Aus: Buddhismus Heute Nr. 11, ( 1993)

Mit Lama Ole Nydahl in Südamerika

Ein Reisebericht von Margret Lehnert

Das Jahr 1993 begann wunderbar. In der Silvesternacht, die das Hamburger Zentrum organisiert hatte, nahmen rund 400 Freunde gemeinsam bei Ole das Bodhisattva-Gelübde.

Hier begann auch Oles diesjährige Reise rund um die Welt. Seine erste Station war Südamerika: Venezuela, Kolumbien, Peru und Bolivien. Es war Oles vierte Südamerika-Reise. Dieses Mal sollten die Erlebnisse nicht so gefährlich werden, wie während seines letzten Besuchs auf diesem Kontinent, dafür um so erfreulicher. Das Programm war exzellent organisiert und von effektiver Arbeit geprägt. Der Dharma entwickelt sich in Südamerika prächtig.

Pedro, Anne-Marie, Fidi, Gunda und ich landeten am 2. Januar einige Stunden vor Ole in Caracas, Venezuela. Es war eine sehr warme Sommernacht. Gemeinsam mit unseren Freunden aus dem Zentrum - den hübschen Hoogesteyn-Schwestern, Ricardo, Katjusska und anderen - wollten wir Ole empfangen. Die Luft vibrierte vor Freude und Erwartung. Anhand der Gespräche konnten wir deutlich spüren, wie sehr alle hier Ole während seiner langen Abwesenheit vermißt hatten. Das Flugzeug landete kurz vor Mitternacht. Ole wurde von meinem Bruder Tomek und Jeanette aus Villingen begleitet. Daß Hannah Ole auf dieser Reise nicht begleiten konnte, wurde auch später überall sehr bedauert. Nach der herzlichen Begrüßung machten wir uns schnell auf den Weg. Unser Ziel: das landwirtschaftliche Institut der Universität auf den erfreulich frischen Hügeln außerhalb der brodelnden Metropole Caracas. Hier sollte der erste Phowa-Kurs des Jahres 1993 stattfinden.

Noch in der Nacht gab Ole einige Belehrungen. Am nächsten Morgen kamen dann etwa 50 Teilnehmer zusammen. Da sich alle intensiv konzentrierten, konnte Ole alle innerhalb von zwei Tagen in die Praxis des "Bewußten Sterbens" einführen, in Bewußtseinszustände, bei denen man die Furcht vor dem Sterben hinter sich läßt.

Am Nachmittag des dritten Tages brachen wir nach Maracay auf, eine Stadt, die eineinhalb Stunden westlich von Caracas liegt. Hier, in einem Stadtteil mit dem schönen Namen "El Limón", lebt Paula; sie leitet gemeinsam mit ihrem Mann die Meditationsgruppe. Wir erreichten Maracay während der Dämmerung. Oles Belehrungen fanden auf einem Platz im Kolonialstil statt. In dieser warmen Nacht hatten um die 100 interessierte Zuhörer die Gelegenheit, den Dharma unter freiem Himmel zu hören. Dort traf Pedro durch puren Zufall einen alten Freund wieder. Gemeinsam erinnerten sie sich an ihre Zeiten als junge christliche Mönche vor zwanzig Jahren im Kloster El Escorial in der Nähe von Madrid. Nach Oles Belehrungen - es war bereits mitten in der Nacht - kamen noch mehr als die Hälfte der Zuhörer zum Zentrum in "El Limón" mit, wo sie Zuflucht nahmen.

Am nächsten Morgen, während eines köstlichen Frühstücks aus tropischen Früchten, tauchte eine neue Gruppe auf, um ebenfalls Zuflucht zu nehmen. Nach der Zeremonie, "Lungs" (Text-Übertragung) und Segen verabschiedeten wir uns zutiefst gerührt von unseren Freunden aus "El Limón" und fuhren zurück nach Caracas. Iris und andere Freunde hatten dort mittags für Ole im deutschen Humboldt-Institut einen Vortrag organisiert. Das Interesse an den Belehrungen war enorm. Zu dem Vortrag kamen ungefähr 200 Leute, und die Veranstaltung endete erst, als es bereits dunkel war. Dieser Tag war unser letzter in Venezuela - am folgenden Morgen bei Tagesanbruch verabschiedeten uns unsere Freunde im Flughafen.

Nach vier Stunden Flug sahen wir unter uns Bogotá, die Hauptstadt von Kolumbien. Am Flughafen empfingen uns Adriana und Eduardo, zwei Stützen des lokalen Buddhismus. In Bogotá waren wir jedoch nur auf der Durchreise, da unser eigentliches Ziel Medellin war, weltweit bekannt für seine berüchtigten Drogenkartelle. Nahe Medellin fand ein zweiter Phowa-Kurs statt, an dem 120 Leute teilnahmen. Ohne jeden Zweifel gibt es keinen anderen Ort, der mehr Nutzen und Segen aus dieser Praxis ziehen kann als gerade dieser.

