Aus: Buddhismus Heute Nr. 11, ( 1993)

Die buddhistische Sicht zu: Männlich - Weiblich

Von Khandro Rinpoche

KHANDRO RINPOCHE gilt als Ausstrahlung von Yeshe Tsogyal, der Hauptgefährtin von Guru Rinpoche. In ihrem letzten Leben in Tibet war sie als"Die große Dakini von Tsurphu" bekannt. Sie war die Frau des 15. Karmapa Khakhyab Dorje, der in einem prophetischen Traum den Ratschlag erhielt, sie zu heiraten, um sich selbst von einer Krankheit zu heilen. Karmapa folgte der Prophezeiung, wurde wieder gesund und verlängerte so sein Leben. Die Dakini war meistens im Retreat; wegen der chinesischen Invasion mußte sie Tibet jedoch verlassen. Sie floh nach Bhutan, wo sie ihren Körper verließ.

In ihrem jetzigen Leben nahm sie als Tochter des großen Lama der Nyingma-Linie Minling Tinchen Rinpoche Geburt an, und führt den Namen Khandro Tsering Paldrön Rinpoche. Sie wurde vom 16. Karmapa und von Dilgo Khyentse Rinpoche als Wiedergeburt der"Großen Dakini von Tsurphu" anerkannt. Zuerst wurde sie im Kloster ihres Vaters inthronisiert, dann in Rumtek. Zur Zeit steht sie im Alter von 25 Jahren der Nonnen-Gemeinschaft von Rumtek vor.

Was habt Ihr beim Visualisieren von Buddha-Aspekten herausgefunden? Ist Tara zum Beispiel eine männliche oder eine weibliche Erscheinung? Und Ihr, die Ihr auf die Natur des Geistes meditiert: Habt Ihr gesehen, ob der Geist eine männliche oder weibliche Natur hat? Wenn Ihr darüber nachdenkt, wenn Ihr die Essenz des Geistes oder die Essenz der Yidams gesucht habt, ist anzunehmen, daß Ihr zu dem Schluß gekommen seid, daß es keinen großen Unterschied gibt.

Wir machen keinen Unterschied zwischen dem, was ein Mann tun kann und dem, was eine Frau tun kann. Wichtiger ist, was wir als Menschen tun können. Der erste Schritt besteht darin, keinen Hochmut zu entwickeln, weil man ein Mann ist, und ebensowenig, weil man eine Frau ist. Die Belehrungen sagen, daß es eine Ursache für Wiedergeburt unter ungünstigen Umständen sein kann, wenn man den Dharma in nicht korrekter Weise praktiziert. Deswegen ist es wichtig, daß man nicht trennt zwischen den männlichen und weiblichen Buddha-Aspekten. Sonst gelangen wir niemals zum letztendlichen Verständnis.

Die Meister der Vergangenheit haben auf einer sehr hohen Ebene gelehrt, daß der männliche Geist sehr direkt ist, wohingegen der weibliche eher mit Weisheit verbunden ist. Wenn wir das genauer betrachten, sehen wir, daß es gut ist, beide Aspekte zu haben: Einerseits Weisheit, andererseits diese direkte Einstellung und beides in Harmonie bzw. paralleler Entwicklung. Um Weisheit zu entwickeln, braucht Ihr diese Haltung der Direktheit. Wenn Ihr aber nur diese direkte Haltung ohne Weisheit habt, nützt sie Euch nicht viel. Wenn wir von einem dieser beiden Aspekte besonders geprägt sind, ist es deshalb wichtig, den anderen Aspekt zu entwickeln und umgekehrt.

Schon wenn wir uns durch die Zuflucht auf den Weg begeben, sollen wir uns der Buddha-Natur in jedem Wesen, ob Mann oder Frau, bewußt sein. Wir können uns fragen, warum es dann aber heutzutage weniger weibliche Praktizierende und Lehrende gibt als männliche? In den westlichen Ländern, so denke ich, sind mehr Frauen auf dem Weg. Zumindest sehe ich mehr Frauen; ich weiß nicht, ob das daran liegt, daß ich da bin... Was jedoch den klösterlichen Aspekt betrifft, so gibt es nur wenige voll ordinierte Nonnen.

