Aus: Buddhismus Heute Nr. 10, ( 1992)

Wie wirkt Meditation?

Von Künzig Shamar Rinpoche

Meditation ist etwas sehr Interessantes und Gutes. Wenn man ein Gefühl für sie bekommen hat, wird auch starkes Interesse daran entstehen und die Entwicklung einsetzen. Solange man aber noch nicht den eigentlichen Kern der Meditation begriffen hat, bis man also Meditation als solches noch nicht wirklich erfahren hat, wird auch kein echtes Interesse daran aufkommen. Bis man ein gewisses Resultat in der Meditation erreicht hat, ist sie noch nicht so interessant.

Der Grund dafür ist, dass der Geist normalerweise nicht gewohnt ist, ausgeglichen zu sein. Vielmehr ist der uns allen vertraute Zustand der, dass ständig Gedanken aufkommen, und dass unser Geist ständig damit beschäftigt ist, diesen spontan und kontinuierlich entstehenden Gedanken nachzugehen. Wir sind abgelenkt: Gedanken, Verwirrung, Ruhelosigkeit... Das ist der uns vertraute, selbstverständliche Geistes-Zustand. Weil unser Geist so daran gewöhnt ist, immer unruhig und in Bewegung zu sein, ist Meditation erstmal etwas Unnatürliches. Wir sind es nicht gewöhnt und es entspricht nicht unserem normalem Erleben. Aus diesem Grunde ist Meditation für uns etwas, um das wir uns angestrengt bemühen müssen und es fehlt das spontane Interesse daran. Es ist so wie wenn man Schwimmen lernt. Wenn man es einmal gelernt hat, ist es leicht. Aber bis dahin...

Zum lernen braucht man Geduld und Fleiß. Um in der Meditation Resultate zu erzielen, ist primär Fleiß notwendig und vor allem auch das Wissen darüber, wie man meditieren sollte. Der Begriff „Meditation“ ist sehr vage und kann in vielerlei Hinsicht verstanden werden. Mit dem tibetischen Begriff „Gom“ ist es anders, denn er bezieht sich darauf, dass der Geist einsgerichtet ist, dass ein stabiler, klarer, nicht verwirrter oder abgelenkter Geist erlebt wird.

Es geht bei Meditation nicht darum, den Geist in einen Zustand zu versetzen, wo man besondere Dinge erlebt, Visionen hat, Lichter sieht, fantastische Dinge erlebt. Viele Leute haben die Vorstellung, dass man in Meditation besondere Visionen und fantastische Erlebnisse hat. Sie versuchen, eine Vision zu erzeugen, und nehmen vielleicht sogar LSD dafür. Sie versuchen, ein bestimmtes Gefühl im Körper zu erzeugen, lassen Musik laufen, und denken dann, das wäre Meditation. Das sind aber alles nur verschiedene Gefühle die man kreiert und erlebt. Es hat nichts mit Meditation zu tun, denn der Geist ist ja immer noch abgelenkt und mit allen möglichen Dingen beschäftigt.

Die Meditation auf den achten Karmapa wird ja auch manchmal so verwendet, dass Leute sich vorstellen, wie alle möglichen Dakinis durch den Himmel schwirren... Ich hatte Anfang der 70er Jahre einige Freunde, die sich von mir die Meditation auf den achten Karmapa erklären ließen. Sie gingen nach Hause, nahmen LSD, stellten Musik an und machten dann die Meditation. Sie dachten vielleicht, die Dakinis könnten mit Musik besser tanzen. [Rinpoche lacht] Das ist aber nicht das, was ich euch vermitteln möchte.

Worum geht es also tatsächlich bei Meditation? Es geht darum, dass wir fähig werden, den Geist in seinem natürlichen Zustand, den Geist als solchen, seine eigentliche Natur, zu erleben.