Während unserer gesamten Reise konnten wir entweder selbst beobachten oder erfuhren durch Erzählungen, wie schwierig die sozio-ökonomische und politische Situation in Lateinamerika ist. Aber die Kontakte, die Oles und unser aller Mitgefühl am tiefsten weckten, waren die mit unseren Freunden in Medellin: Viele von ihnen waren persönliche Opfer der Gewalt und des kompromißlosen Kampfes um Macht und Geld.

Jorge Benitez hatte den Kurs organisiert. Der Platz - die "Finca" des Instituto de Integración Cultural - war ideal. Er lag nicht weit von Medellin, zwischen sanften grünen Bergketten. Auf einer Wiese, umgeben von Hügeln, befanden sich unsere Unterkünfte, Häuser in kolonialem Stil. Die weißen, flachen Gebäude, deren Wände mit Blumen übersät waren, versteckten in ihrem Inneren verschiedene Korridore und "Patios" mit Springbrunnen. Aber vor allem gaben sie eine hervorragende Atmosphäre für eine intensive Arbeit ab. Die Schönheit und die Ruhe dieses Ortes ließ uns nicht daran denken, daß wir uns im Zentrum der Gewalt befanden. Uns kamen Gerüchte zu Ohren, daß sich nur wenige Kilometer entfernt der Kopf der kolumbianischen Drogen-Mafia, Pablo Escobar, versteckt hielt. Während der folgenden drei Tage voll intensiver Praxis verstanden wir immer mehr von der traurigen Realität dieses wunderbaren Landstriches. In der Gruppe der Praktizierenden gab es zu viele, in deren Körpern noch Bleikugeln steckten und zu viele junge Witwen. Die Gespräche mit diesen Menschen berührten Ole zutiefst.

Am dritten Tag, als alle die äußeren Zeichen der Praxis bereits hatten, war die Freude und Dankbarkeit Ole gegenüber unbeschreiblich. Nach dem Abendessen, begleitet von Kerzen und "Mariachis", sang die gesamte Gruppe von über 100 Leuten, ihm zu Ehren spontan südamerikanische Liebeslieder.

Am nächsten Morgen, nach den letzten Belehrungen, "Lungs" und Segnungen, verteilte Ole an die Teilnehmer am Phowa alle mitgebrachten Schutzschnüre - sie brauchten sie so sehr für sich selbst, für ihre Familien und ihnen Nahestehende. Am selben Tag waren wir mit 50 Leuten im Haus von Maria Elenas Schwager eingeladen - ein Ex-Weltmeister im Wasserskifahren. Nach einer Auto-Fahrt von eineinhalb Stunden kamen wir an den Ufern eines der größten Stauseen Kolumbiens an - "El Peñol". Dort erwarteten uns alte Motorboote, die uns zur Steilküste einer bergigen, vollständig von Pflanzen überwucherten Insel brachten. Wir mühten uns langsam den steilen Anstieg zum Plateau hinauf, wo sich unsere Unterkunft befand. So wunderbar die Gegend und das Haus waren, so erschütternd waren die Erzählungen von Maria Elena: Ihr Mann war unter bis heute noch ungeklärten Umständen getötet worden, und ihr Schwager, der Besitzer des Hauses, kann darin nicht mehr wohnen, seit vor zwei Jahren versucht wurde, ihn von diesem Ort zu entführen. Seitdem lebt er in ständiger Angst um sein Leben und seine Familie. Maria Elena erzählte uns auch von anderen verlassenen Häusern in der Gegend und über die ebenso traurigen Geschichten deren Bewohner.

Während der beiden Tage inspirierte Ole uns alle durch seinen klaren Geist, schrieb Briefe und gab abends am Kamin Belehrungen, die jeweils mit einem Geschenk in Form einer wunderbaren Meditation endete. In der letzten Nacht drückte Ole seinen tiefen Wunsch aus, daß die Menschen dieses Landes seine Schönheit vollständig genießen können.