Man sagt, daß es vor allem drei Gründe dafür gibt, daß Frauen weniger Praxis-Resultate haben oder sich weniger in höheren spirituellen Praktiken üben: Der erste Grund ist Anhaftung, welche bei Frauen stärker ausgeprägt ist. Der zweite Grund ist Angst; Angst davor, verlassen zu werden, allein zu sein, nicht beachtet zu werden. Der dritte Grund ist Eifersucht. Es ist vielleicht nicht angenehm zu hören, aber das ist die Wahrheit! Was meine persönlichen Erfahrungen mit Mönchen und Nonnen angeht, so fand ich diejenigen mit den Nonnen viel schwieriger, eben wegen genau dieser drei Gründe. Dies soll nicht heißen, daß Männer keine Fehler haben: Aber heute reden wir vor allem von Frauen. Wenn eine Frau sich tiefgründig in der Praxis üben möchte, muß sie diese drei Punkte überwinden.

Beispielsweise starke Anhaftung an Familienmitglieder oder der eigenen Erscheinung - dem Gesicht, der Frisur, der Kleidung - ist ein großes Hindernis. Wenn unser Geist durch starke Anhaftung getrübt ist, wird die Verwirrung immer stärker. Es ist ein Zustand, wo es immer schwieriger, ja sogar unmöglich wird, zu wissen, welche Richtung man einschlagen soll. Die Hälfte der Zeit, die für eine fruchtbare Praxis verwendet werden könnte, verstreicht dann damit, daß man sich fragt, welchen Entschluß man fassen sollte.

Der zweite Aspekt ist die Angst. Es gibt verschiedene Sorten davon: Die Angst, etwas zu verlieren, Angst davor, nicht mehr arbeiten zu können, Angst vor dem alleine Praktizieren, Angst vor allem möglichen. Aber wenn wir den Dharmaweg gehen, ist es gut, alles herzugeben, was man hat. Und so gesehen: Wie kann man da noch Angst vor Verlust haben?

Wenn wir überzeugende Ergebnisse in unserer Praxis erzielen wollen, sollten wir gute Beziehungen pflegen, ein weites Verständnis der Belehrungen entwickeln, unsere Gelübde halten, und alles vermeiden, was Ursache für Disharmonie zwischen Mitgliedern des Sangha sein könnte. Was dies alles bricht, ist die Eifersucht. Wir treffen sie sowohl auf einer niedrigen als auch auf einer sehr hohen Ebene. Wer mag zum Beispiel niedrig sitzen, wenn jeder auf einem Thron sitzt?

Als ernsthaft praktizierende Buddhisten haben wir gelesen oder die Belehrung gehört, daß man mit Bescheidenheit praktizieren sollte. Es ist wichtig zu erkennen, ob wir dies verstanden haben, und ob wir danach leben; ganz besonders als Frau. Viele Frauen fragen mich, warum sie nicht dies oder jenes dürfen, warum sie nicht das Recht haben, auf demselben Platz zu sitzen wie die Männer. (Anm. d. Übersetzers: Bezieht sich auf Nonnen und Mönche im Kloster) Aber, auch wenn Ihr das dürftet, würde es etwas an Eurer Praxis ändern?

Viele Frauen stellen mir auch eine ganz spezielle Frage: Warum können Frauen, die praktiziert haben, vor allem, wenn sie Retreats gemacht haben, nicht Zuflucht geben? (Anm. d. Übersetzers: Das ist die alte tibetische Tradition und wurde von Shamar Rinpoche für den Westen geändert) Denkt einmal darüber nach: Werdet Ihr Euch durch das Geben der Zuflucht spirituell entwickeln oder durch Eure Praxis? Ohne Zweifel wird es durch die Praxis geschehen.

