich gesprungen und rief: "Hier steht der Titel, den die Chinesen Shamarpa versprechen, wenn er unterschreibt, daß das Kind wirklich Karmapa ist."

Wie ist die Lage in Sikkim zur Zeit?
In Rumtek gewinnt unsere Seite allmählich und in Sikkim herrscht als Vorbereitung zu einer Wahl Kleinkrieg. Einige Leute sind in Gangtok getötet worden und die meisten Soldaten wurden von Rumtek abgezogen. Zwei von ihnen passen noch auf den Brief auf.

Viele sind erschüttert, daß Situ Rinpoche vor einiger Zeit eine so große Spende der exilchinesischen Kagyüs verlor: Er wurde am Flughafen Kalkutta vom Zoll mit 25 Kilo Gold erwischt und mußte noch dazu 200.000 Dollar zahlen, um nicht ins Gefängnis zu wandern.

Den Versuch, einen neuen Karmapa Charitable Trust zu gründen, mußte Tai Situpa inzwischen aufgeben. Seine Leute bewohnen dafür ein Hotel vor Rumtek, das die Tibeter mittlerweile "die chinesische Botschaft" nennen. Der von Karmapa eingesetzte Topga Rinpoche ist noch immer der Generalsekretär Rumteks und so werden wir es auch beibehalten.

Sangye Nyenpa Rinpoche ist zur Zeit in Europa und besucht vor allem Gruppen, die das Kind anerkennen. Was hältst Du davon?
Er ist offenbar jetzt stärker von der anderen Seite beeinflußt als wir dachten. Die Zeit, wo er sich frei ausdrücken konnte, ist vielleicht vorbei. Leider kann man ja nicht sagen, daß man zwar die Zentren einer Seite besucht, dort aber nichts über die Lage sagt und dadurch neutral bleibt. Bloß indem man zu einer bestimmten Stelle geht, bezieht man ja Stellung.

Was tun Hannah und Du gerade?
Wir gewinnen zur Zeit. Hannah ist gerade in Rumtek bei Künzig Shamarpa und hilft ihm. Sie ist wirklich seine rechte Hand. Caty und ich arbeiten fast rund um die Uhr an der Neuauflage meines Buches "Über alle Grenzen". Sie hat schon in Spanien einen ganzen Monat damit verbracht und wir hoffen, es bald fertig zu haben. Die Neuauflage von "Über alle Grenzen" wird auch für die spannend sein, die das erste Buch schon kennen, denn nach dem gemeinsamen Badengehen unserer Linie kann ich ja mehr sagen als zuvor. Der Unterschied zwischen den beiden Auflagen ist ein Stück Geschichte an sich. Zur Zeit stapeln sich bei mir zwei weitere deutsche Manuskripte und 200 Briefe warten leider auf Antwort.

Ich freue mich auch schon sehr darauf, so viele Freunde bei den großen Kursen, die ich diesen Sommer in Europa gebe, wiederzusehen. Besonders freue ich mich auf den Phowa-Kurs bei Kassel. Ich möchte mich überhaupt wieder mehr auf das Ostrheinische einstellen, da es hier die größte Offenheit gibt. Es steht uns eine Zeit voll Entwicklung und neuer Möglichkeiten bevor.

 


Das Interview führten Ulla und Detlev Göbel in Brescia / Italien am 26. Juni 1993