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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 10, ( 1992)

Eine kurze Geschichte der Karma-Kagyü-Linie Tibets

Von Topga Rinpoche

Die Kagyü Linie, manchmal auch die "mündliche Linie"genannt, begann mit dem großen Yogi Tilopa, der in Nordindien im 10. Jahrhundert nach Christus lebte. Er wird als Gründer der Linie betrachtet und erhielt unter anderem vier besondere Übertragungen (Tib: Kababshi), deren Linienhalter er wurde.

Obwohl es in den historischen Quellen einige Diskrepanzen bezüglich der Identität der Yoga-Meister gibt, die mit diesen vier Übertragungen zu tun haben, ist der allgemeine Konsens, daß ihr Ursprung wie folgt ist: Die erste der vier kam von Acarya Nagarjuna und besteht aus zwei Tantras: das "Guhyasamaya"Tantra und das "Denshi" genannte Tantra. Sie enthält auch die Praktiken "Illusionskörper" und "Überführung" (Tib: Phowa). Die zweite besondere Übertragung kam von Nakpo Chopa und beinhaltet das Tantra namens "Mahamaya" und die "Traumyoga" genannte Praxis. Die dritte besondere Übertragung kam von Lawapa und heißt "Demchok" oder auch "Korlo Dompa" (Skt: Chakrasamvara) mit der Praxis "Klares Licht". Die vierte wurde von Dakini Kalpa Sangmo übertragen und beinhaltet das als Hevajratantra und die Praxis der "Inneren Hitze" (Tib: Tummo).

Diese Lehren wurden dann von Tilopa an den Yogi Naropa weitergegeben und als die "Sechs Yogas Naropas" zu einem System von Meditationen zusammengebracht, die als eine zentrale Lehre der Kagyü-Linie betrachtet werden. Aufgrund verschiedener Text-Bezüge scheint es, daß Naropa im Jahr 956 geboren wurde. Er übertrug sein Wissen an Marpa (geboren im Jahre 1000), den großen Übersetzer, der von Tibet nach Indien reiste, um Belehrungen zu erhalten, später nach Tibet zurückkehrte und die Dharma-Lehren weit verbreitete.

Sein Schüler Jetsun Milarepa, geboren 1033, wurde einer von Tibets großen Yogis. Seine Lebensgeschichte, beginnend mit schwierigen Umständen aufgrund des frühen Todes seines Vaters, seiner Rache an seinem unehrlichen Onkel und Tante, und sein späteres Bereuen, welches zu einem tiefen Bestreben führte, den Dharmaweg zu gehen, ist unter den Tibetern weit bekannt. Durch seine Ausdauer und seine Fähigkeit, alle Umstände, die ihm begegneten, anzunehmen, erreichte er die tiefgründige Realisation der letztendlichen Natur der Wirklichkeit. Seine Lehren sind aufgezeichnet in den 100.000 Gesängen Milarepas, und in anderen Sammlungen.

Milarepas Lehren wurden weitergetragen von Gampopa, geboren 1079, auch als Dhagpo Larje, der Arzt aus Dhagpo, bekannt. Er studierte zuerst in der Kadampa-Tradition, welches ein stufenweiser und systematischer Weg ist, der die Lamrim-Lehren beinhaltet. Später traf er Milarepa und indem er unter ihm praktizierte, erhielt und realisierte er die wahre Bedeutung der vollständigen Lehren. Seit dieser Zeit ist die durch ihn fließende Linie bekannt als die "Dhagpo Kagyü" und beinhaltet viele Unterschulen.

Im 12. Jahrhundert wurde der erste Karmapa, Düsum Khyenpa, Schüler von Dhagpo Larje und erhielt von ihm alle Lehren des Sutra- und des Tantra-Fahrzeuges. Viele Jahre lang studierte, praktizierte und lehrte er an verschiedenen Orten in Tibet. Er war der Gründer der "Karma Kagyü Linie"; "karma" bezieht sich auf Karmapa selbst und "kagyü" ist eine Abwandlung des Ausdrucks "Kababshi", welcher sich auf die vier besonderen Übertragungen bezieht, die Tilopa hielt (und deren Ursprung auf die Worte Buddhas zurückgeht). Karmapa war der erste erkannte wiedergeborene Lama Tibets.

Nach dem Erscheinen des ersten Karmapa in der Welt, entwickelte sich die Linie rasch, verbreitete sich im 12. Jahrhundert schnell und wurde überall in Tibet praktiziert. Es war eine Zeit politischer Unruhe, charakterisiert durch den schnellen Niedergang der Königs-Dynastien, die zuvor regiert hatten. Viele prominente politische Figuren erschienen, die nach Macht wetteiferten, aber kein einzelner Führer war fähig, seine Herrschaft über das ganze Land auszudehnen, weil keiner eine geeinte Anhängerschaft hatte.