Daran hindern uns bis jetzt die unaufhörlich im Geist ablaufenden Gedankenprozesse. Man kann hier zwei Ebenen unterscheiden: Einerseits orientiert sich der Geist ständig an äußeren Erlebnissen, an Gerüchen, Formen, Lauten etc. Diese Erfahrungen unserer Sinneswahrnehmungen sind die eine Ablenkung. Unser Geist ist ständig damit beschäftigt, äußere Objekte, die äußere Welt zu erleben. Es entzieht sich unserer Kontrolle, den Geist hier ruhig zu halten. Warum?

Weil unser Geist ständig dabei ist, sich innerlich darauf zu beziehen – das ist die zweite Ebene. Unser Geist denkt ständig und ist daran gewöhnt, den Gedanken nachzugehen. Deswegen sind wir nicht fähig, die Sinneswahrnehmungen, bei denen sich der Geist ja nach außen richtet, im Griff zu halten.

Wenn es uns gelingt, unsere ständigen Gedanken in den Griff zu bekommen, ist auch die erste Ebene kein Problem mehr, denn dann gibt es keine Ablenkung mehr. Die Sinneswahrnehmungen zu erleben stört dann nicht. Es geht darum, dass wir unsere ständig ablaufenden Gedanken dadurch in den Griff bekommen, dass wir lernen, den Geist konzentriert zu halten. Hat man das gemeistert, bilden auch die Sinneswahrnehmungen keine Ablenkung mehr für den Geist.

Wenn man diese Konzentration einmal erlangt hat, kann man davon ausgehend in immer tiefere, ruhigere Geistes-Zustände eindringen. Ihr hattet diesen Zustand bisher noch nicht, aber wenn ihr diese Stufe einmal erreicht habt, wird der Geist sehr weit und wirklich ruhig und tiefgründig. Es ist, als ob man eine Tür im Geist öffnet und sich dann alle anderen Türen nacheinander öffnen und man immer weiter gehen kann. Man hat eine Art Supersinn für die eigentliche Qualität des Geistes entwickelt.

Aus diesem Grund wird im Theravada die Meditation so geübt, dass die Praktizierenden nur sechs bis sieben Stunden schlafen und den Rest der Zeit meditieren. Die Meditation ist so aufgebaut, damit man die Wirkung der Geistesruhe in kurzer Zeit erreicht. (Es geht hier nicht um eine bestimmte Richtung wie beispielsweise in Thailand, sondern um die generelle Weise, wie im Theravada praktiziert wird.) Ab ein Uhr mittags essen die Praktizierenden nichts mehr, und sie dürfen nur leichte Getränke ohne großen Nährwert zu sich nehmen. Wasser, Tee, Milch – Getränke, in denen sich das eigene Gesicht wiederspiegelt – sind erlaubt, nicht aber schwere Suppen oder Joghurt. Wenn man ab mittags nichts mehr zu sich nimmt, ist der Geist klarer, weniger schläfrig, was für die Meditation sehr förderlich ist.
Dies gibt dem Geist viel Stärke und Klarheit, so dass alle, die Meditation üben, dies auch so tun sollten. Erst am nächsten Morgen kann man dann wieder essen. Ab etwa halb elf Uhr abends kann man schlafen gehen und wieder früh morgens gegen fünf Uhr aufstehen. Dies mag heutzutage nicht so passend sein, aber damals taten sie es so, weil das Meditations-Programm dafür organisiert war, in sehr kurzer Zeit etwas zu erreichen. Diejenigen, die diese Form gewählt haben, taten es, weil sie vom Buddha die Belehrung bekommen haben, dass Samsara entsetzlich ist, voller Leiden, dass man in Samsara nichts erreichen kann. Dies haben sie betont, und sie neigen von Natur aus dazu, was der Buddha über Samsara sagte, voll zu akzeptieren. Sie ziehen sich völlig aus Samsara zurück und konzentrieren sich auf Meditation. Wenn sie dann etwas erlangt haben, sind sie zufrieden und kümmern sich nicht so sehr um die fühlenden Wesen. Sie haben zwar nichts dagegen, dass etwas für die Wesen getan wird, aber sie nehmen nicht die Einstellung an: „Ich werde die Probleme der fühlenden Wesen lösen.“ Sie wollen nur so schnell wie möglich etwas in der Meditation erlangen.