Dank der alten Boote fanden wir uns am nächsten Morgen auf dem Festland wieder. Dort erhielten wir die Nachricht, daß der Bruder von Adriana, ein guter Bekannter von Ole, zum Minister "del Estado del Gobierno" von Kolumbien ernannt wurde. Diese Nachricht hat alle sehr gefreut. Dieser Tag wurde ein reiner Reisetag. Von Medellin flogen wir zurück nach Bogotá, wo wir das Flugzeug nach Lima bestiegen. Wir setzten die Reise fort, bereichert durch den Charme und guten Humor unserer großen Freundin Liliana aus Cali. Lima empfing uns bei sternenklarem Himmel mit einer Gruppe wunderbarer Freunde: Ricardo, Jota, Marie France, Pelusa und andere. Wir richteten uns, wie es Ole seit vier Jahren macht, in Ricardos Haus ein. Am nächsten Tag begann der Mahamudra-Kurs. Da wir einen halben Tag frei hatten, nutzten wir die Gelegenheit, im Pazifischen Ozean zu baden. Während der zwei folgenden Tage gab Ole einer Gruppe von ungefähr 100 Leuten spannende Erklärungen zum Mahamudra-Gebet des Dritten Karmapa. Es besteht kein Zweifel: der Sangha im Land der Inkas wächst und festigt sich durch die große Hilfe von Jota.

Am 18. Januar, nach einem herzlichen Abschied im Flughafen von Lima, starteten wir Richtung La Paz, wo Ole zum ersten Mal Dharma-Belehrungen geben sollte. Obwohl uns die ersten glückverheißenden Anzeichen aus der Hauptstadt Boliviens bereits per Fax in Lima erreichten - ausführliche Artikel über Ole und die Karma Kagyü-Schule in den bedeutendsten Tageszeitungen von La Paz - konnte niemand von uns ahnen, daß es während dieses Besuchs von Ole eine wirkliche Explosion des Dharma geben würde. Nach der Landung wurden wir direkt zu einem Saal im Flughafen geführt, in dem sonst nur die bedeutendsten Staatsgäste empfangen werden. Von diesem Moment an war alles, was in den folgenden beiden Tagen passierte, wie im Traum. Die ersten Dharma-Freunde, die Presse, Radio- und Fernsehstationen, die Häuptlinge der größten Indio-Stämme aus den Anden, Repräsentanten der lokalen Gewerkschaften, alle kamen, um "Seine Heiligkeit Ole Nydahl", wie sie ihn nannten, willkommen zu heißen. Schon bei seiner Ankunft wurde Ole um das erste Interview gebeten, das im Fernsehen bereits in den Abendnachrichten ausgestrahlt wurde.

Vertreter der Indianerstämme Quechua, Guaraníes und Chiquitanos übergaben Ole Geschenke, die einen großen symbolischen Wert für ihre Kultur besitzen. Ein angesehener Priester des Aimara-Stammes zelebrierte zu Ehren Oles eine mystische Zeremonie. Nach all diesen Eindrücken fuhren wir dann in Richtung Hotel, wobei wir uns Anweisungen anhören mußten, uns nicht so zu hetzen, nicht schwer zu tragen und uns überhaupt nicht zu überanstrengen, da wir uns ja auf 3700 Meter Höhe über dem Meeresspiegel befänden und jede Anstrengung schlimme Folgen nach sich ziehen könne. Aber es war so viel los, daß wir diese Ratschläge sehr schnell vergaßen. Im Hotel setzte sich Ole mit den Indio-Häuptlingen zusammen, die ihn um Unterstützung bei der Restauration ihrer ursprünglichen Religionen baten. Wegen der großen Ähnlichkeiten zwischen dem Symbolismus ihrer eigenen Religionen und dem tibetischen Buddhismus hatten sie tiefes Vertrauen zu Ole.

Später fuhren wir zum Haus von Fernando und China Fuenzalida, die uns mit der ersten Gruppe von Freunden erwarteten, die sich für den Dharma interessierten. Dort gab Ole zum ersten Mal in La Paz Zuflucht. Fernando, ein Anthropologe und Intellektueller, ursprünglich aus Peru, hatte Ole vor einem Jahr in Lima kennengelernt. Ihr damaliges Zusammentreffen hatte nur ungefähr 15 Minuten gedauert, aber Oles Segen und Inspiration waren so stark, daß sie es Fernando ermöglicht hatten, das gesamte Programm des Besuchs in so professioneller Weise zu organisieren.

Bereits eine Woche vor Oles Ankunft in Bolivien hatten Presse, Radio und Fernsehen die Ereignisse angekündigt. In allen größeren Tageszeitungen von La Paz waren ausführliche Artikel über Ole erschienen, täglich hatte das Fernsehen kurze Werbe-Spots mit Informationen über die Einzelheiten von Oles Programm in La Paz gesendet. Das Instituto Nacional de Cultura stellte für die Vorträge die Säle des Archäologischen Museums zur Verfügung. Die Belehrungen wurden vom vierten Fernsehprogramm auf­gezeichnet, um sie später in Bolivien, Kolumbien und Ekuador zu senden. Dann lud der sechste Kanal Ole zu einer Talk-Show von eineinhalb Stunden Dauer ein, die live ausgestrahlt wurde und sich durch eine sehr hohe Einschaltquote (drei bis vier Millionen Fernsehzuschauer) auszeichnet. All dies zu organisieren hatte Fernando und China viel Mühe und Energie gekostet.

