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BUDDHISMUS HEUTE
Aus: Buddhismus Heute Nr. 10, ( 1992)

"The Karmapa Papers"

Eine neuerschienene Dokumentation zur Suche nach der Wiedergeburt S.H. Karmapa

Politik und Religion

Ein religiöses Leben, die Suche nach letztendlicher Wahrheit und die Entwicklung geistiger Qualitäten, werden oft als unvereinbar mit Verwicklung in Politik als einer sogenannten weltlichen Angelegenheit angesehen. Wenn wir das Leben Milarepas betrachten, kann man ihn als Beispiel für diese Sichtweise anführen. Er ließ alle Kompliziertheit des sozialen Lebens hinter sich, führte ein vollkommen unabhängiges Leben, baute keine Organisation auf und vermittelte das Dharma in einer sehr direkten Weise. Andererseits kann man im allgemeinen Religion nicht von der Gesellschaft trennen, in der sie praktiziert wird.

Mit der Verbreitung des Buddhismus in Tibet kam es zu einer Verbindung von Politik und Religion. Könige und Adelsfamilien unterstützten oft Klöster und Lehrer, was zu einer weitgehenden Abhängigkeit führte. Mit der Zeit wurden die Klöster immer reicher und mächtiger und zu ihrer religösen Bedeutung wurden sie zu sozialpolitischen Faktoren in ganz Tibet.

So hatten Linienhalter wie die Karmapas zwei Rollen zu erfüllen: Einerseits repräsentierten sie höchste geistige Verwirklichung und führten zahlreiche Schüler auf dem Weg. Andererseits waren sie die Oberhäupter einflußreicher Schulen des Buddhismus. Da er sehr wohl die Neigung der Tibeter, Religion und Politik zu vermischen, kannte und als starke Warnung an seine westlichen Schüler mahnte der 16. Karmapa des öfteren und mit Nachdruck: »Keine Politik in meinen Zentren«. Im Laufe der Geschichte vermieden es mehrere seiner Inkarnationen, in Politik verwickelt zu werden und sie gingen dabei so weit, das Leben von einfachen umherziehenden Mönchen zu führen, wenn die weltlichen Angelegenheiten überhand nahmen.

Aber, ob sie wollten oder nicht: große Lehrer wurden manchmal in politische Affairen verwickelt. Das war von Vorteil, falls sie ihren Einfluß nutzen konnten, um den Leuten zu helfen und bei Konflikten zu vermitteln. Es gibt Beispiele dafür in den Biographien aller Karmapas. Auf der anderen Seite gab es immer Leute, die versuchten, die großen Lamas für ihre eigenen politischen Zwecke zu benutzen. In einigen Fällen führte dies sogar zu Kriegen.

Ein Beispiel dafür gab es zur Zeit des fünften Dalai Lama und des zehnten Karmapa Chöying Dorje: Einer der Gönner Karmapas, der König von Tsang in Südtibet, diskriminierte die Gelugpas während seiner Regierungszeit. Karmapa hieß dieses Verhalten in keinster Weise gut. Die Gelugpas ihrerseits baten den Mongolenführer Gushri Khan um militärische Unterstützung und als Folge davon führte er eine große Armee nach Tibet. Karmapa versuchte einen Krieg zu verhindern, als aber auch der Dalai Lama die Kontrolle über die Situation verlor, brachen Kämpfe zwischen den Mongolen, die von den Gelugpas unterstützt wurden, und dem König von Tsang aus. Die Mongolenarmee gewann die Schlacht und der König von Tsang wurde gefangen genommen. Viele verloren ihr Leben und Tausende wurden verwundet. Obwohl Karmapa die Regierung des Dalai Lama informierte, daß er keinerlei Interesse daran hätte, den Gelugpas in irgendeiner Form zu schaden, und daß er gerne bereit wäre, seine Ernsthaftigkeit diesbezüglich zu beweisen, wurden Truppen geschickt, die das Kloster Tsurphu angriffen. Viele wurden getötet, aber Karmapa entkam, verließ Tibet und kehrte erst nach dreißig Jahren wieder zurück.

