Aus: Buddhismus Heute Nr. 11, ( 1993)

Vajra-Lieder

Von Paul Waibl

In den letzten Ausgaben von Kagyü Life haben wir Vajra-Gesänge von verschiedenen Karmapas veröffentlicht. Um ein besseres Verständnis dieser Vajra-Lieder zu bekommen, ist es sinnvoll, auch etwas über die Hintergründe dieser Lieder zu erfahren. Dazu hier eine kurze Zusammenfassung einer Belehrung des achten Karmapa Mikyö Dorje, die der Sammlung "Vajra-Lieder der Kagyü-Gurus" vorangestellt ist.
Karmapa erklärt darin, daß Buddha selbst den Dharma durch einen Ozean von Liedern mitgeteilt hat, und daß von den zwölf Arten der ausgezeichneten Rede, das Mitteilen in Form von Gesängen die beste ist. Sowohl in den Sutras aller Fahrzeuge als auch in den Tantras finden sich unzählige Gesänge. Auch die großen Meister und Mahasiddhas Indiens hinterließen eine Vielzahl von Vajra-Gesängen, die - soweit sie bekannt waren - ins Tibetische übersetzt wurden.

Vor allem die Vajra-Gesänge der Kagyüs, sagt Mikyö Dorje, haben die Fähigkeit, in uns tiefes Vertrauen und Verwirklichung entstehen zu lassen. "...Sie sind die Essenz des Ozeans aller Tantraklassen, das letztendliche Wissen der 10 Millionen Gelehrten und Verwirklichten, das Herzblut aller Dakinis... Vom Glück begünstigte Schüler werden im selben Augenblick wie sie sie hören, von allen Fesseln vollständig befreit und erlangen dadurch Erleuchtung."

Damit wird deutlich, warum man diese Lieder singt. Letztendlich können sie in uns ein Verständnis von Mahamudra erwecken. Aber auch auf relativer Ebene können sie alle möglichen Hindernisse in der Meditation und äußere Schwierigkeiten entfernen. Auf der anderen Seite helfen sie uns, alles Positive zu vermehren und Fähigkeiten & Qualitäten auf dem Weg zu entwickeln. Am besten sollten die Lieder an den besonders heiligen Tagen gesungen werden. Auch bei Einweihungen, Tsok-Pujas und in den Pausen zwischen der Praxis.

Dabei ist es wichtig, die richtige Körperhaltung, das heißt die "Sieben-Punkte-Haltung von Vairocana" einzunehmen und in Übereinstimmung mit der überlieferten Tradition der Segenslinie zu lernen wie man richtig singt.

Beim Singen selbst soll man voller Vertrauen zu den Kagyüs und voller Mitgefühl für alle Wesen, gleichzeitig nicht getrennt von den drei Mandalas: dem Körper des Buddha, dem Mantra der Rede und dem Samadhi von Mahamudra.

Zum Schluß geht Karmapa Mikyö Dorje noch auf die Einteilung der Gesänge und ihren Inhalt ein. Es gibt Gesänge über die Einheit von Leerheit und Mitgefühl, über Entsagung, über die Untrennbarkeit von Guru und eigenem Geist, den einen Geschmack von Hingabe und Verwirklichung, das Entfernen von Hindernissen, das Verbessern von Meditation und mehr. Es gibt einen riesigen Schatz von Gesängen in der Tradition der Dhagpo Kagyüs. Allein Milarepa sang 16.000 Lieder. Davon haben die Dakinis 10.000 in das Reine Land Akanista mitgenommen. 6.000 blieben in der Menschenwelt, wer aber kann die ganze Bedeutung ihrer Worte ermessen?

Auch wenn wir nur oberflächlich mit diesen Vajra-Gesängen in Verbindung kommen, werden wir großen Nutzen davon haben. Trungpa Rinpoche schreibt in seinem Vorwort zur englischen Übersetzung: "...Jeder der auch nur den geringsten Kontakt mit unserem Kagyü-Dharma hat, sei es mit positiver oder negativer Reaktion, kann nicht anders als Befreiung erlangen."

Dieser Vajra-Gesang stammt vom sechsten Shamarpa Chökyi Wangchuk. Er war der Hauptschüler des neunten Karmapa, und es heißt, daß er bereits mit zwölf Jahren ein Experte in Meditation war. Mit sechzehn Jahren, ungefähr zu der Zeit als er diesen Gesang verfaßt hatte, war er bereits ein großer Gelehrter. Er kannte zehn Bücher über Prajna-Paramita, sechzehn über Vinaya, fünf über Abidharma, fünf über Tsenma (gültige Erkenntnis) und sieben Abhandlungen über Medizin auswendig, ebenso den "Sabmo Nangdön" und dessen Kommentare, sowie das ganze Kalachakratantra. Auch beherrschte er Sanskrit und verschiedene Künste.