Wir jedoch essen nachmittags und abends, denn wir sind Bodhisattvas. [Rinpoche lacht] Da Bodhisattvas nicht so viel an sich denken, haben sie es nicht so eilig, ihr eigenes Ziel schnell zu erreichen. [Rinpoche lacht]
Eigenschaft der Bodhisattvas ist ja, dass sie keine Angst davor haben, immer wieder geboren zu werden. Sie kommen immer wieder zurück und sind auch bereit dazu. Sie wollen sogar immer wieder geboren werden. Deswegen streben sie auch nicht nach einer Form von Meditation, die das abschneiden würde. Dies nämlich geschieht im Theravada-Fahrzeug. Wenn man dem Meditationsprogramm dort ganz systematisch folgt, wird das unausweichlich bewirken, dass man nicht mehr in Samsara wiedergeboren werden kann. Es ist abgeschnitten. Selbst wenn man es wollte, könnte man nicht mehr wiedergeboren werden.

Durch den Aufbau ihrer Meditation erreichen die Theravada-Praktizierenden sehr konzentrierte Zustände und sind deswegen fähig, die analytische Ebene der Meditation einzusetzen und damit ihre Geisteszustände zu analysieren. Wenn sie die Kraft analytischer Meditation erlangt haben, sind sie in der Lage, die Natur der Geistesgifte – sei es Zorn, Begierde, Eifersucht, Neid oder was auch immer – genau zu erkennen. Man kann das damit vergleichen, dass man aus einem Traum erwacht und dann feststellt, dass das Erlebte keine Wirklichkeit besitzt. Das Erlebte verschwindet, weil es nicht wirklich existierte. Man muss es nicht wegdrängen oder entfernen.

So ähnlich ist es, wenn sie die analytischen Methoden auf die einzelnen Geistesgifte anwenden und fähig werden, die störenden Emotionen zu durchschauen, zu sehen, dass sie eigentlich nicht existent sind. Sie erfassen die eigentliche Natur der störenden Emotionen und aus diesem Verständnis heraus entfernen sie die Ursache, die sonst eine Wiedergeburt in Samsara bewirkt hätte. Wenn sie sterben, geht ihr Geist in Meditation, und sie können nicht mehr wiedergeboren werden. Diese Illusion ist für sie vorbei.

Wir benutzen also den Ausdruck „Meditation“ und der gebräuchliche tibetische Ausdruck dafür ist „Gom“. Es gibt aber im Tibetischen noch ein präziseres Wort und zwar „Tingedzin“ (Sanskrit: Samadhi).

Ting bedeutet Tiefe, Tinge ist eine verschliffene Aussprache davon und heute ein normales Wort. Es bedeutet, dass man fähig ist, die Tiefe des Geistes unbeweglich zu erleben. Dzin bedeutet „halten“. Es geht also darum, fähig zu sein, das Erlebnis des unerschütterlichen Zustand der Tiefe des Geistes zu halten.

Ein weiterer tibetischer Ausdruck für Meditation ist „Samten“, und das bedeutet, einen stabilen Geistes-Zustand zu erleben. Es gibt hier, genau wie bei Tingedzin, viele Stufen. Wenn ihr einen tibetischen Lehrer um Meditations-Belehrungen fragt und ihn bittet, etwas über Gom, Meditation generell, zu sagen, so wird er euch etwas sagen können. Wenn ihr aber fragt: „Erzähle mir etwas über Tingedzin“, wird er etwas panisch reagieren, außer er ist ein guter Meditierender oder sehr gelehrt. Dies kann passieren, wenn man nach Tingedzin oder Samten fragt, außer der Lehrer ist sehr gut. Der Grund dafür ist, dass er denkt, dass ihr es kennt. [Rinpoche lacht].