Was schwierig zu erlangen ist, hat für einen selbst einen größeren Wert. Zur Zeit Buddhas waren die Gelübde der voll ordinierten Nonnen nur schwer zu bekommen und manche Leute denken, daß dies nicht gut war. Aber ich persönlich finde es hervorragend, weil es den Frauen, die die Gelübde hatten, ermöglichte, sich dessen mehr bewußt zu sein: Die Schwierigkeit, diese Gelübde zu bekommen, steigerte ihren Wert.

Die Tradition der Gelübde der voll ordinierten Nonnen ist aus der tibetischen Tradition verschwunden, und ob man Zuflucht geben darf oder nicht, hängt davon ab, wieweit man sich durch seine eigene Praxis entwickelt hat. Das schwierigste Hindernis, das es im Leben eines Praktizierenden zu überwinden gibt, ist der Stolz. Wer praktiziert, weiß das.

Es ist nicht leicht, eine Frau zu sein, und es ist noch schwieriger, eine Frau zu sein, die Buddhismus praktiziert. Das ist mir klar geworden. Die Lebensgeschichten der Frauen, die dem spirituellen Weg gefolgt sind, geben uns die Möglichkeit, uns bewußter zu werden, was in uns große Kraft und großen Mut entwickelt. Es hilft uns zu verstehen, daß die Prüfungen, denen wir gegenüberstehen, weit geringer sind als die Prüfungen, denen die praktizierenden Frauen in der Vergangenheit gegenüberstanden. Bei diesen Biographien handelt es sich nicht um Geschichten, die man sich zum Schlafengehen erzählt, sondern um etwas viel Tiefgründigeres, etwas, das unsere Existenz prägt. Ihr kennt wahrscheinlich mehr solcher Geschichten als ich.

Aber die Frage, die sich den meisten Frauen stellt, ist: Kann eine Frau überhaupt volle Erleuchtung erlangen? Selbstverständlich ist dies möglich! Eine Frau, die sehr gut praktiziert, hat die Möglichkeit, volle Erleuchtung zu erlangen. Wenn wir diese Frage bei den verschiedenen Schulen untersuchen, dem Kleinen Fahrzeug oder der Vajrayana-Tradition, so gibt es hierzu seit Jahrhunderten verschiedene Meinungen. Aber auf absoluter Ebene ist es für eine Frau möglich, volle Erleuchtung zu erreichen. Dennoch gibt es viele Schwierigkeiten. Wenn eine Frau die letztendliche Wahrheit erkennen will, ist es zuerst wichtig, daß sie hinsichtlich der Visualisation der Yidams, des Empfangens von Belehrungen oder des Praktizierens selbst, den Unterschied zwischen "männlich" und "weiblich" hinter sich läßt. Man kann mit der spirituellen Entwicklung nicht vorankommen, wenn man nicht dieses feste Konzept, sich selbst als männlichen oder weiblichen Aspekt zu sehen, überwindet. ...

Gestern sprachen wir von Anhaftung, Angst und Eifersucht. Manche Leute denken, sie seien von zwei dieser Emotionen stark betroffen und von der dritten Emotion gar nicht. Oder umgekehrt, daß eine Emotion sie besonders betrifft, nicht aber die anderen beiden. Sehr gut ist es, wenn man gar keine davon hat. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auf die noch unerforschten Bereiche unserer Situation richten und auf die Emotionen, die uns am stärksten trüben. Wenn Eifersucht in uns sehr stark ist, Anhaftung jedoch weniger stark, dann ist es wichtig, mit der Eifersucht zu arbeiten. Falls wir weder von der einen noch der anderen Emotion betroffen sind, dafür aber sehr von Anhaftung, dann ist es wichtig, mit dieser Emotion zu arbeiten. In jedem Fall wäre es ehrlich, einzugestehen, daß man immer von der einen oder anderen Emotion gefangen ist. Es ist leicht zu denken, man sei eine Person mit viel Mitgefühl, aber es ist wichtig zu sehen, daß das tatsächlich nicht ganz stimmt.