Von seinem Haus aus fuhren wir mit Taxis (es war gerade ein Streik der Tankstellen im Gange und viele Privatwagen mußten stehenbleiben) zum Archäologischen Museum, wo uns 300 Zuhörer erwarteten und wieder ein großes Fernsehaufgebot, das auf das Podium gerichtet war. Oles Vortrag war hervorragend und Tomeks Übersetzung brillant wie immer, man spürte die Energien im ganzen Raum; wahrscheinlich alle - ohne Ausnahme, auch unsere Indio-Häuplinge in erster Reihe - nahmen Zuflucht. Fröhlich kehrten wir in der Nacht durch die stillen Straßen von La Paz zum Hotel zurück.

Der nächste Morgen begann wieder mit viel Aktivität. Im Hotel wartete schon eine Gruppe Landwirtschafts-Gewerkschaftler, die ihren Wunsch ausdrückten, mit entsprechenden tibetischen Gruppen zusammenzuarbeiten. Mittags beeilten wir uns, zur Anstalt des Sechsten Kanals zu kommen, wo sich Ole vor die Kameras setzte und an seiner Seite Tomek als Übersetzer und Mario Montaño, ein bolivianischer Anthropologe und der Professor der Universität von La Paz, Isaac Wolpin. Das Programm wurde direkt ausgestrahlt. Die Telefone im Studio liefen heiß, Dutzende von Fragen erreichten Ole, und nicht nur die Zuschauer an den Bildschirmen, auch das Studiopersonal hörte jede Minute mit wachsendem Interesse zu. Von den Kulissen aus konnten wir beobachten, wie sich ihre Gesichter erhellten, wie sich alle über den Erfolg des Programms freuten. Am Ende wurde der Vorschlag gemacht, daß Ole am folgenden Tag ein weiteres Mal im Fernsehen auftreten solle. Der Besitzer eines anderen Kanals wollte Ole ebenfalls in sein Programm nehmen, aber leider gab es nicht genügend Zeit dafür. Wieder mußten wir zu Fernandos und Chinas Haus eilen, wo uns bereits einige Freunde erwarteten, die am Vortag Zuflucht genommen hatten und Ole baten, eine Meditation anzuleiten.

Am Nachmittag gab es dann den zweiten Vortrag von Ole im Archäologischen Museum. Auch dieses Mal war der Saal bis auf den letzten Platz besetzt, und auch die Indio-Häuptlinge saßen wieder in der ersten Reihe. Dem Vortrag folgten zahlreiche Fragen. Alle fühlten sich sehr inspiriert durch Oles Belehrungen und seine faszinierende Energie. Seine direkten und kompromißlosen Antworten bezüglich der beiden Tabu-Themen in Lateinamerika, Gott und Sexualität, erzeugte bei den Zuhörern spontane Freude und Applaus. Sie schienen Ole schon seit langem sehnsüchtig erwartet zu haben. Es nahmen etwa 150 Leute Zuflucht.

Damit war das offizielle Programm beendet. Bei Einbruch der Nacht waren wir beim taiwanesischen Generalkonsul in La Paz zum Abendessen eingeladen. Am nächsten Morgen flogen Ole, Tomek, Jeanette und Fidi nach Miami, USA. Wegen der anhaltenden Transportprobleme - es wurde immer noch gestreikt - war die Gruppe beim Abschied auf dem Flughafen ziemlich reduziert; Fernando, China, Liliana, Pedro und ich. Für uns endete hier unsere Reise mit Ole. Die letzten Wochen hatten wir wie eine große Familie miteinander verbracht und alle Schwierigkeiten, Freude und Ereignisse miteinander geteilt. Wir hatten die Gelegenheit gehabt, die unbeschreibliche Wirkung von Ole in unserem Inneren zu spüren und beobachten können, wie sich Dank seiner Arbeit der Dharma in Südamerika entwickelt. Alle waren wir tief berührt und es fiel uns schwer, uns zu trennen. Aber als Oles Silhouette aus unserem Blickfeld verschwand, wußten wir, daß - obwohl uns tausende von Kilometern trennen - unser Geist und unsere Herzen immer zusammen sind. "Always together" - wie schon der 16. Karmapa immer zu Ole zu sagen pflegte.


Margret Lehnert