Im Theravada-Weg geht man zuerst die Stufen von Samten, von konzentrativer Meditation, durch und dann die Stufen von Tingedzin. Es gibt dort einen bestimmten Aufbau in Stufen.

Bodhisattvas gehen in der Meditation ähnlich vor. Auch hier geht man die Stufen der Konzentration (Samten) durch, dann die Stufen von tiefer Meditation (Tingedzin). Hat man als Bodhisattva dann diese Stufe erreicht, so hat man damit die Fähigkeit, die erlangte Geistesruhe in breitem Umfang zu nutzen, um den Wesen zu helfen. Beim Theravada-Weg ist man auf dieser Stufe ganz darauf ausgerichtet, so schnell wie möglich die eigene Befreiung zu erreichen.

Wir reden jetzt hier zwar über Tingedzin und Samten. Wenn man aber die entsprechenden Erfahrungen noch nicht selbst gemacht hat, kommt man bei diesen Themen nicht sehr weit mit der Kommunikation, auch wenn unsere menschliche Sprache der Katzensprache etwas voraus ist [Rinpoche lacht].
Es ist von daher angebrachter, die analytische Art der Meditation zu besprechen, wie man also die Meditation auf die normalen Gedanken und den Geist anwendet, so wie auch die richtige Sitzhaltung und Ernährungsweise. Findet ihr nicht auch, dass dies besser ist, als über Tingedzin und Samten zu reden? Wenn ich heutzutage reise und Belehrungen gebe, spreche ich meist vor allem darüber.

Bei der Meditation als analytischem Vorgang, als Anwendung der Meditation auf Gedanken und Gefühle, gibt es sehr viele Möglichkeiten. Wie schon erwähnt, kann man die Meditation auf die negativen Emotionen anwenden, und sie damit „brechen“. Wenn es aber um Anhaftung geht, muss man unterscheiden. Eine gewisse Art von Anhaftung ist durchaus nützlich, eine gewisse andere Art jedoch nicht. Je nachdem, wie weit man ist, wird hier in der Meditation unterschieden. Man kann ja jeden einzelnen Gedanken untersuchen und bewirken, dass man, indem man den einzelnen Gedanken erkennt, auch ein Verständnis von der eigentlichen Natur dieses Gedanken gewinnt. Wenn man diesen einen Gedanken untersucht, kann er nicht länger existieren. Was aber bleibt, ist die dem Geist zueigne Stabilität. Dies eröffnet uns die Natur des Geistes, macht sie sichtbar für uns. Wenn ständig Gedankenprozesse entstehen, hat man keine Zeit, ihre Natur zu erkennen, sie bleibt verborgen. Jeden Gedanken analytisch zu untersuchen, lässt aber die Natur erkennbar und dann stärker und wahrhafter werden.

Emotionen wie Zorn, Eifersucht und so weiter werden vom buddhistischen Standpunkt als negativ gesehen. Von ihrem Entstehen im Geist her sind sie zwar nur wie alle anderen – einfach Gedanken, ohne viel Negatives. Sie pflanzen aber eine Ursache in den Geist, die etwas Negatives hervorbringen wird. Man hat ja verschiedene Reaktionen und Gedanken, wenn man ein äußeres Objekt sieht. Man denkt vielleicht: „Es ist blau, hat die und die Form usw.“ Dies ist ein neutraler Gedanke, ohne positive oder negative Wirkung. Zorn und Eifersucht können aber etwas Negatives hervorbringen, das man nicht haben sollte und man wieder entfernen muss.

Zugleich will der Praktizierende auch nicht zu viele Gedanken im Geist haben. Einerseits versucht er also, den Geist zu beruhigen, und andererseits will er die Negativität aus dem Geist entfernen. In diesem Sinn geht es darum, dass man die analytischen Methoden auf die Gedanken anwendet und insbesondere fähig wird, mit denen umzugehen, die negative Konsequenzen nach sich ziehen.