Wir befinden uns heute in einer Epoche, wo eine gewisse Entwicklung viel selbstverständlicher und schneller ist als in der Vergangenheit, insbesondere in den westlichen Ländern, wo Technik und Wissenschaft Fortschritte gemacht haben, die große materielle Erleichterungen mit sich bringen. Aber diese äußere Entwicklung kann nicht zu einem Zustand von wirklichem Glück und Stabilität führen, solange unser Schwerpunkt nicht auf dem inneren Aspekt liegt, nämlich uns selbst zu kennen. Wenn ein Individuum nur außen sucht, wird diese Suche nie ein Ende haben. Deswegen ist es immer vorzuziehen, auf die Ursache zurückzukehren, eben sich selbst kennen zu lernen. Erst von da aus ist es möglich, zu einer vollen Entwicklung zu kommen.

Die materialistische Suche hat nie ein Ende. Je mehr man sich ihr widmet, desto mehr verlangt sie. Wegen Schleiern und Verdunkelungen aus früheren Leben, und wegen weltlicher Ablenkungen, die uns immer wieder einfangen, haften wir immer mehr an äußeren Phänomenen, bis wir schließlich denken, daß wir nicht in der Lage sind, uns wirklich einer Meditationspraxis zu widmen. Wir denken, daß wir uns nicht präzise und vollständig konzentrieren können. Betrachten wir jedoch einmal unsere täglichen Aktivitäten, so stellen wir fest, daß wir bestimmten Beschäftigungen viel Zeit widmen. Zum Beispiel verbringen wir im Durchschnitt 45 Minuten damit, uns zu schminken und sind dabei voll konzentriert: Hier nicht einen Strich zu lang machen, dort nicht eine Farbe zu stark auftragen, hier Rot, dort Blau, Gelb und schließlich Grün. Wenn wir nur die Hälfte dieser Anstrengung in die Visualisation investieren würden, wäre diese ausgezeichnet!

Ich denke, daß es im Leben einer Frau das Wichtigste zu sein scheint, was andere an ihr wahrnehmen. Ob man in die Stadt geht oder ins Zentrum zum Meditieren, was auch immer: Die Hauptsorge der Frauen ist: "Wie sehe ich aus? Was nehmen die anderen an mir wahr?" Der nächste Gedanke ist dann: "Wo ist der Unterschied zwischen meiner Nachbarin und mir? Welche ist die Beste, die Schönste?" Diese Gedanken sind ein Zeichen für Anhaftung. Es gibt mehrere Sorten davon und diese Form, die mit materiellen Reizen zu tun hat, ist am leichtesten zu überwinden.

Das Folgende betrifft Leute, die bereits praktizieren und viel Erfahrung haben und ganz besonders die Nonnen. Der erste Gedanke einer Nonne ist: Ich gehöre zu dieser besonders seltenen Gruppe von Leuten, die das Glück haben, fähig zu sein, auf viele Dinge zu verzichten. Es entsteht im Geist eine gewisse Strenge, ein gewisser Stolz; wir wenden uns von allem Äußeren ab, und in unserer Entwicklung gibt es keine Offenheit und auch kein Mitgefühl mehr gegenüber dem Äußeren. Als Nonne ernsthaft zu praktizieren, ist vielleicht eine gute Sache, wenn die innere Entwicklung und die Praxis sich in guter Weise ergänzen; anderenfalls findet man sich in einer Situation, wo man weder in der einen noch in der anderen Welt ist: weder wirklich abgewendet von Äußerem, noch wirklich in innerer Entwicklung begriffen. Hinsichtlich der störenden Gefühle sind natürlich alle weltlichen Aktivitäten negativ; es gibt durchaus etwas, worauf man verzichten muß. Aber die äußere Welt mit Kritik zu betrachten ist verfehlt, solange man nicht wirklich versteht, was dieses Äußere eigentlich ist.

Wenn Du ein ernsthafter Praktizierender bist, dann sei Du selbst, und öffne Deinen Geist für ein weites, großes Leben, in der Weise, daß Du beobachtest, was gut und was schlecht ist, und entscheidest, was sowohl für Dich als auch für andere von Nutzen ist.