Später wurde der zehnte Shamarpa die Zielscheibe gewaltsamer Politik. Ein Zitat aus 'Karmapa Black Hat Lama of Tibet' erklärt es folgendermaßen: ...»Als er (Shamarpa) in Nepal war, brachen Kämpfe zwischen diesem Land und Tibet aus. In Lhasa wurde sich ein einflußreicher Gelugpa-Minister, Tagtsag Tenpe Gönpo, der Lage bewußt und behauptete, daß Shamar Tulku den Kampf von Nepal aus angezettelt hätte. Er beschlagnahmte Shamarpas großes Kloster Yangchen und die Regierung erließ ein Gesetz, daß alle Klöster von Shamar Tulku Gelugpa-Klöster werden müssen und daß er sich nicht wieder inkarnieren darf. Seine zeremonielle Rote Krone wurde unter dem Boden von Shamarpas Tempel in Lhasa vergraben und das Gebäude wurde zu einem Gerichtsgebäude umfunktioniert. Tatsächlich versuchte Shamar Tulku in dieser Zeit mit den Nepalesen Frieden zu schließen und hatte das Land nur besucht, um eine Pilgerfahrt zu machen...«

Das Gesetz, um die Linie der Shamarpas zu beenden, verbot die Anerkennung jeglicher Inkarnationen von ihm, und es war ihm nicht länger erlaubt, sich in Tibet aufzuhalten.

In 'Karmapa Black Hat Lama of Tibet' kommentierte S.H. der 16. Gyalwa Karmapa die damalige Zeit wie folgt: »Verdienst wurde immer weniger. Es gab viele politische Einmischung. Schwarz wurde zu Weiß, Wahres zu Unwahrem. Zu dieser Zeit war es nicht möglich, einen Shamarpa anzuerkennen und zu inthronisieren. Alles wurde geheim gehalten. Die Inkarnationen (von Shamar Rinpoche) erschienen, wurden aber nicht enthüllt«.

Erst 1964, das heißt fast zweihundert Jahre später, wurde diese Angelegenheit vollständig bereinigt. Auf die Bitte des 16. Karmapa hin gestattete damals S.H. der 14. Dalai Lama nach Prüfung durch Meditation und Träume, offiziell die Wiedereinsetzung der Shamarpas.

Zusätzlich zu den Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen geistigen Traditionen, entstanden auch Schwierigkeiten innerhalb einer Linie wie der Karma Kagyü.

Die Autobiographie von Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye zeigt, daß er eine zeitlang das Kloster Palpung, den Sitz der Tai Situpas, verlassen mußte. 1873 besuchte der König von Derge Palpung. Als er sich dort aufhielt, übergab ihm eine große Anzahl von Mönchen eine Anklageschrift, in der Jamgön Kongtrul Rinpoche und Bontrul Rinpoche beschuldigt wurden. Khyentse Rinpoche riet dem König, nicht auf die Sache einzugehen. Er sagte, daß ansonsten die buddhistische Lehre in Osttibet großen Schaden nehmen würde, aber der junge Situ Tulku, Pema Künsang, bestand auf eine gerichtliche Untersuchung. Diese wurde durchgeführt mit dem Resultat, daß sich die meisten Anschuldigungen als unhaltbar erwiesen. Dennoch mußten Jamgön Kongtrul Rinpoche und Bontrul Rinpoche Palpung verlassen. Letzterer starb kurz darauf und Jamgön Rinpoche kam erst 14 Jahre später nach Palpung zurück, als Situ Pema Künsang gestorben war.

Aus diesem und den vorhergehenden Beispielen kann man sehen, daß große Bodhisattvas und Lehrer, obwohl sie jenseits von weltlichen eigennützigen Interessen sein mögen, dennoch in Konflikte hineingezogen werden können. So konnten sie Opfer politischer Intrigen werden und manchmal ließen ihnen die äußeren Umstände wenig Raum, um zum Wohl von anderen zu arbeiten.