Gleichzeitig wird man dadurch auch weniger Anhaftung an Sinneseindrücken erleben. Es ist gut, sich davon etwas zurückzuziehen, wenn man die Meditation in dieser Form aufbaut, wenn man also dabei ist, Konzentration zu entwickeln. Wenn man sich nämlich zu sehr an äußeren Dingen orientiert und sich viele Vorstellungen davon macht, wie etwas sein sollte und wie man etwas erleben möchte, wird es schwierig sein, den Geist zu konzentrieren und zur Ruhe kommen zu lassen. Man tendiert automatisch dazu, an diesen äußeren Sinneseindrücken stark festzuhalten und daraus entsteht immer mehr Ablenkung.

Wenn man diese Ebene von Geistesruhe erreicht hat, erlebt man einen sehr ruhigen, friedvollen Geist. An diesem Punkt verliert auch die analytische Meditation ihr Einsatzfeld, da ja die Bewegungen im Geist, die zuvor das Ziel waren, auf das man sich mit der analytischen Meditation ausgerichtet hat, nicht mehr in dem Ausmaß bestehen. Gleichzeitig ist diese Ebene der Geistesruhe ein Zustand, in dem man totale Ruhe erlebt, woran man dann durchaus wieder anhaftet.

Wenn diese Ebene von Geistesruhe gereift und stabil ist, versucht man eine tiefgründigere, höhere Ebene zu erreichen. Man setzt hier, wie zuvor, die analytische Meditation ein, indem man sie diesmal genau auf die Anhaftung an dem Zustand der Geistesruhe ausrichtet. Man hat hier etwas erlangt, was völlig verschieden von unserem verwirrten Geist ist. Jetzt ist der Geist sehr friedvoll geworden, sehr stabil, und es ist sehr sehr angenehm. Daran haftet man an, und diese Anhaftung verschließt einem das Tor zu weiterer Entwicklung. Die analytische Meditation auf das subtile Gefühl der Anhaftung ist hier der Schlüssel, der das Tor öffnet. Wenn diese Anhaftung gelöst ist, wird die Meditation spontan viel tiefer werden. Diese Entwicklungsphase geht man bei konzentrativer Meditation durch.

Wenn jemand jetzt hier tiefgehender nach dem „Wie“ und „Warum“ fragt, kann man nicht wirklich eine Antwort geben, auch wenn unsere menschliche Sprache wie gesagt etwas geeigneter ist als die Katzensprache. Diejenigen, die die entsprechenden Erfahrungen gemacht haben, prägten bestimmte Begriffe dafür. Alle, die auf gleicher Ebene sind, können damit untereinander kommunizieren, aber nicht mit uns. Wenn man die entsprechende Erfahrung hinter dem Begriff nicht kennt, geht das nicht. Ich könnte beispielsweise sagen: „Danach werdet ihr die zweite Stufe von Samten erreichen.“ Versteht ihr das? Man muss erst die Erfahrung haben, dann versteht man es.

Der Buddha hat einmal das Samadhiraja-Sutra gelehrt, in dem alle möglichen Arten von Tingedzin beschrieben sind. Aber: Wer versteht es? Ein gewöhnlicher Mensch kann es nicht verstehen. Warum hat es der Buddha dann gelehrt? Der Grund ist, dass er damals einen hochqualifizierten Schüler, der es verstand, gehabt haben muss. Wir haben heute dieses von Buddha gelehrte Sutra, aber wir verstehen es nicht. Jedoch haben wir die Möglichkeit, zu dem Punkt zu kommen, wo wir verstehen werden, was der Buddha da gelehrt hat. Wir gehen das an, indem wir uns damit beschäftigen und mit unserer Art zu kommunizieren – immerhin besser geeignet als die der Katzen – die tiefe Bedeutung immer mehr verstehen.