Es kann sich andererseits auch eine übertriebene Anhaftung an den geistigen Lehrer, den Belehrungen, der Praxis und sogar der Erleuchtung selbst entwickeln. Dies ist eine Ursache für weitere Schwierigkeiten. Es ist in unserer Situation wichtig, unseren Intellekt, unser Gehirn und unseren Geist als Menschen gut zu nützen, weil das unsere Besonderheit ist, verglichen mit den anderen Daseinsformen. Wir haben das Denkvermögen, das uns zu unterscheiden ermöglicht, was positiv und was negativ ist. Es ist wichtig, davon Gebrauch zu machen, um schließlich durch Unterscheidung in die richtige Mitte zu kommen, wo man nicht mehr in "Alles ist gut" oder "Alles ist schlecht" fällt. Die Laien-Praktizierenden sollten imstande sein, die feine Trennlinie zwischen Verantwortung und Anhaftung zu sehen. Wer die Roben trägt, sollte auch die Grenze zwischen Hingabe und Anhaftung sehen.

Wir alle sollten im Hinblick auf diese Prinzipien praktizieren. Es ist auch wichtig, daß man nicht egozentrisch praktiziert, sondern den Geist in einem weiten, offenen Zustand verweilen läßt. In dieser Hinsicht haben Frauen eine große Kapazität.

Ich habe angenommen, daß Euch die Lebensgeschichten der großen Heiligen bekannt sind. Viele dieser Biographien wurden gleichermaßen gut ins Englische wie ins Französische übersetzt, und während der zwei bis drei Wochen, die ich hier war, hatte ich Gelegenheit, diese Werke in die Hand zu bekommen. Aber mehrere Leute sagten mir, daß sie diese Geschichten nicht kennen.

Es scheint, daß wir uns in einer merkwürdigen Zeit befinden: Man hat den Eindruck, daß viele Leute darauf warten, daß jemand kommt und ihnen Belehrungen gibt. Wenn wir die Geschichten der weisen Frauen der Vergangenheit und auch die Geschichten der großen Weisen wie Naropa und Milarepa betrachten, stellen wir fest, daß sie nicht darauf gewartet haben, daß jemand kam, um ihnen die Belehrungen zu geben. Sie haben sich auf die Suche nach Lehrern gemacht und haben oft nur extrem kurze Belehrungen bekommen. Dafür mußten sie sich großen Schwierigkeiten aussetzen und große Schmerzen ertragen. Wir haben wirklich großes Glück, daß wir nicht so vorgehen müssen, sondern einfach darauf warten können, daß die Belehrungen zu uns kommen.

Früher bedeutete Hindernisse überwinden, jeden Gedanken an eigenes Glück hinter sich zu lassen. Es bedeutete, Körper, Rede und Geist völlig aufzugeben, ohne einen einzigen Gedanken an sich selbst - und dies während des ganzen Lebens. Heutzutage bedeutet Hindernisse überwinden, auf Urlaub oder am Sonntag auf ein Konzert zu verzichten, um ins Zentrum zu gehen. Die alten Biographien können durch den Vergleich unserer Situation mit dem Leben der früheren Meister eine große Hilfe sein.

Wenn wir versuchen, die großen Meister physisch zu imitieren und vorgeben, so wie sie zu sein, sind unsere Gedanken doch ganz anders. Tief in uns streben wir immer nach unserem eigenen Glück, unserer eigenen spirituellen Entwicklung, wohingegen keiner der großen Meister so dachte. Nach dem Drei-Jahres-Retreat kommen manche Leute auf die Idee, sich mit diesen Meistern zu vergleichen; die Männer vergleichen sich mit Milarepa und die Frauen sich mit Machig Lapdrön. Das erfüllt zuerst den Geist mit Freude und bewirkt dann einen gewissen Stolz. Aber die Zeit vergeht und nach zehn oder 15 Jahren findet man sich in einer Situation, wo man feststellt, daß irgendetwas fehlt, und man fragt sich warum. Man hat dann die Tendenz, nach außen zu schauen. Natürlich, und das ist gut so, gibt es auch Leute, die sich auf dem richtigen Weg befinden, ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst richten und merken, daß es einen Fehler in ihrer Denkweise gab. Aber meistens denken die Leute, die an diesen Punkt kommen, daß die Belehrungen, die sie erhielten, nicht die Höchsten waren, oder daß etwas mit dem geistigen Lehrer nicht in Ordnung war.

