Aus: Buddhismus Heute Nr. 12, ( 1993)

Guru-Yoga- Das Eine, das alles verwirklicht

Von Dilgo Khyentse Rinpoche

Auszüge aus einem Kapitel des Buches "The Wishfulfilling Jewel"

Seine Heiligkeit Dilgo Khyentse Rinpoche wurde 1910 in Derge, Osttibet, geboren und studierte später unter mehr als siebzig großen Meistern und Gelehrten. Er wurde als die Geist Ausstrahlung von Jamyang Khyentse Wangpo, einem der Begründer der Rime-Bewegung anerkannt. Dilgo Khyentse Rinpoche verbrachte über zwanzig Jahre in Zurückziehung, war das Oberhaupt der Nyingma-Schule und führender Vertreter der Rime-Bewegung. Viele sahen ihn als den größten lebenden Dzogchen-Meister und als Verkörperung von Guru Rinpoche. Er war der Lehrer vieler wichtiger Lamas unserer Zeit, unter anderem auch Seiner Heiligkeit Dalai Lama. 1991 verstarb Dilgo Khyentse Rinpoche in Bhutan.
Ob wir essen, schlafen, gehen oder sitzen, wir sollten dabei unseren Geist immer auf den Lama richten. Ein kurzer Rat vom Lehrer reicht nicht, um Verwirklichung zu erlangen, sondern man muß erkennen, daß der Lehrer nicht nur etwas Äußeres, sondern immer in der erleuchteten Natur unseres Geistes gegenwärtig ist.

Guru Rinpoche sagte: "Ich bin nie getrennt von denen, die Hingabe haben." Wenn wir den Lama für ein gewöhnliches Wesen aus Fleisch und Knochen halten, ist es schwer, die für Fortschritt benötigte Intensität an Hingabe zu entwickeln. Deswegen sollten wir den Lama als die Verkörperung der unveränderlichen Weisheit Guru Rinpoches, des Lotus-Geborenen, betrachten. Seine Allwissenheit durchdringt die drei Welten und er weiß genau wer in jedem Moment gerade zu ihm betet, selbst wenn es Millionen von Wesen zugleich tun.

Die Essenz des Weges ist Hingabe; wenn wir nichts als den Lama in unserem Geist haben und nichts als glühende Hingabe fühlen, wird was auch immer geschieht als sein Segen empfunden werden. Wenn wir einfach mit dieser ständigen Hingabe praktizieren, ist dies Gebet in sich selbst.

Wenn alle Gedanken mit Hingabe an den Lama erfüllt sind, entsteht ein natürliches Vertrauen, daß alles in der richtigen Weise geschieht. Alle Formen sind der Lama, alle Klänge sind Gebete, alle groben und subtilen Gedanken entstehen als Hingabe. Alles wird spontan in der absoluten Natur befreit, wie in den Himmel geknüpfte Knoten. Dies ist der höchste Guru Yoga, in dem der Guru als die drei untrennbaren Kayas erkannt wird. Man kann das erreichen ohne die Rituale der Entstehungsphase, ohne Zurückziehungen in Dunkelheit, ohne leere Visionen, ohne Halten des Atems und Einführen des Atems in den Zentralkanal. Durch diese Praxis verschmelzen alle anderen Praktiken in einsgerichtete Hingabe, wie Gyalwa Götsangpa und andere große Heilige es erlebten. Sie verweilten monate- und jahrelang in einem Zustand, wo Tag und Nacht nur noch Hingabe in ihrem Geist war und sie weder Hunger noch Durst verspürten.

Durch Hingabe und durch Abkehr von den Attraktionen dieses Lebens wird man nicht mehr in weltliche Angelegenheiten verstrickt. Man entwickelt ein feines Urteilsvermögen für Ursache und Wirkung und verirrt sich nicht mehr in negative Verhaltensweisen.

Alle Wünsche, nur für sich selbst Frieden zu erlangen, hören auf, und so verirrt man sich nicht mehr in die niederen Pfade. Man sieht alle Erscheinungen als Gottheiten, Mantras und große Freude und verirrt sich nicht mehr in gewöhnliche Wahrnehmung. Indem man alle Dinge als den Lama sieht und alle Gedanken in glühende Hingabe eingehüllt sind, verirrt man sich nicht mehr in negative Sichtweisen. In dieser Weise entsteht ganz natürlich Genügsamkeit und Verwirrung hört auf; alles was aufzugeben ist, verschwindet von selbst. Meditation und Nach-Meditation vermischen sich zu einem, und es manifestiert sich die wahre Natur des Absoluten, die eigene Weisheits-Bewußtheit.