Bodhisattvas gehen so vor, dass sie diese Meditationen verwenden und gleichzeitig eine gewisse Art von Anhaftung an die physische Form bewahren, welche die Ursache für Wiedergeburt ist. Sie verwenden gerne all diese Samadhis. Einerseits verwenden sie die Meditationen wie auf dem Theravada-Weg. Vor allem aber verwenden sie die Kraft des Samadhis dazu, zusätzlich die Möglichkeiten für Wiedergeburt in Samsara zu schaffen, um den Wesen helfen zu können.

Alle fühlenden Wesen haben die Ursache für Wiedergeburt in Samsara. Wie und wo man dann genau geboren wird, ist Sache von Karma. Um ein guter Bodhisattva zu sein, muss man Belehrungen von Buddha oder einem Bodhisattva bekommen haben. Sie wissen sehr viel darüber, welche Ursache zu welcher Wirkung führt, wie Samsara entsteht, welche Ursachen hinter all dem Positiven und Negativen in Samsara stecken. Ein Bodhisattva kennt all diese Details, da er all die Belehrungen von einem Buddha oder hochqualifizierten Bodhisattva bekommen hat.

Ein Bodhisattva hat sehr viel Mut, den Wesen zu helfen. Um ihnen helfen zu können, muss er Kontrolle über Illusionen bekommen und kann dann sogar Illusionen erschaffen. Um diese Kontrolle zu erlangen, geht er bis zu einem gewissen Punkt durch die Theravada-Praxis und wechselt dann zur Bodhisattva-Praxis. Bodhisattvas wissen, dass alles – das ganze Universum und all die Wesen – eine Illusion ist. Wenn man fragt inwiefern, so geben die Belehrungen der buddhistisch-philosophischen Madhyamaka-Schule ganz logische Antworten. Alles entsteht in gegenseitiger Abhängigkeit, wird dort gesagt. Und  alle Dinge, die in gegenseitiger Abhängigkeit entstanden sind, sind illusionär, ohne Wirklichkeit.

Immer wenn es Ursachen gibt, gibt es auch Illusion. Ein Bodhisattva weiß, dass dieses Universum aus Karma entstand, das in der Vergangenheit angesammelt wurde und jetzt herangereift ist. Da er die Ursachen kennt, versucht der Bodhisattva, eine Illusion im positiven Sinne zu erzeugen, um den fühlenden Wesen zu helfen. Deshalb gibt es die Bodhisattva-Praxis „Paramita des Wünsche machen“ (tib. Mönlam), in der die Bodhisattvas sehr viele Wünsche für die fühlenden Wesen machen. Buddha Amitabha zum Beispiel machte Wünsche, dass er ein Reines Land für die Wesen manifestieren wird, wo sie leicht geboren werden, Samsara entsagen und erleuchtende Praktiken üben könnten. Er machte einerseits diesen Wunsch und wusste andererseits, was für die Erfüllung nötig war: Die Ursache dafür ist Positives, wie man es durch die Praxis von Großzügigkeit, positive Lebensweise, Geduld usw. aufbaut. Um etwas Gutes für die Wesen zu schaffen, machen die Bodhisattvas die Wünsche für die Wesen. Damit sie auch wahr werden, sammelt sie die Ursachen dafür an. Buddha Amitabha ging durch viel Praxis dieser Ansammlung von Positivem, damit seine Wünsche für die Wesen sich erfüllen, was auch geschah.

Obwohl alles Illusion ist, sind nicht alle Illusionen negativ. Es gibt viele Dinge, die die Wesen brauchen. In dieser Weise weiß ein Bodhisattva um das Gesetz von Ursache und Wirkung und nutzt es.

Dies ist der einzige Unterschied zwischen Theravada und Mahayana. Im Theravada wird besondere Betonung auf Meditation gelegt, auf das Entfernen von allem Negativen im Geist, um dadurch ganz schnell die eigene Befreiung zu erreichen. Der Bodhisattva nimmt weiter Teil an Samsara und erreicht durch das Wirken zum Wohl der Wesen und die Praxis in der Weise Erleuchtung. Aufgrund dieser Einstellung ist die Erleuchtung, die auf dem Bodhisattva-Weg erlangt wird, umfassender und größer.