Zu Anfang kommt natürlich die Übertragung des Segens der Belehrungen vom Lehrer. Aber die anschließende persönliche Entwicklung hin zur Erleuchtung hängt von einem selbst ab, vom eigenen Verhalten, der eigenen Praxis und der Weise, in der unser Geist die Tiefgründigkeit der Belehrungen erfaßt. Habt Ihr jemals gehört, daß jemand ohne besondere Anstrengungen, ohne sich ernsthaft auf dem Weg zu bemühen, Erleuchtung erreichte? Ich habe nie so etwas gehört. Niemand wird von außen kommen und uns die Erleuchtung bringen. Die geistige Entwicklung hängt von nichts als Euch selbst ab. Und um es zu verwirklichen, gibt es den Weg, den Dharma. Es liegt an Euch, den Weg zu wählen, der Euch am besten entspricht.

Eine Geschichte einer weisen Frau führt zurück in frühere Zeiten, bevor sich der Buddhismus in Tibet oder anderen Ländern verbreitete. Es gab in Indien eine Prinzessin, die im ganzen Königreich für ihre Schönheit berühmt war. Alle Leute im Lande liebten und respektierten sie. Als sie jedoch etwa 20 Jahre alt war, bekam sie Lepra. Dieselben Leute, die ihr zuvor viel Liebe und Ansehen entgegengebracht hatten, gingen ihr plötzlich aus dem Weg. Es zeigte sich, daß die Leute nicht ihr Inneres geschätzt hatten, sondern nur ihre äußerliche Erscheinung. Deshalb entschloß sie sich, den Palast zu verlassen und alleine zu leben; sie wurde Nonne. Aufgrund des Leidens, das sie erlebt hatte, entsagte sie allen weltlichen Aktivitäten, widmete sich ausschließlich der Meditation und zeigte große Hingabe gegenüber Chenresig. Trotz des ganzen Leides, das ihr widerfahren war, beschwerte sie sich nicht über andere und widmete sich ausschließlich der Reinigung ihres negativen Karmas und ihrer inneren Entwicklung. Eines Tages erschien ihr dann Chenresig in seiner 1000-armigen Form. Sie erhielt alle Anweisungen zur Praxis des Nyung-Ne und übte sich dann fleißig in diesem mit Fasten verbundenen Meditationsritual. Dieses extrem wirksame Ritual, das alle früheren negativen Handlungen auflöst, wurde uns durch diese große Yogini, die voll ordinierte Nonne mit Namen Gelongma Palmo, übertragen.

Eine andere Geschichte handelt zur Zeit von Marpa dem Übersetzer. Dieser wollte seine ganzen Belehrungen seinem Sohn Dharma Dode übertragen. Aber da dieser vorzeitig starb, konnte er ihm nur die Lehre der Bewußtseinsübertragung in einem anderen Körper übertragen, was nur funktioniert, wenn dieser Körper erst vor kurzem gestorben und noch etwas warm ist. Da es einen solchen Körper in seiner Nähe nicht gab, konnte Dharma Dode sein Bewußtsein nur in den Körper einer Taube überführen. Der große Heilige und Yogi Milarepa war dabei anwesend. (Anmerkung des Übersetzers: Der folgende Teil fehlt in der französischen Übersetzung: Die Taube flog nach Indien, wo Dharma Dode sein Bewußtsein in den Körper eines gerade verstorbenen Jungen übertrug, welcher dann Tipupa hieß; "Tipu" heißt Taube. Tipupa wurde Schüler von Naropa und später kam Milarepas Schüler Rechungpa nach Indien, um von Tipupa Belehrungen zu empfangen.) Bei dieser Gelegenheit erhielt Rechungpa die Prophezeiung, daß er in sieben Tagen dem Tod gegenüberstehen würde. Rechungpa war sehr besorgt. Er fragte seinen Lehrer, ob es kein Mittel gäbe, um dieses Hindernis für sein Leben abzuwenden. Tipupa antwortete ihm, daß es nur eine Person, eine Frau, gäbe, die etwas tun könne, damit der Tod nicht innerhalb dieses Zeitraums einträfe.