Damit der Lama immer gegenwärtig ist, müssen wir ständig praktizieren. Es bringt nicht viel Nutzen, wenn man denkt, daß ein paar Monate oder ein Jahr Praxis ausreicht, um Verwirklichung zu erlangen. Wir sollten von jetzt an bis zu unserem letzten Atemzug praktizieren. Wir brauchen diesen Fleiß, um die Sicherheit zu bekommen, daß wir im schwierigen und erschreckenden Moment unseres Todes unser Vertrauen und Verständnis aufrechterhalten können. Wir sollten uns fragen, ob wir im Moment des Todes fähig sind, uns all der Anweisungen unseres Lamas zu erinnern. Aber selbst wenn wir das schaffen, mag es wenn wir vom Leiden des Sterbens betroffen sind ziemlich schwierig sein, sie wirklich anzuwenden, wenn wir uns nicht durch ein Leben konstanter Praxis darauf vorbereitet haben.

Ein Dharma-Praktizierender sollte in der Lage sein, mit allen Lebensumständen umzugehen; er sollte von den guten nicht froh erregt und von den schlechten nicht in Verzweiflung gestürzt werden. Frei von Erwartungen und Zweifeln sollte er immer an seinen Lehrer denken. Obwohl Glück und Trauer, Freude und Leiden in sich selbst keine wirkliche Existenz haben, können sie eine Hilfe oder auch ein Hindernis auf dem Weg sein. Wie wir mit diesen Erfahrungen umgehen, ist ein Test für die Ernsthaftigkeit unserer Praxis. Dies ist die wahre Essenz von Guru-Yoga und die Haupt-Praxis selbst. Wenn wir dies so gut wir können praktizieren, gibt es keine andere sogenannte "tiefgründige" Belehrung.

Die ausführlichen Visualisationen der Entstehungsphase bestehen aus vier Arten, die zu der Reinigung der vier Arten von Geburt korrespondieren: Geburt aus einem Ei, aus dem Schoß, aus Wärme und Feuchtigkeit, und spontane Geburt. Guru-Yoga ist die Essenz von alledem und benötigt diese detaillierten Ausführungen nicht. Auch die anderen Aspekte der Entstehungsphase sind zwar im Guru-Yoga enthalten, werden aber nicht einzeln betrachtet. Man nennt sie "Klare Erscheinung", die klare Visualisation des Buddha-Aspektes; "Reine Gewaltsamkeit", das Wissen um all die Symbole und Aspekte des Yidams (z.B. daß ein Kopf die Einheit der absoluten Natur und daß zwei Hände Methode und Weisheit symbolisieren) und "Vajra-Stolz", die totale Gewißheit, daß man seit anfangsloser Zeit schon der Yidam ist. Es wird gesagt, daß, wenn wir nur für einen Moment unseren Wurzel-Lama mit großer Klarheit und Lebendigkeit visualisieren, dies größeren Nutzen bringt, als auf 100.000 andere Buddha-Aspekte zu meditieren.

Guru-Yoga ist auch die Essenz der Vollendungsphase, der 6 Yogas: Tummo (innere Hitze) die Wurzel des Weges; Gyulü (lllusionskörper) die Grundlage des Weges; Milam (Traum-Yoga) das Maß für Fortschritte auf dem Weg; Ösal (Klares Licht) die Essenz des Weges; Bardo (Zwischenzustand) die Einladung dazu, den Weg weiterzugeben; und Phowa (Bewußtseins-Übertragung) was einem ermöglicht, den Rest des Weges zu gehen. All diese Praktiken müssen sich im Bereich des Guru-Yoga entfalten. Tummo und Gyulü hängen zusammen mit der Praxis auf den Vajra-Körper des Guru; Milam und Ösal mit dem Yoga der Vajra-Rede des Guru; Bardo und Phowa mit dem Yoga des Vajra-Geistes des Guru Deswegen ist Guru-Yoga die Essenz der Praktiken der Vollendungsphase.

Wenn wir die weite Sicht oder die tiefe Einsicht verwirklichen wollen, so wird gesagt: "Die Verwirklichung deiner inhärenten Weisheit ist die Frucht von Ansammlungen, Reinigungen und Segen eines realisierten Meisters. Du solltest wissen, daß es sinnlos ist, sich auf irgendeine andere Methode stützen zu wollen." Auch heißt es: "Wer auch immer die Weisheit jenseits des Intellektes finden will, ohne zu seinem Lama zu beten, ist wie jemand, der in einer nach Norden offenen Höhle auf die Sonne wartet. Er wird niemals die Einheit von den Erscheinungen und seinem Geist erkennen."