Auch das Tulku System, das von großem Nutzen für die fortlaufende und authentische Übertragung des Dharma war, wurde von politischen Interessen beeinflußt. Die Anerkennung eines Tulku war nicht immer nur von religösen Gesichtspunkten bestimmt. Da es ein Zeichen von sozialem Ansehen war, wenn eine Familie einen Sohn in einer hohen religösen Position wie der eines Abtes hatte, wurden manchmal Söhne von reichen und einflußreichen Familien, die ein Kloster unterstützten, als Tulku anerkannt. Aber es gab auch andere Gründe für die Anerkennung inkarnierter Lehrer.

Zum Beispiel wurde der große Jamgön Kongtrul Lodrö Taye, der von Buddha Shakyamuni selbst prophezeit worden war, nicht nur seiner geistigen Fähigkeiten wegen als Karma-Kagyü-Tulku anerkannt, sondern auch um zu verhindern, daß die Verwaltung von Derge, die ihn gerne als Sekretär gehabt hätte, ihn von Palpung wegholen konnte. Da einige der Hauptfiguren der tibetischen Politik inkarnierte Lehrer waren, war ihre Anerkennung immer auch ein äußerst politischer Akt. Dies wird sehr klar, wenn man an die Institution des Dalai Lama denkt.

Wer immer die Anerkennung des Karmapa in diesem Licht betrachtet, versteht, wie vielschichtig und wichtig diese Angelegenheit ist.

Wenn man den gegenwärtigen Zustand der tibetischen Gemeinschaft im Exil und den fortwährenden Aufruhr und das Leiden in Tibet selbst bedenkt, muß man mit Verwicklungen wie denen, die gerade passiert sind, rechnen. Starke politische Kräfte würden sicherlich in Aktion treten, um die Wahl eines der bekanntesten geistigen Führer Tibets, dem Gyalwa Karmapa, zu beeinflussen. Man muß auch bedenken, daß die politischen Wünsche der tibetischen Gemeinschaft, die spirituellen Bedürfnisse der tibetischen Schüler und die idealistischen Erwartungen westlicher Schüler nicht alle befriedigt werden können.

Glücklicherweise sind die Manifestationen des Karmapa in unserer Welt sehr ungewöhnlich und übersteigen alle weltlichen Begrenzungen. Es gibt eine Frische und Größe, die vergibt und vergißt, die das Spiel von kleinen Geistern als genau das zeigt, was es ist.


Wie wurden frühere Karmapas anerkannt?

Der Karmapa ist der erste tibetisch-buddhistische Meister, der sich fortlaufend in einer ungebrochenen Linie seit 1110 hat wiedergebären lassen.

Der erste Karmapa war Düsum Khyenpa. Er hinterließ dreien seiner Schüler kurze mündliche Anweisungen, die auf seine nächste Inkarnation als Karma Pakshi hinwiesen. Zusätzlich erklärte Karma Pakshi selbst, daß er die Wiedergeburt von Düsum Khyenpa sei. Auch hatte sein Lehrer Pomdragpa eine Vision von Düsum Khyenpa, in der dieser erklärte, daß er als Karma Pakshi wiedergeboren sei. Karma Pakshi sagte, daß er in einer Gegend von Nordtibet, die Lato heißt, zurückkehren werde. Er hinterließ keine schriftlichen Anweisungen, die auf seine nächste Inkarnation hinwiesen. Es war der dritte Karmapa Rangjung Dorje selbst, der von sich behauptete, die Wiedergeburt von Karma Pakshi zu sein.

Durch diese Beispiele aus dem Leben der Karmapas wird deutlich, daß sie nicht immer schriftliche Hinweise bezüglich der genauen Umstände ihrer nächsten Inkarnation hinterließen. Selbst wenn etwas Schriftliches zurück gelassen wurde, bewiesen die Wiedergeburten selbst immer ihre eigene Authentizität.