Die Karmapas waren nie an den Kämpfen der verschiedenen politischen Gruppen interessiert oder darin verwickelt. Tatsächlich waren sie sogar gezwungen, aktiv einer Verwicklung zu widerstehen, da sie in einer besonders verwundbaren Position waren, insofern daß sie Zielscheibe wurden für Leute mit politischen Ambitionen, denn sie hatten eine große spirituelle Authorität. Auch ermunterten ihre religiösen Anhänger sie, Machtpositionen anzunehmen, da sie fühlten, daß die Karmapas die erforderlichen Qualitäten hatten, um Leute zu führen.

Während dieser turbulenten Zeit, etwa im 13. oder 14. Jahrhundert, begannen die Sakyapas mit Hilfe des Mongolen-Kaisers Kublai Khan, Tibet zu regieren. Danach kam Ganges Khan. Er war der erste politisch-religiöse Führer Tibets und zum ersten Mal seit dem Verschwinden der Könige war Tibet unter der Leitung eines einzelnen Führers vereint. Zu dieser Zeit erkannten mächtige Herrscher in Tibet und der Mongolei, welchen Einfluß hohe Lamas auf die Tibeter hatten und übten sich in der Strategie, Abhängigkeiten zu erzeugen. Sie überschüttetendie Lamas mit Geschenken, sprachen ihnen ausgedehnten Einladungen in ihre Königstümer aus und gaben ihnen lange Titel. Die Motivation hinter diesen Gesten war oft eher politisch als religiös.

Während der Ming-Dynastie des 14. Jahrhunderts wurde der fünfte Karmpa Deshin Shekpa, vom "Yunglo", dem Kaiser der Ming-Dynastie nach China eingeladen. Der Yunglo erhielt viele Belehrungen. Während seines Besuches vollführte der Karmapa viele Wunder. Der Kaiser befahl seinen Künstlern, diese Wunder täglich festzuhalten auf etwa 20 großen Rollbildern. (Einige davon wurden noch bis zur Invasion 1950 im Kloster Tsurphu in Tibet aufbewahrt). Der Yunglo war von diesen Ereignissen so bewegt und entwickelte so tiefes Vertrauen in Karmapa, daß er die Durchsetzung eines Planes vorschlug, der vorsah, alle anderen religiösen Schulen Tibets zu Karma Kagyü zu konvertieren. In Einklang mit seiner Philosophie widersetzte sich Deshin Shekpa diesem Plan und gab stattdessen Belehrungen über die Wichtigkeit, verschiedene Schulen zu respektieren, indem man versteht, daß verschiedenen Traditionen nötig sind, um der großen Bandbreite besonderer Neigungen gerecht zu werden, die man unter den Menschen findet.

Trotz all der Politik dieser Zeiten war die Periode vom 13. bis 17. Jahrhundert eine Zeit allgemein günstiger Umstände für die Karma-Kagyü-Tradition. Während die Lehren sich verbreiteten und die Zahl der Anhänger wuchs, wurden die Führer der Linie immer bekannter, und diese Periode in der Geschichte Tibets könnte in der Tat als "Kagyü-Ära" bezeichnet werden. Zu dieser Zeit trat eine dramatische Wende in den Machtstrukturen des zwischen innerem Streit, Machtkämpfen und äußeren Einflüßen zermalmten Landes ein. Die von Desi Tsangpa, einem mächtigen Unterstützer des Karmapa, geleitete Zentralregierung wurde vom Mongolenherrscher Goshir Khan gestürzt und der fünfte Dalai Lama wurde Herrscher von ganz Tibet.

Der zehnte Karmapa Chöjing Dorje wurde ein Opfer dieser politischen Ereignisse und mußte Tibet in der Mitte des 17. Jahrhunderts Richtung Jang, einer chinesische Provinz, verlassen. Danach nahm die Anhängerschaft der Kagyü-Linie bis zum 18. Jahrhundert ab. Unter dem 13. Karmapa Dudul Dorje führte Situ Chökyi Jungne die Linie zu neuer Blüte. Insbesonders zu dieser Zeit verfassten Lamas der Linie viele wichtige philosophische Texte und Werke über Grammatik, Sanskrit und Astrologie, die Tibets literarischer Tradition und dem tibetischen Volk insgesamt nutzten.

