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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 10, ( 1992)

Buddhanatur und der Zwischenzustand

Jamgön Kongtrul Rinpoche zum Thema: Tod und Sterben

In einer seiner letzten Belehrungen führte der vollkommen Erleuchtete, der Buddha, die Vorstellung des Tathagatagarbha, der Buddha-Essenz in jedem fühlenden Wesen, ein. In den Lehren wird sehr klar gesagt, daß Tathagatagarbha alle Wesen gleichermaßen durchdringt, sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht. Diese ursprüngliche Essenz ist immer rein, wird aber verschleiert, wenn ein Individuum negativ handelt und so negatives Karma ansammelt, welches verhindert, daß er oder sie Tathagatagarbha erkennt. Solche Individuen werden fühlende Wesen genannt, wohingegen solche, die die Buddha-Natur erkannt haben, erleuchtete Wesen genannt werden. Dieses Erkennen ist der einzige Unterschied zwischen fühlenden und erleuchteten Wesen, da beide eine gleiche Quantität und Qualität von Tathagatagarbha haben.

Wir haben nicht nur alle diese Buddha-Natur, sondern erfahren sie auch manchmal für einen Moment in unserem gewöhnlichen Leben. Da diese Erfahrung nur einen kurzen Moment anhält, erkennen wir sie nicht als Tathagatagarbha und fallen verwirrt wieder in Samsara zurück. Selbst ein Wesen, das viel negatives Karma angehäuft hat, kann kurzzeitig die Buddha-Natur erfahren, jedoch hindert ihn das negative Karma an der Erkenntnis dieser Erfahrung und so ist keine Befreiung möglich. Der wahre Grund für Dharma-Praxis ist, die Manifestation der Buddha-Natur zu erkennen, was wir jetzt nur für kurze Momente tun.
Abgesehen von diesem Erkennen der Buddha-Natur gibt es nichts, das man Erleuchtung nennen könnte. Erleuchtung bedeutet nicht, etwas von außen her zu bekommen. Es bedeutet nicht, zu einem anderen Bereich oder Planeten zu gehen. Erleuchtung bedeutet nicht, daß man Extra-Energie, -Kraft oder -Stärke bekommt. Dies sind alles falsche Sichtweisen.

Um zu erkennen, daß die Natur der Erleuchtung in uns selber liegt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein - die Vervollkommnung des Aufgebens und die der vollständigen Erkenntnis. Die erstere bedeutet die Aufgabe der störenden Gefühle und des Mangels an Weisheit. Hat man diese beiden Schleier beseitigt, erlangt man Buddhaschaft, was die Vervollkommnung der vollständigen Erkenntnis ist. Dadurch entwickelt man die beiden Weisheiten, alles zu wissen wie es sich manifestiert als auch wie es tatsächlich ist. In anderen Worten: Die Erkenntnis der letztendlichen Wahrheit selbst ist die Vervollkommnung der Erkenntnis, und die Perfektion des Aufgebens ist das Beseitigen von was immer Erkenntnis verhindert. Um uns zu helfen, die Buddha-Natur in uns zu erkennen, gab der Buddha eine unvorstellbare Menge an Belehrungen und die Bardo-Lehren gehören zu den tiefgründigsten darunter. Diese Lehre ist besonders wichtig für unsere heutige Welt, weil heutzutage die Lebensumstände sehr zerstreuend sind, was unsere Fähigkeit schwächt, uns voll auf unsere Dharma-Praxis zu konzentrieren.

Der Bardo ist der Zwischenzustand zwischen dem Beginn und dem Ende von etwas. Das »Dazwischensein« ist in sich selbst der Bardo. Wir müssen verstehen, daß es nichts in den äußeren und inneren Phänomenen gibt, das nicht im Bardo eingeschlossen ist. Zum Beispiel ist ein Bardo die Zeit vom Moment der Empfängnis bis zur Geburt. Ein anderer ist vom Moment der Geburt bis zum Zeitpunkt, wo man krabbeln kann, ein weiterer bis man zur Schule geschickt wird, wiederum ein anderer bis man die Schule beendet. Die Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen am nächsten Tag ist ein Bardo. Wenn man träumt, ist die Zeit vom Beginn bis zum Ende eines Alptraums ein anderer Bardo. Der Moment, wo man sein Frühstück beginnt bis zum Moment, wo man es beendet - auch dies ist ein Bardo! Alle diese Bardos werden unter den Bardo von Geburt und Tod gezählt.

Alles hat mit Bardo zu tun - alles zwischen dem ersten und zweiten Moment, zwischen einem Tag und dem anderen. Kurz gesagt gibt es nichts Dauerhaftes und Festes. Alles verändert sich. Alle äußeren und inneren Phänomene sind im Bardo und durch Wissen über den Zwischenzustand kommen wir zu einem Verständnis der Essenzlosigkeit und Leerheit von sowohl Samsara als auch Nirvana. Obwohl es viele Unterteilungen von Bardo gibt, werden wir hier den Bardo untersuchen, der zwischen dem Moment liegt, wo sich unser Bewußtsein vom physischen Körper trennt und dem Moment, wo wir Wiedergeburt erfahren. Diese Erfahrung kann man noch weiter unterteilen.

Der Zustand zwischen Tod und Wiedergeburt ist ein ausgezeichneter Zeitpunkt, um Tathagatagarbha zu erkennen. Im Leben bedarf es einiger Anstrengung, um unsere wahre Natur zu erleben. Im Bardo zwischen Tod und Wiedergeburt erleben wir sie natürlicherweise. Die Frage ist nur, ob wir sie erkennen. Es ist nicht etwas, wonach wir suchen müssen; tatsächlich ist die Buddha-Natur uns so nahe, daß wir sie nicht erkennen. Wenn wir uns im täglichen Leben trainiert haben, haben wir zum Zeitpunkt des Todes, wenn die Buddha-Natur sich natürlicherweise manifestiert, eine größere Chance, Befreiung zu erlangen.