Da Guru-Yoga die letztendlich Methode zum Erkennen des natürlichen Zustandes der Dinge ist, wird es "der Kern des natürlichen Zustandes" genannt. Mit "Kern" ist die verborgene Essenz, die nicht offensichtlich sein mag, aber das Herz von allem ist, gemeint. Die unzähligen Unterweisungen für Kyerim, Dzogrim, Dzogchen etc. sind alle in kondensierter Form im Guru-Yoga enthalten. Guru-Yoga ist wie das lebenswichtige Glied in einer Kette, das alle anderen Anweisungen miteinander verbindet. Es ist eine leicht auszuführende Praxis, ohne wirkliche Schwierigkeiten, ohne Risiken etwas falsch zu machen, und führt zur höchsten Frucht. So wie eine geschickt konstruierte Maschine in einer Stunde die Arbeit von Hunderten von Arbeitern tun kann, so vereint hier eine einzige Belehrung alle anderen in sich; es fehlt nicht eine Belehrung, wie tiefgründig sie auch sein mag. Guru-Yoga ist die Hauptmethode für Fortschritt in unserer Praxis und zum Vertreiben von Hindernissen. Es ist "Das Eine, das alles verwirklicht".

Technisch gesehen, gehört Guru-Yoga zum Ngöndro, den sogenannten "Vorbereitenden Übungen". Tatsächlich jedoch ist es das Herz der Hauptpraxis. In all den verschiedenen buddhistischen Schulen, ob Nyingma, Sakya, Kagyü oder Gelug, gibt es nicht einen Weg, der nicht Guru-Yoga als wichtigste Grundlage hätte.

In der Sakya-Tradition gibt es die bekannten Lamdre-Lehren, die gleichzeitige Praxis von "Weg und Frucht". Hier beginnt man mit der Praxis des "Tiefgründigen Pfades des Guru-Yoga". In dieser Belehrung bekommt man den Segen, die Einweihung, von Körper, Rede und Geist des Lama und meditiert dann auf ihn.

Die Kagyü-Linie ist bekannt als Erbe der Praxis glühender Hingabe. Dharma ohne Hingabe zu praktizieren, ist wie jemand ohne Kopf zu sein. Wieviel wir auch die verschiedenen Zweige des Weges praktizieren: ohne Hingabe, ohne respektvolle Verehrung des Lehrers, die uns ermöglicht, ihn als wahren Buddha zu sehen, haben wir keine Chance, daß Erfahrungen und Erkenntnisse in uns entstehen.

Der große Kadampa-Lehrer Gyalse Ngulchu Thogme hatte keine andere Hauptpraxis, als seinen Lehrer Atisha als den wahren Buddha zu sehen und ihm sein ganzes Leben lang mit Körper, Rede und Geist zu dienen. In der berühmtesten Belehrung der Kadampa-Linie, dem "Sieben-Punkte-Geistestraining", ist Guru-Yoga die erste Praxis. Dies gilt auch in all den verschiedenen Kama-und Terma-Linien der Nyingma-Tradition. Es gibt dort keinen Pfad, keine Praxis, die sich nicht im Bereich des Guru-Yoga entfaltet.

Anders als die Praktiken der Entstehungs- und Vollendungsphase, kann Guru-Yoga jederzeit praktiziert werden. Wenn wir zum Beispiel Kyerim und Dzogrim praktizieren, so gibt es hinsichtlich der Haltung von Körper, Rede und Geist viele wichtige Dinge zu beachten. Für ein Kyerim-Retreat müssen wir unsere Praxis in vier Sitzungen zu bestimmten Tageszeiten aufteilen und wir müssen einen Altar mit den äußeren Opferungen wie Wasser, Blumen, Räucherstäbchen und so weiter, und den inneren Opferungen wie Torma, Rakta und Amrita arrangieren. Guru-Yoga jedoch kann jederzeit und unter allen Umständen praktiziert werden und bringt dieselben Verwirklichungen wie Kyerim, die Entstehungsphase.

In Dzogrim, der Vollendungsphase, den Praktiken wie Tummo und körperlichen Übungen wie "Große Vase" und Halten des Atem, gibt es gewisse Risiken durch Hindernisse und Fehler. Insbesondere besteht das Risiko, daß der "Herz-Wind" sich verstärkt und dies zu Störungen im Geist führt. In der Praxis des Guru-Yoga gibt es solche Gefahren nicht und die verschiedenen Energiewinde treten natürlicherweise in den Zentralkanal ein. So wie das Essen von Nahrung sofort den Hunger vertreibt, erzeugt die Guru-Yoga-Praxis in uns die Verwirklichung der uns innewohnenden Weisheit.

Jetsün Milarepa sagte: "Hoffe nicht auf sofortige Verwirklichung, sondern praktiziere dein Leben lang." Wenn wir mit totaler Bestimmtheit denken: "Ich werde praktizieren bis mein Körper zum Friedhof getragen wird." werden alle Erfahrungen und Erkenntnisse auf dem Weg natürlicherweise entstehen. Wenn wir jedoch nur kurz und ungeduldig praktizieren, werden diese Erfahrungen nicht erscheinen. Es wird gesagt: "Der Dharma gehört niemanden, außer denen, die ihn mit Ausdauer üben." Wenn man den bestimmten Wunsch hat, Dharma zu praktizieren, so ist der Dharma da: Bereit dazu, praktiziert zu werden.

Mit freundlicher Genehmigung von Shambhala Publications
Übersetzung aus dem Englischen von D. Göbel