Man konnte den vierten Karmapa Rolpe Dorje das Mantra von Chenresig rezitieren hören, als er noch im Bauch seiner Mutter war. Es wird berichtet, daß er direkt nach seiner Geburt sagte, daß er der Karmapa sei. Mit drei Jahren erzählte er seiner Mutter, daß er Karma Pakshi sei und was er in diesem Leben alles tun würde. Als er nach Dagla Gampo gebracht wurde, zeigte es auf die Statuen der früheren Karmapas dort und erklärte: »Das bin ich«. Er erzählte seinem Lehrer, dem Linienhalter Yongtonpa, Geschichten aus seinem früheren Leben und voller Hingabe verbeugte sich dieser vor seinem jungen Schüler.

In ähnlicher Weise zeigten die anderen Karmapas außergewöhnliche Fähigkeiten und überzeugten die Leute durch ihr ungewöhnliches Verhalten und ihre Aussagen. Der sechste Karmapa gibt dafür ein Beispiel: Als er einmal von einem Schüler des fünften Karmapa Deshin Shegpa gebeten wurde, seine wahre Identität zu enthüllen, antwortete er: »Ich bin der Ungeborene, frei von allen Namen und Orten. Ich bin der Glanz von allem, was lebt und ich werde viele zur Befreiung führen«.

Bis zum achten Karmapa Mikyö Dorje gab es scheinbar keine Schwierigkeiten, die richtige Inkarnation zu erkennen. Zur Zeit von Mikyö Dorje wies der Gelehrte Amdo Lama darauf hin, daß sein Sohn die Inkarnation des siebten Karmapa Chödrag Gyamtso sei. Es gab ungewöhnliche Zeichen bei der Geburt. Amdo Lama machte Tashi Namgyal, dem damaligen Gyaltsab Tulku Opferungen und die Mönche und die Administration von Tsurphu unterstützen seinen Anspruch. Zur selben Zeit behauptete ein anderer Junge in Osttibet, in der Nähe von Karma Gön, von sich, Karmapa zu sein. Dieser Junge, damals ein fünfjähriges Kind, erklärte, daß er die Wiedergeburt des siebten Karmapa Chödrag Gyamtso sei und daß der andere Kandidat in Tsurphu die Wiedergeburt eines Lamas vom Kloster Surmang sei. Die beiden Kinder wurden zusammengebracht und eine Untersuchung wurde durchgeführt. Sie wurden mit Besitztümern des vorigen Karmapas konfrontiert, um herauszufinden, welcher von ihnen sie erkennen würde. Es wurde deutlich, daß der Junge von Karma Gön die wirkliche Inkarnation war.

Auch bei der Anerkennung und Auffindung des 16. Karmapa Rangjung Rigpe Dorje gab es einige Schwierigkeiten. Der 15. Karmapa hinterließ seinem engen Schüler Jampal Tsultrim einen Brief, der seine Wiedergeburt vorhersagte. Dieser aber enthüllte diese Information anfangs nicht. Nach dem Tod des 15. Karmapa setzte ein sehr mächtiger Gelugpaminister durch, daß sein Sohn als die Inkarnation des 15. Karmapa anerkannt wurde. Dies wurde sogar von S.H. dem 13. Dalai Lama bestätigt. Aus diesem Grund mußten die Leute von Tsurphu das Kind akzeptieren. Nach einiger Zeit jedoch fiel das Kind vom Dach des Klosters und starb. Einige Jahre später kam der authentische Brief zum Vorschein, der zur Anerkennung des echten 16. Karmapa führte.

Wie diese Beispiele zeigen, gab es auch frühere Auseinandersetzungen bezüglich der Inkarnation der Karmapas. Dennoch hat sich jedesmal der Richtige ohne jeden Zweifel gezeigt. Es gibt außergewöhnliche Qualitäten, die nur ein unvergleichbarer Bodhisattva wie Karmapa manifestieren kann.



Übersetzung: Paul Waibl