Im allgemeinen wird der Bardo zwischen Tod und Wiedergeburt in drei Abschnitten erklärt: Der Bardo des Werdens, der Bardo des Dharmata und der Bardo der Existenz oder der Möglichkeit. Der Bardo des Momentes des Todes kann so verstanden werden: Zuerst entsteht der Körper, dann wird er geboren und schließlich stirbt er, wird zerstört. Die eigentliche Bedeutung des Todes ist, daß beim Sterben der physische Körper - die Einheit von Blut und Fleisch und anderen Komponenten - zuerst verfällt und dann eine Trennung vom Bewußtsein stattfindet. Das Bewußtsein selbst erlebt keinen Tod. Unser Geist stirbt nicht, da er nie geboren wurde.
Unser Geist ist jenseits materieller Definition und jenseits von irgendeiner zerstörbaren Qualität. Der physische Körper ist andererseits nur in der Lage zu funktionieren, wenn er mit dem Bewußtsein verbunden ist. Wenn sie sich trennen, zerfällt der Körper. Der physische Körper zerfällt, da er aus vielen Bestandteilen gemacht ist und von vielen Bedingungen abhängig ist. In Abwesenheit von Bewußtsein löst er sich auf. Andererseits ist das Bewußtsein nicht abhängig von der Ansammlung der Aggregate und zerfällt nicht, selbst wenn es den Körper verläßt. Darüber hinaus ist die Natur des Geistes Selbst-Gewahrsein. Dieser Klarheits-Sinn beruht nicht auf der Ansammlung von Bestandteilen.

Wenn man die Trennung von Körper und Geist nicht versteht, denkt man mit großer Frustration und Schrecken an den Tod. Man könnte denken, daß der eigene physische Körper »ich« ist und daß, da der Körper das Selbst ist, wenn er stirbt, nichts da ist, was weitergehen kann. Man denkt, der Tod sei das Ende von allem, und daß, wenn der Körper stirbt, alles schwarz wird und nichts zurückbleibt. Durch dieses Mißverständnis entsteht viel Angst in uns beim Gedanken an den Tod.
Andere unter uns mögen die Trennung von Körper und Bewußtsein zum Zeitpunkt des Todes verstehen, haben aber dennoch Anhaftung am physischen Körper, sind sehr besitzergreifend und denken “mein Körper”. Wenn dann der Zeitpunkt kommt, die Anhaftung am Körper loszulassen, schafft man es nicht. Unfähig, zu akzeptieren, daß wir den Körper zurücklassen müssen, entsteht zum Zeitpunkt des Todes Panik. Angenommen, Ihr habt Panik bei der Vorstellung zu sterben oder den Körper zurückzulassen. Zum Zeitpunkt des Todes wird diese Angst nicht unbedingt als negativ angesehen. Aber Panik zu haben, während man noch lebt ist nicht nützlich. Ihr macht es Euch nur unnötig selbst schwer, wenn Ihr Angst habt beim Gedanken an den Tod. Stattdessen solltet Ihr lernen, richtig zu sterben, in einer weniger aggressiven Weise Euch selbst gegenüber. Dies wäre sicherlich nützlicher als aufgrund bloßer Gedanken zu leiden.

Es ist wichtig, sich bezüglich der Anhaftung im klaren zu sein, denn Buddha lehrte, daß wir alle Phänomene als vergänglich betrachten sollen. Wenn wir die Unsicherheit des Zeitpunktes unseres Todes verstehen und nicht mehr daran anhaften, kommen wir an einen Punkt, wo der Tod nicht mehr Schmerz und Unbehagen für uns bedeutet. Mit diesem Verständnis bedeutet Tod nicht mehr, daß man etwas verliert. Er wird eher so wie etwas zu ändern.
Im Westen zum Beispiel sind die Menschen sehr vertraut damit, in andere Gegenden zu ziehen, oder auch von einem Haus in ein anderes zu ziehen. Im Osten ist das nicht so normal; die Leute sind seßhafter dort. Die Idee, ein Haus zu verlassen um in ein anderes zu ziehen, ist ein ganz schwieriges Thema für Tibeter. Wenn sie umziehen, leiden sie fast als wenn sie sterben. Im Westen, wo Ihr an Wechsel gewöhnt seid, bedroht Umziehen jedoch nicht Euer Leben. In derselben Weise, wenn Ihr den Tod richtig versteht, wird der Gedanke an den Tod nicht länger bedrohlich sein. Tod ist nur wie ein Umziehen von einem Haus in ein anderes und es muß bei Euch kein Gefühl von Verlust zurückbleiben. Dieses Beispiel des Umzugs bedeutet nicht, daß wir nichts tun brauchen in Hinsicht auf den Tod, oder daß wir alles zu leicht nehmen sollten. Was es bedeutet, ist, daß wir verstehen müssen, daß der Tod unserem physischen Körper geschieht, da er aus den Skandhas, Elementen usw. besteht, und sich deswegen wieder auflösen wird. Mit diesem Verständnis sollten wir den Dharma praktizieren, denn mit Verständnis und Praxis können wir zu einer recht angenehmen Beziehung zum Thema Tod und Sterben kommen.


Mit freundlicher Genehmigung der amerikanischen Dharmazeitschrift »Densal«. Übersetzt von Detlev Göbel.