In unserem Jahrhundert wurden während der Lebenszeit Seiner Heiligkeit des 16. Karmapa, der letzten Inkarnation des Karmapa, viele Dharmazentren in der ganzen Welt gegründet, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, die Lehren Buddhas zu studieren und praktizieren, wie zum Beispiel das KIBI. Nach dem Verlassen Tibets im Jahre 1959 konnte er seinen Hauptsitz durch den Bau eines Klosters in Rumtek/Sikkim wieder errichten. Es ist bekannt als "Dharma Chakra Centre" und es gehören eine Kloster-Universität, ein Zurückziehungszentrum und eine Grundschule für Mönche dazu.

Der 16. Karmapa war, wie seine Vorgänger, hauptsächlich eine spirituelle Person und nicht darin verwickelt, die Sache der Freiheit für Tibet zu propagieren. Stattdessen bemühte er sich, die spirituelle Tradition Tibets zu erhalten und half in dieser Weise, die Identität Tibets als eine einzigartige und individuelle Kultur zu bewahren. Zugleich vergaß er nie den sehr fähigen und tiefgründigen geistigen Führer S.H. des Dalai Lama, der auch der Führer der tibetischen Nation ist und alle Fähigkeiten besitzt, die diese Position erfordert, und die Tatsache, daß unter ihm eine große Organisation daran arbeitet, wirklich relevante und bedeutsame politische Schritte zum Nutzen der Tibeter zu unternehmen.

Wie gesagt, alle Einrichtungen, die Seine Heiligkeit Karmpa ins Leben rief, dienen dem Zweck, die Tradition und Kultur zu erhalten und Menschen aller Nationalitäten, die das Gefühl haben, Nutzen aus der Einsicht und der Weisheit Buddhas ziehen zu können, die Lehre Buddhas zu vermitteln.
Die Karma-Kagyü-Linie betont im allgemeinen als Grundlage das Mönchstum und extensive Studien eines großen Themenbereichs ohne Unterschied hinsichtlich der Ebenen ihrer Wichtigkeit. Wenn der spirituelle Lehrer es an einem bestimmten Punkt für passend befindet, werden praktische Belehrungen zu Mahamudra, dem großen Siegel der Leerheit, die letztendliche und innerste Lehre der Linie, empfangen und praktiziert, entsprechend den durch die Tradition vorgeschriebenen Stufen. Wenn die Fähigkeit zu mehr oder weniger Verständnis der ganzen Tiefe der Bedeutungen von Mahamudra entsteht, kann man die Übungen der "Sechs Yogas von Naropa" angehen.

Wenn der Lehrer die Essenz der Mahamudra-Lehren, die durch die Linie übertragen wurden, übermittelt hat, und wenn der Schüler dieselbe tiefgründige Realisation von Mahamudra wie der Lehrer erlangt hat, wird diese Person als ein Linienhalter anerkannt, ungeachtet ihres oder seines Hintergrundes. Ob sie oder er ein anerkannter Lama ist oder eine einfache Person; die Qualifikation, um jemand zu einem Halter der Tradition zu machen, ist das Erkennen der essentiellen Natur der tiefgründigen Bedeutung von Mahamudra.


Entnommen aus der Zeitschrift des Karmapa International Buddhist Institute "Knowledge in Action".
Übersetzt von Detlev Göbel

Topga Rinpoche stammt aus einer früheren Königsfamilie in Tibet und ist - wie auch Shamar Rinpoche - ein Neffe S.H. des 16. Karmapa. Schon als Jugendlicher wurde er von S.H. Karmapa in Tsurphu als "Vajra-Meister" eingesetzt - dieselbe Position, die später Tenga Rinpoche in Rumtek hatte - und später im Exil als Generalsekretär des Klosters Rumtek. Er gilt als sehr gelehrt (Shamar Rinpoche nannte ihn neulich einen "Idealist und Intellektuellen"), wobei insbesondere sein historisches Wissen sehr hervorsticht. Am KIBI in New Delhi unterrichtet Topga Rinpoche "Tibetische Geschichte" und gibt Sprachunterricht für Tibetisch. Sein besonderes Engagement gilt dem Erhalt der Tradition der "Schwarz- und Rot-Hut-Karmapas", die Tradition der Untrennbarkeit der Karmapas und Shamarpas.
Topga Rinpoche ist mit einer bhutanesischen Prinzessin verheiratet und ermöglichte 1987 - zusammen mit Tsechu Rinpoche - zum ersten Mal einer westlichen Pilgergruppe (unter der Leitung von Lama Ole Nydahl) die heiligen Plätze Bhutans zu besuchen.