Theravada und Mahayana beginnen hinsichtlich der Vertiefung am gleichen Punkt. Vajrayana ist eigentlich genauso, aber es kommen noch sehr gezielte Methoden, wie zum Beispiel die Vergegenwärtigungen der Buddha-Aspekte, hinzu. Alles hängt hier zusammen. Der momentane Geist beispielsweise, der wieder und wieder Geburt annimmt, wird in ein bestimmtes Bild, einen Buchstaben verwandelt. Ein Beispiel dafür ist die vielen von euch vertraute Meditation auf „Liebevolle Augen“ (skt. Avalokiteshvara, tib. Tschenresig). Zuerst stellt man sich vor, dass der eigen Geist in Form der Keimsilbe HRI entsteht. Dieses Erscheinen als Silbe HRI ist der erste Geistesmoment. Dies hat eine gewisse Kraft, die Gewohnheit des Geistes aufzulösen, immer wieder Form, also Geburt, anzunehmen.

Später verwandelt sich die Silbe in „Liebevolle Augen“. Dieses Vergegenwärtigen der Form von „Liebevolle Augen“ beseitigt die Gewohnheit des Geistes, eine Form zu haben. Es ist hier ganz gleich, was für eine Form, ob eine menschliche oder was auch immer. Während man sich nun mit der Form von „Liebevolle Augen“ identifiziert, werden all die gewöhnlichen Aktivitäten wie reden, essen, sich kleiden usw. in die Aktivität von „Liebevolle Augen“ transformiert . Später löst sich die Form von „Liebevolle Augen“ in sich selbst auf. Dies reinigt die Gewohnheit von Alter und Tod. Nach dem Sterben wird der Geist zuerst bewusstlos. Um dies zu reinigen, übt man die Auflösungsphase. So funktioniert Vajrayana: Man benutzt sehr dynamische Methoden, um alle möglichen Arten von samsarischen Gewohnheiten zu reinigen. Die Auflösungsphase ist dann der Punkt der Meditation, wo man in die Mahamudra-Praxis übergeht.

Dies war ein grober Überblick über die Meditation, wie sie im Theravada, im Mahayana und Vajrayana praktiziert wird. Es war nur ein kurzer Überblick, ohne in Details zu gehen. Die Vajrayana-Meditation ermöglicht grundsätzlich schnelle Resultate, da sie viel Energie hat. Es gibt hier aber auch die große Gefahr, Fehler zu machen, die Praxis zu verderben. Natürlich braucht man für jede Art von Meditation einen Lehrer, aber besonders beim Vajrayana braucht man sehr häufige Anleitung.
Ich habe versucht, hier einen Eindruck davon zu vermitteln, was im Buddhismus mit Meditation gemeint ist, entsprechend den drei buddhistischen Fahrzeugen. Für die eigentliche Meditation müsst ihr euch dann an den stufenweisen Weg halten, den jetzt hier zu erklären nicht möglich ist.

Ein wichtiger Ratschlag für Meditation ist: Zu Anfang muss man sich eine gewisse Zeit lang sehr anstrengen und geduldig sein. Wenn ihr dann ein gewisses Resultat erlangt habt, werdet ihr zufrieden sein. Vom Entstehen dieser Zufriedenheit an werdet ihr der Meditation nie mehr überdrüssig sein. Große Freude wird entstehen. Aber dann werden euch die Lehrer bestimmt sagen, dass ihr daran nicht anhaften sollt. [Rinpoche lacht]

 


Übersetzung (1992): T. Draszczyk und D. Göbel,

Neu überarbeitet durch die Redaktion der Buddhismus Heute, 2014

Quelle: Vortrag in Kempten, September 1992

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