Rechungpa begab sich zu ihr und fragte sie, ob die Prophezeiung stimme. Sie bejahte dies und gab ihm Unterweisungen zu Amitayus, dem "Buddha des Langen Lebens". Sie gab ihm die entsprechende Einweihung, und diese Praxis wird noch bis heute geübt, insbesondere in der Kagyü-Linie. Die Praxis des "Buddha des Langen Lebens" kam zu uns durch diese Frau mit dem Namen Machig Drubpä Gyalmo. Aus diesem Grunde wird, wenn man die Einweihung erhält, diese Geschichte erzählt.

In diesen Geschichten der Frauen oder der Meister der Vergangenheit, hat keiner von ihnen je darauf angespielt, Kagyüpa, Nyingmapa, Sakyapa oder Gelugpa zu sein. Deswegen glaube ich, daß es für jeden ernsthaften Dharma-Praktizierenden nötig ist, keine sektiererische Sicht zu haben, und in dieser Hinsicht auch die Tatsache, daß man ein Mann oder eine Frau ist, nicht besonders hervorzuheben. Zur Zeit seid Ihr in einer Situation, wo Ihr Belehrungen aufnehmt und es ist wichtig, so offen wie möglich zu sein, da es an dieser großen Auswahl liegt, daß Ihr das für Euch am besten passende finden könnt.

Eine andere Geschichte berichtet über das Leben einer Frau, die als Prinzessin geboren wurde, dann die Nonnen-Gelübde nahm, sich völlig der Praxis widmete und vollständige Erleuchtung erlangte. Sie erreichte die zehnte Bodhisattvastufe und machte Wünsche, daß sie sich weiterhin zum Besten aller Wesen in einem Frauenkörper manifestieren werde. Es handelte sich um Tara, die auch nie sagte, daß sie sich für die Kagyüs oder für die Nyingmapas manifestiere. Es kamen Leute zu mir und sagten, daß die Weiße Tara eher Nyingma und die Grüne Tara eher Kagyü sei. Ich verstehe nicht, wie sie einen solchen Unterschied machen können. Wer sich im Dharma übt, darf keine solchen sektiererischen Sichtweisen entwickeln. Sie sind die Quelle für größte Hindernisse in der Praxis.

Im Zusammenhang mit Yidams wie Chenresig, Dorje Sempa, Dorje Chang usw müssen wir lernen, ihre Essenz zu erkennen. Man sollte versuchen, zu sehen, ob Mitgefühl, Weisheit, Reinigung, die Einheit von Weisheit und Mitgefühl eher von weiblicher oder von männlicher Natur sind. Dasselbe in Bezug auf positiv und negativ, im Sinne von verdienstvoll und nicht-verdienstvoll. Es gibt keinen Unterschied: es ist ein und dieselbe Sache, ob männlich oder weiblich. Es ist also wichtig, keine fehlerhaften Denkweisen zu entwickeln.

Wenn ein spiritueller Meister Belehrungen gibt, denkt er von sich nicht ständig als Mann oder Frau. Die Leute, die Belehrungen bekommen, müssen auch nicht immer denken: "Ich bin ein Mann" oder "Ich bin eine Frau". Es geht darum, Äußerlichkeiten hinter sich zu lassen, und sich dann der Praxis zu widmen.


Mit Genehmigung von Dhagpo Kagyu Ling.
Übersetzung & Bearbeitung: M. Descamps und D. Göbel.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

- 42 - Frauen