Shamarpa besuchte die wichtigsten Institute für höhere buddhistische Studien und nahm an zahlreichen Prüfungen und Debatten teil. Bald schon wurde er als einer der größten Gelehrten seiner Zeit angesehen, so daß er später sogar von den 25 berühmtesten indischen Panditas eingeladen wurde, in Bodhgaya Belehrungen zu geben. Da er der Einladung nicht nachkommen konnte, beantwortete er ihre Fragen schriftlich in Sanskrit.

Chökyi Wangchuk erkannte und inthronisierte den zehnten Karmapa Chöying Dorje und gab ihm alle Belehrungen der Kagyü-Linie. Später machte Shamarpa eine Pilgerreise nach Nepal, wo er alle heiligen Stellen besuchte und Belehrungen gab. In Swayambhu baute er um die berühmte Stupa vier goldene Altäre in den vier Himmelsrichtungen. Er traf alle berühmten buddhistischen Meister Nepals und sie wurden seine Schüler. Zurück in Tibet traf er den zehnten Karmapa, gab ihm die restlichen Belehrungen und teilte ihm Einzelheiten über seine nächste Inkarnation mit. Als Shamarpa krank wurde, baten ihn seine Schüler, noch nicht zu sterben, damit Karma Chagme Rinpoche noch wichtige Belehrungen von ihm bekommen könne. Shamarpa machte deshalb eine kleine Tonstatue von sich selbst, bemalte und segnete sie. (Sie wird in Rumtek aufbewahrt.) So verlängerte er sein Leben und Karma Chagme konnte noch die gewünschten Belehrungen empfangen. Zu seinen Schülern zählten außerdem der fünfte Situ Rinpoche und der fünfte Gyaltsab Rinpoche.


Shamarpa Chökyi Wangchuk

Namo Gurave
Als ich sechzehn Jahre alt war, blickte ich in der
18. Nacht des zweiten neunten Monats, als sich die
Stern versammelten, von Osten nach Osten und
erlebte die Welt als Reines Land. Ich sah Jetsün
Mikyö Dorje, dessen strahlender Körper den östli-
chen Himmel zu füllen schien. Seine rechte Hand
hielt er in einer tanzenden Geste, die OM und
HUNG verband. Von der Vase der Unsterblichkeit
floß ein Strom von Nektar auf mich und füllte
meinen Körper auf. Dann löste sich nach einiger
Zeit diese Vision wieder auf, und in diesem Augen-
blick sprach ich dieses Bittgebet:

Ich verbeuge mich zu Füßen des Meisters Mikyö.
Es gibt keine Gewißheit was Phänomene betrifft,
Dennoch erscheint der Vater-Guru; wie wunderbar!
Deshalb ist diese meine Bitte voll mächtigen Sehnens.

Im Raum des Dharmadhatu meines Geistes
Erscheinen Myriaden von Sternen von verschiedenen Erlebnissen.
Der Meister Guru wohnt in der Essenz meines Geistes
Als die Essenz des Buddha.
Wenn Du Glauben entwickelst, entwickle Glauben Ihm gegenüber.
Wenn Du betest, bete zu Ihm.

Im Bereich der unbelebten Welt
Erscheinen die Sterne der belebten Wesen.
Obwohl viele Erlebnisse in meinem Geist auftauchen,
Erscheinen sie als das Spiel der Weisheit des Gurus.
Wenn Du Vertrauen entwickelst, entwickle es in Ihn.
Wenn Du betest, bete zu Ihm.

Oh liebevoller Lama Karmapa,
Laß die Kraft Deines Mitgefühls
Für einen, der in den Abgrund der Arroganz gefallen ist,
Eine widerspenstige Person wie mich, ohne Beschützer,
Nicht gering sein.
Bitte gewähre mir die Erfahrung Deines Segens.

Was mein Studium der Sutras und Tantras betrifft,
Nimm mich in Deiner Güte an, so daß es bald vollendet ist.
Die Ankunft des Guru ist ein Zeichen,
daß mein Wunsch zweifellos in Erfüllung geht.
Bitte gewähre mir den Segen der Siddhis.
Ich schrieb dies als Bitte in Panam. Sarva Mangalam.


Anmerkungen zum vorangegangenen Vajra-Lied

"zweiter neunter Monat":
Hängt zusammen mit der tibetischen Astrologie: Alle drei Jahre wird ein zweiter neunter Monat eingefügt, ähnlich unserem Schalt-Tag.

"von Osten nach Osten":
bezieht sich auf die unterschiedlichen Punkte, an denen die Sonne im Laufe des Jahres aufgeht.